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Michail Gorbatschow: Der Mann, der das "Reich des Bösen" stürzte


Der Mann, der das "Reich des Bösen" stürzte

  • Marc von Lüpke-Schwarz
Ein Nachruf von Marc von Lüpke

Aktualisiert am 31.08.2022Lesedauer: 7 Min.
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Michail Gorbatschow: In Deutschland galt er als Held. Doch seine prorussische Einstellung sorgte für Aufsehen. (Quelle: t-online)
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1985 trat Michail Gorbatschow an, den Kommunismus zu reformieren. Und scheiterte. In Deutschland wurde "Gorbi" gefeiert, in Russland hingegen verachtet.

Bleierne Jahre hatte die Sowjetunion hinter sich, beherrscht von greisen, welken Männern. Dann geschah das Ungewöhnliche. Ein "junger" Mann von 54 Jahren wurde am 11. März 1985 Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei. Michail Sergejewitsch Gorbatschow lautete sein Name. Nur wenigen der fast 300 Millionen Sowjetbürgern war er bekannt. Dies änderte sich.

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Gorbatschow pflegte einen anderen Stil als seine Vorgänger: In der Öffentlichkeit erlaubte sich der neue Kremlchef bisweilen ein Lächeln. Eine Sensation. Ein Wunder auch, dass Gorbatschow, dessen Feuermal auf der Stirn zu seinem Markenzeichen wurde, Sinn für Humor aufbrachte. Denn die atomare Supermacht stand vor dem Kollaps. Die Planwirtschaft versagte, die USA rüsteten die Sowjetunion derweil zu Tode. Viele Sowjetbürger griffen zum Wodka, um die Realität erträglicher zu gestalten.

Sein Plan: Die Sowjetunion reformieren

Doch Gorbatschow hatte einen Plan. "Glasnost" und "Perestroika", zu Deutsch "Offenheit" und "Umstrukturierung" sollten die Sowjetunion reformieren: "Wir wollen Offenheit in allen öffentlichen Angelegenheiten und in allen Bereichen des Lebens."

Wer war dieser Mann, der sich zutraute, die marode Sowjetunion zu retten? Der den Kalten Krieg beendete und die deutsche Einheit ermöglichte, während ihm viele seiner Landsleute bis zuletzt Verachtung entgegenbrachten? Geboren wurde Michail Gorbatschow am 2. März 1931 im nordkaukasischen Örtchen Priwolnoje. Tiefste Provinz. Sein Vater war Bauer, er wurde Mechaniker für Mähdrescher. Gorbatschow zeigte Ehrgeiz, wollte etwas erreichen.

Bestes Mittel dazu: Eine Karriere in der Partei. "Ehrlichen Herzens" sei er beigetreten, bekundete Gorbatschow später. 1950 kam der junge Mann in Moskau an. An der Lomonossow-Universität studierte er Jura, privat fand er sein Glück: Raissa Maximowna Titarenko, eine Studentin der Philosophie. 1953 heiratete das Paar, bekam später eine Tochter. Nach dem Abschluss des Studiums wurde Gorbatschow in die gerade erst überwundene Provinz zurückbeordert.


Gorbatschows Leben in Bildern

Der sozialistische Bruderkuss: Michail Gorbatschow und der DDR-Staatsratsvorsitzende Erich Honecker am 6. Oktober 1989 in Berlin.
Start als Mechaniker für Mähmaschinen: Michail Gorbatschow wurde am 2. März 1931 in Priwolnoje im Nordkaukasus geboren, sein Vater ist Bauer.
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Aufstieg im Kurort des Politbüros

Nach Stawropol ging es, nicht weit von Priwolnoje. Doch Gorbatschow ließ sich nicht unterkriegen, machte Karriere in der lokalen Partei. Stawropol war abgelegen, aber bekannt. In den dortigen Heilbädern suchte die sieche Parteispitze Linderung für ihre Zipperlein. Gorbatschow lernte die Elite so näher kennen: Ministerpräsident Alexei Kossygin? Entpuppte sich als begabter Tänzer. KGB-Chef Juri Andropow? Ein Hobby-Poet.

Unter Andropows Fittichen ging es voran: 1980 wurde Gorbatschow Vollmitglied des Politbüros, Reisen ins Ausland folgten. Als er im Dezember 1984 in Großbritannien landete, begann seine Karriere als Medienstar im Westen. Als "roten Stern", als "Goldjungen", titulierten ihn die britischen Medien, Premierministerin Margaret Thatcher war begeistert. Denn Gorbatschow hatte Charme. "Ich mag ihn", bekannte die "Eiserne Lady". "Wir könnten ins Geschäft kommen."

Michail Gorbatschow und Margaret Thatcher: Die britische Premierministerin verstand sich gut mit dem sowjetischen Staatschef.
Michail Gorbatschow und Margaret Thatcher: Die britische Premierministerin verstand sich gut mit dem sowjetischen Staatschef. (Quelle: United Archives International/imago)

Ein paar Monate später wurde der Hochgelobte Generalsekretär der KPdSU – und bekam die Grenzen des Machbaren aufgezeigt: Mit der Bekämpfung des Alkoholkonsums seiner Landsleute scheiterte 1985 gleich eine der ersten Maßnahmen. Die Menschen berauschten sich an Selbstgebranntem, der Schwarzmarkt florierte.

