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UN-Appell: Jetzt armen Staaten gegen Coronavirus helfen!

MEINUNGWas heute wichtig ist  

Wir gucken in die Röhre

26.03.2020, 07:13 Uhr
UN-Appell: Jetzt armen Staaten gegen Coronavirus helfen!. Minibusfahrer östlich von Johannesburg: Das Coronavirus hat auch Südafrika erreicht. (Quelle: AP/dpa/Themba Hadebe)

Minibusfahrer östlich von Johannesburg: Das Coronavirus hat auch Südafrika erreicht. (Quelle: Themba Hadebe/AP/dpa)

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was wichtig ist.

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Der Newsletter von Chefredakteur Florian Harms

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

hier ist der kommentierte Überblick über die Themen des Tages:

WAS WAR?

Schon mehr als 37.000 Menschen in Deutschland sind mit dem Coronavirus infiziert. Wir machen uns Sorgen um unsere Gesundheit, unsere Wirtschaft, unseren Arbeitsplatz, um unsere Bewegungsfreiheit, ein bisschen auch um unseren Bauch. Wir sorgen uns um unsere Kinder, Eltern und Großeltern, um unsere Verwandten, Freunde und Nachbarn, um unseren Wohlstand, um das gesellschaftliche Klima, um die Kulturbetriebe, überhaupt um unsere Zukunft. Wir fragen uns, ob das gestern beschlossene Riesenhilfspaket der Bundesregierung für Krankenhäuser, Unternehmen und Selbstständige ausreicht, wir wundern uns über die Pannen in den Corona-Teststationen, und wir fragen uns: Wie lange, um Himmels Willen, wird diese Krise dauern? Virologen sagen uns: womöglich monatelang. Unkenrufer raunen gar von Jahren. Kritische Stimmen wie das Praxiskollektiv oder der streitlustige Ökonom Thomas Straubhaar meinen hingegen, die Ausgangsbeschränkungen seien übertrieben und die öffentliche Stimmung werde schon bald kippen.



Jeder hat jetzt ganz viel zu sagen. Auch die Politik verfällt nach dem Anfangsschock und dem Anpackeifer nun wieder in den Attacke-Modus: A kritisiert B, weil er zu spät C gemacht hat, B schlägt zurück, indem er A einen inkompetenten D nennt, D fühlt sich zu Unrecht angegriffen und tritt E ans Bein, der wiederum A … und so weiter und so fort. Nein, so wird es gewiss nicht leicht, die kommenden Wochen durchzustehen. Die Corona-Krise ist hierzulande noch gar nicht mit voller Wucht angelangt, aber eines hat sie schon geschafft: Wir drehen uns fast nur noch um uns selbst. Regen uns darüber auf, dass die Berliner Polizei etwas zu engagiert gegen Freigänger vorgeht. Halten es für eine mittlere Katastrophe, dass das Klopapier überall fehlt. Kritteln an Jens Spahns Krisenmanagement herum (würden seinen Job aber nicht mal im wildesten Traum selbst machen wollen). Ziemlich selbstbezogen, wie wir da alle miteinander gerade unterwegs sind. Höchstens dass wir noch gelegentlich erschaudernd nach Norditalien blicken oder über das chaotische Krisenmanagement der Briten die Nase rümpfen. Wir sind im kollektiven Tunnelblick-Modus, und das ist nicht gut. Wer fortwährend in die Röhre blickt, der sieht nur noch schwarz, und der kriegt es auch nicht mit, wenn es andernorts noch viel schlimmer zugeht. Der kann nicht helfen.

António Guterres hat gestern versucht, uns alle aus unserem Tunnelblick-Modus herauszureißen: Der UN-Generalsekretär hat einen dramatischen Appell an die Weltgemeinschaft gerichtet – also nicht nur an die Präsidenten, Premiers und Kanzler, sondern auch an Sie und mich und alle anderen Zweibeiner auf diesem schönen Planeten. Er warnt:

