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Kieler Studentin: "Ich stehe zum Nikab, egal was kommt"

INTERVIEWVon Salafisten unterstützt  

Kieler Studentin: "Ich stehe zum Nikab, egal was kommt"

Von Imke Gerriets

25.02.2019, 08:59 Uhr
Kieler Studentin: "Ich stehe zum Nikab, egal was kommt". Eine Frau mit Nikab (Symbolbild): Katharina K. verzichtet derzeit lieber auf das Studium als auf das Kleidungsstück. Im Interview hat sie über ihre Beweggründe und ihre Unterstützer gesprochen.  (Quelle: Getty Images/Christopher Furlong)

Eine Frau mit Nikab (Symbolbild): Katharina K. verzichtet derzeit lieber auf das Studium als auf das Kleidungsstück. Im Interview hat sie über ihre Beweggründe und ihre Unterstützer gesprochen. (Quelle: Christopher Furlong/Getty Images)

Ihr Kampf für das Tragen eines Nikab an der Kieler Universität hat Studentin Katharina K. bundesweit in die Schlagzeilen gebracht. Mit t-online.de spricht sie über ihre umstrittenen Unterstützer und ihren Weg zur Muslimin.

Die Universität in Kiel hat in Lehrveranstaltungen ein Verbot der Vollverschleierung erlassen. Der Grund: Die konvertierte Muslimin Katharina K. kam im Nikab zur Uni. K. will nun das Verbot kippen, weil sie im Vorgehen der Hochschule einen Verstoß gegen das Grundgesetz sieht. Dabei hat sie Unterstützer, die dem Verfassungsschutz bekannt sind: Hinter dem Fall der 21-Jährigen steht die Föderale Islamische Union, deren Köpfe aus der Salafistenszene kommen. Studentin K. sagt, sie ist anderer Auffassung als der Verfassungsschutz.

Vorsitzender des Ende 2017 gegründeten Vereins ist Marcel Krass, der 1995 nach seinen Angaben einer der ersten Konvertiten im deutschsprachigen Raum war und Kontakt zu einem der Attentäter vom 11. September 2001 in New York hatte. Krass und Vereinspräsident Dennis Rathkamp alias Abdul Malik standen oder stehen als Prediger in enger Verbindung mit Szenengrößen wie Pierre Vogel oder Sven Lau und der inzwischen verbotenen "Lies"-Bewegung. 

Ihre Föderale Islamische Union gibt als Ziel an, für Rechte von Muslimen einzutreten und für separaten Schwimmunterricht an Schulen und gegen das Verbot der Vollverschleierung zu kämpfen. Nun unterstützt die Union Katharina K. Im Interview mit t-online.de spricht die Kieler Studentin der Ökotrophologie über das Nikab-Verbot, ihre Beweggründe und wie ihre Familie dazu steht. Sie hat für das Interview darauf bestanden, ihre Antworten vorgelegt zu bekommen und hat kleine Änderungen vorgenommen.  

Katharina K., der Koran schreibt nicht einmal ein Kopftuch vor. Warum kämpfen Sie so für einen Nikab? 

Katharina K.: Ich folge nicht nur dem, was Pflicht ist, sondern möchte mehr tun, um Gott näher zu kommen. In allen anerkannten Koran-Auslegungen ist auch zu lesen, dass der weibliche Körper mit weiten Kleidern verdeckt werden sollte, die keine Formkontur erkennbar machen. Nur was das Freilassen des Gesichtes und der Hände betrifft, gibt es Meinungsverschiedenheiten. Alle Rechtsgelehrten erwähnen den Niqab aber als Teil des Islams und wünschenswert.

In manchen islamisch geprägten Ländern sind Burka und Nikab auch verboten. 

Muslime sind nicht der Maßstab für den Islam, sondern die Quellen des Islams selber. Genauso wenig wie es die sogenannten "islamischen Länder" sind. Sie haben meistens eine säkulare Staatenordnung und bekämpfen viele islamische Tendenzen, nicht nur den Nikab, sondern genauso islamische Bildung wie in Tunesien oder zu lange Aufenthalte in den Moscheen wie in Marokko.

Wenn der Nikab für Sie ein Weg ist, Gott näher zu kommen, wäre der logische nächste Schritt eine Burka, die das Gesicht völlig verhüllt.

Das Freilassen der Augen haben die Gelehrten aufgrund bestimmter Verse im Koran für zulässig erklärt, andere wiederum nicht. Da gibt es wie gesagt Meinungsverschiedenheiten.

Und Sie verzichten im Moment lieber auf die Uni als auf den Nikab.

Mit dem Nikab-Verbot wird das Grundgesetz angetastet. Ich werde den Nikab nicht abnehmen, auch wenn ich derzeit daran gehindert werde, weiterhin zur Uni zu gehen. Im Moment steht noch aus, inwiefern diese Richtlinie für mich bindend ist. Es könnte sein, dass ich in Schwierigkeiten gerate, wenn ich trotz des Nikab-Verbots so in der Uni erscheine. Es könnte auch sein, dass meine Dozenten Probleme bekommen könnten. Trotz alledem haben mir auch Dozenten gesagt, dass sie keine Probleme mit der Vollverschleierung haben. 

