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Ukraine-Krieg | Die Nerven liegen Blank: Diese Entlassung hat schwere Folgen


Ein fatales Signal für den Krieg


Aktualisiert am 09.02.2024Lesedauer: 4 Min.
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Wolodymyr Selenskyj: Der ukrainische Präsident hat den obersten Befehlshaber seiner Armee ausgetauscht.Vergrößern des Bildes
Wolodymyr Selenskyj: Der ukrainische Präsident hat den obersten Befehlshaber seiner Armee ausgetauscht. (Quelle: UKRAINIAN PRESIDENTIAL PRESS SERVICE/rtr)

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj setzt Walerij Saluschnyj als Armeechef ab. Was bedeutet das nun für den Krieg in der Ukraine?

Es hatte sich seit dem Jahreswechsel angedeutet, nun gibt es Gewissheit. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj entließ am Donnerstag seinen obersten Militärführer Walerij Saluschnyj. Selenskyj teilte ein Bild, auf dem er und Saluschnyj sich die Hand reichen. Sein ehemaliger Armeechef macht mit einer Hand das Friedenszeichen. Die Botschaft der ukrainischen Führung ist klar: Es gibt kein böses Blut und es gibt weiterhin große Geschlossenheit im Kampf gegen die russische Invasion.

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Für Selenskyj war die Absetzung seines in der Bevölkerung und in der Armee beliebten Generals ein Drahtseilakt. Die Ukraine erlebt einen schweren Kriegswinter mit erneut massiven russischen Angriffen auf zivile Infrastruktur. Die Absetzung von Saluschnyj könnte sich nun negativ auf die Moral und den Durchhaltewillen der Soldaten auswirken.

Trotzdem entschied sich der ukrainische Präsident für das Manöver. Es ist ein Zeichen dafür, dass die Nerven in der Ukraine zunehmend blank liegen. Selenskyj braucht Erfolge, setzt nun auf eine andere Kriegstaktik, und er möchte die Kommunikation in diesem Krieg besser steuern. Aber das ist hochriskant für das Land.

Video | "Wie viele Soldaten will die Ukraine hier unnötig opfern?"
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Quelle: t-online

Saluschnyj gibt nach

Der ehemalige Armeechef gilt in der Ukraine als Held. "Ich habe ihm für zwei Jahre der Verteidigung gedankt", schrieb Selenskyj in den sozialen Netzwerken. "Wir haben darüber gesprochen, welche Erneuerung die ukrainischen Streitkräfte brauchen." Es sei auch darum gegangen, wie die Armeeführung erneuert werden könne. Selenskyj sagte, er habe Saluschnyj angeboten, "weiter Teil des Teams zu bleiben". Er gab aber keinen Hinweis auf eine mögliche neue Aufgabe für den 50 Jahre alten Soldaten.

Die ukrainische Führung stellt es also so dar, als sei die Entscheidung im Dialog mit Saluschnyj getroffen worden. Diese Darstellung ist verständlich, weil die Ukraine möglichen internen Streit nicht nach außen tragen möchte. Selenskyj hatte seinen Armeechef laut übereinstimmenden Medienberichten schon früher absetzen wollen, aber Saluschnyj soll sich geweigert haben. Auch andere ranghohe Armeeangehörige sollen sich hinter ihn gestellt haben.

Saluschnyj reagierte auf Telegram auf seine Entlassung. Er habe ein "wichtiges und ernsthaftes Gespräch" mit Selenskyj geführt, und es sei entschieden worden, Taktik und Strategie an der Front zu ändern. "Die Aufgaben von 2022 unterscheiden sich von den Aufgaben von 2024. Deshalb müssen sich auch alle ändern und an die neuen Realitäten anpassen. Auch um gemeinsam zu gewinnen", erklärte er.

Der Machtkampf der ukrainischen Eliten scheint also vorerst zugunsten Selenskyjs ausgegangen zu sein. Saluschnyj gibt nach, auch weil für ihn als Soldat vermutlich das Wohl des Landes an erster Stelle steht. Aber welche Auswirkungen hat nun der Wechsel an der Armeespitze?

