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Matsch, KrĂ€tze, Hoffnungslosigkeit – So ist die Situation auf Lesbos

dpa, Alexia Angelopoulou, Martina Herzog, Michel Winde

Aktualisiert am 22.12.2020Lesedauer: 5 Min.
Brand im FlĂŒchtlingscamp Moria: Im neuen Lager Kara Tepe sollte alles besser werden, doch jetzt ist die Situation fĂŒr die Bewohner noch schlimmer als zuvor.
Brand im FlĂŒchtlingscamp Moria: Im neuen Lager Kara Tepe sollte alles besser werden, doch jetzt ist die Situation fĂŒr die Bewohner noch schlimmer als zuvor. (Quelle: Petros Giannakouris/ap-bilder)
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Der Winter ist da und damit verschlechtert sich die Lage fĂŒr die Bewohner des FlĂŒchtlingscamps Kara Tepe immer weiter. Eine Ärztin im Camp spricht von einer medizinischen Versorgung auf niedrigstem Niveau.

Moria ist abgebrannt — doch die Hoffnung so mancher auf ein Ende des Elends der Migranten und FlĂŒchtlinge auf Lesbos hat sich damit nicht erfĂŒllt. Im neuen, provisorischen Lager auf dem ehemaligen TruppenĂŒbungsplatz Kara Tepe (Griechisch: Mavrovouni) hausen rund 7.500 Menschen, darunter viele Kinder, Schwangere und Kranke. Sie teilen sich 400 Dixie-Klos, die bei StĂŒrmen auch mal umfallen, sowie 200 Duschen, nur ein paar wenige mit warmem Wasser.

Zelte sind nicht winterfest

Hilfsorganisationen warnen immer wieder: Kara Tepe sei noch schlimmer als das Lager Moria, das vor gut 100 Tagen bei einem Großbrand zerstört wurde und als Symbol fĂŒr das Scheitern der europĂ€ischen Asylpolitik galt. Doch die Appelle bleiben weitgehend ungehört.

"Nach Kenntnis der Bundesregierung ist das Zeltlager Mavrovouni aktuell mit winterfesten Zelten ausgestattet", heißt es jĂŒngst in einer Auskunft des Bundesinnenministeriums an die GrĂŒnen-Fraktion. Wie winterfest, beschreibt eine deutsche Ärztin der dpa: Regnete es, entstehe eine SchlammwĂŒste samt FlĂŒssen und Seen. Das Lager liegt direkt am Meer und sei damit Sturmböen ausgesetzt, die Planen mit sich rissen und Zelte zerstörten. Helfer kĂ€mpften darum, die Zelte wenigstens mit Holzpaletten zu unterbauen, damit sie beim nĂ€chsten Regen nicht von Matsch ĂŒberschwemmt wĂŒrden.

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Gesetz verbietet Helfern, mit Journalisten zu reden

Ihren Namen möchte die Ärztin lieber nicht nennen. Ein neues Gesetz der griechischen Regierung verbietet es Helfern in FlĂŒchtlingslagern, mit Medien ĂŒber MissstĂ€nde zu sprechen, wie die Organisation Reporter ohne Grenzen kritisiert. Fotografen haben keinen Zutritt mit der BegrĂŒndung, sie könnten Corona in das Lager einschleppen. "Aber Corona ist hier noch die geringste Sorge. Bei all dem, was die Menschen im Camp ĂŒberleben, ist es nicht Corona, das dem Gesundheitszustand zu schaffen macht", sagt die Ärztin.

Es sind vielmehr die unzureichende Versorgung und die Aussichtslosigkeit. Mangels Waschmöglichkeiten seien KrĂ€tze und LĂ€use allgegenwĂ€rtig, behandelt wĂŒrden hĂ€ufig offene Wunden, Abszesse, Durchfall- und Atemwegserkrankungen sowie Gelenkschmerzen, die sich wegen der Feuchtigkeit und schlechter SchlafstĂ€tten einstellen. "Die Lebensbedingungen hier machen krank", sagt die Medizinerin.

Griechenland dementiert Rattenbisse

Die griechische Regierung wehrt sich gegen VorwĂŒrfe: So seien etwa Berichte ĂŒber Rattenbisse bei Babys erfunden, die Medien verzerrten die RealitĂ€t, gerade erst habe Migrationsminister Notis Mitarakis das Camp mit Lokaljournalisten besucht, teilte das Migrationsministerium am Montag mit. Es gebe Probleme, doch die wĂŒrden angegangen, die gesundheitliche Versorgung werde vom Roten Kreuz und anderen Organisationen abgedeckt.

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VorfĂ€lle mit Babys und Ratten kann auch die deutsche Ärztin nicht bestĂ€tigen, doch die medizinische Versorgung befinde sich auf allerniedrigstem Niveau, sagt sie. Jeden Tag mĂŒssten Patienten weggeschickt werden, schon morgens um sechs stĂŒnden die Menschen an. "Hinzu kommen psychische Probleme, da haben wir die ganze Bandbreite, darunter regelmĂ€ĂŸig Suizidversuche."

3-jÀhriges MÀdchen vergewaltigt

Auch zu GewaltausbrĂŒchen kommt es immer wieder — vergangene Woche soll im Lager ein dreijĂ€hriges MĂ€dchen vergewaltigt worden sein, wie SOS-Kinderdörfer mitteilten. Es herrscht Angst. "Nachts ist es hier stockdunkel, die Frauen trauen sich nicht aus den Zelten, um auf Toilette zu gehen", sagt die Ärztin. Denn Strom, erklĂ€rt sie, gebe es nur per Generator und dann nur ein, zwei Stunden am Tag.

