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Ring der Taliban schneidet Ortskräften Weg zum Flughafen ab

Von t-online, lr, lb

Aktualisiert am 17.08.2021Lesedauer: 4 Min.
Taliban an einem Kontrollpunkt in Kabul: Besonders wer den internationalen Truppen geholfen hat, soll es schwer haben, die Kontrollen zu passieren.
Taliban an einem Kontrollpunkt in Kabul: Besonders wer den internationalen Truppen geholfen hat, soll es schwer haben, die Kontrollen zu passieren. (Quelle: Stringer/Reuters-bilder)
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Seit die Taliban am Sonntag die Stadt Kabul eingenommen haben, wollen Tausende fliehen. Doch die Lage ist unübersichtlich. Welche Probleme Deutsche, Ortskräfte und andere Fliehende jetzt haben.

Am Sonntag haben die radikalislamischen Taliban die Kontrolle in der afghanischen Hauptstadt Kabul übernommen. Zahlreiche Menschen in der Stadt fürchten sich nun vor den Islamisten – verstecken sich in ihren Häusern oder versuchen unterzutauchen. Gerade die sogenannten Ortskräfte, diejenigen, die mit den internationalen Truppen zusammengearbeitet haben, schweben in Gefahr.


Siegeszug in Afghanistan: Taliban nehmen auch Flughafen ein

In der Nacht auf den 31. August sind die letzten US-Truppen abgezogen. Zwei Wochen hielten sie den Flughafen, von dem aus noch tausende Menschen ausgeflogen wurden. Nun fahren Fahrzeuge der Taliban über die Landebahnen.
Mitglieder der Spezialeinheit Badri 313 bewachen eine Rede des Taliban-Sprechers Sabihullah Mudschahid: Er betonte, die Miliz wolle gute Beziehungen zu den USA und der ganzen Welt. Die westlichen Staaten bemühen sich derweil, weiter aus Afghanistan evakuieren zu können.
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Westliche Staaten versuchen in Eile, Bürger und afghanische Ortskräfte zu evakuieren. Ein erstes deutsches Flugzeug konnte am Montagabend auf dem Kabuler Flughafen landen. Lediglich sieben Menschen waren beim Rückflug an Bord. Mittlerweile konnte eine zweite Maschine am Dienstagnachmittag mehr als 120 Menschen ausfliegen.

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Doch Medienberichten zufolge kontrollieren Taliban-Kämpfer diejenigen, die auf dem Weg zum Flughafen sind – die Islamisten haben Checkpoints in der Stadt errichtet. Ist unter diesen Umständen eine Rettung der Betroffenen aus der Stadt überhaupt noch möglich?

Die Lage ist unübersichtlich, viele Fragen sind offen. Eine Übersicht.

Warum nahm die erste deutsche Evakuierungsmaschine nicht mehr Menschen mit?

Sieben: Diese Zahl sorgt in den sozialen Netzwerken derzeit für mächtig Empörung. So viele Menschen waren an Bord des ersten Evakuierungsflugs der Bundeswehr aus Kabul in der Nacht zu Dienstag. Bei den Ausgeflogenen handelt es sich um fünf Deutsche, eine Person aus einem anderen europäischen Land und eine afghanische Ortskraft, die für die Bundeswehr oder ein Bundesministerium tätig ist.

Dabei hätten in die Maschine weit mehr Menschen gepasst. Der Airbus A400M ist offiziell für 114 Passagiere ausgelegt. Es heißt aber, dass während einer Evakuierungsaktion bis zu 150 Menschen mit ihm transportiert werden könnten.

Warum befanden sich also nicht mehr Menschen an Bord? Das größte Problem: Nur ein Bruchteil der Menschen, die auf der deutschen Evakuierungsliste stehen, befand sich gestern Abend am Flughafen. Ein Sprecher des Auswärtigen Amts erklärte: "Aufgrund der chaotischen Umstände am Flughafen und regelmäßiger Schusswechsel am Zugangspunkt war gestern Nacht nicht gewährleistet, dass weitere deutsche Staatsangehörige und andere zu evakuierende Personen ohne Schutz der Bundeswehr überhaupt Zugang zum Flughafen erhalten würden."

Blick in einen Airbus A400M, hier bei einem Termin mit Außenminister Heiko Maas im April: Bis zu 150 Menschen haben bei Evakuierungen Platz.
Blick in einen Airbus A400M, hier bei einem Termin mit Außenminister Heiko Maas im April: Bis zu 150 Menschen haben bei Evakuierungen Platz. (Quelle: photothek/imago-images-bilder)

Das Flugzeug habe den Flughafen außerdem nach kurzer Zeit wieder verlassen müssen. "Aufgrund der gerade abends und nachts äußerst gefährlichen Lage auf den Zufahrtswegen zum Flughafen wäre es ein untragbares Risiko für Leib und Leben der Menschen vor Ort gewesen, die zu Evakuierenden vor Erteilung der Landeerlaubnis und vor Sicherung des Zugangs durch Bundeswehrkräfte aufzurufen, sich zum Flughafen zu begeben."