Gorbatschow weiß auch Niederlagen zu nutzen

Ein Jahr später explodierte das Atomkraftwerk Tschernobyl, 1987 blamierte dann ein junger Deutscher das Sowjet-Imperium. Mathias Rust überflog seelenruhig die hochgerüstete Grenze und landete auf dem Roten Platz.

Doch der gewiefte Taktiker Gorbatschow erkannte die günstige Gelegenheit – und servierte Ewiggestrige im Machtapparat ab. Der Reformer, seit 1989 auch Staatsoberhaupt, stand nämlich unter Druck. "Wir brauchen die Demokratie wie die Luft zum Atmen", hatte Gorbatschow bekannt.

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Für die jungen Reformer konnten die entsprechenden Veränderungen nicht schnell genug kommen, die Alte Garde blockierte, wo immer möglich. Den Steinzeit-Kommunisten missfiel das neue Klima heraufziehender Freiheit – deren Grenzen Journalisten, Schriftsteller und Künstler eifrig erprobten. Denn Gorbatschow meinte es wirklich ernst.

Der Generalsekretär befahl dem KGB die Freilassung politischer Gefangener, zugleich rehabilitierte Gorbatschow zigtausend Stalin-Opfer. Andrei Sacharow, Dissident und Friedensnobelpreisträger, durfte 1986 aus der Verbannung zurückkehren, 1990 erhielt Andreas Solschenizyn, mit "Archipel Gulag" der Autor der berühmtesten Anklage der stalinistischen Verbrechen, die sowjetische Staatsbürgerschaft zurück. Zensur und Repression ließen nach: Bücher, die seit Jahrzehnten unter Bann standen, erschienen nun offiziell.

Allerdings verstand Gorbatschow – immerhin ein Gewächs der Partei – Demokratie und Freiheit vor allem als staatliches Erziehungsprojekt, zu viel Eigeninitiative befremdete ihn. Wie die aufkommende Diskussion um den in Stalins Auftrag exekutierten Massenmord an Tausenden polnischen Offizieren und Intellektuellen bei Katyn im Jahr 1940.

Echte Sorge vor dem nuklearen Inferno

Im "Reich des Bösen", so US-Präsident Ronald Reagan, standen die Zeichen trotzdessen unmissverständlich auf Veränderung. Um sich zu stabilisieren, brauchte die Sowjetunion den Abbau der kostenintensiven Atomwaffen.

Doch Gorbatschow wollte nicht nur sparen. Seine Sorge vor dem nuklearen Inferno war echt, er wollte Abrüstung und Frieden. Und diese Wünsche nahmen ihm die westlichen Politiker auch ab. 1987 unterzeichnete Gorbatschow mit Reagan den INF-Vertrag zum Verbot von Mittelstreckenraketen. Mit Reagans Nachfolger George H. W. Bush verstand sich Gorbatschow noch besser. Legendär das Treffen 1990 in Helsinki: "Mr. Gorbatschow, darf ich Sie einfach Michail nennen?", so der US-Präsident. "Aber natürlich, George", antwortete der Kremlchef.

Dann umarmten sich die beiden. Eine Szene für die Ewigkeit. Im Westen erhielt Gorbatschow den Jubel, der ihm daheim versagt blieb. Für die Sowjetbürger war er lediglich der Repräsentant steigender Preise und leerer Regale. Kein Wunder, dass Gorbatschow gerne reiste.

Insbesondere die Deutschen in Ost und West schlossen ihn ins Herz. "Gorbi, Gorbi", riefen die DDR-Bürger bei ihren Demonstrationen 1989. Gorbatschows neues "Tauwetter" erweckte nämlich auch die erstarrten Satellitenstaaten zum Leben. Polen, Ungarn, die Tschechoslowakei und die DDR, nirgendwo rollten die Panzer der Sowjet-Armee wie einst 1953, 1956 und 1968.

Gorbatschows schwärzeste Stunde

Den Deutschen ermöglichte der Herrscher im Kreml gar die Wiedervereinigung. Und verzieh auch dem "Kanzler der Einheit", Helmut Kohl, der Gorbatschow einst mit Hitlers Lügenminister Joseph Goebbels verglichen hatte. Unvergessen die Bilder vom Treffen 1990 im Kaukasus: Kohl in seiner Strickjacke, daneben der verschmitzt lächelnde Gorbatschow.

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Mit dabei auch Raissa Gorbatschowa, die wie ihr Mann im Westen Kultstatus genoss. Zu diesem Zeitpunkt war die Sowjetunion bereits dem Tode geweiht, Gorbatschow wusste es nur noch nicht. Außenpolitisch glänzte er durch Friedenswillen, innenpolitisch erschöpfte sich seine Vision von Glasnost und Perestroika. Immer wieder betonte er die Bedeutung der Wirtschaft, doch bekam er sie nicht in den Griff.

