Sie sind hier: Home > Politik > Ausland > Krisen & Konflikte >

Venezuelas Exodus: Hunderttausende kehren Krisenstaat den Rücken

Venezuela vor dem Exodus  

Hunderttausende kehren dem Krisenstaat den Rücken

22.08.2018, 15:05 Uhr | Denis Düttmann, Isaac Risco, dpa

Venezuelas Exodus: Hunderttausende kehren Krisenstaat den Rücken. Wirtschaftskrise in Venezuela (Quelle: dpa/Camacho/SOPA Images via ZUMA Wire)

Wirtschaftskrise in Venezuela (Quelle: Camacho/SOPA Images via ZUMA Wire/dpa)

Immer mehr Menschen in Venezuela fliehen vor Hunger, Gewalt und politischer Unterdrückung aus dem einst reichen südamerikanischen Land. Die Flüchtlingswelle könnte die ganze Region in eine tiefe Krise stürzen.

Einen Monat war Pedro unterwegs. Mit nichts als der Kleidung, die er am Leib trug, und einem Rucksack samt Handtuch und Zahnbürste floh der junge Mann aus Venezuela, durchquerte Brasilien und landete schließlich in Uruguay. In seiner Heimat ließ er Elend und Unterdrückung zurück, doch gleich auf der anderen Seite der Grenze erwartete ihn erneut die Hölle. "Was ich im Flüchtlingslager in Roraima erlebt habe, wünsche ich nicht meinem ärgsten Feind", erzählt der 27-Jährige der uruguayischen Zeitung "El País".

Er sah, wie sich seine Landsleute um einen Apfel prügelten, weinte um ein Kind, das an Masern starb, und war schockiert, als ihm Sex für zwei Stück Brot angeboten wurde. "Dort herrscht das Gesetz des Dschungels", sagt Pedro. "Die, die wenig haben, versuchen jene übers Ohr zu hauen, die mehr haben. Und die, die mehr haben, nutzen jene aus, die weniger haben."

Größte Flüchtlingskrise in der Geschichte

Südamerika erlebt derzeit die wohl größte Flüchtlingskrise seiner Geschichte. In Scharen fliehen die Venezolaner aus ihrer Heimat, wo selbst Grundnahrungsmittel wie Mehl, Reis und Öl rar geworden sind und die Regierung immer härter gegen Andersdenkende vorgeht. Nach Angaben der Vereinten Nationen haben bislang 2,3 Millionen Venezolaner in anderen Ländern Zuflucht gesucht. Das wären rund sieben Prozent der Gesamtbevölkerung. Die venezolanische Opposition geht sogar von bis zu vier Millionen Flüchtlingen aus.



Allein 870.000 haben sich in Kolumbien niedergelassen, 400.000 in Peru, 385.000 in Ecuador. Und es werden täglich mehr. Um den Massenansturm zu bremsen, verlangt Ecuador von den Venezolanern bei der Einreise nun gültige Pässe. Peru will am kommenden Wochenende nachziehen. Bislang konnten die Venezolaner mit ihren Personalausweisen einreisen, Reisepässe sind in dem Krisenstaat nur schwer zu bekommen.

"Pässe zu verlangen, wird die Migration nicht stoppen", sagt der Leiter der kolumbianischen Einwanderungsbehörde, Christian Krüger. "Das fördert lediglich die irreguläre Einwanderung, die informelle Arbeit, die Ausbeutung." In Quito, Lima und Bogotá gehören die fliegenden Händler aus Venezuela längst zum Straßenbild, auch im weit entfernten Buenos Aires hört man in Modeläden, Restaurants und Taxis immer häufiger Spanisch mit venezolanischem Akzent.

Mob geht auf Flüchtlinge los

Die Nachbarländer geraten bei der Integration der Flüchtlinge aus Venezuela zunehmend an ihre Grenzen. Zuletzt fiel in dem brasilianischen Grenzort Pacaraima ein aufgebrachter Mob über Venezolaner her und setzte deren Habseligkeiten in Brand. Auslöser der Attacke war ein Raubüberfall auf einen Händler, in den Flüchtlinge aus dem Nachbarland verwickelt gewesen sein sollen. Rund 1200 Venezolaner flohen nach den Ausschreitungen zurück in ihre Heimat. Die brasilianische Regierung schickte zusätzliche Soldaten in die Region, um für Ordnung zu sorgen.

