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Undercover in Hongkong: So lief Snowdens abenteuerliche Flucht

t-online, Helge Denker, R├╝diger Schmitz-Normann

18.03.2018Lesedauer: 12 Min.
"Er hat das Richtige getan": Hier spricht Snowden-Anwalt Robert Tibbo ├╝ber die Flucht von Edward Snowden. (Quelle: t-online)
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Robert Tibbo ist der Anwalt, der Snowden aus Hongkong rausgeholt hat. Versteckt unter Fl├╝chtlingen, die heute noch dort festsitzen. Er erkl├Ąrt, wie die Flucht gelang, warum Snowden nach Moskau flog und wie es ihm heute geht.

Im Mai j├Ąhrt sich zum f├╝nften Mal der Tag, an dem Edward Snowden in Hongkong Journalisten geheime Dokumente des US-Geheimdienstes NSA ├╝bergeben hat. Die Welt ist seitdem eine andere. Der ehemalige Ex-CIA-Mitarbeiter hatte geheime Dokumente der NSA kopiert und an die Medien weitergeleitet. Diese bewiesen die Existenz eines globalen ├ťberwachungsprogramms der NSA und der ÔÇ×Five EyesÔÇť ÔÇô einer Gruppe von Staaten, die Geheimdienst-Informationen austauschen, darunter die USA, Gro├čbritannien und Kanada. Die Enth├╝llungen haben auch in Deutschland viele Diskussionen und Proteste ausgel├Âst. Einige Regierungen haben aufgrund von Snowdens Ver├Âffentlichungen ihre Gesetze ge├Ąndert und versch├Ąrft.

Der Whistleblower und sein Anwalt: Ein Treffen von Snowden und Tibbo im Juli 2016 in Moskau. Bis heute halten sie Kontakt.
Der Whistleblower und sein Anwalt: Ein Treffen von Snowden und Tibbo im Juli 2016 in Moskau. Bis heute halten sie Kontakt. (Quelle: NY Jennifer)

Wer w├Ąre besser geeignet, davon zu erz├Ąhlen, als Robert Tibbo, der kanadische Menschenrechtsanwalt, der Snowden 2013 in Hongkong geholfen hat? Das Gespr├Ąch wollen wir per Skype f├╝hren, doch zum vereinbarten Termin warten wir vergebens. Tibbo ist nicht erreichbar, weder per Mail noch telefonisch. Anderthalb Stunden sp├Ąter meldet er sich: die Zeitverschiebung, noch ein Klient. Wir verabreden einen weiteren Termin. Tibbo meldet sich, p├╝nktlich auf die Minute. Das Gespr├Ąch kann beginnen.

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t-online.de: Herr Tibbo, lassen Sie uns ├╝ber Edward Snowden reden, Ihren ber├╝hmten Klienten. Wie kamen Sie in Kontakt mit ihm?

Robert Tibbo: Am 10. Juni 2013, einem Montag, bekam ich morgens einen Anruf. Ich sprang aus dem Bett und war schon auf dem Weg zu ihm. So fing es an. Er brauchte sofortige Hilfe. Er war in Hongkong und musste seine n├Ąchsten Schritte planen. ├ťberall wimmelte es von Medienleuten, sagte er.

...was eine nette Untertreibung ist. Die Enth├╝llungen machten Snowden zum meist gesuchten Mann der USA. Er meldete sich aus dem Mira-Hotel bei Ihnen, nachdem er dort den Reportern der britischen Zeitung "The Guardian" ein Interview gegeben hatte. Darin erkl├Ąrte Snowden, wie Regierungen unter der Leitung der USA ein geheimes globales Netzwerk aufgebaut hatten, um das Internet zu ├╝berwachen.

Reichstag hinter der amerikanischen Botschaft in Berlin: US-Geheimdienste h├Ârten deutsche Einrichtungen ab.
Reichstag hinter der amerikanischen Botschaft in Berlin: US-Geheimdienste h├Ârten deutsche Einrichtungen ab. (Quelle: /imago-images-bilder)

Herr Snowden hatte sich entschieden, bestimmte Dokumente zu ver├Âffentlichen ÔÇô ├╝ber ungesetzliche Aktionen der USA, mit elektronischen Hilfsmitteln massenhaft Menschen zu ├╝berwachen. Er wusste, dass er deswegen juristisch verfolgt werden w├╝rde, sogar als Krimineller. Er musste wissen, welche Rechte er in Hongkong hatte. Und insbesondere, welche Rechte die USA in Hongkong haben.

