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Berlin-Moabit: Was wir über den Kopfschuss-Mord wissen – und was nicht

Wer gab den Auftrag?  

Was wir über den Kopfschuss-Mord in Berlin wissen – und was nicht

Von Daniel Schreckenberg

27.08.2019, 16:40 Uhr
 (Quelle: Reuters)
Mord in Berlin-Moabit: War es ein Auftragsmord?

In Berlin wurde ein Mann von einem vorbeifahrenden Fahrradfahrer erschossen. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft, ob es politische Hintergründe geben könnte. (Quelle: Reuters)

Mord in Berlin-Moabit: Die Staatsanwaltschaft äußere sich zuletzt zum Verdacht des Auftragsmordes. (Quelle: Reuters)


Mitten in Berlin wird ein Mann mit einem Kopfschuss hingerichtet. Die Ermittler schweigen zu den Hintergründen der Tat. Doch vieles deutet auf einen Auftragsmord hin. 

War es ein Mordanschlag auf einer Straße mitten in Berlin? Hat sogar ein ausländischer Geheimdienst den Auftrag dafür gegeben? Auch Tage nachdem der Georgier Zelimkhan K. in einem Berliner Park von einem 49-jährigen mutmaßlichen Russen erschossen worden ist, bleibt vieles rätselhaft. Gerüchte über die Beteiligung eines ausländischen Geheimdienstes werden von den Behörden nicht offiziell bestätigt – doch einige Umstände aus der Vergangenheit des 40-jährigen Georgiers deuten darauf hin.

Was ist passiert?

Am Freitagmittag wird Zelimkhan K. im Kleinen Tiergarten in Moabit ermordet. Der mutmaßliche Mörder ist Wadim S. aus Russland. Er soll dem Opfer mit einem Fahrrad gefolgt sein und ihm dann zweimal in den Kopf geschossen haben. Laut "Tagesspiegel" ist der Muslim K. gerade auf dem Weg in eine Moschee. Wadim S. flüchtet und wird von der Polizei noch in der Nähe des Tatorts gefasst. Zeugenhinweise helfen den Beamten: Einem Bericht der "Bild" zufolge beobachten zwei 17-Jährige, wie der Mann mehrere Gegenstände in die Spree wirft. Anschließend will S. seine Flucht auf einem Motorroller fortsetzen, berichtet der "Tagesspiegel".

Doch eine Polizeieinheit ist ganz in der Nähe, die Beamten können ihn festnehmen. Bei dem Mann wurde eine größere Summe Bargeld sichergestellt, berichtet der "Tagesspiegel". In der Spree finden Polizeitaucher schließlich Kleidungsstücke und die Tatwaffe in einem Plastikbeutel. Zunächst hieß es, im Wasser wäre zudem eine Perücke gefunden worden. Andere Medien berichten stattdessen von einem Rasierapparat. S. soll demnach sein Aussehen verändert haben, um als Tourist untertauchen zu können. Laut "Bild" habe er zudem Paprikapulver dabei gehabt: Damit wollte er Polizeihunde in die Irre führen, so der Bericht weiter.    

Ein Polizeitaucher sucht im Wasser der Spree nach Hinweisen: Die Tatwaffe konnte schnell gefunden werden. Der Verdächtige sitzt in Untersuchungshaft. (Quelle: dpa/Paul Zinken)Ein Polizeitaucher sucht im Wasser der Spree nach Hinweisen: Die Tatwaffe konnte schnell gefunden werden. Der Verdächtige sitzt in Untersuchungshaft. (Quelle: Paul Zinken/dpa)

Wer ermittelt in dem Fall?

Wadim S. sitzt seit Samstag in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm wegen der heimtückischen Tat Mord vor. Doch auch die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe verfolgt die Ermittlungen sehr genau. "Wir haben die Sache im Blick und stehen im engen Kontakt mit der Berliner Justiz", sagte ein Sprecher der obersten Strafverfolgungsbehörde.

Für eine Übernahme des Falls durch den Generalbundesanwalt müsste es den Verdacht geben, dass hinter der Tat der "Geheimdienst einer fremden Macht" stehen könnte. Für die Verfolgung "geheimdienstlicher Agententätigkeit" ist die Spionage-Abteilung der Bundesanwaltschaft zuständig. Noch ermittelt aber die Berliner Staatsanwaltschaft, sagte ein Pressesprecher t-online.de.

Was wissen wir über das Opfer?

Zelimkhan K. ist Tschetschene mit georgischer Staatsangehörigkeit. 2016 kam er nach Deutschland, stellte 2017 zunächst erfolglos einen Antrag auf Asyl. Die Berliner Polizei hatte ihn eine Zeit lang als "islamistischen Gefährder" auf dem Schirm – zuletzt soll er aber nur noch als "relevante Person" geführt worden sein. Hinweise, dass K. für den IS in den Krieg gezogen sein könnte, gebe es nicht, heißt es aus Ermittlerkreisen.

