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Putins blutiger Schatten

  • Marianne Max
Von Marianne Max

Aktualisiert am 02.04.2022Lesedauer: 6 Min.
Wladimir Putin, PrÀsident von Russland (l.) und Ramsan Kadyrow, Oberhaupt Tschetscheniens: Er wird auch "Putins Bluthund" genannt.
Wladimir Putin, PrĂ€sident von Russland (l.) und Ramsan Kadyrow, Oberhaupt Tschetscheniens: Er wird auch "Putins Bluthund" genannt. (Quelle: Bilder: ITAR TASS/ Grafik: Heike Aßmann/imago-images-bilder)
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Im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine schaut alle Welt auf Wladimir Putin. Doch hinter dem Kremlchef steht ein prominenter Handlanger, der ihm treu ergeben ist – und behauptet, er wolle mit seiner eigenen Armee Kiew stĂŒrmen.

Ein Mann nimmt in der russischen Kriegspropaganda in den vergangenen Wochen eine immer grĂ¶ĂŸere Rolle ein. In Videobotschaften, die angeblich aus dem Kriegsgebiet stammen sollen, verbreitet er fast wortgleich die Positionen von Wladimir Putin. Internationale Medien tauften ihn den "Bluthund" des russischen PrĂ€sidenten. Die Rede ist vom tschetschenischen Machthaber Ramsan Kadyrow.

Wer ist der Mann, der Putin so die Treue hÀlt?

Oberhaupt durch Putins Gnaden

Ramsan Kadyrow ist das Regierungsoberhaupt der russischen Teilrepublik Tschetschenien. Schon sein Vater Achmat wurde von Putin zum Oberhaupt Tschetscheniens ernannt – als Belohnung dafĂŒr, dass er seiner Armee im zweiten Tschetschenienkrieg 1999 den RĂŒcken kehrte und stattdessen auf russischer Seite kĂ€mpfte. In dem zehnjĂ€hrigen Krieg, der viele Opfer unter der Zivilbevölkerung forderte, eroberte er die bis dahin als unabhĂ€ngig geltende Region.

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Fahnen mit einem PortrÀt des ehemaligen tschetschenischen Machthabers Achmat Kadyrow: Ramsan Kadyrow folgte seinem Vater in das Amt.
Fahnen mit einem PortrÀt des ehemaligen tschetschenischen Machthabers Achmat Kadyrow: Ramsan Kadyrow folgte seinem Vater in das Amt. (Quelle: ZUMA/imago-images-bilder)

Als Dank brachte Wladimir Putin Achmat Kadyrow an die Macht, bis er 2004 von islamistischen Rebellen ermordet wurde. Offiziell nahm Alu Alchanow dann das Amt des PrĂ€sidenten ein. Inoffiziell aber hielt lĂ€ngst Kadyrows Sohn Ramsan die FĂ€den in der Hand. 2007, im Alter von 30 Jahren, trat er auch offiziell in die Fußstapfen seines Vaters. 2021 fuhr er angeblich ein Wahlergebnis von 99,6 Prozent ein. Menschenrechtler kritisieren jedoch, dass es in Tschetschenien schon lange keine legitimen und freien Wahlen mehr gebe.

Prunk und Protz durch eigene Stiftung

Abseits der Wahlmanipulation schreckt Kadyrow offenbar auch vor weiteren Verbrechen nicht zurĂŒck: Der Verdacht lautet, Kadyrow finanziere seinen ausladenden Lebensstil durch Korruption. Der 45-JĂ€hrige Vater von insgesamt 12 Kindern soll mit zwei Frauen gleichzeitig eine Beziehung haben. Jeder von Ihnen soll er einen Palast in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny gebaut haben, ein dritter dient ihm laut Medienberichten als Regierungssitz.

Inselgruppe in Dubai: Auf dem Ă€ußeren Kreis soll sich Kadyrows Villa befinden.
Inselgruppe in Dubai: Auf dem Ă€ußeren Kreis soll sich Kadyrows Villa befinden. (Quelle: agefotostock/imago-images-bilder)

Doch nicht nur in Grosny soll Kadyrow herrschaftlich leben. Mit seinem 80-Millionen-Dollar teurem Airbus soll er auch regelmĂ€ĂŸig in die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) fliegen, berichtet die "Ukrainska Pravda". Bilder in den sozialen Medien belegen das. Demnach besitze er eine Villa in Dubai – auf der berĂŒhmten Inselgruppen Palm Islands. Woher Kadyrow das Geld habe, fragte eine Journalistin 2011. "Allah gibt. Ich weiß es nicht", antwortete dieser.