Doch hätte die Bundeswehr nicht pragmatisch andere verzweifelte Afghanen mitnehmen können? Ein Zugang von Personen, die sich im zivilen Teil des Flughafens aufgehalten hätten, sei "von den Partnern, die die Sicherheitsverantwortung am Flughafen ausüben, nicht ermöglicht" worden, beteuerte der Sprecher des Auswärtigen Amts weiter. Diese Information ließ sich zunächst nicht überprüfen.

Das Flugzeug habe "mitgenommen, was mitzunehmen war", sagte Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer am Dienstag. Das seien aber leider nur wenige Menschen gewesen. Kramp-Karrenbauer betonte: "Wir nehmen alles mit, was vom Platz her irgendwie in unsere Flugzeuge passt" – das gelte für deutsche und internationale Kräfte ebenso wie für Afghanen. Der Auftrag der Bundeswehr sei, so viele Menschen wie möglich auszufliegen. Die Verteidigungsministerin lobte den ersten Evakuierungseinsatz der Bundeswehr als "ein echtes Husarenstück".

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Wer waren die 640 Menschen an Bord der amerikanischen Maschine?

Die Zahl 640 macht viele Kritiker noch wütender. So viele Afghanen soll die US-Luftwaffe in einer Maschine mitgenommen haben, die eigentlich nur für 134 Menschen ausgelegt ist.

Medienberichten zufolge soll es sich bei diesen Menschen um rund 640 afghanische Zivilisten handeln. Die Internetseite "Defense One" veröffentlichte am Montag ein Foto des vollgepackten Innenraums der Transportmaschine vom Typ C-17, in dem die Afghanen auf dem Boden sitzen – der vor lauter Menschen nicht mehr zu sehen ist.

"Defense One" berichtete, panische Afghanen hätten sich in Kabul über die halboffene Rampe ins Flugzeug gezogen. Die Besatzung habe sich entschieden zu fliegen, statt die Menschen wieder von Bord zu zwingen. Aus Sicherheitskreisen habe es geheißen, nach der Landung in Katar seien 640 Zivilisten aus der Maschine ausgestiegen.

Das US-Verteidigungsministerium bestätigte den Bericht zunächst nicht. In Kabul war es am Montag zu Chaos am Flughafen gekommen. Afghanen, die vor den Taliban fliehen wollten, rannten auf das Flugfeld, um in Sicherheit gebracht zu werden. Der Flugverkehr musste zeitweise eingestellt werden.

Können afghanische Ortskräfte den Flughafen derzeit überhaupt noch erreichen?

Dass Tausende Menschen in der Stadt Kabul es tatsächlich auch zum Flughafen schaffen, hält Markus Grotian, Hauptmann der Bundeswehr, "für nicht realistisch". Dies sagte er am Montagabend im ZDF heute journal. "Es gibt wohl einen äußeren Ring von Taliban um den Flughafen herum. Das heißt selbst wenn Flieger landen könnten, kommen da Ortskräfte von außen wahrscheinlich nicht mehr zu den Maschinen", so Grotian, der das "Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte" gegründet hat. "Wir lassen 80 Prozent unserer Ortskräfte und ihre Familien in die Hände der Taliban fallen". Und: "Sie sitzen in einer Todesfalle".

Auch die "Bild"-Zeitung berichtet von einem "Kontrollring", den die Taliban um den Flughafen herum errichtet haben sollen. Dort werde jeder kontrolliert, der sich auf den Weg zum Flughafen mache. "Das Gerede von der Evakuierung der Ortskräfte ist kompletter Unsinn“, so zitiert die Zeitung einen ranghohen Sicherheitsexperten mit direkten Verbindungen nach Kabul. "Die Ortskräfte können gar nicht zum Flughafen gelangen. Jeder, der angibt, eine Ortskraft zu sein, wird mitgenommen."

Die Bundeswehr hatte mit der ersten Maschine die Fallschirmjäger der Division Schnelle Kräfte nach Kabul gebracht. Sie sind auf Evakuierungsmissionen spezialisiert – und sollen die Personen auf der Evakuierungsliste nun zum Flughafen lotsen.

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Inwieweit Deutschland Schutzsuchende aus Afghanistan aufnehmen will, ist noch unklar. Kanzlerin Merkel soll in einer Sitzung des CDU-Bundesvorstands von etwa 10.000 zu evakuierenden Personen gesprochen haben. Darunter seien Ortskräfte, die mit der Bundeswehr zusammengearbeitet haben, sowie Menschenrechtler, Anwälte und deren Familien.

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Verwendete Quellen
  • Mit Material der Nachrichtenagenturen dpa, AFP
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