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Ex-CIA-Agent: "Donald Trumps Schwatzhaftigkeit ist ein Sicherheitsrisiko"

INTERVIEWKrieg auf der arabischen Halbinsel  

Ex-CIA-Agent: Trumps Schwatzhaftigkeit gilt als Sicherheitsrisiko

Ein Interview von Ramon Schack

20.08.2019, 18:39 Uhr
Ex-CIA-Agent: "Donald Trumps Schwatzhaftigkeit ist ein Sicherheitsrisiko". US-Präsident Donald Trump spricht mit dem saudischen Kronprinzen Muhammed bin Salman: Der ehemalige CIA-Agent Robert Baer hält Trumps Schwatzhaftigkeit für ein Sicherheitsrisiko. (Quelle: Reuters/Kevin Lamarque )

US-Präsident Donald Trump spricht mit dem saudischen Kronprinzen Muhammed bin Salman: Der ehemalige CIA-Agent Robert Baer hält Trumps Schwatzhaftigkeit für ein Sicherheitsrisiko. (Quelle: Kevin Lamarque /Reuters)

Die Situation im Jemen gilt als die größte humanitäre Krise der Welt. Saudi-Arabien steht in dem Konflikt zunehmend alleine da. Die USA spielen eine Schlüsselrolle. Der Ex-CIA-Agent Robert Baer schätzt die Lage ein.

Im Jemen herrscht seit 2015 Krieg zwischen den von Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und anderen arabischen Staaten unterstützten Truppen von Präsident Abd Rabbo Mansur Hadi und den Huthi-Rebellen, hinter denen der Iran steht. Mehr als zwei Millionen Menschen wurden im Bürgerkrieg bereits aus ihrer Heimat vertrieben, Zehntausende starben in dem Konflikt.

"Unser Gespräch wird sicherlich von mehreren Geheimdiensten abgehört", bemerkt Robert Baer zu Beginn des Telefoninterviews mit t-online.de. Der ehemalige Agent, Jahrgang 1953, trat 1976 in die CIA ein, wo er als Operationsleiter arbeitete. Zu seinen Einsatzorten zählten der Nordirak, Duschanbe, Rabat, Beirut, Khartum, Paris und Neu-Delhi. Zu seinen Aufgaben zählte die Infiltration von Organisationen wie Hisbollah, Al-Qaida. Die Bücher Robert Baers sorgen in den USA regelmäßig für Aufsehen.

Herr Baer, Sie selbst waren jahrzehntelang als CIA-Mitarbeiter im Nahen Osten aktiv. Weshalb hat die CIA die Regierung von Donald Trump nicht vor den Entwicklungen auf der Arabischen Halbinsel gewarnt?

Robert Baer: Dafür gibt es zwei wichtige Gründe. Erstens: Die CIA-Arbeit wird heute von bürokratischer Tätigkeit dominiert, von moderner Technologie, der Überwachung sozialer Netzwerke, der Steuerung von Drohnen. Das alles spielt sich in den Hauptquartieren ab, wo kaum jemand die Sprachen der betreffenden Länder beherrscht oder ein Gefühl für die Nationen hat, die die Interessen der USA tangieren. Ein CIA-Mitarbeiter in Washington beklagte sich vor Kurzem, dass die Abhängigkeit von Technologie zu groß sei. Moderne Technologie mag bei der Steuerung von Drohnen unerlässlich sein. In einem Land wie dem Jemen allerdings, wo der Internetzugang wie auch der Mobilfunkverkehr eingeschränkt ist, ist diese Technologie so gut wie nutzlos.

Und was ist der zweite Grund?

Das Vertrauensverhältnis zwischen Donald Trump und der CIA ist in einem Maße zerrüttet, wie noch nie zuvor in der Geschichte der USA. Die CIA ist inzwischen dazu übergegangen, ihn nicht mehr über wichtige Informationen zu unterrichten. Das gilt inzwischen als Sicherheitsrisiko, aufgrund der Schwatzhaftigkeit Trumps – gerade gegenüber ausländischen Politikern.

Lassen Sie uns konkreter über die Situation auf der Arabischen Halbinsel sprechen. Durch das saudi-arabische Eingreifen im Jemen hat sich die geopolitische Ausgangslage dramatisch verändert. Was sind die Hintergründe?