Und all das, obwohl Griechenland in den vergangenen fĂŒnf Jahren laut der EU-Kommission mehr als 2,8 Milliarden Euro aus EU-Töpfen fĂŒr das Migrations-Management bekommen hat. Fragt man die BrĂŒsseler Behörde, ob sie mit den ZustĂ€nden in Kara Tepe zufrieden sei, heißt es, die Bedingungen blieben "sehr schwierig". Man arbeite aber intensiv an einer dauerhaften Lösung. So hat die Behörde Anfang Dezember eine AbsichtserklĂ€rung mit Griechenland unterschrieben, dass bis September 2021 ein neues, dauerhaftes Lager auf Lesbos entstehen soll. So lange mĂŒssen die Menschen wohl weiter im Übergangslager wohnen.

Zelte seien winterfest

Die EU-Kommission betont, nach dem Moria-Brand sei Kara Tepe in "Rekordzeit" aus dem Boden gestampft worden und habe alle obdachlos gewordenen Menschen aufnehmen können. Dies sei damals absolute PrioritÀt gewesen. Derzeit arbeite man mit den griechischen Behörden und anderen Organisationen daran, die Bedingungen zu verbessern.

So seien mittlerweile alle Zelte winterfest und Heizungen fĂŒr jedes Zelt sollten bald verteilt werden. Auch Warmwasserduschen seien installiert und die Anzahl an Duschen und Toiletten sei seit Oktober deutlich erhöht worden. Ebenso werde der Schutz vor Überschwemmungen gerade fertiggestellt. Derzeit werde am Elektro-, Wasser- und Abwassernetz gearbeitet. Auch die Bundesregierung schickte seit September acht LKW-Konvois. Die Bewertung der Lage ist in BrĂŒssel und Berlin deutlich anders als vor Ort.

Nun soll bis September eine Art Vorzeige-Lager auf Lesbos entstehen — unter Mitwirkung der EU-Kommission und mehrerer EU-Behörden. Derzeit werde ein Standort gesucht, heißt es. Entstehen soll ein Lager mit Bereichen zum Wohnen, fĂŒr Neuankömmlinge, fĂŒr die medizinische Versorgung und zur Erholung — etwa fĂŒr Sport oder zum Spielen. In FertighĂ€usern sind Bildungsangebote geplant - aber auch ein Haftbereich. Anstelle der abschreckenden Wirkung von Camps wie Moria oder Kara Tepe sollen hier — zumindest wenn es nach der EU-Kommission geht — Asylverfahren und RĂŒckfĂŒhrungen zĂŒgig durchgefĂŒhrt werden.

Deutsche LĂ€nder und Kommunen wollen Menschen aufnehmen

Die oft beschworene europĂ€ische SolidaritĂ€t zeigte sich nach dem Moria-Brand zunĂ€chst nur verhalten. Nach einigen Tagen erklĂ€rten sich dann zehn europĂ€ische LĂ€nder bereit, 400 MinderjĂ€hrige aus Griechenland aufzunehmen. Weitere folgten im Laufe der Wochen. Mit Stand 23. November habe es Angebote fĂŒr knapp 2700 Umsiedlungen von der Insel Lesbos gegeben, heißt es aus der EU-Kommission. Knapp 1000 davon seien bislang durchgefĂŒhrt worden. Zudem seien nach dem Moria- Brand knapp 2900 Personen aufs griechische Festland gebracht worden.

In Deutschland wĂ€ren etliche LĂ€nder und Kommunen bereit, deutlich mehr Menschen als bislang aufzunehmen. Bei den letzten Kontingenten mit 1703 PlĂ€tzen wĂ€ren die LĂ€nder zur Aufnahme von insgesamt 4253 Menschen bereit gewesen, heißt es beim Bundesinnenministerium. Das allerdings verhindert Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU). Er besteht darauf, dass andere europĂ€ische LĂ€nder sich an der Aufnahme von Migranten aus Griechenland beteiligen. Je weiter sich Deutschland vorwagt, desto geringer sei die Bereitschaft zur Aufnahme anderswo, so die BefĂŒrchtung.

Über 240 Bundestagsabgeordnete fordern Aufnahme von GeflĂŒchteten

Insgesamt hat Deutschland seit MĂ€rz 1518 Migranten aus Griechenland aufgenommen. Die Forderungen nach einer deutlich großzĂŒgigeren Aufnahme reißen jedoch nicht ab. Vor wenigen Tagen erst forderten mehr als 240 Bundestagsabgeordnete aller Fraktionen außer der AfD in einem "Weihnachtsappell" neben einer "europĂ€ischen Lösung" auch eine verstĂ€rkte Aufnahme von Migranten aus Griechenland in Deutschland.

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"Ich kenne solche ZustĂ€nde aus Afrika, aus SĂŒdamerika - aber das hier ist Europa", bilanziert die deutsche Medizinerin. FĂŒr junge EuropĂ€er sei die Situation extrem frustrierend, dass in ihrer zivilisierten Staatengemeinschaft solch ein Lager möglich sei. "Eigentlich sollte die ganze europĂ€ische Chefetage mal eine Woche hier im Camp leben und in Zelten schlafen, damit die wissen, wie das ist."

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