Geht es Ihnen denn nur um Sie persönlich?

Ich habe dabei schon das große Ganze im Blick. Es kann nicht sein, dass die Uni glaubt, das Grundgesetz einschränken zu können, wie ich denke. Die Uni hat sich an das Neutralitätsgebot zu halten, wie auch an die anderen Grundrechte. Daher ist es mir egal, ob ich erstmal mein Studium unterbrechen muss. Muslimische Frauen dürfen nicht diskriminiert werden. Auch in anderen Gebieten außerhalb der öffentlichen Einrichtungen bekommen weibliche Gläubige Probleme mit ihrem Kopftuch. Ich möchte ein klares Statement setzen, dass man zu Diskriminierung nicht schweigen sollte.

Es gab bereits Protest-Aktionen wie #NichtohnemeinKopftuch. Haben Sie sich da auch engagiert? 

Nein, aber je nach Entwicklung der Lage wird auch bestimmt so etwas kommen.

Und jetzt kämpfen Sie nicht alleine?

Meine Familie steht komplett hinter mir. Natürlich sind auch meine Glaubensschwestern und andere Studenten für mich da. Zudem unterstützen mich die Islamische Hochschulgemeinde der Uni, die Fachschaft und verschiedene Anwälte, mit denen ich gesprochen habe.

Und Verbände?

Verbände nicht unbedingt, aber ich bin mit meinem Mann auf die Föderale Islamische Union zugegangen. Deren Anwälte haben sich dieses Falles angenommen. Die Föderale Islamische Union setzt sich sehr stark für diskriminierte Muslime ein und übernimmt auch die Kosten, die anfallen. 

Das ist ein Verein, dessen Verantwortliche im Blick verschiedener Verfassungschutzämter sind und etwa von dem niedersächsischen Verfassungsschutz dem politischen Salafismus zugeordnet werden. 

Diese Auffassung des Verfassungsschutzes teile ich nicht. Und noch dazu herrscht eine Diskrepanz zwischen dem, was die Allgemeinheit unter dem dämonisierten Begriff Salafismus versteht und was Muslime darunter verstehen.

Oder was Teile der Muslime darunter verstehen. Welche Erfahrungen macht man denn als Nikab-Trägerin?

Ich habe mich in der Uni wohler gefühlt als draußen auf der Straße. Auf der Straße werde ich angefeindet. Aber es spielt letzten Endes keine Rolle, ob jemand ein Nikab trägt oder nur ein Kopftuch. Wenn man über körperliche Attacken spricht, spielt es keine Rolle, in welcher Art von Verschleierung diese Person attackiert wurde.

Körperliche Attacken?

Ich selber wurde Gott sei Dank noch nicht physisch angegriffen. Aber ich kenne Mädchen, denen das passiert ist. Es gibt viele Fälle, wo junge Mädchen unter 15 Jahren, die ein Kopftuch tragen, auf der Straße angegriffen werden. Es gibt auch Frauen, die ein Nikab tragen wollen, denen aber die Familien aus Angst vor Angriffen davon abraten.

Und was haben Sie erlebt?

Meistens werde ich von älteren Menschen beleidigt, die sich darüber aufregen. Die sagen dann, das geht nicht, wir sind doch in Deutschland. Ich werde als Islamistin verunglimpft. Das schlimmste war, als mir eine Frau mitten auf der Straße ins Gesicht schrie. Ich bin ganz normal in einer Shopping-Passage gelaufen, als eine Unbekannte mir ganz nah kam. Aber ich stehe zum Nikab, egal was kommt.

Die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel: An dieser Uni wird Katharina K. untersagt, weiterhin mit einem Nikab Lehrveranstaltungen zu besuchen. (Quelle: imago images/Werner Otto)Die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel: An dieser Uni wird Katharina K. untersagt, weiterhin mit einem Nikab Lehrveranstaltungen zu besuchen. (Quelle: Werner Otto/imago images)

Und wie ist es an der Uni eskaliert?

Am Ende des Botanikmoduls wollte plötzlich der Professor mit mir sprechen und hat von dem Nikab als Kommunikationshürde gesprochen. Als zweites Argument nannte er mir, dass man mich bei den Prüfungen nicht identifizieren könnte. Ich konnte gar nicht antworten, dass ich meinen Nikab kurz hoch machen kann zum Abgleich mit dem Ausweis. Er hat mich nicht ausreden lassen. Die Message des Gespräches war: Entweder ich ziehe den Nikab aus oder er werde mit dem Präsidium dafür sorgen, dass ich ihn nicht mehr tragen kann.

