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Evangelikale in den USA: "Trump hat gehalten, was er versprochen hat"

INTERVIEWEvangelikale in den USA  

"Trump hat gehalten, was er versprochen hat"

Von chrismon-Autorin Lara Wiedeking

07.10.2020, 16:10 Uhr
Evangelikale in den USA: "Trump hat gehalten, was er versprochen hat". Wähnen Gott auf ihrer Seite: Donald Trump im Gebet mit anderen Gläubigen bei der Vorstellung der Gruppierung "Evangelikale für Trump" im Januar in Miami (US-Staat Florida). (Quelle: Reuters/Tom Brenner)

Wähnen Gott auf ihrer Seite: Donald Trump im Gebet mit anderen Gläubigen bei der Vorstellung der Gruppierung "Evangelikale für Trump" im Januar in Miami (US-Staat Florida). (Quelle: Tom Brenner/Reuters)

Dustin Wahl ist evangelikaler Christ und gegen Donald Trump. Doch die Mehrheit der Evangelikalen steht weiter hinter dem US-Präsidenten – obwohl er lügt und die Corona-Krise miserabel managt.

Dieses Interview erschien zuerst auf chrismon.de.

Donald Trump ist zurück im Weißen Haus. Nach nur drei Tagen in der Klinik wegen seiner zwischenzeitlich wohl ernsteren Covid-19-Erkrankung präsentiert sich der 74-jährige US-Präsident als wieder ganz geheilt und tut geradezu so, als sei nichts gewesen. Dass er das tödliche Risiko seiner Krankheit auch jetzt noch herunterspielt, entsetzt viele US-Amerikaner und es wird abzuwarten sein, wie sehr ihm das im Wahlkampf noch schadet. Der Rückhalt bei einer bestimmten Wählergruppe scheint gleichsam unerschütterlich: der Evangelikalen in den USA. Dustin Wahl, selbst evangelikaler Christ, erläutert im Gespräch mit chrismon-Autorin Lara Wiedeking, warum das so ist.

chrismon: Am 3. November wählen die US-Amerikaner einen neuen Präsidenten. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Pew Research Center in Washington ergab im Juli, dass 82 Prozent der weißen Evangelikalen Trump wiederwählen wollen. Wie erklären Sie sich die große Zustimmung?

Dustin Wahl: Für viele konservative Evangelikale geht es hauptsächlich um einige wenige Kernpunkte: um Abtreibung und andere Dinge, die unter "Familienwerte" fallen. Und in dieser Hinsicht hat der Präsident gehalten, was er versprochen hat.

Inwiefern?

Seine Regierung hat zum Beispiel viele konservative Richter berufen, die gegen Abtreibung sind. Auf lokaler Ebene und beim Obersten Gerichtshof hat Trump Brett Kavanaugh und Neil Gorsuch berufen. Wenn weitere Richter den Obersten Gerichtshof verlassen und Trump im Amt bleibt, wird der Gerichtshof noch konservativer werden. Und dafür muss man aus Sicht vieler Evangelikaler Trump wählen. Bei einem liberalen Kandidaten wird es das nicht geben.

Wieso ist es so wichtig, so viele konservative Richter zu haben?

In vielen konservativen Gemeinden wirkt immer noch eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofs von 1973 nach. Damals gestanden die Richter den Frauen landesweit das Recht auf Abtreibung zu. Nach dieser Entscheidung hat sich die evangelikale Gemeinde politisiert. Evangelikale Wähler wollen dieses Recht auf Abtreibung zurückdrehen. Darüber hinaus hat sich bei vielen der generelle Eindruck ver­festigt: Wenn man den progressiven Kräften die Möglichkeit lässt, tun sie alles in ihrer Macht Stehende, um es den Christen schwerer zu machen, ihren Glauben auszuleben.

Dabei geht es auch um eine Steuerreform: Bisher sind fast alle Kirchen als gemeinnützige Organisationen registriert und müssen darum weniger Steuern als normale Unternehmen zahlen. Einige Evangelikale befürchten, dass sich das landesweit ändern könnte, falls die Demokraten gewinnen.

