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Meinung
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Diesen Satz hätte Löw nicht sagen dürfen

Von Berti Vogts

Aktualisiert am 20.05.2021Lesedauer: 4 Min.
Zwei Generationen, zwei Bundestrainer: Berti Vogts (r.) analysiert die Kadernominierung seines Nachfolgers Joachim Löw für die EM 2021.
Zwei Generationen, zwei Bundestrainer: Berti Vogts (r.) analysiert die Kadernominierung seines Nachfolgers Joachim Löw für die EM 2021. (Quelle: t-online/imago-images-bilder)
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Der Bundestrainer hat seine 26 Spieler fĂĽr die bevorstehende EM nominiert. Aber ist es auch realistisch, dass er mit dieser Mannschaft den Titel holen kann?

In den vergangenen Jahren musste selbst ich mich – als ehemaliger Bundestrainer – häufig quälen, um komplette Spiele unserer deutschen Nationalmannschaft vor dem Fernseher anzuschauen. Da denke ich natürlich sofort an die verkorkste WM 2018 in Russland, das 0:6-Debakel in Spanien oder die 1:2-Blamage gegen Nordmazedonien im vergangenen März zurück. Ich muss gestehen: Es ist in dieser Zeit nicht nur einmal vorgekommen, dass ich nach 75 Minuten das Länderspiel abgeschaltet habe, weil ich es dann doch als spannender erachtete, mit meinem Hund Gassi zu gehen.

Aber bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Es gibt fast nichts auf der Welt, was ich mir mehr wünsche, als endlich wieder gebannt vor dem Fernseher zu sitzen und mit unseren DFB-Jungs mitfiebern zu können. Die Frage ist, ob ich das nun bald wieder kann.


Die Chance darauf ist zumindest da. Denn die Kadernominierung von Jogi Löw stimmt mich hoffnungsvoll – auch wenn bei der Pressekonferenz am Dienstag längst nicht alles glatt gelaufen ist.

Aber vielleicht starten wir zunächst mit dem, was mir gefallen hat.

Die RĂĽckholaktion von MĂĽller, Hummels und Volland

Ich finde es richtig, dass Löw mit Mats Hummels, Thomas Müller und Kevin Volland gleich drei Spieler zurück in den DFB-Kader geholt hat.
Denn wir brauchen Müller – seinen Charakter übrigens noch mehr als seine Tore. Er geht beim FC Bayern voran, und wird auch seine Kollegen in der Nationalmannschaft bei der EM ganz sicher mitreißen. Diese Art Spieler ist extrem wertvoll, denn es gibt davon nicht viele auf der Welt.

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Von Hummels erwarte ich, dass er beim Turnier mit seiner Erfahrung die Kommandos in der Verteidigung gibt. Vor allem in Eins-gegen-Eins-Situationen – speziell gegen die Franzosen mit Kylian Mbappé und Karim Benzema – muss er vorangehen und seine Nebenleute auf dem Feld coachen. Nur dann können diese Weltklassespieler unter Kontrolle gehalten werden.

Kevin Volland: Der Profi der AS Monaco ist auf einmal wieder Nationalspieler.
Kevin Volland: Der Profi der AS Monaco ist auf einmal wieder Nationalspieler. (Quelle: PanoramiC/imago-images-bilder)

Die Rückholaktion von Kevin Volland hingegen hat mich zunächst etwas überrascht, aber je länger ich darüber nachdenke, desto besser gefällt mir diese Entscheidung von Joachim Löw. Er spielt für Monaco eine herausragende Saison, erzielte in 34 Pflichtspielen 16 Tore und legte acht weitere Treffer auf. Das ist eine Topquote! Und vielleicht kann er in seiner aktuellen Form sogar eine der größten Lücken stopfen, die wir bislang in unserem Kader haben. Womit wir zum nächsten Punkt kommen.