Warum hat Snowden ausgerechnet Sie angerufen?

Ich bin bei den Fl├╝chtlingen und Asylsuchenden recht bekannt. Auch die NGOs, einige Journalisten, Universit├Ąten und die Anwaltsszene kannten meinen Kampf f├╝r die Menschenrechte. 2012 hatte ich hunderte von Asylsuchenden verteidigt, die gr├Â├čtenteils illegal im "Castle Peak Bay Immigration Center" festgehalten wurden. Das CIC ist eine Anstalt zur Inhaftierung von Zuwanderern, die auf ihre R├╝ckf├╝hrung oder Abschiebung warten. Auch Kellapatha Supun Thilina war dabei ÔÇô einer derjenigen, die Snowden sp├Ąter verstecken sollten. Er wurde dort eingesperrt, noch bevor er einen Asylantrag stellen konnte. Ich verteidigte ihn auf Pro-Bono-Basis und erreichte, dass er frei gelassen wurde. ├ťber ihn lernte ich andere Fl├╝chtlinge kennen, die in diesem Gulag illegal eingekerkert wurden. In den n├Ąchsten Wochen gelang es uns, hunderte Asylsuchende zu befreien. Mein Telefon h├Ârte buchst├Ąblich nicht mehr auf zu l├Ąuten. So wurde ich nach und nach Direktor von "Vision First", einer Nicht-Regierungs-Organisation, die Asylsuchenden hilft.

Was waren die Pl├Ąne von Snowden ÔÇô wohin wollte er nach den Interviews?

Herr Snowden hatte niemals geplant, nach Russland zu fliehen. Das ist ganz wesentlich. Am 10. Juni ging es Herrn Snowden um seine Rechte. Sie k├Ânnen das ├╝brigens im Film "Citizen Four" sehen. Dort gibt eine Szene, in der Herr Snowden zum Telefon greift, meine Stimme ist im Film zu h├Âren. Er wollte in erster Linie vermeiden, in die USA zur├╝ckgeschickt zu werden.

Und wie wollten Sie das erreichen?

Meine Idee war es, zum UNHCR zu gehen, dem Fl├╝chtlingshilfswerk der Vereinten Nationen. Das Hilfswerk hat ein B├╝ro in Hongkong. Dorthin brachte ich ihn, damit er Asyl beantragen konnte. Allein das bewahrte ihn schon davor, ausgeliefert zu werden.

Was dachten Sie, als Sie geh├Ârt haben, was Snowden getan hat?

Wenn Sie mich als Anwalt fragen: Die Spionageaktivit├Ąten, die Herr Snowden aufgedeckt hat, sind illegal und in einigen F├Ąllen sogar kriminell. Herr Snowden geriet in den gleichen Konflikt wie jeder Whistleblower. Es gibt ein ├Âffentliches Interesse, etwas ├╝ber solche illegalen Aktivit├Ąten zu erfahren. Aber es gibt auch ein ├Âffentliches Interesse, bestimmte Aktivit├Ąten der Regierung vertraulich zu behandeln. Bei Herrn Snowden ├╝berwog das Interesse an der Aufdeckung das an der Geheimhaltung bei weitem. Aus meiner Sicht hat er vielleicht das Recht in den USA verletzt. Aber kein einziges in Hongkong. Was er tat, war ein Akt des zivilen Ungehorsams. Die ├ľffentlichkeit hatte ein Recht, davon zu erfahren. Also tat er das Richtige.

Wie lautete die genaue Anklage gegen Snowden?

Viele glauben immer noch, dass er wegen Spionage angeklagt ist. Aber er wurde nur wegen Diebstahls in drei F├Ąllen angeklagt.

Komplex der National Security Agency, San Antonio, Texas: Snowdens Ex-Auftraggeber
Komplex der National Security Agency, San Antonio, Texas: Snowdens Ex-Auftraggeber (Quelle: /imago-images-bilder)

Neben Ihrer Ansicht als Anwalt: Hat er in Ihren Augen auch moralisch richtig gehandelt?

