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Nahost-Krieg: Gemeinsam in den Abgrund


Pulverfass Nahost
Der perfekte Sturm zieht auf

MeinungEine Kolumne von Gerhard Spörl

Aktualisiert am 23.10.2023Lesedauer: 4 Min.
Meinung
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Panzer und Soldaten an der Grenze zum Gazastreifen: Wenn Israel in das Palästinensergebiet vorrückt, dürfte sich die politische Lage in Nahost weiter zuspitzen.

Noch steht die israelische Bodenoffensive in Gaza bevor, und sie könnte die ganze Region in Brand stecken. Darauf hofft die Hamas und dafür steht die Hisbollah bereit.

Vor ein paar Tagen fiel mir ein Büchlein in die Hände, das den erstaunlichen Titel trägt: "Das Vergnügen am Hass". Geschrieben im Jahr 1826 hat es ein Brite namens William Hazlitt in der Zeit nach der Französischen Revolution mit ihren Exzessen und dem Wirbel der Napoleonische Kriege. Der zentrale Satz lautet: Liebe verwandelt sich, bei einer gewissen Nachgiebigkeit, in Gleichgültigkeit oder Abscheu. Der Hass aber ist unsterblich.

Wenn der Krieg der Vater aller Dinge ist, dann ist der Hass seine Triebfeder. Die Geschichte ist voll davon, und die Ereignisse im Nahen Osten seit jenem Samstagmorgen, als die Hamas Zivilisten abschlachtete, inklusive Babys und Kleinkinder, und Menschen entführte, vom einjährigen Kind bis zur 85-Jährigen, sind ein trostloses Beispiel für den Hass, der nicht aufhört und Schreckliches anrichtet.

Aber das ist ja nur der Anfang, der sich beliebig steigern kann.

Im Nahen Osten traut jeder jedem alles zu

In den letzten Tagen waren viele Warnungen zu hören, dass aus dem Krieg im Gazastreifen ein großer Krieg in der gesamten Region hervorgehen könnte. Der iranische Außenminister Hossein Amir-Abdollahian sagte, die Region sei wie ein Pulverfass und alles sei möglich.

Damit hat er zweifelsohne recht, denn niemand weiß besser als er, dass sein Land Terrorgruppen vorschickt und alimentiert, die Hamas wie die Hisbollah. Die Nummer 2 der Hisbollah sagte, "Wir sind im Herzen der Schlacht", womit der Mann wohl meinte: Wir würden gern mitmischen, liefert uns bitte den Vorwand. Der Sprecher der israelischen Streitkräfte wiederum sagte, sein Land werde mit unvorstellbarer Härte zuschlagen, wenn die Hisbollah im Libanon eine zweite Front eröffnen sollte.

Jeder traut hier jedem alles zu. Jeder macht sich riesengroß. Jedermann gibt vor, dass er sich vor Weiterungen des Krieges überhaupt nicht fürchtet, sondern auf alles, was da kommen möge, optimal vorbereitet sei. Die Verachtung, der Hass, die Rachsucht sind auf allen Seiten übermächtig. Die schlafwandlerischen Voraussetzungen, dass aus einem begrenzten ein großer Krieg entsteht, sind vorhanden.

Video | Israel greift Hamas mit Bodentruppen an
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Quelle: reuters

Die Hamas will alle mit hineinziehen

Da braut sich etwas zusammen. Da baut sich womöglich ein perfekter Sturm auf, von dem niemand wissen kann, wen er am Ende wegfegen wird und was danach übrig bleibt.

Die Hamas hat jedes Interesse daran, so viele Akteure in ihren Krieg hineinzuziehen wie möglich. Das ist die Falle, vor der Weitsichtige schon gewarnt haben, als Israel 300.000 Soldaten zusammenzog – das Bombardement auf Gaza würde viele zivile Opfer töten, was in den Augen der arabischen Welt die Schuld der Hamas mehr als aufwiegen könnte.

Der Beschuss des Krankenhauses mitten in Gaza kam der Hamas denn auch zupass, weil sie in Jordanien oder Ägypten, in Paris oder Berlin sowieso nicht hören wollen, dass eine irregeleitete Rakete aus Gaza die Ursache für die vielen Toten gewesen ist.