Evangelikale in den USA
Dustin Wahl machte 2016 Schlagzeilen, weil er als Student der evangelikalen Liberty University in Virginia Donald Trump in der "Washington Post" und anderswo als "Antithese des Christentums" bezeichnete. Er mobilisierte Kommilitonen auf dem Campus und in den sozialen Medien gegen Trump. Wahl wurde in South Dakota geboren und gehört zur North American Baptist Church. Heute arbeitet er als PR- und Politikberater in Virginia.
Gut 25 Prozent der erwachsenen US-Amerikaner verstehen sich nach einer Umfrage des Meinungs­forschungsinstituts Pew Research Center (Washington) von 2014 als evangelikale Protestanten. Sie sind die größte religiöse Gruppierung (Katholiken: 21 Prozent). 76 Prozent der Evangelikalen sind weiß, besonders viele leben in den Südstaaten.

In den USA wütet die Corona-Pandemie besonders stark, und Trumps Krisenmanagement wurde vielfach kritisiert. Spielt das gar keine Rolle für evangelikale Wähler?

Damit Evangelikale aufhören, Trump zu unterstützen, reicht es nicht, dass er die Krise schlecht managt. Sie haben ihm schon viele Skandale verziehen und müssten einen fundamentalen Gesinnungswandel durchmachen. Aber eine kritische Analyse findet nicht statt. Manche, die sich als evangelikal bezeichnen, halten Corona für einen Schwindel. Ein Pastor in Virginia beispielsweise hat das Virus runtergespielt und ist daran gestorben.

Das ist natürlich tragisch. Aber ich glaube, ein Großteil der konservativen Evangelikalen, die dem Präsidenten loyal folgen, hören entweder auf ihn oder auf Fox News. Als der TV-Sender und der Präsident angefangen haben, die Krankheit ernster zu nehmen, haben sie es auch getan.

Dustin Wahl: Der 24-Jährige unterstützte Donald Trump anfangs. Inzwischen versucht er, Freunde und Mitstudenten davon zu überzeugen, ihn abzuwählen. (Quelle: Getty Images/Archivbild/Julia Rendleman/The Washington Post)Dustin Wahl: Der 24-Jährige unterstützte Donald Trump anfangs. Inzwischen versucht er, Freunde und Mitstudenten davon zu überzeugen, ihn abzuwählen. (Quelle: Archivbild/Julia Rendleman/The Washington Post/Getty Images)

Trump hatte doch sogar gesagt, man solle mal untersuchen, ob gegen das Virus helfen könnte, Desinfek­tionsmittel zu injizieren...

Damals habe ich mit einem Kumpel darüber gelacht, weil die Äußerung so lächerlich war. Aber ich habe auch gesagt: Im November haben wir die Chance, etwas zu ändern. Dann können wir einen Präsidenten wählen, der nicht so einen gefährlichen Vorschlag macht. Wir halten das jetzt alle für Schwachsinn, aber wir müssen uns am Wahltag im November daran erinnern. Leider ist die Zustimmung für ihn in den vergangenen Jahren eher noch gewachsen.

Sie haben auf der streng evangelikalen Liberty University in Virginia studiert und haben Trump 2016 anfangs unterstützt. Doch dann haben Sie auf dem Campus eine Kampagne gegen ihn gestartet und ihn lautstark kritisiert. Warum?

Trumps Wähler werden häufig in einen Topf geworfen, aber es gibt viele verschiedene Typen, die Trump wählen. Man könnte sie grob in zwei Gruppen einteilen: Die, die ihn schon 2016 während der Vorwahl unterstützt haben und von Anfang an auf seiner Seite standen. Das sind die Radikalen, die die Regierung einfach nur brennen sehen wollen. Aber der viel größere Teil hat ihn nicht gewählt, weil sie ihn so toll fanden, sondern weil sie Hillary Clinton verhindern wollten.

An der Liberty University gab es viele dieser zweiten Kategorie. Nachdem Trump nominiert worden ist, haben plötzlich Professoren, die ich respektiert hatte, völlige unsinnige Argumente vorgebracht, warum wir ihn unterstützen sollten. Und plötzlich haben Freunde von mir, die eigentlich echt gute Menschen sind und ihren Glauben sehr ernst nehmen, auch für Trump gestimmt. Das hat mich irritiert.

Trump hetzt gegen Minderheiten und trennt Familien an der mexikanischen Grenze. Wie können seine evangelikalen Fans so etwas mit dem Gebot der Nächstenliebe verbinden?