Als Privatmann glaube ich, dass er absolut das Richtige getan hat. Selbst in Europa wurden nach den Enth├╝llungen die Gesetze ge├Ąndert, wie weit B├╝rger ausspioniert werden d├╝rfen. In den Vereinigten Staaten hat er eine ernsthafte Debatte angesto├čen. Seine Enth├╝llungen haben beeinflusst, wie Regierungen sich verhalten und wie sie ihre Macht benutzen d├╝rfen.

Was glauben Sie, wie die Geschichte ihn beurteilen wird?

Ich bin ├╝berzeugt davon, dass die Geschichte Herrn Snowden sehr positiv beurteilen wird. Offensichtlich hat er Themen angesprochen, die wichtige politische Fragen betreffen. Und er hat das Richtige getan.

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Gehen wir zur├╝ck nach Hongkong, wo Snowden Ihre Hilfe suchte. Was war die gr├Â├čte Schwierigkeit?

Am Anfang war es das Wichtigste, dass er das Mira-Hotel verlassen konnte, ohne erkannt zu werden. Oder von den Medien oder Geheimdiensten verfolgt zu werden, weder in Hongkong noch in einem anderen Land. Ab dem Zeitpunkt, als er seinen Asylantrag gestellt hatte, wechselte die Priorit├Ąt zu der Frage, wo er bleiben sollte. Sein Aufenthaltsort und seine Kommunikation mussten geheim bleiben, eine sehr wichtige Pr├Ąmisse vom Anfang bis zum Ende. Hongkong hat eine Tradition in der Zusammenarbeit mit anderen Staaten ÔÇô und auch darin, Menschen in andere L├Ąnder auszuliefern.

Hongkonger Luxushotel "The Mira" im Juli 2016: Erster Station auf Snowdens Flucht.
Hongkonger Luxushotel "The Mira" im Juli 2016: Erster Station auf Snowdens Flucht. (Quelle: /imago-images-bilder)

War Hongkong denn eine gute Wahl? Wie ist Snowden dahin gekommen?

Auf den ersten Blick ist Hongkong eine freie Stadt mit wirksamen und g├╝ltigen Gesetzen. Das stimmt auch, aber diese verschwinden schnell, wenn es um Menschenrechte und die Behandlung von Minderheiten geht. Die Regierung hat Regelungen eingef├╝hrt, um die Rechte von Asylsuchenden beschneiden und sie an den Rand der Gesellschaft zu dr├Ąngen. Sie hat de facto eine Art Apartheit eingef├╝hrt, die so weit geht, dass das System 99,993 Prozent aller Asylantr├Ąge ablehnt. Nur 0,007 Prozent wurden seit 1992 akzeptiert. Das sind etwa 80 von 30.000 Antr├Ągen.

Herr Snowden hat seinen Antrag in Hongkong gestellt, da er die begr├╝ndete Bef├╝rchtung hatte, von der US-Regierung aufgrund seiner politischen Einstellung verfolgt zu werden. Damit war er in der gleichen Lage wie die meisten Fl├╝chtlinge in Hongkong. Aber durch seinen Antrag kam er in eine bessere Position.

Wie waren denn seine Chancen, anerkannt zu werden?

Die Regierung von Hongkong glaubt nicht, dass es tats├Ąchlich Asylsuchende oder Fl├╝chtlinge gibt. Die Regierung betrachtet alle, die Asyl- und Fl├╝chtlingsantr├Ąge stellen, als illegale Einwanderer. Selbst wenn es ihnen gelingt, einen Asylantrag zu stellen, h├Ąlt die Regierung sie nach wie vor f├╝r illegal.

So h├Ątte Herrn Snowden ein Auslieferungsverfahren bevorgestanden ÔÇô sobald die Regierung von Hongkong einen Haftbefehl gegen ihn erlassen h├Ątte, nachdem sie einen g├╝ltigen Antrag der USA erhalten h├Ątte - was nie der Fall war, da die US-Regierung einen zweiten falschen Vornamen f├╝r Herrn Snowden verwendet hat.

Wie die meisten Menschen auf der Welt war sich Herr Snowden nicht bewusst, dass es in Hongkong gravierende M├Ąngel in der Rechtsstaatlichkeit gibt und gab. Die Menschen werden von den Lichtern und dem Glitzern Hongkongs irregeleitet und sehen in der Regel nicht die M├Ąngel in Regierung und Justiz.