Die Mühen der Pendel-Diplomatie

Zum Hass gehört es, dass jeder sich als Opfer versteht. Die wahren Opfer sind allerdings diejenigen, die im Gazastreifen leben und mit der Hamas nichts am Hut haben. Oder die Menschen im Libanon, die den Todeskult der Hisbollah ablehnen. Von den Menschen im Iran, denen das Regime ein Mühlstein am Halse ist, ganz zu schweigen. Und selbstverständlich sind die Israelis die Opfer eines beispiellosen Überfalls.

Ein zwangsläufiges Opfer ist wie immer die Wahrheit. Iranische Diplomaten streuen das Gerücht, sie seien genauso wie der Rest der Welt vom Angriff der Hamas überrascht worden. Auch aus Katar ist zu hören, die Hamas habe ohne Anleitung oder Absprache gehandelt. Selig, wer es glaubt. Anders gesagt: Selbst wenn es stimmen sollte, würde man es aus der Erfahrung mit dieser Region nicht glauben.

Natürlich sind viele Diplomaten permanent darum bemüht, dass noch mehr Lastwagen voller Lebensmittel aus dem ägyptischen Rafah hinein nach Gaza fahren dürfen. Zahllose Vermittler pendeln von Amman über Doha nach Kairo und Riad, um mehr Geiseln als die beiden Amerikanerinnen freizubekommen.

Vorbereitungen für den perfekten Sturm

Wie man hört, hat der amerikanische Präsident Joe Biden den israelischen Premier Benjamin Netanjahu beschworen, mit der Bodenoffensive zu warten und vor allem darum gebeten, kühlen Kopf zu bewahren. Amerika hat nach 9/11 schlechte Erfahrungen mit schnellen Entscheidungen aus Rachsucht gemacht.

Die Bemühungen um Beschwichtigung stehen neben den Vorbereitungen zum perfekten Sturm. Noch während die Welt auf die Bodenoffensive wartet, fliegt die israelische Luftwaffe Angriffe auf Damaskus und Aleppo, um den iranischen Einfluss in Syrien zu stören. Weitere 14 Dörfer in der Nähe der Grenze zu Libanon ließ die Armee räumen.

Auf die Raketen aus den Stellungen der Hisbollah antwortet Israel mit Artillerie und Drohnenangriffen. Die USA schickt, zusätzlich zu den beiden Flugzeugträgern, ein Raketenabwehrsystem vom Typ THAAD und weitere Boden-Luft-Raketen vom Typ Patriot in die Region, in der es an vielem mangelt, aber nicht an Waffensystemen jedweder Art.

Hat Gott ein Einsehen?

Was könnte den perfekten Sturm beruhigen? In Amerika kursiert die Empfehlung an die Israelis zu einer Doppelstrategie, die so aussehen könnte: Wenn schon Bodenoffensive, dann sollte sie von einem neuen Anlauf zur Zweistaatenlösung begleitet sein. Davon wollte Netanjahu bislang nichts wissen. Im Gegenteil lieferte ihm die Hamas das Alibi, zu sagen: Mit denen ist kein Friede zu machen, genauso wenig wie auf die Palästinensische Autonomiebehörde Verlass ist. Die Siedlungen im Westjordanland haben sich seit Netanjahus erstem Amtsantritt 1996 verdreifacht.

Netanjahu hat versagt, und nach dem Krieg wird Gericht über ihn gehalten. Und dann? Viele Israelis halten die Siedlungspolitik und die Verachtung, den Hass gegenüber den Palästinensern als Mittel der Politik für einen verhängnisvollen Irrweg, aber sie haben die Mehrheit im Land an die nationalistische Rechte verloren. Wer also könnte den Faden aufgreifen und die Zweistaatenlösung aus der Versenkung holen?

Erst einmal herrscht Krieg. Herrscht Hass. Für den perfekten Sturm ist vorgesorgt. In diesem Teil der Welt wird in vielen Zungen zu Gott gebetet. Er sollte zur Abwechslung mal ein Einsehen haben.

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