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Die Wahrheit aber liegt wohl woanders: Wie das Investigativteam "Projek" sowie das MBCh-Media-Portal herausfanden, seien die BĂŒrger Tschetscheniens zu Zwangsabgaben an das Achmat-Kadyrow-Stiftung verpflichtet. Mit umgerechnet 70 Millionen Euro war sie 2019 die wohlhabendste in Russland.

Kadyrows "verschwundene" Kritiker

Handfeste Beweise fĂŒr die Korruption fehlen bislang. Denn Kritiker, Oppositionelle oder Journalisten, die Kadyrow in den Weg kommen, haben um ihr Leben zu fĂŒrchten. Drei Beispiele:

â–ș Januar 2022: Sarema Musajewa wird von SicherheitskrĂ€ften gewaltsam aus ihrer Wohnung in Nishni Nowgorod entfĂŒhrt und in die tschetschenische Hauptstadt Grosny gebracht, das berichtet die BBC. Dort wird sie wegen angeblichen Betruges inhaftiert. Auf dem regimekritischen Telegram-Kanal "1ADAT" heißt es am Mittwoch, Musajewa befinde sich derzeit im Krankenhaus, da sich ihre Gesundheit in Gefangenschaft massiv verschlechtert habe. UnabhĂ€ngig prĂŒfen lĂ€sst sich diese Angabe nicht.

Musajewa ist Mutter des tschetschenischen Regimekritikers Abubakar Yangulbaev. Dieser lebt mittlerweile im Ausland und hatte der BBC nur einen Monat zuvor davon berichtet, dass Dutzende seiner tschetschenischen Verwandten verschwunden seien. Er wird von Kadyrow zusammen mit seinem Bruder Ibrahim Yangulbaev fĂŒr die GrĂŒndung von "1ADAT" verantwortlich gemacht. Auf Telegram erklĂ€rte das Staatsoberhaupt zu Beginn des Jahres, auf "die Sippe" warte "entweder GefĂ€ngnis oder ein Platz unter der Erde". Yangulbaev nimmt die Drohung ernst – und Ă€ußerte gegenĂŒber der BBC die Vermutung, dass Kadyrow die Familie mit der Festnahme seiner Mutter wieder nach Tschetschenien locken wolle.

Auf "1ADAT" werden seit MĂ€rz 2020 regelmĂ€ĂŸig Informationen ĂŒber Menschenrechtsverletzungen des Kadyrow-Regimes veröffentlicht. Darunter EntfĂŒhrungen, Folter oder rechtswidrige Inhaftierungen, aber auch Satireskizzen ĂŒber Beamte. Mittlerweile lesen 42.000 Nutzer die Nachrichten der anonymen Moderatoren, die sich als "KĂ€mpfer gegen das Regime von Ramsan Kadyrow" bezeichnen.

â–ș September 2020: Der "1ADAT"-Moderator Salman Tepsurkaev "verschwindet". Einen Tag spĂ€ter taucht ein Video in den sozialen Medien auf, das zeigt, wie der 19-JĂ€hrige dazu gezwungen wird, sich selbst sexualisierte Gewalt zuzufĂŒgen. In einem zweiten Video erklĂ€rt er, seine regimekritischen Aussagen zu bereuen. Wie die Menschenrechtsorganisation "Amnesty International" in ihrem Russlandbericht 2021 mitteilt, fehlt von Tepsurkaev seitdem jede Spur.

Gedenkort fĂŒr Anna Politkowskaja, ermordete Investigativjournalistin: Sie wurde vor ihrem Haus erschossen.
Gedenkort fĂŒr Anna Politkowskaja, ermordete Investigativjournalistin: Sie wurde vor ihrem Haus erschossen. (Quelle: Peter Kovalev/ITAR TASS/imago-images-bilder)

â–ș Oktober 2006: Anna Politkowskaja wird vor ihrem Haus in Moskau erschossen. Die kremlkritische Journalistin der russischen Zeitung "Nowaja Gaseta" hatte sich mit Berichten ĂŒber schwerste Menschenrechtsverbrechen in Tschetschenien Feinde gemacht. Erst Jahre spĂ€ter wurden fĂŒnf Tschetschenen verurteilt. Wer den Auftrag gab, ist unbekannt.

