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Corona-Pandemie: Christian Drosten – der Held, der keiner sein wollte

MEINUNGWas heute wichtig ist  

Der Held, der keiner sein wollte

27.04.2020, 07:33 Uhr
Corona-Pandemie: Christian Drosten – der Held, der keiner sein wollte. Christian Drosten. (Quelle: imago images/Reiner Zensen)

Christian Drosten. (Quelle: Reiner Zensen/imago images)

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Der Newsletter von Chefredakteur Florian Harms

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

hier ist der kommentierte Überblick über die Themen des Tages – heute von mir als Stellvertreter von Florian Harms:

WAS WAR?

Held, der: Substantiv, maskulin. Bedeutung: durch große und kühne Taten besonders in Kampf und Krieg sich auszeichnender Mann edler Abkunft (um den Mythen und Sagen entstanden sind).

Okay, das passt nicht. 

Zweiter Versuch.

Held, der: Substantiv, maskulin. Bedeutung: jemand, der sich mit Unerschrockenheit und Mut einer schweren Aufgabe stellt, eine ungewöhnliche Tat vollbringt, die ihm Bewunderung einträgt.

Bingo.

Diese Beschreibung passt schon eher auf die Personen, die viele in der jüngeren deutschen Geschichte als Helden bezeichnen würden. Vielleicht erinnern Sie sich an Dominik Brunner, der bei einem Streit unter Jugendlichen einschritt und dabei 2009 selbst so schwer verletzt wurde, dass er an einem Herzstillstand starb. Er agierte unerschrocken, mutig und wurde dafür bewundert – auch wenn er das nicht mehr miterlebte. Oder denken Sie an einen ganz anderen Fall von Held. An einen Fußballer wie Bastian Schweinsteiger, der sich im Spiel seines Lebens im Finale 2014 den knüppelharten Argentiniern entgegen warf und Deutschland zum Weltmeister machte. Oder nehmen wir den Journalisten Deniz Yücel, der 2017 in der Türkei für 290 Tage in Einzelhaft gesteckt wurde, weil er sich nicht den Mund verbieten lassen wollte. 

Sie fragen sich womöglich: Warum erzählt der mir das alles am Montagmorgen?

Ganz einfach, weil es jemanden gibt, der genauso unverhofft Mut und Unerschrockenheit beweist und für seine Taten und Worte bewundert wird. Es geht um den Virologen Christian Drosten von der Berliner Charité, der die Regierung berät und die Bevölkerung in seinem Podcast "Coronavirus-Update" beim NDR informiert. Bei der Bezeichnung "Held" würde er sich genauso an den Kopf fassen wie unsere Kolumnistin und Wissenschaftlerin Lamya Kaddor, aber vielleicht lesen beide zunächst folgende Gründe, die diese These untermalen sollen.

1. Drosten hat ein ungewöhnliches Verantwortungsbewusstsein. Obwohl er sich oftmals von Medien falsch wiedergegeben fühlt, in Karikaturen veralbert oder mit E-Mails konfrontiert, von denen ihm eine die Verantwortung für den Suizid des hessischen Finanzministers übertragen wollte, macht er weiter. Er wird mit Projektionen überfrachtet, als Superman, Gandalf oder künftiger Kanzler bezeichnet, was ihm zuwider ist. Im "Guardian" berichtete er sogar von Morddrohungen und sagte: "Für viele bin ich der Böse, der die Wirtschaft lähmt." Doch sein Pflichtgefühl ist größer als der Ärger oder die Angst.

2. Er geht ein hohes Risiko ein, um zu helfen. Er sagt: "Es kann karriereschädigend sein, sich zu sehr in der Öffentlichkeit zu bewegen. Denn in der Öffentlichkeit muss man simplifizieren. Und das steht einem Wissenschaftler eigentlich nicht gut." Trotzdem tut er genau das, um einer breiten Masse dabei zu helfen, Antworten auf ihre Fragen zu bekommen. Überhaupt geht Drosten ein Risiko ein, weil es mit der Aufmerksamkeit nach der Bewältigung der Pandemie schnell vorbei sein kann. Was womöglich genauso schwer zu verkraften ist wie die plötzliche Prominenz – obwohl er sagt, dass er die Prominenz gar nicht will.

3. Er liefert und ist dabei uneigennützig. Drosten gehörte 2003 zu den Mitentdeckern des SARS-assoziierten Coronavirus SARS-CoV. Mit einem Kollegen entwickelte er einen Test, wurde dafür mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Forschungsergebnisse stellte er uneigennützig ins Internet, bevor er sie in einer wissenschaftlichen Zeitschrift veröffentlichte. Für das Coronavirus entwickelte die von Drosten geleitete Forschungsgruppe einen Test, den sie Mitte Januar 2020 weltweit zur Verfügung stellte.

4. Er hat sich nicht exponiert. Er selbst sagt, er sei in seine aktuelle Situation "so reingedriftet". Er wolle "das jetzt einfach aushalten". Den erfolgreichen NDR-Podcast "Coronavirus-Update" führt er weiter. Auch wenn dieser ab sofort aufgrund des hohen Arbeitsaufwands nur noch zweimal in der Woche kommt. Inzwischen brauche er für die Besprechung neuer wissenschaftlicher Studien mehr Vorbereitungszeit und wolle ein hohes Qualitätsniveau halten.