Sein Argument lässt sich leicht widerlegen. An Online-Universitäten gibt es Foren, in denen die Studenten sachlich diskutieren, und das ist das, worauf Wissenschaft aufbaut: auf Argumenten und Fakten. Es ist völlig egal, ob mein Gesicht dabei zu sehen ist oder nicht.

In Bayern ist bereits das Gesetz über Verbote der Gesichtsverhüllung beschlossen. Die Universität Gießen hat auch ein Nikab-Verbot.

Und andere Unis haben gar kein Problem mit dem Nikab. In Deutschland haben besonders die Religionsfreiheit und bestimmte Artikel im Grundgesetz eine ganz große Stellung – gerade im Hinblick auf die Geschichte Deutschlands. Ich weiß nicht, wie das Gesetz in Bayern zustande kam, aber die Uni Gießen hat auch nur eine Art Richtlinie erlassen. Ich kann mir vorstellen, dass dort nicht dagegen geklagt wurde und somit niemand sie mit dieser Grundgesetzwidrigkeit konfrontierte.

Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Prien möchte das Verbot auch im Schulgesetz verankern.

Ich finde das erschreckend. Die Politik soll sich genauso nach dem Grundgesetz richten. Aber die Schule ist noch einmal eine rechtlich andere Situation.

Wie sind Sie denn überhaupt zum Islam gekommen?

Ich habe schon immer nach grundlegenden  Antworten gesucht. Fürs Abitur wollte ich mein Englisch verbessern und habe auf internationalen Internet-Seiten verschiedene Kontakte aus der ganzen Welt geknüpft. Darunter auch Muslime, mit denen ich mich angefreundet habe. Wir haben nicht nur über Religion gesprochen, aber ich habe festgestellt, dass der Islam mir Antworten auf meine Fragen gibt.

Welche Fragen hatten Sie?

Warum sind wir hier, was ist der Sinn des Lebens, was ist unsere Aufgabe, wo komme ich her, wo gehe ich hin und was ist nach dem Tod. Das sind Fragen, die sich jeder Mensch stellt. Nun habe ich rational und spirituell befriedigende Antworten.

Gab es in Ihrer Jugend auch mal eine Phase, wo Sie Alkohol getrunken haben oder auf Partys gegangen sind?

Dazu möchte ich nichts sagen. Aber ich war schon früher gläubig, habe jedoch den Konfirmandenunterricht abgebrochen, weil meine Fragen nicht beantwortet wurden.

Sie haben Ihre Lebensweise geändert.

Mit 17 Jahren habe ich meinen Glauben gewechselt. Ich habe acht Monate Auseinandersetzung gebraucht, um zu erkennen, dass der Islam die Wahrheit ist und um ihn anzunehmen. Vor dem Islam war ich noch abgeneigt vom Kopftuch, weil ich dachte es wäre Unterdrückung. Meine Einstellung hat sich nach der Konversion geändert. Ich habe nicht mehr blind angenommen, was mir über den Islam erzählt wurde sondern selber recherchiert und den tieferen Sinn hinter allem verstanden.

Und der Wunsch, Nikab zu tragen, ist von Ihnen ausgegangen?

Ja. Als ich meinen Mann kennengelernt habe und bevor wir geheiratet haben, habe ich ihn auch ganz klar gefragt, ob er Schwierigkeiten damit hat, wenn ich ein Nikab tragen sollte. Da er selbst praktizierender Muslim ist, hat er gesagt, dass es kein Problem für ihn ist. Er ist wie ich in Deutschland aufgewachsen, kommt aber aus dem arabischen Raum. Zum Islam konvertiert bin ich schon, bevor ich ihn kennen gelernt habe.

Wie ist Ihre Familie damit umgegangen?

Am Anfang war die Veränderung für meine Familie schwierig. Der Nikab war für meine Angehörigen natürlich erstmal ein Schock. Sie haben aber immer gesagt, dass ich ihre Tochter bin und sie hinter mir stehen werden. Sie tolerieren meinen Lebenswandel, gehen mit mir normal um und auch raus. Zu Hause und vor Frauen trage ich den Nikab auch nicht.

Und wie sieht Ihre Familie das Verhalten der Uni?

Sie halten es für rechtswidrig und stehen voll hinter mir.


Wie soll es weitergehen?

Wir hoffen noch auf eine außergerichtliche Einigung und sind redebereit. Wenn es nur um die Kommunikationshürde gehen würde, könnten wir schnell eine Einigung finden. Es steht jetzt noch ein Termin mit dem Präsidium und dem AStA aus. Von der Uni kommt momentan gar nichts. Sie sagen einfach nur, dass sie zu dem Verbot stehen. Dass die Unterstellung, eine Kommunikationshürde würde bestehen, von vielen Dozenten und Studierenden nicht vertreten wird, interessiert niemanden aus dem Präsidium. Der Subtext lautet, dass das zu viel Islam an der Uni ist. Wenn unsere Versuche scheitern, dann werden die Anwälte eingeschaltet.

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