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Angst vor Atomkatastrophe wächst: "Ernstzunehmendes Risiko"


Dieses Szenario führt unweigerlich zur Katastrophe

Von Liesa Wölm

Aktualisiert am 09.08.2022Lesedauer: 4 Min.
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AKW Saporischschja: Die Atombehörde drängt auf Zutritt zur Anlage. (Quelle: Reuters)
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Die Angriffe auf das AKW in Saporischschja mehren sich offenbar. Wächst damit die Gefahr einer Atomkatastrophe? Ein Experte klärt auf.

Im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine steht derzeit vor allem das Atomkraftwerk Saporischschja im Süden des Landes im Fokus. Vereinzelte Attacken auf das Gebiet um die Anlage schüren vielerorts die Angst vor einer nuklearen Katastrophe, denn das betroffene AKW ist das größte Europas. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj schickte am Dienstag eine scharfe Warnung an die Welt: "Die Tschernobyl-Katastrophe war die Explosion eines Reaktors. Saporischschja hat sechs Reaktoren."

Er erinnerte damit an die Nuklearkatastrophe in der ukrainischen Stadt im Jahr 1986 mit verheerenden Folgen. Ein Unfall oder eine absichtlich herbeigeführte Explosion im AKW Saporischschja, so suggeriert Selenskyj, würde Tschernobyl vielfach in den Schatten stellen. Aber wie groß ist die Gefahr wirklich, dass es zum atomaren Desaster kommt?

Die Lage spitzt sich gefährlich zu

Die russische Armee hatte das AKW bereits Anfang März, also kurz nach Beginn der Invasion, vollständig unter ihre Kontrolle gebracht. Doch nun spitzt sich die Lage gefährlich zu: In den vergangenen Tagen war das Kraftwerk offenbar zweimal unter Beschuss geraten. Dabei wurden Teile der Anlage beschädigt, einer der sechs Reaktoren musste abgeschaltet werden, berichteten sowohl russische als auch ukrainische Behörden. Moskau und Kiew machen sich gegenseitig dafür verantwortlich. Doch welche Folgen haben die Vorfälle?

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Ein Kämpfer bewacht das AKW in Saporischschja (Archivbild): Russland und die Ukraine werfen sich gegenseitig vor, das Werk zu beschießen.
Ein Kämpfer bewacht das AKW in Saporischschja (Archivbild): Russland und die Ukraine werfen sich gegenseitig vor, das Werk zu beschießen. (Quelle: Uncredited/imago images)

"Die Besetzung ist ein absolutes Unding"

Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) und auch die US-Regierung bestätigen, dass bisher keine radioaktive Strahlung ausgetreten sei. Demnach bewegten sich alle vorliegenden radiologischen Messwerte im Normalbereich.

Der Nuklearexperte Sebastian Stransky von der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) erklärt im Gespräch mit t-online, dass die Angriffe bislang lediglich kleinere Schäden verursacht hätten, ohne dass die Anlagen dadurch einer unmittelbaren, größeren Gefahr ausgesetzt gewesen wären. "Aber es gibt klar ein sehr ernstzunehmendes, latentes Risiko", so Stransky.

Was dem Experten zu denken gibt: Es arbeitet zwar noch ukrainisches Personal in der Nuklearanlage, aber Beaufsichtigung und Kontrolle erfolgen ausschließlich über russische Kommandeure.

Sebastian Stransky ist Abteilungsleiter bei der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) mit Sitz in Berlin. Er ist Diplomingenieur (TU) für Kernenergietechnik und Sicherheitsingenieur.

"Die Besetzung eines AKW durch militärische Truppen ist ein absolutes Unding, das ist vollkommen inakzeptabel", betont der Sicherheitsingenieur Stransky. Dies widerspreche sämtlichen internationalen Standards. Unter anderem die Vereinten Nationen (UN) fordern, dass sowohl die ukrainische Atombehörde SNRIU als auch die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) Zutritt zu der Anlage erhalten. IAEA-Generalsekretär Rafael Grossi schätzt das Risiko derzeit höher ein als die deutschen Experten: Nachdem das AKW beschossen worden war, sprach Grossi vor einer "sehr realen Gefahr einer Atomkatastrophe".