5. Er überschreitet seine Kompetenzen nicht. Die Wissenschaft treffe keine politischen Entscheidungen, habe kein demokratisches Mandat und sie sei auch nicht dafür da, politische Entscheidungen zu beurteilen. Sie schaffe keine Fakten, sondern versuche, diese zu identifizieren. Drosten wird nicht müde, das zu betonen, und hält sich daran. Wenn er etwas nicht beurteilen kann, dann scheut er sich nicht, das zuzugeben.

6. Drosten ist ein "Normalo". Er ist auf einem Bauernhof aufgewachsen, fährt mit dem Fahrrad zur Arbeit, bringt seinen Sohn in die Kita und trinkt in der Kneipe Flaschenbier. Er ist authentisch. 

Drosten vereint viele positive Eigenschaften. Die wichtigste ist allerdings diese: Durch das Vertrauen, welches die Bevölkerung in Deutschland ihm gegenüber aufgebaut hat, ist er ein entscheidender Faktor im Kampf gegen falsche Informationen geworden, die immer häufiger und teils systematisch in der Bevölkerung gestreut werden. Kaum jemand findet in Deutschland soviel Gehör wie Drosten. Und wer zurecht seriösen Virologen wie ihm oder hervorragend informierten Politikern wie der Kanzlerin Gehör schenkt, ist weniger anfällig für Verschwörungstheorien, Gerüchte oder unvollständige bis falsche Informationen über Covid-19. Und davon gibt es in letzter Zeit so viele, dass es immer schwerer wird, sie als solche zu entlarven. Die neuesten Beispiele finden Sie in diesem Text. 

Auch für uns bei t-online.de ist es derzeit die wichtigste Aufgabe, Sie jederzeit mit korrekten und eingeordneten Informationen und Fakten zu versorgen, auf die Sie sich verlassen können. 

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WAS STEHT AN?

Von heute an gilt unter anderem in Nordrhein-Westfalen eine Maskenpflicht in Bussen und Bahnen sowie beim Einkaufen. Hier trägt eine junge Frau in Köln Maske. (Quelle: dpa/Oliver Berg)Von heute an gilt unter anderem in Nordrhein-Westfalen eine Maskenpflicht in Bussen und Bahnen sowie beim Einkaufen. Hier trägt eine junge Frau in Köln Maske. (Quelle: Oliver Berg/dpa)

Die Bundesregierung hatte eine flächendeckende Maskenpflicht abgelehnt. Ab heute kommt sie trotzdem, weil alle Bundesländer sie nach und nach beschlossen haben. Von einer einheitlichen Vorgehensweise kann allerdings überhaupt keine Rede sein. Damit Sie wissen, in welchem Bundesland welche Bestimmungen für Nahverkehr und/oder Einzelhandel gelten, haben meine Kolleginnen und Kollegen diese hier für Sie zusammengetragen.

Und sie beantworten noch weitere wichtige Fragen zum Thema Mundschutz. Wie Sie ihn in fünf Schritten selbst nähen, erfahren Sie hier. Wie Sie ihre Gesichtsmaske richtig reinigen, hier. Und hier gibt es fünf weitere hilfreiche Tipps.

 (Quelle: t-online.de) (Quelle: t-online.de)

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Michael Kellner, der Bundesgeschäftsführer der Grünen. (Quelle: imago images/Rüdiger Wölk)Michael Kellner, der Bundesgeschäftsführer der Grünen. (Quelle: Rüdiger Wölk/imago images)

Die Corona-Krise ist die Stunde der Exekutive. Heißt es. Und das stimmt ja auch: Alle interessieren sich gerade dafür, wie die Regierungen in Bund und Ländern die Krise managen. Die Opposition dagegen bekommt kaum Aufmerksamkeit. Sie strampelt sich ab, findet aber kein Gehör.

Bei den Grünen spiegelt sich das auch in den Umfragen wider. Lagen sie vor knapp einem Jahr noch bei 26 Prozent, sind es jetzt zum Teil nur noch 16. Die Grünen lassen sich davon nicht weiter beeindrucken. Sagen sie zumindest. "Die nächste Bundestagswahl ist völlig offen", versichert der Politische Bundesgeschäftsführer Michael Kellner meinem Kollegen Johannes Bebermeier.

Er hat allerdings nicht nur Durchhalteparolen im Gepäck – sondern auch eine gute Nachricht und konstruktive Vorschläge für den Umgang Deutschlands mit der Corona-Krise. Zum einen verkündet Kellner, dass die Partei die Marke von 100.000 Mitgliedern durchbrochen hat, nachdem sie bis 2017 jahrelang nicht weit über die 60.000 hinauskam. Zum anderen hat Kellner meinem Kollegen schon mal vorab verraten, worüber die Grünen am nächsten Samstag auf einem kleinen Parteitag per Videokonferenz diskutieren werden. Und zwar hier im Interview.