Morde und "Ehrenmorde" an LGBTQ+

Nicht nur gegen Kritiker geht Kadyrow vor: Auch Teile der Zivilbevölkerung Tschetscheniens mĂŒssen ihren Machthaber fĂŒrchten – etwa Mitglieder der LGBTQ+-Community oder Menschen, die von der Polizei fĂŒr solche gehalten werden, und ihre Familien. Immer wieder lĂ€sst Kadyrow LGBTQ+ verfolgen, festnehmen oder sogar töten.

Die Organisation fĂŒr Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE) gab 2018 bekannt, dass es dafĂŒr "ĂŒberwĂ€ltigende Beweise" gebe. Teilweise soll Kadyrow die Betroffenen sogar persönlich gefoltert haben, berichtet das European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR). Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International dokumentierte 2019 eine Verfolgungswelle von LGBTQ+, infolge derer mindestens zwei Menschen in einem GeheimgefĂ€ngnis in Argun zu Tode gefoltert worden sein sollen. Dutzende weitere wurden demnach misshandelt.

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Veronika Lapina, Leiterin der Nordkaukasus-Abteilung der NGO "Russian LGBT Network", berichtete der "Tagesschau" von FÀllen, in denen die tschetschenische Polizei die Familie der Betreffenden so lange bedroht habe, dass diese "Ehrenmorde" an ihren homosexuellen Angehörigen begingen.

Der Kreml, der die LGBTQ+-Community ebenfalls diskriminiert, verfolgte die Berichte trotz internationalen Drucks nicht.

Der "Bluthund" und sein "Herrchen"

Warum setzt Kadyrow so viel Gewalt ein? Die Politikwissenschaftlerin Miriam Katharina Heß von der Deutschen Gesellschaft fĂŒr AuswĂ€rtige Politik sieht darin den einzigen Weg fĂŒr "Putins Bluthund", sich an der Spitze Tschetscheniens zu halten. "Seine einzige 'Machtlegitimation' ist die UnterstĂŒtzung aus Moskau. Das erklĂ€rt auch seine LoyalitĂ€t Putin persönlich gegenĂŒber, denn letztendlich verdankt er seine politische Position nur ihm", sagt Heß zu t-online. Loyal ist umgekehrt aber auch der Kremlchef: Er schweigt, wenn die internationale Gemeinschaft von ihm verlangt, Rechenschaft fĂŒr Kadyrows Bluttaten abzulegen.

Russlands PrÀsident Wladimir Putin: Er wird von Kadyrow als "Oberbefehlshaber" bezeichnet.
Russlands PrÀsident Wladimir Putin: Er wird von Kadyrow als "Oberbefehlshaber" bezeichnet. (Quelle: Kremlin Pool/imago-images-bilder)

Warum, zeigt sich besonders im Ukraine-Krieg: Auf seinem Telegram-Kanal mit rund 1,5 Millionen Followern sichert Kadyrow seinem "Oberbefehlshaber" Wladimir Putin uneingeschrĂ€nkte UnterstĂŒtzung zu. Seine Armee, so der Tschetschene, stĂŒnde bereit, um Kiew einzunehmen. "Damit inszeniert er sich erfolgreich als 'Bluthund' Putins, der, sobald sein 'Herrchen' den Befehl gibt, zum Angriff bereit ist", sagt Politikwissenschaftlerin Heß.

Kadyrows "Social-Media-Armee"

Gleichzeitig bediene Kadyrow auf seinem Kanal das Narrativ des "unerschrockenen, religiösen und warmherzigen Kriegshelden": Mit Propagandavideos, die AufmÀrsche seiner Armee in Tschetschenien und angebliche Kriegshandlungen in der Ukraine zeigen, unterhÀlt er seine Follower. Meist sind die Inhalte unterlegt mit traditionellem islamischem Gesang. Darunter mischen sich Aufnahmen, die Kadyrow beim Beten in einer Moschee zeigen oder bei einem Besuch in einem Krankenhaus.

