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China: Die schwierige Suche nach der Corona-Wahrheit über die Pandemie

WHO-Experten in China  

Die schwierige Suche nach der Wahrheit über Corona

Von Maximilian Kalkhof

15.01.2021, 16:33 Uhr
China: Die schwierige Suche nach der Corona-Wahrheit über die Pandemie. Ein Covid-19-Testlabor in China: Ein Expertenteam soll in China die Frage klären, woher das Virus stammt.  (Quelle: VCG)

Ein Covid-19-Testlabor in China: Ein Expertenteam soll in China die Frage klären, woher das Virus stammt. (Quelle: VCG)

Woher stammt das Coronavirus? Experten der WHO sind nach China gereist, um die Wahrheit zu ermitteln. Ob die Welt sie jemals erfahren wird, haben sie dabei nicht komplett in der Hand. 

Die Bundeskanzlerin wählte drastische Worte. Die Corona-Krise sei die größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg, sagte Angela Merkel im vergangenen März in einer Fernsehansprache. Nur wenige Tage später pflichtete ihr António Guterres bei. Auch der Generalsekretär der Vereinten Nationen bewertete die Seuche als die größte Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Sie werde zu einer Rezession führen, die in der jüngsten Geschichte wahrscheinlich keine Parallele habe, sagte der Portugiese.

Was im vergangenen Jahr vielleicht noch wie ein Kassandraruf anmutete, ist heute Realität: Die Corona-Pandemie ist eine Zäsur geworden, ein epochales Ereignis. Sie hat die globale Wirtschaftsleistung einbrechen lassen, Millionen Menschen in die Armut gestürzt und demokratische Gemeinwesen einem Stresstest unterzogen. Man wird sich in Zukunft wohl an eine Zeit vor der Pandemie erinnern – und an eine Zeit danach.

Eine simple Frage

Vor diesem Hintergrund geht es bei den Ermittlungen einer Expertengruppe der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in China wohl um nicht weniger als die Frage des Jahrzehnts, vielleicht sogar um die Frage des Jahrhunderts.

Woher kommt das Virus?

So simpel und doch so kompliziert ist die Frage, auf die die Experten der WHO eine Antwort finden sollen. Von der Antwort hängt ab, ob und wie zukünftige Seuchenausbrüche verhindert und eingedämmt werden können. Doch Beobachter warnen vor zu viel Hoffnung. Sie befürchten, dass die Experten mit leeren Händen zurückkommen könnten – und die Welt noch lange im Dunkeln tappen wird.

Die WHO verhandelt schon seit Monaten mit Peking über die Expertenmission. Im Mai beschlossen alle 194 Mitgliedstaaten der Organisation eine unabhängige Untersuchung des Virusursprungs. Auch China stimmte zu. Doch die Verhandlungen über die Modalitäten der Mission gingen nur schleppend voran. Der chinesischen Seite wurde das Recht eingeräumt, jedes einzelne Mitglied des zehnköpfigen Teams abzusegnen.

Im Januar stoppte China die WHO

Eigentlich sollte die Mission bereits Anfang Januar beginnen. Doch Peking stoppte die Einreise in letzter Minute – nachdem einige Experten schon aufgebrochen waren. Man müsse noch Schwierigkeiten überwinden, um interne Vorbereitungen voranzubringen, erklärte eine Sprecherin des chinesischen Außenministeriums in nebulöser Manier. Was genau das bedeutete, blieb unklar.

Einer der zehn WHO-Experten ist Fabian Leendertz. Der einzige Deutsche des Teams arbeitet am Robert Koch-Institut (RKI) und ist auf Zoonosen spezialisiert, also auf Infektionskrankheiten, die von Tieren auf Menschen übertragbar sind. Das RKI schlug ihn für die Expertenmission vor. Eigentlich sollte Leendertz am Donnerstag in China eintreffen. Aber aus familiären Gründen sagte er die Reise ab.

Leendertz warnt vor übertriebenen Erwartungen an das WHO-Team. Die Experten müssen nach ihrer Ankunft zwei Wochen lang in Quarantäne. Anschließend bleiben bis zum Beginn des Neujahrsfests im Februar, zu dem in China praktisch alles zum Stillstand kommt, nur rund zwei Wochen. Das sei wohl genug, um zwei, drei Orte zu besuchen, sagt Leendertz: "Aber viel mehr wird nicht drin sein."

Ausgangspunkt Wuhan

Wie die WHO auf Anfrage bestätigt, wird die Expertenmission in Wuhan beginnen. In der zentralchinesischen Stadt traten Ende 2019 auf einem Markt die ersten Infektionsfälle gehäuft auf. Die Waren des Marktes wurden aber bereits Anfang des vergangenen Jahres von den Lokalbehörden zerstört. Wie viel davon noch von chinesischen Wissenschaftlern untersucht wurde, ist nicht bekannt. Das heißt: Womöglich wurde bereits die Chance verpasst, wichtige Indizien zum Ursprung des Virus zu sichern.