"Gemeinsam zum Sieg"

Zunächst geht es Selenskyj um die Kommunikation. In einem aufsehenerregenden Artikel für die britische Zeitschrift "The Economist" schrieb Saluschnyj im November, dass der Krieg am Boden in eine Pattsituation geraten sei. Nur große Waffenlieferungen und ein Technologiesprung könnten die Ukraine wieder in die Offensive bringen. Selenskyj widersprach seinem höchsten Militär bei dieser Einschätzung öffentlich. Auch in der Frage einer weiteren Mobilisierung von Soldaten waren die Verantwortlichen für die ukrainische Kriegsführung uneins.

Bei der Kommunikation soll nun wieder das Präsidialamt die alleinige Führung übernehmen. Es soll wieder mit einer Stimme gesprochen werden, denn Selenskyj will vor allem Stärke und die Moral in der eigenen Bevölkerung hochzuhalten. Aber er hofft auch auf weitere militärische Unterstützung aus dem Westen, wenn er sich selbstbewusst gibt, dass die Ukraine den Krieg am Ende gewinnen kann.

Selesnkyj ernannte Oleksandr Syrskyj als neuen Armeechef. Unmittelbar nach seinem Amtsantritt kündigte dieser ein anderes Vorgehen an. "Nur durch Veränderungen und eine kontinuierliche Verbesserung der Mittel und Methoden der Kriegsführung werden wir erfolgreich sein", erklärte Syrskyj am Freitag im Onlinedienst Telegram. "Gemeinsam zum Sieg!", schrieb er weiter.

Syrskyj hat guten Draht zu Selenskyj

Syrskyj hat sich in dem Krieg bereits bewährt. Er war als General für die Verteidigung Kiews zuständig und bewies Mut, als die ukrainische Armee Moskaus Truppen in der nordöstlichen Region Charkiw eine empfindliche Niederlage zugefügt und diese zum Rückzug gezwungen hat. Er sei der "General mit der größten Erfahrung" in der ukrainischen Armee, sagte Selenskyj. Die Ukraine brauche einen "realistischen" Schlachtplan für 2024.

Aber was ist realistisch? Saluschnyj gilt als General, der stets sehr sorgsam versucht, eigene Verluste zu minimieren. Das führte auch zum Streit mit Selenskyj, der zum Beispiel aus politischen Gründen Bachmut länger halten wollte, als das aus militärischen Gründen sinnvoll war. Seine Rücksicht auf Menschenleben machte ihn nicht nur in der Armee beliebt, sondern auch im Ausland. Syrskyj dagegen war der General, der Bachmut hielt. Mehr zu Syrskyj lesen Sie hier.

Die Ernennung des neuen Oberbefehlshabers könnte nun ein Zeichen dafür sein, dass Selenskyj sich noch mehr in militärische Angelegenheiten einbringen möchte. Eine konkrete Taktik für das Jahr 2024 gibt es dagegen noch nicht. Denn vieles wird am Ende auch davon abhängen, wie sich die Unterstützung der Ukraine aus den USA entwickelt, die aktuell noch von den Republikanern blockiert wird.

Kritiker von Selenskyj sehen deshalb in der Absetzung von Saluschnyj keinen unmittelbaren militärischen Nutzen. Russland wirft immer mehr Soldaten und Material in den Krieg, der Ukraine fehlt es an Waffen und Munition, im Ausland wird lange über die nötige Unterstützung gestritten. "Saluschnyj hinauszuwerfen und durch Syrskyj zu ersetzen – das ist kein neuer Ansatz. Sorry", kritisierte etwa der bekannte ukrainische Journalist IIlja Ponomarenko. Selenskyj wird unterstellt, dass er diesen Schritt zur Festigung seiner Macht unternahm und dass er nun größere Risiken im Ukraine-Krieg eingehen wolle. Aber ob es wirklich so kommt, ist derzeit noch unklar.

Verwendete Quellen
  • Nachrichtenagenturen dpa und afp
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