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Waldimir Kaminer: Der beste Kandidat für den Bundestag redet nicht. Er singt.

MEINUNGBizarrer Wahlkampf  

Der beste Kandidat für den Bundestag redet nicht. Er singt.

Von Wladimir Kaminer

12.09.2021, 10:22 Uhr
Waldimir Kaminer: Der beste Kandidat für den Bundestag redet nicht. Er singt.. Plakate im Bundestagswahlkampf und Heino (Bildmontage t-online): Die Zukunft verkörpert für Wladmir Kaminers Mutter nur der Schlagersänger. (Quelle: Future Image/Jan Huebner)

Plakate im Bundestagswahlkampf und Heino (Bildmontage t-online): Die Zukunft verkörpert für Wladimir Kaminers Mutter nur der Schlagersänger. (Quelle: Future Image/Jan Huebner)

Überall Plakate mit Kandidaten, die irgendetwas fordern oder tun wollen. Das macht die Wahl nicht leicht. Zumal der beste Kandidat zwar ebenfalls omnipräsent ist, aber gar nicht zur Wahl steht. Meint Wladimir Kaminer.

Bereits Anfang August bedeckten sich die Bäume und Straßenlaternen mit bunten Wahlplakaten, denn die Bundestagswahl steht ja bevor. Die Bürgerinnen und Bürger sind gefragt, sich einen Kandidaten vom Baum zu wählen und in den Bundestag zu schicken. Neben den Kandidaten hängen auch noch Plakate von Ikea und Heino, der ganz Deutschland mit seinen Konzerten überzieht.

Corona hin oder her, Heino singt weiter. Ich bin mir sicher, es gibt inzwischen kein Dorf mehr in Deutschland, wo Heino nicht schon einmal war. Meine Mutter schaute sich die Bäume und Straßenlaternen mit großem Interesse an, sie zeigte sich überrascht von der Vielfalt der Plakate und Wahlsprüche und wollte wissen, was die Unterschiede zwischen den Parteien und den einzelnen Personen auf den Bäumen seien. Wie sie miteinander im Bundestag überhaupt klarkämen.

Wladimir Kaminer ist Schriftsteller und Kolumnist. Er wurde 1967 in Moskau geboren und lebt seit rund 30 Jahren in Deutschland. Zu seinen bekanntesten Büchern gehört "Russendisko". Kürzlich erschien sein neuestes Buch "Der verlorene Sommer. Deutschland raucht auf dem Balkon".

Ich hatte Mühe, ihr zu erklären, dass Ikea und Heino zum Beispiel gar nicht kandidieren und auch die anderen nicht alle in den Bundestag einziehen. Höchstens einer pro Baum, die restlichen Kandidaten bleiben draußen im Regen hängen. Oh mein Gott, wie frustrierend muss das für sie sein, nicht gewählt zu werden, bemitleidete Mama die Kandidaten. Bei uns in der Sowjetunion gab es früher so etwas nicht, dass man kandidierte und nicht gewählt wurde.

Ja, es wird nicht leicht für die Menschen sein, einen vom Baum zu wählen, irgendwie schienen alle Kandidaten beim gleichen Fotografen im Studio gesessen zu haben. Der zu ihnen meinte: "Lacht mal, macht den Knopf auf und guckt fröhlich in die Kamera, als wäre gerade Kindergeburtstag im Gange, aram-sam-sam."

Ich hätte mir einen Kandidaten mit ernstem Blick gewünscht. Nur Heino blickte ernst, er kandidierte aber nicht. Bei uns in der Sowjetunion wurde auch ständig gewählt, nicht zuletzt der Oberste Sowjet. Die Menschen zogen sich am Wahltag festlich an und gingen zu den Urnen. Dort bekam jeder einen Wahlzettel von der Wahlkommission und musste darin ein fünfeckiges Sternchen setzen.

An diesen Tagen wurden in den Wahllokalen Orangen verkauft, manchmal gab es sogar Sprotten und Luftballons für umsonst. Niemand wunderte sich, dass es nur einen Kandidaten pro Wahllokal gab. Wir hatten auch nur eine Partei, die kommunistische. Allein schon deswegen wäre es eine Frechheit, einen Kommunisten nicht zu wählen. Wie soll sich jemand fühlen, der seinem Staat nützlich sein möchte, dessen Dienste aber auf solch erniedrigende Art abgelehnt werden?

Sowjetische Profis am Werk

Das ist doch ein niederschmetterndes Gefühl. Und die Qual der Wahl wurde den Menschen auch erspart, sie mussten nicht wie die Hamster im Wahl-O-Mat unzählige Runden bis zum Erbrechen drehen, nur um festzustellen, dass kein Parteiprogramm und kein Kandidat mit ihren Vorstellungen für den Umbau der Welt übereinstimmt.

Diese Arbeit wurde den sowjetischen Menschen von Profis abgenommen, von denen, die schon immer, von Anfang an, das Land regierten. Und niemand, den ich kannte, erzählte Mama, wünschte sich einen zweiten Kandidaten, sie fanden, der eine sei bereits einer zu viel.

Meine Kinder haben der Oma zugehört und nur die Köpfe geschüttelt. Sie fanden umgekehrt, es gebe zu wenig Kandidaten auf den Bäumen. Und die, die da waren, kannte man irgendwie schon von früher. Meine Tochter meinte, es seien doch immer die gleichen Typen, die schon damals kandidierten, als sie noch zur Schule ging, und das sei nun schon sieben Jahre her.

Die Bäume sind seit damals gewachsen, die Kandidaten haben sich jedoch überhaupt nicht verändert, sie sind auch kein Jahr älter geworden und haben den gleichen fröhlichen Gesichtsausdruck wie damals.

Grundsätzlich fand meine Tochter, es gebe zu viele alte weiße Männer auf den Plakaten, kaum Diverse, keine Nonbinären, keine Transgender, Intersexuelle, keine Queeren, keine People of Colour, das gehe eigentlich gar nicht.

Greta bleibt nicht verschont

Auch andere Lebensarten würden bei den Wahlkampagnen nicht berücksichtigt, die Rechte von Bäumen zum Beispiel überhaupt nicht ernst genommen. Die Bäume würden gar bloß zur Plakatbefestigung missbraucht. Manche Wahlwerbung klinge gar höhnisch und weltfremd.

"Darf ich auf Kreta, Greta?" – Was soll denn das für eine Botschaft sein und warum will die AfD nach Kreta, wissen sie nicht, dass die Insel abgebrannt und überflutet war? Haben die Rechten keine Selbstschutzmechanismen? Die Liberalen plakatieren: "Wer sein Auto behalten will, darf nicht links abbiegen." Was für eine Frechheit, regte sich meine Tochter auf. Und das schreiben sie in einer Stadt, wo fast jeden Tag ein Rechtsabbieger einen Radfahrer tötet.

Die Linksabbieger sind bei Weitem nicht so gefährlich, sie lassen doch alle vorfahren. Wir brauchen mehr unabhängige Kandidaten, Enthusiasten, die nicht an eine Partei gebunden sind, eine Vision für die Zukunft haben und die Probleme der Welt ernst nehmen, meinte meine Tochter. Bin absolut deiner Meinung, nickte Mama, ich würde auch Heino wählen.

Die in Gastbeiträgen geäußerten Ansichten geben die Meinung der Autoren wieder und entsprechen nicht notwendigerweise denen der t-online-Redaktion.

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