Zunächst ist festzustellen, dass der saudische Kronprinz Muhammed bin Salman wieder einmal gescheitert ist – wie bei nahezu all seinen geopolitischen Zielsetzungen in den vergangenen Jahren. Ob bei seinem Versuch, sich im Westen als Reformator darzustellen, bei seinem Plan, das Emirat Katar zu unterwerfen, bei der Unterdrückung der schiitischen Bevölkerungsminderheit in Saudi-Arabien, bei seinem Versuch, sich als Herrscher der arabischen Halbinsel aufzuspielen, oder als Führungsmacht im Rahmen der Frontstellung gegen den Iran: All diese strategischen Projekte sind gescheitert.


Bin Salman begründete das militärische Eingreifen im Jemen damit, die Sicherheit des Königreichs zu gewährleisten, die er durch den Aufstand der schiitischen Huthis gefährdet sah.

Ja, und mit welchem Erfolg? Die Sicherheitslage für Saudi-Arabien wird immer prekärer: An allen Grenzen des Königreiches, vom Jemen im Süden hin zu Katar im Osten sowie an den Küsten des Persischen Golfes, haben sich Krisenherde gebildet, hervorgerufen durch bin Salmans Aggressionen. Überall gibt es Konflikte, überall gärt es. Auch innenpolitisch spitzt sich die Lage zu, aufgrund der Drangsalierung der Schiiten Saudi-Arabiens.

Im Jemen herrscht seit 2014 Bürgerkrieg. Im Jemen kämpfen die Huthi-Rebellen gegen die international anerkannte Regierung des Landes. Ein vom reichen Nachbarland Saudi-Arabien angeführtes Militärbündnis unterstützt die Regierung seit 2015 aus der Luft und hat seitdem mit Bombardements weite Teile der Infrastruktur des Jemens zerstört und auch immer wieder Zivilisten angegriffen. Riad, das nach wie vor von den USA mit Waffen unterstützt wird, beschuldigt seinen Erzfeind Iran, seinerseits die Huthis zu unterstützen und sie zu Raketenangriffen auf Saudi-Arabien anzustacheln.

Weshalb werden die Schiiten unterdrückt?

Bin Salman betrachtet die Schiiten als Verbündete des Erzfeindes Iran oder der Huthis. Jedoch gelten Schiiten gemäß der intoleranten wahhabitischen Vorstellungen, die in Saudi-Arabien herrschen, von vornherein als Abtrünnige und waren schon immer Bürger zweiter Klasse. Bin Salman hat durch seine Politik erreicht, dass sich die Unterdrückten zunehmend mit ihren Glaubensbrüdern im Jemen, in Bahrain, im Irak sowie im Iran solidarisieren. Für Riad ist dies besonders gefährlich, da sich die schiitische Minderheit geographisch in den saudi-arabischen Erdölgebieten konzentriert.

Robert Baer ist ehemaliger Mitarbeiter des US-Geheimdienstes CIA. (Quelle: Getty Images)Robert Baer ist ehemaliger Mitarbeiter des US-Geheimdienstes CIA. (Quelle: Getty Images)
Robert Baer ist ehemaliger Mitarbeiter des US-Geheimdienstes CIA. In seiner aktiven Zeit war er unter anderem im Irak, in Syrien und im Libanon eingesetzt. Seit er den Nachrichtendienst verlassen hat, arbeitet er als Autor und Sicherheitsanalyst.

Aber trotz des politischen Scheiterns und dieser Unterdrückungspolitik wird bin Salman weiterhin vom Westen massiv mit Waffen hochgerüstet. Die Regierungen in Washington, London, Paris, Berlin und Jerusalem sind deswegen für die sich weiter zuspitzende Krise verantwortlich zu machen.

Bleiben wir noch einmal bei dem Krieg im Jemen.