Ein Obststand in der Hauptstadt Caracas: Viele Menschen aus Venezuela können sich alltägliche Dinge nicht mehr leisten.  (Quelle: Reuters/Marco Bello)Ein Obststand in der Hauptstadt Caracas: Viele Menschen aus Venezuela können sich alltägliche Dinge nicht mehr leisten. (Quelle: Marco Bello/Reuters)

Reiche Venezolaner hingegen kehren der Region ganz den Rücken und setzen sich nach Miami oder gleich nach Spanien ab. In Madrid kaufen immer mehr wohlhabende Venezolaner Luxusimmobilien, wie die Wirtschaftszeitung "El Economista" berichtet. "Sie wollen mindestens drei Zimmer oder mehr, Häuser mit über 200 Quadratmetern und Sicherheitssystemen", sagt Immobilienmakler Rod Jaimeson.

Venezuela leidet unter einer schweren wirtschaftlichen Krise. In dem einst reichen Land mangelt es an Nahrungsmitteln, Medikamenten und Dingen des täglichen Bedarfs. Durch Korruption und Misswirtschaft geht die Erdölförderung immer weiter zurück, das Land verfügt kaum noch über Devisen. Für das laufende Jahr rechnet der Internationale Währungsfonds (IWF) mit einer Inflationsrate von einer Million Prozent. Außerdem könnte die venezolanische Wirtschaftsleistung um 18 Prozent einbrechen.

"Lage ist hoffnungslos"

"Die Lage ist hoffnungslos. Das venezolanische Volk hat keinen Zugang zu den grundlegenden sozialen Dienstleistungen, das Gesundheits- und Bildungswesen ist zusammengebrochen. Die öffentliche Hand ist nicht in der Lage, Wasser und Strom zur Verfügung zu stellen", sagt der Generalsekretär der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS), Luis Almagro. "Zur Ineffizienz der Regierung kommt noch die tyrannische Unterdrückung, unter der das Volk leidet."

Anhänger der Regierung jubeln nach der Ausgabe neuer Banknoten und der "Carnet de la Patria", einem Ausweisdokument, das unter Präsident Maduro eingeführt wurde. Doch ob die Reformen wirken, wird bezweifelt.  (Quelle: dpa/Ariana Cubillos)Anhänger der Regierung jubeln nach der Ausgabe neuer Banknoten und der "Carnet de la Patria", einem Ausweisdokument, das unter Präsident Maduro eingeführt wurde. Doch ob die Reformen wirken, wird bezweifelt. (Quelle: Ariana Cubillos/dpa)

Immer härter geht die Regierung gegen Kritiker vor. Das von der Opposition dominierte Parlament ist entmachtet, zahlreiche Regierungsgegner sitzen in Haft. Nach einem angeblichen Attentatsversuch auf Präsident Nicolás Maduro vor gut zwei Wochen hat die Regierung die Daumenschrauben noch einmal angezogen.

"Die Propaganda gegen unser Land ist vielen zu Kopf gestiegen, sie sind ausgewandert und nun bereuen sie es. Wisst ihr, wie viele Leute jetzt in Miami Klos putzen?", sagte Maduro zuletzt vor Anhängern. "Ich würde mein Vaterland niemals verlassen." Angesichts von Hunger, Gewalt und Unterdrückung dürfte das vielen Venezolanern wie Hohn vorkommen.

Verwendete Quellen:
  • dpa

Liebe Leserinnen und Leser,

Leider können wir Ihnen nicht zu  allen Artikeln einen Kommentarbereich zur Verfügung stellen. Mehr dazu erfahren Sie in der Stellungnahme der Chefredaktion.

Eine Übersicht der aktuellen Leserdebatten finden Sie hier.

Gerne können Sie auch auf Facebook und Twitter zu unseren Artikeln diskutieren.

Ihr Community-Team

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail

Anzeige
Mäntel-Highlights und schöne Jacken shoppen
bei MADELEINE
myToysbonprix.deOTTOhappy-size.detchibo.deLIDLBabistadouglas.deBAUR

shopping-portal