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Nachdem die im November geplante UN-Klimakonferenz in Glasgow auf 2021 verschoben worden ist, findet ab heute zumindest ein hochkarätig besetzter Petersberger Klimadialog statt, wenn auch diesmal als Video-Konferenz. Am Dienstag spricht auch Kanzlerin Merkel. Die große Frage: Werden die anstehenden Konjunkturpakete zur Überwindung der Pandemie-Folgen an den Erfordernissen des Klimaschutzes ausgerichtet, wie es Verbände und Experten fordern?

Der britische Premierminister Boris Johnson will nach überstandener Covid-19-Erkrankung die Amtsgeschäfte heute wieder aufnehmen. Der 55-Jährige hatte sich in den vergangenen zweieinhalb Wochen auf dem offiziellen Landsitz Chequers nahe London von der Lungenkrankheit erholt. Johnson soll sich zu den Plänen der Regierung für eine Lockerung der Kontaktbeschränkungen äußern.

Volkswagen fährt nach dem Corona-Lockdown die wichtigsten Werke wieder schrittweise hoch. Nach Zwickau und Bratislava gehen nun auch Teile des VW-Stammwerks Wolfsburg, der Werke Hannover und Emden sowie weitere Standorte in Europa an den Start.

Die Bauarbeiten an Notre-Dame gehen heute schrittweise weiter, nachdem sie aufgrund der Corona-Pandemie Mitte März unterbrochen worden waren.

Ab 10 Uhr stimmen sich die für Tourismus zuständigen EU-Minister in einer Videokonferenz ab.

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ZITAT DES TAGES

"Wenn Du Italien liebst, halte Distanz zu anderen."

Italiens Regierungschef Giuseppe Conte bei einer Fernsehansprache. Nachdem die Zahl der neuen Todesfälle am Sonntag auf den niedrigsten Stand seit sechs Wochen gefallen war, kündigte er gestern Abend eine schrittweise Lockerung der strikten Corona-Beschränkungen an und appellierte dabei an seine Landsleute. 260 Menschen erlagen in dem Land binnen 24 Stunden einer Infektion, wie die Zivilschutzbehörde mitteilte. Dies sei der niedrigste Stand seit dem 14. März.

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WAS LESEN, HÖREN ODER ANSCHAUEN?

Friedrich Merz. (Quelle: imago images/Reichwein)Friedrich Merz. (Quelle: Reichwein/imago images)

"Wir sehen, dass das im Moment eine Frage ist, die, glaube ich, in der Bundesrepublik Deutschland, aber auch in unserer eigenen Partei im Moment niemanden ernsthaft interessiert." Das hat die noch-amtierende Parteichefin der CDU, Annegret Kramp-Karrenbauer, am Samstag behauptet, als sie im SWR auf ihre Nachfolge als Vorsitzende angesprochen wurde. 

Tatsächlich?

Wer den Report meines Kollegen Tim Kummert liest, bekommt einen ganz anderen und gegenteiligen Eindruck. Was sich hinter den Kulissen abspielt, gleicht einem Krimi. Das Rennen um den Parteivorsitz und auch die Kanzlerkandidatur der Union könnte demnach kaum spannender sein. Wenn Sie wissen wollen, warum Friedrich Merz derzeit öffentlich weitgehend schweigt, wer von einigen in der CDU mit dem Häuptling von Asterix und Obelix verglichen wird und welche junge SPD-Frau im kommenden Jahr Merz herausfordern könnte, empfehle ich Ihnen die Lektüre dieses Textes.

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Professor Jürgen Popp (Quelle: Leibniz-IPHT/Sven Döring)Professor Jürgen Popp (Quelle: Leibniz-IPHT/Sven Döring)

Verlässliche Tests sind eine wichtige Voraussetzung, um die Corona-Pandemie in den Griff zu bekommen. Professor Jürgen Popp vom Leibniz-Institut für Photonische Technologien in Jena sagt, es gebe zwar schon einige dieser Schnelltests auf dem Markt. Aber: "Ich gehe mal davon aus, dass sich durchaus herausstellen wird, dass der eine oder andere Test doch nicht so gut ist, wie man sich das erhofft hat." In der neuen Ausgabe des t-online.de-Podcasts "Tonspur Wissen" erklärt Popp, welche Voraussetzungen Corona-Schnelltests erfüllen müssen, wo die Probleme liegen und warum auch Deutschland trotz seiner sehr guten Labore an die Kapazitätsgrenze kommen könnte.

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WAS AMÜSIERT MICH?

Ein Recht auf Homeoffice auch nach der Corona-Krise? Von dem Vorschlag von Arbeitsminister Hubertus Heil in der "Bild am Sonntag" sind noch nicht alle begeistert.

 (Quelle: Mario Lars) (Quelle: Mario Lars)

Ich wünsche Ihnen einen hervorragenden Start in die Woche. Morgen schreibt wie gewohnt Florian Harms für Sie.

Ihr

Florian Wichert
Stellvertretender Chefredakteur t-online.de
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Twitter: @florianwichert

Mit Material von dpa.

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