Völlig unterschätzt hatte der Staatslenker zudem die erstarkenden nationalen Kräfte, die den Zusammenhalt der Sowjetunion erodieren ließen. Im Januar 1991 kam es zur Katastrophe. Nach einem vorherigen blutigen Zwischenfall in Georgien starben nun vierzehn Menschen in der litauischen Hauptstadt Vilnius, niedergewalzt von sowjetischen Panzern oder erschossen von Soldaten. Gorbatschow bestritt jede Beteiligung, er war trotzdem blamiert. Entweder war er ein Mörder und Lügner – oder ein Herrscher, der die Kontrolle verloren hatte.

August 1991: Junge Demonstranten klettern während des Putsches in Moskau auf einen Panzer.
August 1991: Junge Demonstranten klettern während des Putsches in Moskau auf einen Panzer. (Quelle: Dmitri Grinjuk)

Letzteres traf zu. Am 18. August 1991 setzten Putschisten Gorbatschow auf der Krim fest, dann fuhren Panzer in Moskau auf. Die Rebellen wollten die Geister, die Gorbatschow rief, wieder bannen. Stattdessen sollte es die Stunde des Boris Jelzin werden.

Der Präsident der sowjetischen Teilrepublik Russland stellte sich an die Spitze der Gegenwehr, am 21. August brach der Putsch zusammen.

König ohne Land

Und mit ihm die Reste von Gorbatschows Macht. Die starken Männer der Teilrepubliken bestimmten nun. So auch das Ende der Sowjetunion. Gorbatschow?

War ein König ohne Land. Sein Rücktritt als Staatsoberhaupt erfolgte am 25. Dezember 1991. Sechs Tage später wehte die russische Trikolore über dem Kreml. Schnell fand der Geschasste eine neue Rolle, die des Mahners für Frieden und Abrüstung, Völkerverständigung und Umweltschutz. Seit 1999 tat er dies allein, der Blutkrebs tötete Raissa. Gorbatschow leitete seine Stiftung, reiste um die Welt, nahm Auszeichnungen entgegen. Die immer wieder angestrebte Rückkehr auf die politische Bühne in Russland war hingegen chancenlos.

Beißende Kritik musste sich Gorbatschow stattdessen immer wieder gefallen lassen. Dies hätte er damals tun sollen, das hätte er tun sollen, jeder wusste es besser. Aber: Eine Gebrauchsanleitung zur Reformierung eines Imperiums gibt es eben nicht.

(Quelle: t-online)

Die alte Wunde des Versagens schmerzte trotzdem. "Ich habe immer vor dem Zerfall der UdSSR gewarnt", wurde Gorbatschows Mantra. Mit seinem Nachfolger Wladimir Putin war er sich einig, welch großer Fehler die Auflösung der Sowjetunion gewesen war. Ebenso darüber, dass die Osterweiterung der Nato Russland brüskierte.

Und zum Schock für viele Verehrer betonte Gorbatschow, dass die 2014 annektierte Krim zweifelsfrei zu Russland gehöre. Was viele im Westen nicht sehen wollten: Gorbatschow war kein Kosmopolit, seine Loyalität galt der Sowjetunion, später dann Russland. Einzig Putins hartes Durchregieren im Inneren stieß auf Gorbatschows Kritik.

Diese traf aber auch die USA. Diese wären Russland nach Mauerfall und dem Ende des Kalten Krieges Russland gegenüber hochnäsig und arrogant aufgetreten. Wladimir Putin dürfte dies ähnlich sehen – und er sann auf Revanche. Am 24. Februar 2022 ließ der russische Machthaber seine Truppen in die Ukraine einfallen. Ein erneuerter Angriffskrieg in Europa? Das Undenkbare war geschehen, mit Gewalt ging Putin daran, das alte russische Imperium zu restituieren.

Gorbatschow, Sohn eines russischen Vaters und einer ukrainischen Mutter, symbolisierte in seiner Person die Verbundenheit, aber auch das Trennende zwischen den Menschen dieser beiden Nationen. Was sie jahrzehntelang verbunden hatte, die Sowjetunion, hatte "Gorbi" einst selbst zu Grabe getragen.

Ein ewig Unvollendeter

Gorbatschows Tod nun kam nicht unerwartet. Immer wieder überstand er Erkrankungen und Operationen. Schwer lastete die bittere Erkenntnis auf Gorbatschow, dass seine große Leistung am Ende seines Lebens in Trümmern lag: die friedliche Verständigung zwischen Russland und dem Westen. Seit Putins Angriffskrieg ist diese mehr denn je eine Illusion. Insofern ist der letzte rote Chef des Kremls ein Gescheiterter, ein Unvollendeter geblieben.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, im Januar 1990 hätten sowjetische Soldaten 14 litauische Demonstranten getötet. Selbstverständlich war dies der Januar 1991. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.

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Verwendete Quellen
  • Eigene Recherchen
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Eine Kolumne von Ursula Weidenfeld
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