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Wie "Querdenker" die Corona-Zahlen in Thüringen befeuern

Deutschlands größter Hotspot  

Wie "Querdenker" die Infektionsrate in Thüringen befeuern

Von Annika Leister

03.05.2021, 18:32 Uhr
Wie "Querdenker" die Corona-Zahlen in Thüringen befeuern. Schleiz im Saale-Orla-Kreis in Thüringen: Hier sitzt das Landratsamt, dem die Pandemiebekämpfung gerade durch die Finger gleitet.  (Quelle: dpa/Bodo Schackow)

Schleiz im Saale-Orla-Kreis in Thüringen: Hier sitzt das Landratsamt, dem die Pandemiebekämpfung gerade durch die Finger gleitet. (Quelle: Bodo Schackow/dpa)

Mit einer Inzidenz von 574 ist der Saale-Orla-Kreis derzeit Hotspot Nummer eins. Ein Teil der Bürger lässt die Regeln schleifen, sagt das Landratsamt. Auch, weil eine Protestbewegung großen Einfluss hat.

In vielen Gegenden Deutschlands sind die Infektionszahlen derzeit recht stabil oder sinken sogar. Anders im Saale-Orla-Kreis in Thüringen: Hier steigen die Infektionszahlen stark. Am Freitag schon lag die Inzidenz bei 262 Infektionen pro 100.000 Einwohner und Woche, inzwischen liegt die Inzidenz laut Robert Koch-Institut bei 574. Das ist mehr als eine Verdopplung in nur vier Tagen. So viele Neuinfektionen verbucht kein anderer Landkreis in Deutschland.

Dabei verzeichnet der Saale-Orla-Kreis keine außergewöhnlichen Ausbrüche in Schlachthöfen, Schulen oder Pflegeheimen. Ein halbes Jahr schon – seit Beginn der zweiten Welle im Oktober – liegt der Landkreis über der Inzidenz von 100, erklärt Alexander Hebenstreit, Pressesprecher des Landratsamts im Saale-Orla-Kreis. Die Maßnahmen sind entsprechend streng: Die Schulen sind geschlossen, eine Ausgangssperre gab es hier schon lange vor Inkrafttreten der Bundesnotbremse.

Wie aber lässt sich dann die hohe Infektionsrate erklären? "Unser Hauptproblem ist, dass weiterhin viele private Feiern und Kontakte stattfinden", sagt Hebenstreit. Einige Fälle von privaten Feiern seien bekannt, in einem Fall habe zum Beispiel eine Großfamilie in einem Dorf Geburtstag gefeiert – mit zahlreichen Infektionen als Folge. Aber auch sonst, befürchtet das Landratsamt, halten sich manche Bürger im Kreis nicht mehr an die für die Pandemiebekämpfung zentralen Kontaktbeschränkungen.

Leerer Marktplatz in Schleiz im Saale-Orla-Kreis: Insgesamt rund 80.000 Menschen leben im Landkreis.  (Quelle: dpa/Bodo Schackow)Leerer Marktplatz in Schleiz im Saale-Orla-Kreis: Insgesamt rund 80.000 Menschen leben im Landkreis. (Quelle: Bodo Schackow/dpa)

Landratsamt: "Querdenker" beeinflussen Meinungsbildung

Hebenstreit sieht für diese Entwicklung vor allem zwei Gründe. Erstens die lange Dauer der harten Beschränkungen. "Das sorgt für Frustration", sagt er. Je länger die Maßnahmen anhielten, desto schwerer sei es, die Bevölkerung zu ihrer Einhaltung zu bewegen. Massiver Protest schlug dem Landratsamt entgegen, als man im Januar nach nur einer Woche mit offenen Schulen die Bildungseinrichtungen wegen zu hoher Infektionszahlen wieder schließen musste.

Mit diesem Frust eng verbunden ist ein zweiter Faktor, der nach Hebenstreits Einschätzung die Infektionszahlen treibt: "Es gibt bei uns eine wahrnehmbare 'Querdenker'-Szene", erklärt er. "Das trägt zu dieser Entwicklung bei, das befeuert sicher auch die Meinungsbildung." 

In zahlreichen Thüringer Städten wie Weimar, Gera und Erfurt haben die "Querdenker" in den vergangenen Monaten gegen die Corona-Maßnahmen protestiert. Mal mit Hunderten, mal mit Tausenden. Entsprechend harte Protestpost kennen auch die Mitarbeiter des Landratsamts nur zu gut. "Die Stimmung ist angespannt", sagt Hebenstreit.