Doch welche weiteren Orte die WHO-Experten besuchen werden, scheint unklar zu sein. Auf der Wunschliste der Experten steht laut RKI-Experte Leendertz auch das Wuhan Institute of Virology (WIV), ein Labor, in dem an Coronaviren geforscht wird. Nach Angaben amerikanischer Geheimdienste kann nicht ausgeschlossen werden, dass das Virus bei einem Unfall aus dem WIV entwichen ist. China bestreitet das. Aber eine Bestätigung dafür, dass das Labor besucht werden darf, liegt nicht vor, sagt Leendertz. "Welche Orte besucht werden und in welcher Reihenfolge, ist zumindest mir nicht bekannt", sagt der Deutsche. Eine Anfrage nach dem Zeitplan und der Reiseroute des Expertenteams ließ die WHO unbeantwortet.

Es sei durchaus möglich, dass das WHO-Team ohne konkrete Ergebnisse zurückkommen werde, sagt Leendertz. Allerdings betont der Experte, dass man bei der ersten China-Mission auch nichts anderes erwarten könne. Die WHO hat einen Plan erstellt, der langfristige und aufeinander aufbauende Forschung vorsieht. Nach diesem Plan könne es auch zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal zu einer China-Reise eines WHO-Teams kommen, sagt Leendertz. Dem RKI-Experten ist die Bedeutung der Mission für die Öffentlichkeit klar: "Je mehr Ergebnisse wir liefern können, desto weniger Raum bleibt für Spekulation."

Keine großen Hoffnungen

Auch François Godement macht sich so gut wie keine Hoffnung auf neue Erkenntnisse. Der Franzose arbeitet als China-Experte an dem Pariser Thinktank Institut Montaigne. Godement warf der WHO im vergangenen Jahr in einem Blog-Beitrag "vorauseilende Unterwerfung" gegenüber China vor. 

"Ich habe sehr geringe Erwartungen an die WHO-Mission", sagt Godement. Zum einen liegt das daran, dass es objektiv schwierig ist, den Ursprung einer Seuche herauszufinden. Aber zum anderen liegt es an der Volksrepublik.

Der gut vernetzte Experte hat gehört, dass die Einreise der WHO-Experten in der vergangenen Woche daran gescheitert sei, dass das Team einen Kameramann aus der Presseabteilung nach China mitnehmen wollte. Peking habe das kategorisch abgelehnt. "Sollte das wahr sein", sagt Godement, "zeigt das, dass Peking fest entschlossen ist, jedes Medienprodukt zu kontrollieren, das diese WHO-Mission zutage bringt."

China hat eigene Theorien zum Ursprung

Die chinesischen Behörden haben in den vergangenen Wochen keinen Zweifel daran gelassen, was sie über den Ursprung des Virus denken. Chinas Außenminister Wang Yi erklärte im Januar in einem Interview, dass immer mehr Forschungsergebnisse daraufhin deuteten, dass die Pandemie durch voneinander unabhängige Ausbrüche an verschiedenen Orten in der Welt ausgelöst worden sei. Details lieferte er nicht.

Im März des vergangenen Jahres behauptete ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums ohne jeglichen Beleg, dass es die US-Armee gewesen sein könne, die das Coronavirus nach Wuhan gebracht habe. Und erst im Dezember rissen chinesische Parteimedien einen Auftritt von Alexander Kekulé in der Talkshow von Markus Lanz aus dem Kontext – und nutzten Aussagen des Virologen als angeblichen Beleg dafür, dass die Pandemie ihren Ursprung gar nicht in Wuhan habe.

Doch Peking versucht nicht nur mit Desinformation das Narrativ zu verbreiten, dass das Virus gar nicht aus China stammt. Die chinesischen Behörden verhindern Recherchen nach dem Ursprung des Virus auch ganz handfest. Im Dezember reiste ein Team der britischen BBC nach Yunnan. In der südchinesischen Provinz leben Fledermäuse, die eine Vielzahl von Coronaviren in sich tragen. Chinesische Wissenschaftler, unter anderem Forscher des WIV, haben bei diesen Fledermäusen in den vergangenen Jahren in großen Mengen Proben entnommen, um die Viren zu untersuchen.

Die BBC wollte der Verbindung zwischen Yunnan und Wuhan nachgehen – und der Hypothese, nach der das Coronavirus bei einem Unfall aus dem Labor in Wuhan entwichen ist. Doch die britischen Journalisten kamen nicht weit. Sie wurden permanent verfolgt. Zudem versperrten ihnen immer wieder Autos den Weg. Schließlich gab das Team den Recherche-Trip auf – nachdem es über eine Stunde lang in einem Feld eingekesselt gewesen war.

Verwendete Quellen:

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