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Haben Sie daf├╝r ein Beispiel?

Hongkong hat als globaler Akteur mit enormem Reichtum bei der Behandlung der Schw├Ąchsten, zum Teil sch├Ąndlich und unrechtm├Ą├čig gehandelt. Trotz der Unterzeichnung der UN-Konvention ├╝ber die Rechte des Kindes beispielsweise hat die Regierung es abgelehnt, dass Kinder in Hongkong dadurch irgendwelche Rechte bekommen.

Hongkong, Victoria Harbour: Kein sicherer Hafen f├╝r Fl├╝chtlinge.
Hongkong, Victoria Harbour: Kein sicherer Hafen f├╝r Fl├╝chtlinge. (Quelle: Fraser Hall/imago-images-bilder)

Sie haben einige Klienten, die sehr schlechte Erfahrungen gemacht haben.

Ich vertrete fast 60 Fl├╝chtlinge, die Antr├Ąge auf einen Asyl- oder Fl├╝chtlingsstatus gestellt haben. Viele haben in ihren Heimatl├Ąndern schrecklich gelitten. Und alle haben unter der unmenschlichen und erniedrigenden Behandlung durch die Regierung und an der Missachtung durch die Hongkonger Gesellschaft gelitten.

Im Fall des Fl├╝chtlings Sami al-Saadi hat die Regierung von Hongkong die Regierung von Gro├čbritannien und den USA unterst├╝tzt, um Herrn Sami al-Saadi, seine Frau und seine Kinder auf dem Flughafen von Hongkong unrechtm├Ą├čig festzunehmen. Nachdem die Regierung von Hongkong den amerikanischen und britischen Beh├Ârden erlaubt hatte, Sami al-Saadi auf einen ├ťberf├╝hrungsflug nach Libyen zu schicken, wurde er gefoltert und get├Âtet. In den letzten Jahren hat die Regierung von Hongkong der chinesischen Polizei erlaubt, dass diese nach Hongkong kommt und Menschen festnimmt. Vor einem Jahr wurde der chinesische Milliard├Ąr Xiao Jian Hua aus dem ÔÇ×Four SeasonsÔÇť- Hotel in Hongkong geholt. Er wurde ├╝ber die Grenze in die Volksrepublik China gebracht und ist seitdem verschwunden.

Robert Tibbo im Juni 2016: In Hongkong mit dem Fl├╝chtling Supun Thilina Kellapatha.
Robert Tibbo im Juni 2016: In Hongkong mit dem Fl├╝chtling Supun Thilina Kellapatha. (Quelle: /imago-images-bilder)

Gibt es auch Angriffe auf die Fl├╝chtlinge, die Snowden versteckt hatten?

Die Regierung von Hongkong hat der Polizei von Sri Lanka erlaubt, nach Hongkong einzureisen, um die Fl├╝chtlingsfamilien zu verfolgen, die Herrn Snowden Schutz und Nahrung gegeben haben. Die Regierung von Hongkong und besonders die Einwanderungsbeh├Ârde und die Polizei haben nichts getan, um meine Klienten zu sch├╝tzen. Im Gegenteil, sie verz├Âgerten die Annahme von Beschwerden. Das best├Ątigt nur die Ansicht, die ich im Juni 2013 hatte, dass Herr Snowden in den Untergrund gebracht werden musste, wo ihn niemand entdecken konnte.

K├Ânnen Sie uns genauer sagen, wie Sie Herrn Snowden versteckt haben?

Ich habe meinem beauftragten Rechtsanwalt Jonathan Man geraten, dass wir Herrn Snowden in eine sichere und vertrauliche Umgebung bringen m├╝ssen. Wir brauchten f├╝r Herrn Snowden auch einen Ort, an dem es keine Kameras und keine ├ťberwachungskameras gibt. Ein Ort, an dem ihn niemand erwarten oder suchen w├╝rde. Es gab keine M├Âglichkeit f├╝r Herrn Snowden, in ein anderes Hotel gehen oder in eine gew├Âhnliche Wohnung, es h├Ątte gro├če Widerst├Ąnde gegeben, ihn dort unterzubringen.

Was waren die gr├Â├čten Probleme?

