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Messerattacke in Würzburg: Von jetzt auf gleich ist alles anders

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Von jetzt auf gleich ist alles anders

28.06.2021, 08:21 Uhr
Messerattacke in Würzburg: Von jetzt auf gleich ist alles anders. Rettungskräfte nach der Bluttat in der Innenstadt von Würzburg. (Quelle: dpa/Karl-Josef Hildenbrand)

Rettungskräfte nach der Bluttat in der Innenstadt von Würzburg. (Quelle: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,

Tagein, tagaus leben wir unseren Alltag, Arbeiten, Autofahren, Abendessen und so weiter, eine Woche gleicht der anderen – aber dann genügt ein kurzer Moment, um uns vor Augen zu führen, wie dünn der Faden ist, an dem unser Leben hängt. Soeben hat man noch tief geschlafen, da schreckt man auf: Bremsen quietschen, ein Schlag, dann Stille. Besorgt rappelt man sich auf, tritt benommen auf die Straße, schon jagen Streifenwagen heran, Blaulicht flackert durch die Dunkelheit, Funksprüche knarzen: "… hat die Kontrolle über seinen Wagen verloren." Was eben noch ein Auto war, ist jetzt ein Wrack, und dann kommt der Krankenwagen. Mehr als 300.000 Unfälle mit Verunglückten ereignen sich in Deutschland jedes Jahr, mehr als zwei Drittel davon innerhalb von Ortschaften, und meistens gibt es Augen- oder Ohrenzeugen. Sie machen eine gravierende Erfahrung: Von jetzt auf gleich ist alles anders.

Anderer Ort, andere Szene: Passanten und Einkäufer schlendern durch die Innenstadt von Würzburg, da steht plötzlich ein Mann mit Messer vor ihnen, sticht mit starrem Blick auf Frauen ein. Später wird sich herausstellen: Er ist ein somalischer Flüchtling, er könnte ein islamistisches Motiv gehabt haben, vor allem aber hat er offenbar massive psychische Probleme. Junge Männer stellen sich dem Angreifer mutig in den Weg, ein kurdischer Asylbewerber hält ihn mit einem Rucksack in Schach, bis Polizisten kommen. Zurück bleiben drei Tote, mehrere Verletzte und eine schockierte Stadt. Von jetzt auf gleich ist alles anders.

Ein Unfall ist etwas anderes als ein Angriff, aber beide haben etwas gemein: Sie hinterlassen neben den Opfern auch Augenzeugen und Betroffene, die diesen kurzen Moment des Kontrollverlusts, den Augenblick am Abgrund, nicht mehr vergessen. Manche Menschen sind noch Jahre nach solch einem Erlebnis traumatisiert, erwachen nachts schweißgebadet oder verfallen urplötzlich in Zittern. Genau besehen ist niemand dagegen gefeit. Wir leben in einem der sichersten Länder der Welt, trotzdem können uns Erschütterungen aus dem heiteren Himmel treffen. Wer miterlebt hat, wie Menschen verletzt oder gar getötet wurden, trägt häufig selbst eine Wunde davon, die erst nach Jahren vernarbt. Es bleibt etwas zurück, auch wenn man selbst nicht zum Opfer wurde. Das ist bitter, aber es kann heilsam sein, wenn andere Menschen sich für das Erlebnis interessieren, nachfragen, Anteilnahme zeigen. Das sollten wir nicht vergessen, wenn wir nun in unseren Alltag zurückkehren. In Würzburg, aber auch an vielen anderen Orten in unserem Land.

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Grafik des Tages

Erinnern Sie sich? Noch vor drei Monaten wurde das Impftempo der Amerikaner gepriesen und die schleppende deutsche Organisation kritisiert, auch hier im Tagesanbruch. Nun ist Deutschland drauf und dran, die USA bei der Impfquote zu überholen, wie meine Kollegin Heike Aßmann zeigt:

 (Quelle: Heike Aßmann/t-online) (Quelle: Heike Aßmann/t-online)


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Bild des Tages

Der Käpt'n ist k. o.: Nach der 0:1-Niederlage gegen Belgien im EM-Achtelfinale gestern Abend pfeffert Portugals Superstar Cristiano Ronaldo seine Kapitänsbinde zu Boden. Der Traum von der Verteidigung des EM-Titels ist vorbei. 