Im Jemen erleben die Saudis in diesen Tagen massive Rückschläge. Während die Huthi-Rebellen den Truppen bin Salmans schwere Verluste zufügen, agieren sie inzwischen regelmäßig auch jenseits der Grenze auf saudischem Territorium, durch Raketenangriffe und Überfälle auf Grenztruppen und Grenzanlagen. Saudi-Arabien antwortet darauf mit einem verstärkten Vernichtungsfeldzug gegen die jemenitische Zivilbevölkerung, die ohnehin schon einen hohen Blutzoll zahlt. Bin Salman ist dazu in der Lage, da seine Waffenbestände permanent durch westliche Rüstungskonzerne aufgefüllt werden, wobei die Trump-Administration sich hierbei an die Spitze gesetzt hat.

Die Kriegsallianz zwischen Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten, die bisher im Jemen an einem Strang zogen, scheint aber zu zerbrechen?

Nein. Die Kriegsallianz zwischen Saudi-Arabien und den Emiraten ist zerbrochen. Die ehemalige Partnerschaft zwischen diesen beiden reaktionären Golf-Monarchien ist sogar in einen offenen Konflikt ausgeartet.

Mit Saudi-Arabien und dem Iran stehen sich die einflussreichste sunnitische und die wichtigste schiitische Macht gegenüber. Die Spaltung in die größten Strömungen des Islams geht auf dessen Frühzeit zurück, als nach dem Tod des Propheten Mohammed im Jahr 632 ein Streit über seinen rechtmäßigen Nachfolger ausbrach. Die Schiiten sahen Ali, Mohammeds Schwiegersohn, als neuen religiösen Führer und ersten Imam. Für die Sunniten war dagegen Mohammeds Schwiegervater Abū Bakr sein legitimer Nachfolger. Bis in die Neuzeit dauert dieser Konflikt an, aber trotz dieser religiösen Komponente hat die Rivalität zwischen Saudi-Arabien und dem Iran eher machtpolitische Ursachen. Die beiden Länder kämpfen um die Vorherrschaft in der Region. Dabei geht es vor allem um die Kontrolle von Ressourcen und Handelswegen.

Was sind die Hintergründe?

Die Ursachen hierfür sind in der komplexen geopolitischen Gemengelage zu suchen – auf der Arabischen Halbinsel im Allgemeinen, speziell aber im Jemen. Mit der Dauer des Krieges sowie den wachsenden Verlusten treten diese Konflikte jetzt deutlich sichtbar hervor. Während Riad im Jemen die Phantom-Regierung von Präsident Abd Rabbo Mansur Hadi – der weder Rückhalt in der Bevölkerung besitzt, noch nennenswerte Gebiete beherrscht – einseitig unterstützt, protegieren die Emirate die Regierung des sogenannten Südrates, der eine Sezession des Südens anstrebt, wie vor 1990, als der Jemen noch geteilt war. In der südjemenitischen Hafenstadt Aden, der ehemaligen Hauptstadt der damals sogenannten Volksrepublik Jemen, die dem sowjetischen Lager zuzurechnen war, eskaliert aktuell der Konflikt zwischen Saudi-Arabien und Truppen der Emirate sowie Söldnerbanden.

Was strebt Abu Dhabi im Unterschied zu Riad an?

Die Emirate haben im Gegensatz zu Saudi-Arabien keine gemeinsame Grenze mit dem Jemen, sind aber daran interessiert, sich an der Westküste der Arabischen Halbinsel festzusetzen. Genauer ausgedrückt, an der Südwestküste, an der Küste zum Roten Meer und das aus strategischen Gründen. Riad geht es darum, eine schiitisch geführte Regierung im Jemen zu verhindern, aus Angst, das Land könnte iranisches Einflussgebiet werden.
 

 
Was bedeutet das für den weiteren Verlauf dieses Krieges?

Weitere Probleme für die Saudis, bis hin zu einer Kriegsniederlage. In den vergangenen vier Jahren führten beide Staaten, flankiert von ihren lokalen Verbündeten, einen Terrorkrieg auf Kosten der Zivilbevölkerung, was zu einer der größten humanitären Katastrophen unserer Zeit führte. Jetzt ziehen die Vereinigten Arabischen Emirate ihre Truppen im Kampf gegen die Huthis zurück. Das bedeutet: Saudi-Arabien steht alleine da, mit dem Rücken zur Wand.

Herr Baer, vielen Dank für das Gespräch.

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