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Flüchtlinge aus Afghanistan: "Westliche Regierungen stehen in der Schuld"


"Die westlichen Regierungen stehen in der Schuld dieser Menschen"

Von Lea Matschke

09.09.2021Lesedauer: 3 Min.
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Afghanische Flüchtlinge steigen in ein Flugzeug auf der Militärbasis Al Udeid: Häufig haben sie kein Mitspracherecht über ihr Ziel.
Afghanische Flüchtlinge steigen in ein Flugzeug auf der Militärbasis Al Udeid: Häufig haben sie kein Mitspracherecht über ihr Ziel. (Quelle: Kylie Barrow/U.S. Air/imago-images-bilder)
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Vom Kabuler Flughafen aus sind Tausende afghanische Flüchtlinge zu verschiedenen US-Militärstützpunkten in der Welt gebracht worden, jetzt werden sie weiterverteilt – in die USA, den Kosovo oder nach Uganda. Ein Experte kritisiert das Vorgehen.

Die Bilder von afghanischen Flüchtlingen, die dicht an dicht in den Laderäumen US-amerikanischer Evakuierungsflugzeuge standen, gingen um die Welt. Viele von ihnen wurden zu US-Militärstützpunkten gebracht, wo sie nun auf ihre Weiterreise warten. Die Situation vor Ort entwickelte sich oft chaotisch und unübersichtlich, wie zum Beispiel am Luftwaffenstützpunkt Al Udeid in Katar, eine der größten Transitstellen für Flüchtlinge aus Afghanistan im Mittleren Osten. In Berichten von "New York Times" und "Washington Post" werden Probleme bei Versorgung und Hygiene geschildert, Krankheiten breiten sich aus.


Siegeszug in Afghanistan: Taliban nehmen auch Flughafen ein

In der Nacht auf den 31. August sind die letzten US-Truppen abgezogen. Zwei Wochen hielten sie den Flughafen, von dem aus noch tausende Menschen ausgeflogen wurden. Nun fahren Fahrzeuge der Taliban über die Landebahnen.
Mitglieder der Spezialeinheit Badri 313 bewachen eine Rede des Taliban-Sprechers Sabihullah Mudschahid: Er betonte, die Miliz wolle gute Beziehungen zu den USA und der ganzen Welt. Die westlichen Staaten bemühen sich derweil, weiter aus Afghanistan evakuieren zu können.
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Inzwischen sind viele, aber längst nicht alle Geflüchteten weiterverteilt – teilweise in die USA, teilweise in Drittstaaten wie Albanien oder Uganda. Sie haben sich zur Aufnahme einiger Geflüchteter bereit erklärt. Auf deutschen US-Basen, zum Beispiel in Ramstein, harren hingegen noch Tausende aus. Ihr Schicksal steht beispielhaft für ein großes Problem der Evakuierungen: Der Status vieler Menschen ist ungeklärt. Eine Möglichkeit, selbst über ihre Zukunft zu bestimmen, haben sie kaum.

Der Sozialwissenschaftler Marcus Engler vom Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung sagt: "Die Interessen der Menschen müssen berücksichtigt werden. Sie brauchen ein Mitspracherecht. Immerhin geht es um ihre Zukunft."

Chaotische Ausgangssituation

Laut Engler ist fraglich, ob und welche Wahl die Menschen vor ihrer Ausreise im Hinblick auf ihr Ziel überhaupt hatten. Während einige auf Evakuierungslisten standen und einen Anspruch auf Visa in den USA oder Deutschland haben, mussten viele auch überstürzt und ohne Papiere aus Kabul ausreisen.

Die Interessen dieser Menschen werden bei der Umverteilung nun kaum berücksichtigt. Ein Beispiel macht die unübersichtliche Situation deutlich: Einige der Geflüchteten, die sich momentan in der US-Militärbasis in Ramstein aufhalten und ursprünglich eine Weiterreise in die USA geplant hatten, haben nun in Deutschland Asyl beantragt. Diese Menschen haben teilweise schon Angehörige in Deutschland, was für eine Aufnahme spricht. Die rechtliche Lage dieser Geflüchteten ist jedoch unklar, da sie nicht unter europäischem, sondern unter amerikanischem Recht erfasst sind.

Engler plädiert für Augenmaß statt bürokratischer Engstirnigkeit: "Die Lage bei der Ausreise war sehr chaotisch und intransparent für die Beteiligten und für die Außenstehenden. Es gab keine geordnete Vorgehensweise. Wir können nicht mit Sicherheit sagen, ob und welche Optionen die Menschen vor ihrer Ausreise hatten. Daher ist es nun notwendig, genau zu überprüfen, in welchem Land diese Menschen am besten Schutz erhalten sollten."

Experte: Verfahren wenig sinnvoll

Der Experte stellt auch grundsätzlich das System der Verteilung infrage: "Die Einteilung dieser Flüchtlinge in nationale Kategorien, die im Chaos der Evakuierungen zugewiesen worden sind, ist wenig sinnvoll. Viele Ortskräfte haben für mehrere westliche Staaten gearbeitet. Nun sollte die längerfristige Lebensperspektive im Zentrum stehen." Viele seien von ihren Familien getrennt, daher sollte laut Engler nun überprüft werden, in welche Länder schon Beziehungen bestehen oder wo Angehörige leben.

Für die Betroffenen ist diese Situation eine große Belastung. Die meisten wissen nicht, wie lange sie an den Stützpunkten ausharren müssen, bis sie zum nächsten Transitpunkt oder in ihr Zielland gebracht werden. Viele wurden von ihren Familienangehörigen getrennt.

Engler meint dazu: "Die westlichen Regierungen stehen in der Schuld dieser Menschen." Und weiter: "Abgesehen von der oft schwierigen Versorgungslage, bekommen die Menschen an den Transitstellen oft keinen ausreichenden Zugang zu Informationen, besonders nicht in ihrer Muttersprache. Eine umfassende Beratung wäre hier sehr wichtig."

Mehr Mitsprache für die Flüchtlinge könnte sich seiner Meinung nach auch langfristig auszahlen. "Aus der Forschung wissen wir, dass dies einen positiven Einfluss auf die Integrationsprozesse haben kann", betont Engler.

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Verwendete Quellen
  • Eigene Recherche
  • Interview mit Dr. Marcus Engler, Sozialwissenschaftler am Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung
  • "New York Times": "‘What Will Happen to Me?’ An Uncertain Future Awaits Afghans Who Fled"
  • "New York Times": "Inside the Afghan Evacuation: Rogue Flights, Crowded Tents, Hope and Chaos"
  • "Washington Post": "Life in limbo: Afghan refugees wait in Qatar for what's next"
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