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Der katholischen Kirche drohen neue Schockwellen

Von afp
Aktualisiert am 20.01.2022Lesedauer: 4 Min.
Die katholische Kirche St. Nikolaus in Garching an der Alz: Hier soll ein Priester eingesetzt worden sein, obwohl er zuvor wegen Kindesmissbrauchs verurteilt worden war.
Die katholische Kirche St. Nikolaus in Garching an der Alz: Hier soll ein Priester eingesetzt worden sein, obwohl er zuvor wegen Kindesmissbrauchs verurteilt worden war. (Quelle: Peter Kneffel/dpa-bilder)
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Die katholische Kirche wird seit Jahrzehnten von Missbrauchsskandalen erschĂŒttert. An diesem Donnerstag legt eine Kanzlei ein möglicherweise brisantes Gutachten dazu vor. Das Problem geht weit ĂŒber Deutschland hinaus.

Im Missbrauchsskandal der katholischen Kirche in Deutschland wird am Donnerstag (11 Uhr) im Erzbistum MĂŒnchen und Freising ein mit Spannung erwartetes Gutachten vorgestellt. Die Anwaltskanzlei Westphal Spilker Wastl arbeitet darin MissbrauchsfĂ€lle im Zeitraum 1945 bis 2019 auf. Dies sorgt auch international fĂŒr Aufmerksamkeit, weil in dieser Zeit der spĂ€tere Papst Benedikt XVI. als Bischof Joseph Ratzinger fĂŒr das Erzbistum verantwortlich war.

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WĂ€hrend Ratzingers Bischofszeit wurde 1980 ein pĂ€dophiler Priester aus dem Bistum Essen nach MĂŒnchen versetzt, der in Bayern unbehelligt weitere Missbrauchstaten verĂŒben konnte. Benedikt bestreitet, damals von der Vorgeschichte des Geistlichen gewusst zu haben. Eine der brisantesten Fragen wird, ob das Gutachten dies bestĂ€tigt, und auch, wie die Gutachter das Handeln des aktuellen MĂŒnchner Erzbischofs, Kardinal Reinhard Marx, bewerten. Mehr Infos dazu lesen Sie hier.

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EnthĂŒllungen ĂŒber Missbrauchsskandale erschĂŒttern die katholische Kirche damit erneut in Deutschland. Doch auch in anderen LĂ€ndern spielt das Thema gerade eine große Rolle. Ein Überblick.

DEUTSCHLAND

Der katholischen Kirche in Deutschland ist es seit dem Bekanntwerden ihres Missbrauchsskandals im Jahr 2010 nicht gelungen, wieder Vertrauen aufzubauen. Im Gegenteil: Missbrauchsopfer verlangen inzwischen eine staatliche AufklÀrung, da sie der Kirche das nicht mehr zutrauen. Diese hat in den vergangenen Jahren immer wieder ihre Verfahren verÀndert. Auch mittlerweile mögliche EntschÀdigungszahlungen von bis zu 50.000 Euro je Opfer reichen den Betroffenen aber nicht.

Ein HerzstĂŒck der AufklĂ€rung der deutschen Kirche ist die im Jahr 2018 von der Bischofskonferenz vorgelegte sogenannte MHG-Studie. Nach Auswertung von Personalakten und anderen Dokumenten gab es mindestens 1.670 Kleriker, die zwischen 1946 und 2014 mindestens 3.677 Kinder missbrauchten. Die meisten waren demnach Jungen unter 13.

Besonders viel Streit gibt es um die Aufarbeitung in den von KardinĂ€len gefĂŒhrten ErzbistĂŒmern Köln und MĂŒnchen. In Köln löste Kardinal Rainer Maria Woelki eine Austrittswelle aus, nachdem er immer wieder die Veröffentlichung eines Gutachtens verzögerte.

Woelki nimmt gerade eine Auszeit, soll aber Aschermittwoch zurĂŒckkehren. In MĂŒnchen wollte Kardinal Reinhard Marx schon vergangenes Jahr und damit vor dem fĂŒr Donnerstag erwarteten Gutachten zurĂŒcktreten. Papst Franziskus lehnte dies aber ab.

FRANKREICH

Nach dem 2021 veröffentlichten Bericht einer unabhÀngigen Untersuchungskommission waren in Frankreich seit 1950 schÀtzungsweise 216.000 MinderjÀhrige von katholischen Priestern und Ordensleuten sexuell missbraucht worden. Die Zahl steigt auf 330.000 Opfer, wenn TÀter mitgezÀhlt werden, die als Laien in katholischen Einrichtungen Dienst taten.