Das Coronavirus hat sich überall auf der Erde verbreitet und erreicht nun auch Länder, in denen aufgrund von Konflikten, Naturkatastrophen und Klimawandel ohnehin humanitäre Krisen herrschen. Wenn wir diese Staaten mit schwachen Gesundheitssystemen jetzt allein lassen, wird das Virus Millionen Menschen gefährden: "Covid-19 ist eine Bedrohung für die gesamte Menschheit – und die gesamte Menschheit muss dagegen ankämpfen", fordert Guterres. "Maßnahmen einzelner Länder werden nicht ausreichen. Wir müssen die besonders gefährdeten Menschen unterstützen – Millionen, die sich am wenigsten schützen können. Das ist eine Frage der grundlegenden menschlichen Solidarität. Und es ist zentral für die Bekämpfung des Virus." Die UN haben deshalb einen weltweiten Nothilfeaufruf zur Bekämpfung von Covid-19 in 51 Ländern in Südamerika, Afrika, dem Nahen Osten und Asien gestartet. Sie brauchen zwei Milliarden US-Dollar. Eine riesige Summe für eine Einzelperson oder ein einzelnes Land. Aber eine schnell erreichbare Summe, wenn möglichst viele Staaten, aber auch Privatpersonen sich beteiligen. Das Geld wird gebraucht für:

Labore zur Virusdiagnose und medizinische Güter zur Behandlung der Erkrankten.

Anlagen zum Händewaschen in Flüchtlingscamps und Siedlungen.

Informationskampagnen, wie man sich und andere schützen und die weitere Ausbreitung des Virus eindämmen kann.

Luftbrücken und Logistikzentren, um Helfer und Hilfsgüter dorthin zu bringen, wo sie dringend gebraucht werden.

UN-Nothilfekoordinator Mark Lowcock bringt es auf den Punkt: "Die ärmsten und besonders gefährdeten Menschen ihrem Schicksal zu überlassen, wäre nicht nur grausam, sondern auch unklug. Wenn wir es zulassen, dass sich das Coronavirus an diesen Orten verbreitet, wird dies das Leben von Millionen Menschen in Gefahr bringen, ganze Regionen würden ins Chaos gestürzt – und das Virus könnte sich erneut rund um den Globus ausbreiten. Regierungen, die die Pandemie in ihrem jeweiligen Land bekämpfen, kümmern sich zu Recht vorerst um das Wohl ihrer eigenen Bevölkerung. Aber die harte Wahrheit ist, dass sie die Bevölkerung in ihrem Land nicht schützen können, wenn sie nicht zugleich Maßnahmen ergreifen, um die ärmsten Länder weltweit zu schützen."

Das ist ein Appell an die Bundesregierung. Aber es ist auch ein Appell an uns alle.

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WAS STEHT AN?

Der sieben Monate alte Salim ist gefährlich mangelernährt.  (Quelle: UNICEF/UN0291546/Fuad)Der sieben Monate alte Salim ist gefährlich mangelernährt. (Quelle: UNICEF/UN0291546/Fuad)

Auch im Jemen brauchen die Menschen dringend unsere Hilfe. Heute jährt sich zum fünften Mal der Beginn der saudischen Militärintervention, die das Land in Krieg, Hunger und Verzweiflung gestürzt hat. Seither schießen saudische Jets und emiratische Panzer dort wild um sich, treffen viele Zivilisten – und haben ihre Feinde, die schiitischen Huthi-Rebellen, noch nicht einmal entscheidend zurückgedrängt. Trotzdem schießen sie weiter, und die Welt schaut zu. Die Not im Jemen ist brutal, zwei Millionen Kinder leiden Hunger. Wenigstens kümmern sich einige verbliebene Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen, Unicef und die Welthungerhilfe um die Kriegsopfer. Das können sie aber nur tun, wenn sie genug Spenden bekommen.

Auf einer Ernährungsstation in Saba.  (Quelle: UNICEF/UN0276440/Almahbashi)Auf einer Ernährungsstation in Saba. (Quelle: UNICEF/UN0276440/Almahbashi)

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Apropos Saudis: Wenn Merkel, Macron, Trump und die anderen Staats- und Regierungschefs der Industrie- und Schwellenländer heute beim G20-Treffen per Videoschalte auf ihren Bildschirm schauen, dann werden sie dort auch den Mann sehen, der den Krieg im Jemen angezettelt hat. Außerdem hat er einen Regimekritiker im saudischen Konsulat in Istanbul zersägen lassen, Frauenrechtlerinnen sperrt er in Verliese. Mohammed bin Salman heißt der saudische Thronfolger, und eigentlich müsste ihm jeder Menschenfreund vor die Füße spucken. Leider geht das per Video schlecht. So haben Merkel, Macron und Co. immerhin eine Ausrede.

Mohammed bin Salman lässt Kinder bombardieren.  (Quelle: imago images)Mohammed bin Salman lässt Kinder bombardieren. (Quelle: imago images)

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Vor dem G20-Videoreigen klicken sich die EU-Staats- und Regierungschefs noch rasch zu einem gesonderten Videogipfel zusammen. Auch da geht es natürlich um die Corona-Krise, sie wollen den EU-Staaten mit 37 Milliarden Euro helfen. Parallel tagen die Abgeordneten des Europaparlaments. Genau: auch zu Corona. Und genau: auch per Video.