Die Menschen in Hongkong werden nerv├Âs, wenn sie im Rampenlicht stehen oder sich gegen die Regierung stellen. Die Fl├╝chtlinge dagegen verf├╝gen ├╝ber ein eigenes Unterst├╝tzungsnetzwerk. Sie bringen oft neu angekommene Asylsuchende in ihre H├Ąuser und helfen ihnen, weil es sehr schwierig ist, wenn man in Hongkong neu ankommt und zum ersten Mal Zuflucht sucht. Es war eine Art Rechnung, welche Standorte und welche Familien bereit w├Ąren, Herrn Snowden zu helfen.

Fl├╝chtlinge in Hongkong im Juli 2017: Sie versteckten Edward Snowden und stecken nach wie vor in der chinesischen Sonderwirtschaftszone fest.
Fl├╝chtlinge in Hongkong im Juli 2017: Sie versteckten Edward Snowden und stecken nach wie vor in der chinesischen Sonderwirtschaftszone fest. (Quelle: Jayne Russell/imago-images-bilder)

Sie hatten die Idee, Snowden bei Fl├╝chtlingen von den Philippinen und aus Sri Lanka zu verstecken?

Jonathan Man und ich kontaktierten Familien, die in der Vergangenheit schon Asylsuchende eingeladen hatten, um bei ihnen zu wohnen. Meine Berechnung war, dass niemand jemals denken w├╝rde, dass jemand mit Herrn Snowdens Status in einer Gemeinschaft leben w├╝rde, die die am st├Ąrksten marginalisierte und diskriminierte soziale Gruppe in Hongkong ist. Und es funktionierte tats├Ąchlich.

Sind diese Fl├╝chtlinge, die Snowden halfen, immer noch in Hongkong? Oder haben Sie das Land verlassen?

Sie sind immer noch in Hongkong, sie stecken immer noch fest. Sie befinden sich immer noch im "Fl├╝chtlings-Screening-Prozess". Der erste Teil dieses Prozesses ist das Screening durch den Direktor der Einwanderungsbeh├Ârde. Und dieser hat im Mai 2017 alle ihre Forderungen zur├╝ckgewiesen. Tats├Ąchlich hatte der Leiter der Einwanderungsbeh├Ârde gesagt, dass er nicht glaube, dass meine Klienten Herrn Snowden jemals getroffen haben. Das ist sehr ungew├Âhnlich.

Warum?

Die Regierung von Hongkong hat mich, meinen ausf├╝hrenden Anwalt und meine Klienten, die ÔÇ×Snowden RefugeesÔÇť, beschuldigt, L├╝gner zu sein. Dass wir nicht die Wahrheit sagen. So wurde allen F├Ąllen im Mai das Recht verwehrt, beim "Torture Claim Appeal Board" (TCAB) Berufung einzulegen, die leider ein Teil des Hongkong Sicherheitsb├╝ros ist, das von der Einwanderungsbeh├Ârde beaufsichtigt wird. Trotzdem reichte ich im Mai 2017 Berufungen ein und nun laufen diese Berufungsverfahren. Der philippinische Fl├╝chtling und seine Tochter wurden im November 2017 angeh├Ârt. Wir warten darauf, dass das TCAB ihre Entscheidungen bekanntgibt. Die anderen Fl├╝chtlingsfamilien werden ihre Berufungsverhandlung 2018 bekommen.

Gibt es eine realistische Chance, dass sie Hongkong verlassen k├Ânnen?

Es ist fast sicher, dass die Berufungsinstanz alle ihre Fl├╝chtlingsanspr├╝che ablehnen wird. Ich sage das, weil es seit 1992 ├╝ber 30.000 Fl├╝chtlingsantr├Ąge in Hongkong gibt. Und nur etwa 80 Antr├Ąge von 30.000 wurden angenommen.

Anwalt Robert Tibbo (links) mit den Fl├╝chtlingen ("Snowdens Schutzengeln") im Juli 2017 vor einem Anh├Ârungstermin.
Anwalt Robert Tibbo (links) mit den Fl├╝chtlingen ("Snowdens Schutzengeln") im Juli 2017 vor einem Anh├Ârungstermin. (Quelle: Jayne Russell/imago-images-bilder)

Und wie rechtfertigt Hongkong das?