Eine nationale Instanz befasst sich derzeit mit den AntrĂ€gen der Opfer. Die Höhe der EntschĂ€digungen ist noch nicht entschieden. Die Bischofskonferenz hatte angekĂŒndigt, sich auch von Immobilien zu trennen, um die EntschĂ€digungen zu finanzieren.

Der Bericht hatte eine Schockwelle in Frankreich ausgelöst. Die Bischofskonferenz bekannte sich erstmals zur institutionellen Verantwortung der Kirche. Die Kirche habe die Opfer "weder angehört noch begleitet".

USA

Zwischen 1950 und 2013 gab es in der katholischen Kirche der USA 17.000 Beschwerden wegen sexueller Gewalt. Die VorwĂŒrfe richteten sich gegen rund 6.400 Geistliche. Experten bezifferten im Jahr 2012 die Zahl der minderjĂ€hrigen Opfer auf schĂ€tzungsweise 100.000.

Allein im Bundesstaat Pennsylvania missbrauchten mehr als 300 katholische Priester ĂŒber Jahrzehnte hinweg mehr als tausend Kinder, wie ein 2018 veröffentlichter Bericht ans Licht brachte.

Wegen ihrer Verstrickung in Missbrauchsskandale verloren zwei US-KardinĂ€le ihre Ämter: Kardinal Donald Wuerl trat nach VorwĂŒrfen zurĂŒck, er habe den Missbrauch in Pennsylvania vertuscht. Kardinal Theodore McCarrick wurde sexueller Missbrauch MinderjĂ€hriger zur Last gelegt. Daraufhin wurde er von Papst Franziskus aus dem Klerikerstand entlassen.

Kardinal Donald Wuerl (r.) im Jahr 2014: Er soll Missbrauch in der katholischen Kirche in den USA vertuscht haben und verlor sein Amt.
Kardinal Donald Wuerl (r.) im Jahr 2014: Er soll Missbrauch in der katholischen Kirche in den USA vertuscht haben und verlor sein Amt. (Quelle: ZUMA Wire/imago-images-bilder)

Nach SchÀtzung von AnwÀlten wurden mittlerweile 11.000 Klagen von Opfern pÀdophiler Priester eingereicht. Die Diözesen haben schÀtzungsweise Hunderte von Millionen Dollar EntschÀdigungen gezahlt. OpferverbÀnde beklagen, dass die TÀter nicht systematisch vor Gericht gestellt werden.

AUSTRALIEN

Nach mehreren Skandalen ermittelte eine nationale Kommission von 2013 bis 2017 zu MissbrauchsfÀllen in der Kirche, aber auch in Sportvereinen, Privatschulen und WaisenhÀusern. Dabei kam heraus, dass 58 Prozent der FÀlle in katholischen Einrichtungen stattfanden.

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Zwischen 1950 und 2019 wurden etwa sieben Prozent der Priester sexuellen Missbrauchs beschuldigt. Zwischen 1980 und 2015 wurden innerhalb der Kirche etwa 4.400 FĂ€lle gemeldet. Die Anhörungen der Opfer waren live im Fernsehen ĂŒbertragen worden, was im Land fĂŒr EntrĂŒstung gesorgt hatte.

Die Kommission hatte sich auch mit Kardinal George Pell befasst, der in einem ersten Verfahren 2018 wegen sexuellen Missbrauchs zweier Jugendlicher zu sechs Jahren Haft verurteilt worden war. Das Oberste Gericht Australiens hob das Urteil gegen den frĂŒheren Finanzchef des Vatikans im vergangenen Jahr in allen Punkten auf.

IRLAND

In Irland gibt es seit vielen Jahren VorwĂŒrfe des Kindesmissbrauchs in katholischen Einrichtungen. Einem Bericht von 2009 zufolge wurden seit den 1930er-Jahren Kinder in katholischen Schulen und WaisenhĂ€usern hĂ€ufig Opfer sexueller, aber auch physischer und psychologischer Gewalt.

Mehrere Bischöfe und Priester wurden wegen sexueller Gewalt oder wegen Vertuschung solcher Taten bereits bestraft. Die Skandale brachten der einst mÀchtigen katholischen Kirche in Irland einen dramatischen Vertrauensverlust.

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Von Michaela Koschak
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