IAEO-Generaldirektor Rafael Mariano Grossi spricht bei einer Pressekonferenz über die Situation im AKW Saporischschja: Die Lage sei äußerst unbeständig und fragil.
IAEA-Generaldirektor Rafael Mariano Grossi spricht bei einer Pressekonferenz über die Situation im AKW Saporischschja: Die Lage sei äußerst unbeständig und fragil. (Quelle: Lisa Leutner/imago images)

"Das hier wird entweder russisches Gebiet oder verbrannte Erde"

Auch der ukrainische Betreiber des Atomkraftwerks schlug Alarm: Russische Soldaten hätten in der Anlage Sprengsätze an kritischen Stellen angebracht und würden damit drohen, die Anlage in die Luft sprengen, hieß es auf dem Telegram-Account der Firma Energoatom unter Berufung auf den Kommandeur der Truppen. "Das hier wird entweder russisches Gebiet oder verbrannte Erde", soll General Valery Vasilyev in einer Ansprache vor Soldaten gesagt haben. Unabhängig überprüfen lassen sich die Angaben nicht.

Nuklearexperte Stransky geht jedoch nicht davon aus, dass Russland beabsichtige, das AKW dem Boden gleichzumachen. "Russland brächte sich damit selbst in große Gefahr." Wenn es infolge von schweren Angriffen zu einem Atomunfall käme, wüsste man vorher nicht, wo die Fahne der radioaktiven Stoffe hin weht. Das hänge von den Wind- und Witterungsverhältnissen ab. Zudem könne man nicht vorhersehen, wie viel Radioaktivität austreten würde. Deshalb sei eine Zerstörung des AKW dem Experten zufolge absolut sinnlos.

Blick auf die sechs Blöcke des AKW (Archivbild): Sie verfügen insgesamt über eine Gesamtleistung von 5700 Megawatt.
Blick auf die sechs Blöcke des AKW (Archivbild): Sie verfügen insgesamt über eine Gesamtleistung von 5.700 Megawatt. (Quelle: Konstantin Mihalchevskiy/imago images)

"Die Einrichtung ist gut gegen Angriffe geschützt"

Das BfS sagte den Zeitungen der "Funke Mediengruppe", für den Fall, dass radioaktive Stoffe aus Saporischschja nach Deutschland gelangen sollten, "würden sich die Notfallmaßnahmen voraussichtlich auf die Landwirtschaft und die Vermarktung landwirtschaftlicher Produkte beschränken". Nach den Berechnungen sei aber nicht zu erwarten, dass weitergehende Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung notwendig wären.

GRS-Experte Stransky hält in der aktuellen Situation einen schweren Atomunfall ohnehin für äußerst unwahrscheinlich. "Die Anlagen sind auch gegen stärkere äußere Einwirkungen wie Flugzeugabstürze gut geschützt", sagt er. Wenn also Geschosse – wie die in den vergangenen Tagen verwendeten – ein Reaktorgebäude träfen, komme es nicht automatisch zu einer Kernschmelze mit einer Freisetzung einer großen Menge Radioaktivität.

Um so etwas zu verhindern, seien dem Experten zufolge Sicherheitssysteme wie Notstromdiesel mehrfach und an verschiedenen Stellen der Anlage vorhanden. Die seien infolge der Nuklearkatastrophe von Fukushima im Jahr 2011 im AKW Saporischschja auch weiter nachgerüstet. "Nur wenn all diese Technik versagte, könnte es zu einem Unglück kommen", so Stransky.

In diesem Fall wäre die Abfuhr der Nachzerfallswärme nicht mehr gewährleistet. Das sei die Wärme, die beim radioaktiven Zerfall der Spaltprodukte produziert wird und die unter allen Umständen aus dem Reaktorkern ausgeführt werden muss, erklärt der Atomexperte.

(Quelle: t-online)

"Die Situation ist für die Angestellten enorm belastend"

Ein weiteres Problem könnte der massive Druck auf das Personal darstellen, das seit fast einem halben Jahr unter Besatzungsbedingungen in der Anlage arbeitet. "Ich gehe davon aus, dass die Situation für die Angestellten enorm belastend ist", so Stransky. Zu den Grundprinzipien eines sicheren AKW-Betriebs gehöre es jedoch, dass die Arbeit ohne Druck ausgeführt werden könne. Andernfalls drohe menschliches Versagen.

Russischen Angaben zufolge arbeitet das Kraftwerk derzeit normal. Die bei Angriffen beschädigten Stromleitungen und Blöcke des Meilers seien repariert worden, sagte der Chef der von Moskau eingesetzten Militärverwaltung in der Region, Jewgeni Balizki, am Dienstag im russischen Staatsfernsehen. Die russische Armee will nach eigener Aussage nun Luftabwehrsysteme rund um die Anlage stationieren.

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Verwendete Quellen
  • Telefoninterview mit Sebastian Stransky am 9. August 2022
  • Mitteilung von Energoatom auf Telegram (russisch, Stand: 8. August 2022)
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