Unklar ist, wie stark seine Verbindung zu islamistischen Terroristen ist. So soll K. von 2001 bis 2005 in Russland auf der Seite tschetschenischer Rebellen gekämpft haben. Das schreibt auch die georgische Menschenrechtsorganisation Human Rights Education and Monitoring Center (EMC). In russischen Geheimdienstquellen wird er namentlich als Terrorführer genannt. Der russische Geheimdienst FSB soll die Deutschen Behörden mehrfach davor gewarnt haben, dass K. weiter Kontakte zu Islamisten pflege. 

K. soll außerdem für die Anti-Terror-Zentrale des georgischen Innenministeriums gearbeitet haben, berichtet der "Tagesspiegel". Dabei soll er auch Spezialeinsätze an der georgisch-dagestanischen Grenze durchgeführt haben. Dort sollte er zwischen Islamisten und dem Militär vermitteln. Außerdem soll K. 2015 Berater von Micheil Saakaschwili, Ex-Präsident von Georgien, +in der Ukraine gewesen sein, berichtet der Tagesspiegel aus Sicherheitskreisen. Saakaschwili gilt als offen anti-russisch. 

Nach Angaben aus Sicherheitskreisen nutzte er zwei verschiedene Identitäten: neben Zelimkhan K. auch den Namen Tornike. Der Grund: K. hatte Angst um sein Leben. Auf ihn sollen bereits mehrere Anschläge verübt worden sein, einen überlebte er nur knapp. Im Mai 2015 feuerten Unbekannte in der georgischen Hauptstadt Tiflis mehrere Kugeln auf K. Er habe verletzt überlebt und mit seiner Familie aus Georgien flüchten müssen, heißt es von EMC. 

Was wissen wir über den Täter?

Bei dem Täter soll es sich um Wadim S. handeln, so steht es zumindest in seinem russischen Pass. Den deutschen Behörden ist der Name bislang nicht bekannt. Eine persönliche Verbindung zwischen Täter und Opfer soll es nicht geben. Welches Interesse Wadim S. hatte, Zelimkhan K. zu töten, sei nicht erkennbar, heißt es aus Sicherheitskreisen. Bei der Tatwaffe handelt es sich nach Polizeiangaben um eine Glock 26 mit Schalldämpfern. Eine robuste Waffe, die bei Spezialeinheiten beliebt ist.

Laut "Tagesspiegel" seien die Ermittler froh, einen professionellen Täter geschnappt zu haben. Nach seiner Festnahme soll S. zunächst nach einem Vertreter der russischen Botschaft verlangt haben, schreibt die "Bild". Danach schwieg er zu den Taten. Laut "Tagesspiegel" soll S. erst vor wenigen Tagen über Paris nach Berlin gekommen sein –, offenbar um sein Opfer auszuspionieren. Auch ein Rückflugticket nach Moskau soll er besessen haben, schreibt die "Süddeutsche Zeitung". Über einen möglichen Auftraggeber gibt es bislang nur Spekulationen.

War es ein Auftragsmord?

Ob an dem Mord an Zelimkhan K. ein fremder Geheimdienst beteiligt war, ist bislang unklar. Die Behörden wollen sich zu den Spekulationen nicht äußern. Doch einige Anzeichen sprechen dafür. Für den russischen Nachrichtendienst galt K. als Verräter und Islamist. Auffällig außerdem: Der Mord an K. passierte am gleichen Tag, an dem Bundesaußenminister Heiko Maas in Moskau war. 

Georgiens Ex-Präsident Saakaschwili kondolierte der Familie des Opfers auf Facebook. Er ist sich sicher: Für den Mord könne nur der russische Geheimdienst verantwortlich sein. Auch Ekkehard Maaß, Vorsitzender der Deutsch-Kaukasischen Gesellschaft, sieht laut "Tagesspiegel" im Mord an K. ein klares politisches Motiv – und verweist auf die lange Liste der Morde an Kritikern des Kreml. 

Sollte dieser die Tat tatsächlich gebilligt haben, könnte dies als Signal an Gegner Russlands im Ausland gewertet werden, heißt es aus deutschen Sicherheitskreisen. 

 
Doch auch andere Drahtzieher sind möglich. So zitiert der "Tagesspiegel" Quellen, die behaupten, dass K. auf einer "Todesliste" des Moskau-treuen Präsidenten Ramsan Kadyrow, Oberhaupt der Republik Tschetschenien, gestanden habe.

Verwendete Quellen:

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