Kadyrow, der sich selbst als Muslim und AnhĂ€nger des sunnitischen Sufismus bezeichnet, inszeniert so seinen Glauben und versucht die ĂŒberwiegend muslimisch geprĂ€gte tschetschenische Bevölkerung damit zu erreichen. Doch auch Putin nĂŒtzt diese Inszenierung: Er schĂŒtzt sich so vor der Gefahr, dass sich die arabische Welt gegen ihn wendet, erklĂ€rt Heß. Durch den Islam, den Kadyrow in seiner Propaganda inszeniert, könne an dieser Stelle eine Art Verbindung geschaffen werden, die Putin nicht leisten könne.

Truppen stehen in einer Linie vor Ramsan Kadyrow: Er inszeniert sich in den Sozialen Medien als Putins "Bluthund".
Truppen stehen in einer Linie vor Ramsan Kadyrow: Er inszeniert sich in den Sozialen Medien als Putins "Bluthund". (Quelle: Yelena Afonina/imago-images-bilder)

Wie groß seine Bedeutung im Ukraine-Krieg abseits davon ist, wird von MilitĂ€rbeobachtern jedoch angezweifelt. So behauptete Kadyrow erst Mitte MĂ€rz, dass er sich in Kiew befĂ€nde, doch Recherchen der "Ukrainska Pravda" widerlegten diese Behauptung anhand seiner Telefondaten.

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Auch wie viele seiner 70.000 tschetschenischen KĂ€mpfer sich tatsĂ€chlich in der Ukraine befinden, ist unklar. MilitĂ€rexperte Gustav Gressel schĂ€tzte die Zahl in einem Interview mit t-online auf mehrere Tausend. Ihr Einfluss ist aber zweifelhaft. So habe man bislang keine Schlachten gesehen, an denen sie beteiligt waren, sagte MilitĂ€rexperte Ruslan Lewiew der "Bild". Im Gegenteil habe man einige der Videos schnell als FĂ€lschung entlarvt. Wenn die tschetschenischen Krieger kĂ€mpfen, so Lewiew, dann sei nie klar, wohin sie schießen. "Man sieht nie einen Gegner in der NĂ€he. Sie werden auf keinem Video, das Ramzan Kadyrow selbst gepostet hat, einen Feind sehen".

Tschetschenien als psychologische Kriegstaktik

Dennoch kommen die tschetschenischen Krieger Putin gerade recht – denn ihnen eilt ihr brutaler Ruf noch aus den Tschetschenienkriegen voraus, so Kaukasus-Experte Jean-François Ratelle gegenĂŒber "Foreign Policy": "Es geht darum, die Menschen glauben zu machen, dass das, was in Tschetschenien passiert ist, auch in der Ukraine passieren wird – dass sie unter der Zivilbevölkerung randalieren, plĂŒndern, vergewaltigen und töten werden."

Auch Kadyrow bedient sich dieses Motivs, wenn er auf seinem Telegram-Kanal davon spricht, dass die ukrainische Bevölkerung "nach dem Beispiel des tschetschenischen Volkes" entscheiden und den gleichen Weg wie sein Vater "der Held Russlands Achmat-Khadzhi Kadyrov" gehen und Teil Russlands werden solle. Noch heute erinnert Kadyrow an ihn – mit dem Schlachtruf der tschetschenischen Armee "Akhmat Sila!" (zu Deutsch: StĂ€rke Achmat).

Neben dieser psychologischen KriegsfĂŒhrung, die mit der Angst der Zivilbevölkerung vor den Tschetschenen spielt, sieht Politikwissenschaftlerin Heß in Kadyrow fĂŒr Putin ein "wichtiges Instrument – zur 'Befriedung' des Nordkaukasus und, zum Aufbau von möglichen Allianzen mit islamischen LĂ€ndern – vor allem im arabischen Raum". Kadyrow sei ein absolut treuer Fußsoldat, der nur Putin gegenĂŒber absolut loyal sei, sagt Heß. Deshalb sei Kadyrow zu Beginn der Woche offenbar befördert worden. Mehr dazu lesen Sie hier. Seine Rolle könnte in Zukunft also noch grĂ¶ĂŸer werden.

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