Der fehlende "Knipser"

Das Problem ist nicht neu. Das DFB-Team hat keinen echten "Knipser" in seinen Reihen. Und dabei denke ich nicht automatisch an Weltklasseangreifer wie Robert Lewandowski oder Erling Haaland, nein. Ich wünsche mir einfach nur einen Spielertypen, den ich persönlich auch gerne "Keilstürmer" nenne. Einer, der vorne im Strafraum steht, und der allein mit seiner Ausstrahlung für Angst und Schrecken bei seinen Gegnern sorgt. Uns fehlt ein Stürmer wie Oliver Bierhoff es früher war. Einer, der die Bälle festmacht, einer der auch Kopfballtreffer erzielt, einer, dem man alles zutraut.

Von Spitzenleuten, wie beispielsweise Frankreich sie hat, müssen wir gar nicht erst anfangen zu träumen. Von der Qualität eines Mbappé oder Benzema ist unsere Offensivabteilung um Timo Werner und Serge Gnabry weit entfernt – leider.

Aber Löw wird sich bei der Nominierung von Volland etwas gedacht haben. Vielleicht schafft er es ja tatsächlich, sich beim Turnier zum DFB-Torjäger zu mausern. Dafür muss er allerdings unbedingt in den beiden Testspielen vor der EM den Bundestrainer überzeugen. Sonst droht zum Turnierstart ein Platz auf der Bank.

Die Reus-Absage

Einer, der Volland mit guten Bällen hätte füttern können, hat vor wenigen Tagen für die EM abgesagt: Marco Reus. Seinen Ausfall bedauere ich wirklich sehr. Und er macht mich sogar traurig. Reus kenne ich schon lange. Er hat für Gladbach drei Jahre lang den Unterschied ausgemacht, und hat auch beim Dortmunder DFB-Pokalsieg wieder bewiesen, wie gut er eigentlich sein kann. Ich hätte Reus bei der EM sehr gerne spielen sehen und ihm sogar zugetraut, die DFB-Offensive anzuführen.

Marco Reus: Gewann mit Borussia Dortmund gerade erst den DFB-Pokal.
Marco Reus: Gewann mit Borussia Dortmund gerade erst den DFB-Pokal. (Quelle: Team 2/imago-images-bilder)

Aber ich habe auch volles Verständnis dafür, dass er mit seinen 31 Jahren jetzt sagt: Nein, ich muss auf meinen Körper hören. Die Entscheidung nötigt mir höchsten Respekt ab. Denn so ein großes Turnier lässt man nicht einfach so ausfallen.

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Er war in den vergangenen Jahren zu oft verletzt und musste sich dann über Monate hinweg zurück auf das Spielfeld kämpfen. Keiner weiß besser als er selbst, was gut für seinen Körper ist. Das muss Löw akzeptieren. Und das tut er auch.

Der eine Satz vom Bundestrainer

Zusammengefasst: Der Bundestrainer hat bei der Kadernominierung einige richtige Entscheidungen getroffen. Ein Satz von ihm auf der Pressekonferenz hat mir allerdings gar nicht gefallen: "Wir gehören nicht zu den absoluten Favoriten", erklärte Löw. Doch das hätte er als Bundestrainer nicht sagen dürfen. Das ist das falsche Zeichen.

Denn die deutsche Nationalmannschaft zählt bei Großturnieren wie einer EM oder der WM immer zu den Topfavoriten! Als DFB-Team muss der Titel das Ziel sein. Machen wir uns doch nicht kleiner als wir sind! Jede andere Nation hat großen Respekt vor unserer Mannschaft – auch in diesem Jahr. Zudem spielen wir mindestens die ersten drei Partien in München, also zu Hause. Das ist ein enormer Vorteil!

Wir sind vierfacher Weltmeister, dreifacher Europameister. Haben einen tollen EM-Kader, der gespickt ist mit Champions-League-Siegern und Profis, die fast alle auf absolutem Topniveau ihr Können unter Beweis gestellt haben.

Und ein Punkt kommt noch hinzu: "Deutschland ist eine Turniermannschaft", diese FuĂźballfloskel kennt wohl jeder deutsche FuĂźballfan. Und an sie sollten wir uns auch bei der EM klammern. Ich bin mir sicher: Das kann was werden!

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