Ich erkläre mir das mit einem Mangel an Wissen über die christliche Theologie. Quasi eine Art schlechte Theologie von Christen, die Trump unterstützen und ihre ­eigene Religion nicht verstehen. Ein weiterer Grund sind die ­Medien. Fox News und bestimmte christliche Radio­sender und Moderatoren sind in konservativen, christlichen Haus­halten weit verbreitet und haben eine große Macht. Viele hat außer­dem Trumps Vize Mike Pence überzeugt: Er ist ein christlicher Republikaner, der nicht wie der Präsident dummes Zeug ­twittert. Er erschien vielen als die sichere Bank.

Er ist ihr Superheld: Evangelikale Christin mit T-Shirt, das Donald Trump als Superhelden zeigt, bei einer Veranstaltung in Florida..  (Quelle: Reuters/Eva Marie Uzcategui)Er ist ihr Superheld: Evangelikale Christin mit T-Shirt, das Donald Trump als Superhelden zeigt, bei einer Veranstaltung in Florida.. (Quelle: Eva Marie Uzcategui/Reuters)

Was verstehen Sie unter schlechter Theologie?

Wenn sich Christentum und Politik ver­mischen. Viele glauben, dass das Christentum eine Art "Werte-Set" ist und dass man einen Kandidaten nach einer Checkliste bewerten kann: Trump ist gegen Abtreibung, check, oder er sagt "fröhliche Weihnachten" statt "fröhliche Feiertage". Am Ende wird derjenige unterstützt, der die meisten Häkchen bekommen hat. Ein Teil der Gesellschaft tut so, als wären wir alle unterdrückt und in einer Art Krieg, weil wir einander nicht mehr "fröhliche Weihnachten" wünschen. Aber darum geht es doch nicht im Christentum, und auch einer Politik, die sich christlich nennt, sollte es nicht um so etwas gehen.

Sondern?

Jesus Christus hat Menschen geliebt, egal, wer sie waren oder wo sie herkamen. Er ist nicht gegen sie in den Krieg gezogen. "Selig sind die Sanftmütigen“, heißt es in der Bibel, "Selig sind die, die reinen Herzens sind", "Selig sind die Barmherzigen". Das ist der Kern des Christlichen und das fundamentale Gegenteil dessen, wofür Trump steht. In meiner Kirche kümmern sich viele Menschen um ihre kranken Nachbarn, sie bringen Migranten Englisch bei und helfen ihnen bei der Jobsuche. Das ist christlich. Trump hat der Kirche Schaden zugefügt. Er hat die Mission der Kirche verdreht. Plötzlich glauben Christen, wir würden einen Kampf gegen die Liberalen führen und gegen Menschen, die keine Christen sind. Dabei geht es doch im Christentum da­rum, seinen Nächsten zu lieben.

Warum setzen sich die Evangelikalen für die Republikaner ein?

Ende der 1970er, Anfang der 80er Jahre entstand eine christliche, politische Bewegung, die Christen dazu motiviert, als Block zu wählen, um einen größeren Einfluss zu haben. Evangelikale Christen sollten sich vereinen und für den Republikaner Ronald Reagan stimmen. Sie waren besorgt über die Richtung, die das Land eingeschlagen hat. Natürlich haben sich ihm nicht alle angeschlossen. Aber damals hat sich die christlich-evangelikale Kirche das erste Mal an die Seite der Republikaner gestellt.
 

 
Diskutieren Sie mit Menschen aus Ihrem evangelikalen Umfeld, die Trump unterstützen?

Ich mache das oft gar nicht so gut. Manchmal konfrontiere ich gar nicht, das ist einfacher, aber natürlich nicht richtig. Manche Menschen werden passiv-aggressiv, das ist auch der falsche Weg. Die produktivste Unterhaltung führt man, indem man höflich bleibt, zuhört, aber auch mit Selbstbewusst-sein seine Überzeugungen darlegt. Das ist kein Geheimrezept. Aber so, in persönlichen Ge­sprächen, kann man tatsächlich etwas bewirken.

Diese Geschichte erscheint in Kooperation mit dem Magazin "chrismon". Die Zeitschrift der evangelischen Kirche liegt jeden Monat mit 1,6 Millionen Exemplaren in großen Tages- und Wochenzeitungen bei – unter anderem "Süddeutsche Zeitung", "Die Zeit", "Die Welt", "Welt kompakt", "Welt am Sonntag" (Norddeutschland), "FAZ" (Frankfurt, Rhein-Main), "Leipziger Volkszeitung" und "Dresdner Neueste Nachrichten". Die erweiterte Ausgabe "chrismon plus" ist im Abonnement sowie im Bahnhofs- und Flughafenbuchhandel erhältlich. Mehr auf: www.chrismon.de

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