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In Luxemburg urteilt der Europäische Gerichtshof über das Disziplinargesetz für Richter und die (Un)abhängigkeit der Justiz in Polen. Dürfte turbulent werden.

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DIE SZENE DES TAGES …

… servieren Ihnen meine Kolleginnen Anna Aridzanjan und Laura Stelter. Diesmal: Wenn ein italienisches Familienoberhaupt wegen der Ausgangssperre Lagerkoller bekommt.

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WAS LESEN?

Die Corona-Krise greift hart in unseren Alltag ein. Das heißt: Eigentlich ist es der Staat, der da eingreift, mit einem Maß an Strenge, die er nie zuvor in den 71 Jahren seines Bestehens an den Tag gelegt hat. Er schränkt Grundrechte wie die Versammlungs-, die Bewegungs- und die Religionsfreiheit ein – auf unbestimmte Zeit. Ist das der Auftakt für einen dystopischen Plot, bei dem es um viel mehr geht als um ein paar geschlossene Cafés und Kitas? Oder gibt diese starke Führung Anlass zur Hoffnung – weil künftig auch andere Krisen entschlossener angepackt werden? Meine Kollegin Madeleine Janssen hat darüber nachgedacht.

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Virenübertragungen von Tier zu Mensch wie bei Corona passieren immer wieder – und wir müssen uns darauf einstellen, dass es künftig noch öfter geschieht, sagt Wildtierforscher Heribert Hofer in der heutigen Ausgabe unseres "Tonspur Wissen"-Podcasts. Er erklärt auch, warum immer wieder asiatische Tiermärkte im Fokus stehen.

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Die Schockstarre durch die Corona-Krise verdeckt eine noch viel gravierendere Erosion des gesellschaftlichen Zusammenhalts: Es wird in den westlichen Staaten bald zu heftigen Verwerfungen kommen, prophezeit die Soziologin Ulrike Ackermann in der "Neuen Zürcher Zeitung".

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Personenkontrolle der Polizei.  (Quelle: imago images)Personenkontrolle der Polizei. (Quelle: imago images)

"Jugendliche Gruppen machen sich widerlichen Spaß mit älteren Menschen", meldete die Polizei Mannheim gestern. Gibt es wirklich Jugendliche und Kinder, die gruppenweise umherziehen, um mit "Corona"-Rufen andere Menschen anzuhusten und anzuspucken? Das wollte mein Kollege Lars Wienand genauer wissen, also hat er Polizeimitteilungen aus den zehn größten deutschen Städten ausgewertet. Hier ist sein Ergebnis.

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Gestern habe ich versucht, in der Einkaufsstraße um die Ecke Klopapier zu kaufen. Erster Laden: ausverkauft. Zweiter: dito. Dritter: Sie ahnen es. Was soll das eigentlich mit diesen Hamsterkäufen, Herrschaftszeiten?, schnaubte ich auf dem Rückweg – und gelangte dann zur Frage: Was hamstern die Leute eigentlich in anderen Ländern? Unser Corona-Experte Manfred Schäfer hat es mir verraten. 

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Wir alle sollen nun also zu Hause bleiben – aber was ist, wenn man kein Zuhause hat? Obdachlose sind besonders hart von der Corona-Krise getroffen, ihnen fallen auch noch die Verdienstmöglichkeiten weg: Weniger Passanten führen zu weniger Bettelspenden und weniger Pfandflaschen in Mülleimern. In vielen Städten haben hilfsbereite Bürger daher eine besondere Aktion gestartet.

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Das Virus besiegt, keine Neuinfizierten, das System wieder hochgefahren: So präsentiert sich China jetzt gern und wirft die Propagandamaschine wieder an. Doch wie sehen die Zahlen wirklich aus? Droht dort womöglich eine zweite Welle der Pandemie? Meine Kollegen Martin Trotz und Arno Wölk ordnen Chinas Jubelbilder kritisch ein. 

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WAS AMÜSIERT MICH?

Tückisch, dieses Homeoffice …

 (Quelle: Mario Lars) (Quelle: Mario Lars)

Ich wünsche Ihnen einen Tag, an dem Sie wertgeschätzt werden.

Herzliche Grüße

Ihr

Florian Harms
Chefredakteur t-online.de
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

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