Die Regierung von Hongkong glaubt nicht, dass eine Person gibt, die als Fl├╝chtling eingestuft werden muss. Alle Fl├╝chtlinge, die nach Hongkong kommen, gelten als illegale Einwanderer. Sie haben wenig mehr als null Prozent Aussicht auf Erfolg. Und selbst wenn sie erfolgreich sein sollten, so ist es ihre Politik, dass jeder erfolgreiche Asylbewerber immer noch als illegaler Einwanderer betrachtet wird.

Was passiert danach mit Ihren Klienten?

Sobald alle Forderungen abgelehnt sind, wird die Regierung von Hongkong meine Klienten mit ziemlicher Sicherheit festnehmen, die Kinder von den Eltern trennen und Vorbereitungen treffen, sie abzuschieben und sie in ihre Heimatl├Ąnder zur├╝ckschicken.

Liegt das daran, dass sie Snowden geholfen haben?

Als die Medien im September 2016 ver├Âffentlichten, dass diese Klienten Herrn Snowden Nahrung und Unterkunft zur Verf├╝gung gestellt hatten, bestand das Internationale Sozialamt darauf, meinen Kunden Fragen zu Herrn Snowden zu stellen. Als meine Kunden es ablehnten, Fragen zu beantworten, wurde die Hilfen gekappt.

Wie verdienen Ihre Mandanten ihren Lebensunterhalt?

Um zu ├╝berleben, ben├Âtigen sie finanzielle Unterst├╝tzung durch private Spenden. ├ťber die Nicht-Regierungs-Organisation "For The Refugees" k├Ânnen Spenden an die Familien geleitet werden. Jede Spende, egal wie gro├č oder klein, hilft ihnen.

Drei Kinder der Fl├╝chtlinge im Februar 2018 in Hongkong.
Drei Kinder der Fl├╝chtlinge im Februar 2018 in Hongkong. (Quelle: Jayne Russell/imago-images-bilder)

Zur├╝ck zu Snowden: Wohin wollte er von Hongkong aus?

Sein Plan war, nach Lateinamerika, nach Ecuador zu gehen. H├Ątte Herr Snowden tats├Ąchlich beabsichtigte, nach Russland zu reisen, h├Ątte er ein russisches Visum beantragen m├╝ssen. Sein Flug ging einfach nur ├╝ber Russland. Und als er Russland landete, sa├č er fest. Er war nicht in der Lage, weiterzureisen, er hatte keinen g├╝ltigen Reisepass mehr.

Er konnte nicht mehr weiterreisen, weil die US-Beh├Ârden seinen Reisepass f├╝r ung├╝ltig erkl├Ąrt haben. Gab es andere L├Ąnder, die ihm in dieser Situation geholfen haben?

Auf dem Moskauer Flughafen hat sich Herr Snowden an einen Anwalt in Moskau gewandt. Es war in dieser Zeit, wenn ich mich nicht irre, dass Mr. Snowden 21 Asylantr├Ąge in L├Ąndern rund um die Welt gestellt hat. Leider lehnte es jedes Land ab, ihm Asyl zu gew├Ąhren.

Er hat auch in Deutschland Asyl beantragt.

Ja, das ist richtig.

Fernseher im Transitbereich des Moskauer Flughafens im Juli 2013: Edward Snowden steckte hier fest, bis Putin ihm Asyl gew├Ąhrte.
Fernseher im Transitbereich des Moskauer Flughafens im Juli 2013: Edward Snowden steckte hier fest, bis Putin ihm Asyl gew├Ąhrte. (Quelle: Sergei Grits/ap-bilder)

K├Ânnen Sie die Rolle Deutschlands kommentieren?

Die Situation in Deutschland war kompliziert: Es gab verschiedene Politiker und politische Parteien, die sehr unterschiedliche Ansichten dar├╝ber hatten, was Herr Snowden getan hatte. Soweit mir bekannt ist, ist diese Angelegenheit an das Oberste Gericht in Deutschland gegangen, was die Frage betrifft, ob es Herrn Snowden erlaubt sein soll, nach Deutschland zu reisen, um ├╝ber die elektronische Massen├╝berwachung der Regierung auszusagen und in Deutschland zu bleiben, ohne ein Risiko einzugehen, dass er festgenommen oder wegen irgendwelcher Verbrechen angeklagt oder ausgeliefert wird.

K├Ânnen Sie uns etwas ├╝ber die Verfassung von Snowden sagen? Wie geht es ihm?