Der Frust könnte noch wachsen

Die Infektionszahlen im Kreis sind so hoch, dass die Gesundheitsämter Infektionsketten schon lange nicht mehr nachvollziehen können. Die zu bearbeitenden Fälle stapeln sich. Zurzeit arbeitet das Amt auch Fälle aus vorangegangen Tagen ab, was zu weiteren Sprüngen in der Statistik führt. Hebenstreit spricht von einem "sehr diffusen Infektionsgeschehen", das das Amt schon lange nicht mehr kontrollieren, sondern nur noch verwalten könne.

Ein Ende der steigenden Infektionszahlen ist deswegen nicht in Sicht – und damit auch kein Ende der strengen Corona-Maßnahmen. Ein Teufelskreis, der sich bald noch rascher drehen könnte. Denn steigen die Zahlen weiter, kann es auch zu Ausgangssperren bei Tage kommen. Das Landratsamt will diese Härte unbedingt vermeiden, kann sie aber nicht ausschließen. "Es kann passieren, dass wir an den Punkt kommen, wo das nötig ist", so Hebenstreit. Man beobachte das Infektionsgeschehen zurzeit sehr genau.

Nordfriesland verzeichnet niedrigste Inzidenz Deutschlands

Auch in Landkreisen, in denen die Infektionszahlen niedrig liegen, sieht man den Zusammenhang zwischen "Querdenkern" und der Pandemieentwicklung. 600 Kilometer vom Saale-Orla-Kreis entfernt, ganz im Norden Deutschlands, verzeichnet der Kreis Nordfriesland derzeit die niedrigste Inzidenz deutschlandweit: nur noch 33 Corona-Fälle pro 100.000 Einwohner und Woche.

Woran das liegt? "Die wahrscheinlichsten Erklärungen sind: Geringe Besiedelung, keine Großraumbüros in der Region, ein schnell und klar handelndes Gesundheitsamt und eine Bevölkerung, die nicht aus 'Querdenkern' besteht, sondern aus Menschen, die die Regeln beherzigen", sagt Florian Lorenzen, Landrat in Nordfriesland.

Im Januar waren die Infektionszahlen auch in Nordfriesland höher. Es gab größere Ausbrüche in einem Pflegeheim, einem Schlachthof und zwei Krankenhäusern. Zweieinhalb Wochen lang riss der Kreis die Inzidenzmarke 100. Das Gesundheitsamt habe "schnell und rigoros" gehandelt, so Lorenzen. Die betroffenen Einrichtungen wurden ohne Ausnahme geschlossen – sogar die beiden Krankenhäuser. Planbare Operationen wurden verschoben, Notfälle nach Flensburg oder Schleswig gebracht.

Danach sanken die Zahlen rasch wieder – auf ein so niedriges Niveau, dass die gesamte Region nun Modellregion ist. Bedeutet: Rund 5.000 Betriebsstätten in Gastronomie und Tourismus dürfen wieder ihre Dienste anbieten. Sogar Urlauber aus anderen Bundesländern sind hier wieder willkommen.

Ein Gast checkt in einem Resort in Nordfriesland ein: Die Regeln für Touristen und Herbergen sind streng.  (Quelle: dpa/Frank Molter)Ein Gast checkt in einem Resort in Nordfriesland ein: Die Regeln für Touristen und Herbergen sind streng. (Quelle: Frank Molter/dpa)

Die Kontrolle bleibt dabei streng. Urlaubsgäste müssen in ihrer Herberge alle zwei Tage ein negatives Testergebnis vorlegen. Wer die Gastronomie nutzen will, braucht zudem ein Testergebnis, das nicht älter als 24 Stunden ist. Außerdem sind Testzentren im Kreis dazu verpflichtet, nicht nur positive PCR-Tests, sondern auch positive Schnelltestergebnisse sofort an das Gesundheitsamt zu melden. "Das haben wir als Kreis als Bedingung für eine Betriebserlaubnis so vorgegeben", erklärt Lorenzen. "Wir wissen also sofort, wer vielleicht infiziert ist, und testen sie zügig mit einem PCR-Test nach."

Wer positiv getestet wird und noch symptomfrei und reisefähig ist, muss den Landkreis wieder verlassen. Kann der Betroffene nicht mehr reisen, werden er und seine Mitreisenden in der Unterkunft unter Quarantäne gestellt. Tourismus, Gastronomie und Kultur sind in Nordfriesland mit strengen Regeln so wieder möglich.

"Jeder Gast, der sich an die Regeln des Modellprojektes hält, ist herzlich in Nordfriesland willkommen", sagt Lorenzen. "Auf die anderen freuen wir uns dann nach der Pandemie wieder."

Verwendete Quellen:
  • Gespräch mit Alexander Hebenstreit
  • Gespräch mit Florian Lorenzen 
  • Anfrage an das Gesundheitsamt Thüringen 
  • weitere Quellen
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