 (Quelle: AP/dpa/Thanassis Stavrakis) (Quelle: Thanassis Stavrakis/AP/dpa)

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Rassistische Polizeigewalt

22 Jahre und 6 Monate Haft für den weißen Ex-Polizisten, der das Leben des Afroamerikaners George Floyd beendete: So hat das zuständige Gericht in Minneapolis geurteilt. Die Lage im US-Bundesstaat Minnesota blieb danach ruhig, die Floyd-Familie und ihre Verteidiger sprachen von einem "historischen Strafmaß und einem bedeutenden Schritt nach vorne", Präsident Joe Biden nannte die Strafe "angemessen". Und doch ist die Aufarbeitung des Mordes, der in den USA vor rund einem Jahr die größten Bürgerrechtsproteste der vergangenen Jahrzehnte auslöste, damit noch nicht abgeschlossen. Um systemischen Rassismus und Polizeigewalt gegen Menschen afrikanischer Herkunft zu untersuchen, hat der UN-Menschenrechtsrat einen Bericht in Auftrag gegeben. Ob die Ermittler auf weitere Beispiele rassistischer Polizeigewalt gestoßen sind und welche Konsequenzen daraus zu ziehen sind, erklärt die UN-Menschenrechtskommissarin Michelle Bachelet heute Vormittag in Genf.

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Von wegen sanfte Meeresbrise

Im Schwarzen Meer kämpfen Russland und der Westen um Einfluss. Wladimir Putin beansprucht seit der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim größere Küstengewässer, die nach internationalem Recht zur Ukraine gehören. Jüngstes Ergebnis der Spannungen war das russische Säbelrasseln anlässlich der Durchfahrt eines britischen Zerstörers. Insofern gehen die Urlaubsassoziationen, die der Name des heute beginnenden Militärmanövers "Sea Breeze" auslöst, in die falsche Richtung: Die von den USA und der Ukraine ausgerichtete Übung, an der 32 Staaten mit Tausenden Soldaten sowie Dutzenden Schiffen und Flugzeugen teilnehmen, wird von Moskau als Provokation empfunden. Das russische Verteidigungsministerium hat angekündigt, die Geschehnisse "eng zu überwachen". Klingt nicht nach Brise, sondern brisant.

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Die Spannung steigt

Das Achtelfinale der EM läuft weiter: Dänemark, Italien, Tschechien und Belgien haben's schon überstanden, die deutsche Nationalmannschaft muss noch ran. Bevor Jogi Löws Team morgen im Londoner Wembley-Stadion zum Fußballklassiker gegen England antritt, bieten die heutigen Partien noch einmal Gelegenheit zur Konkurrenzbeobachtung: Um 18 Uhr messen sich in Kopenhagen Kroatien und Spanien, um 21 Uhr trifft in Bukarest der Weltmeister Frankreich auf die Schweiz. Verfolgen können Sie beide Spiele im Liveticker meiner Sportkollegen.

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Was lesen?

Im Arnsberger Wald in Nordrhein-Westfalen sind viele Fichten nach Borkenkäferbefall abgestorben. (Quelle: Jochen Tack/imago images)Im Arnsberger Wald in Nordrhein-Westfalen sind viele Fichten nach Borkenkäferbefall abgestorben. (Quelle: Jochen Tack/imago images)

Dürren, Stürme, Schädlinge: Die Folgen der Klimakrise bedrohen Deutschlands Wälder – dabei brauchen wir diese nicht nur als Lebensraum für Tiere und Pflanzen, sondern auch als Speicher für Kohlenstoff. In unserem neuen Format "Der Leserauftrag" haben wir gefragt, zu welchen Themen wir recherchieren sollen. Der Wald erhielt die meisten Stimmen. Deshalb zeigen Ihnen meine Kollegen Hanna Klein und Adrian Röger, wie sich der Zustand der deutschen Wälder entwickelt hat und was dort die größten Herausforderungen sind. Camilla Kohrs hat sich von Förstern, Jägern und Naturschützern erklären lassen, wie wir den Wald retten können. Und Charlotte Janus hat die Eindrücke von Leserinnen und Lesern gesammelt, die berichten, wie sich der Wald an ihrem Wohnort verändert hat.

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Die Bundestagswahl rückt näher, die Berichterstattung über Parteien und Kandidaten wird intensiver. Dabei fällt auf: Immer wieder werden Politikerinnen im Internet mit Hass überschüttet, berichtet meine Kollegin Josephin Hartwig.

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Ein Rücktritt reiht sich an den nächsten: Im Saarland sind die Grünen in eine tiefe Krise gestürzt. Für die Bundespartei könnten die Vorgänge verheerender kaum sein, analysiert die "Frankfurter Allgemeine Zeitung".

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Was amüsiert mich?

Wundern Sie sich auch über die vielen Zuschauer in den EM-Stadien? Da hilft wohl nur Galgenhumor.

 (Quelle: Mario Lars) (Quelle: Mario Lars)


Genießen Sie das Leben, aber bleiben Sie bitte vorsichtig. Ich wünsche Ihnen einen schönen Wochenbeginn.

Herzliche Grüße,

Ihr

Florian Harms
Chefredakteur t-online
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

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