Herrn Snowden geht es gut. Er ist sehr besch├Ąftigt mit seiner Aufgabe als Direktor der "Freedom of the Press Foundation" und mit der Fortf├╝hrung seiner Vortr├Ąge. Er hat bedeutende Enth├╝llungen gemacht, die noch immer Auswirkungen haben. Es gibt eine laufende Diskussion, die nicht so bald enden wird. Herr Snowden ist eine einzigartige Stimme, wenn es um die Themen Privatsph├Ąre und Missbrauch durch die Regierung geht. F├╝r das 21. Jahrhundert ist er meines Erachtens die bedeutendste Stimme in diesen Fragen.

Was glauben Sie: Kann er Russland wieder verlassen - oder sogar in die USA heimkehren?

Ich bin sicher, dass er eines Tages Russland verlassen wird. Er w├╝rde gerne zur├╝ck in seine Heimat, wo seine Familie lebt. Aber das ist eine Frage der Zeit und der Umst├Ąnde. Politisch ist es in den USA noch nicht die richtige Zeit.

Wie h├Ąufig haben Sie heute Kontakt zu Snowden?

Ich spreche immer mit ihm, wenn es einen Anlass daf├╝r gibt. Manchmal telefonieren wir, manchmal skypen wir, manchmal fahre ich auch pers├Ânlich zu ihm...

Whistleblower Edward Snowden im Mai 2017 in Moskau: "Er hat das absolut Richtige getan".
Whistleblower Edward Snowden im Mai 2017 in Moskau: "Er hat das absolut Richtige getan". (Quelle: /imago-images-bilder)

Nach all den Jahren: Ist er mittlerweile mehr als ein Klient f├╝r Sie?

Er ist ein Klient. In mancher Hinsicht nicht anders als die anderen Klienten, die ich als Anwalt genauso betreue wie ihn. Aber nat├╝rlich ist er in anderer Hinsicht besonders: Er hat etwas Au├čergew├Âhnliches getan. Ohne Zweifel ist er der bedeutendste Whistleblower des 21. Jahrhunderts. Die speziellen Umst├Ąnde erfordern enorme Aufmerksamkeit und F├╝rsorge. Er ist keiner dieser F├Ąlle, die beginnen und enden und das war's dann. Es gibt immer neue Herausforderungen.

Wird es weitere Enth├╝llungen von ihm geben? Oder hat er alles ver├Âffentlicht, was er hat?

Nur ein kleiner Teil der Daten ist bisher ver├Âffentlicht worden. Herr Snowden hat sehr klar gesagt, dass er alles, was er hatte, bestimmten Journalisten ├╝bergeben hat. Ich pers├Ânlich glaube, da k├Ânnten noch einige Enth├╝llungen folgen. Aber die Wichtigsten wurden bereits gemacht.

Glauben Sie, dass sein Beispiel andere Whistleblower ermutigt - mit allen positiven und negativen Folgen?

Ich hoffe es. Es gab eine ganze Serie von Untersuchungen der UN wegen "Counter-Terrorismus" und Verletzungen der Menschenrechte. Ich hoffe, wann immer sich Regierungen kriminell verhalten, das ist mutige B├╝rger gibt, die nach vorne treten, um die in meinen Augen notwendigen Enth├╝llungen zu machen. Daran besteht ein gro├čes ├Âffentliches Interesse.

Video-Interview mit Robert Tibbo: R├╝diger Schmitz-Normann und Helge Denker (rechts) von t-online.de.
Video-Interview mit Robert Tibbo: R├╝diger Schmitz-Normann und Helge Denker (rechts) von t-online.de. (Quelle: Lina Friedrich/T-Online-bilder)

Trotz des hohen Preises, den sie f├╝r ihre Ver├Âffentlichungen bezahlen m├╝ssen?

Das stimmt. Als Whistleblower muss man heute immer damit rechnen, hart bestraft zu werden. In einigen L├Ąndern werden Whistleblower ermordet - zum Beispiel auf den Philippinen. In anderen L├Ąndern gibt es schlicht keine Ansprechpartner f├╝r Whistleblower. Wenn dort jemand eine Enth├╝llung machen will, findet er niemanden, der seine Enth├╝llungen ver├Âffentlicht.

Herr Tibbo, Vielen Dank f├╝r das Interview.

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