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Bahnstreik um 35-Stunden-Woche für Lokomotivführer: Das hilft niemandem


Über das Ziel hinausgeschossen

Von Heike Vowinkel

Aktualisiert am 08.12.2023Lesedauer: 3 Min.
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Schon wieder Stillstand: Am Freitag streikt die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer – zum Leidwesen aller Bahnfahrer. (Quelle: Wolfgang Maria Weber/imago-images-bilder)

Schon wieder stehen die Züge still. Die Gewerkschaft der Deutschen Lokomotivführer will mit Streiks die 35-Stunden-Woche durchboxen. Zum Schaden aller.

Ziele, so predigen es weise Menschen, sollten realistisch sein: Nicht zu niedrig, aber auch nicht zu hoch angesetzt werden. Schließlich sei über das Ziel hinauszuschießen ebenso schlimm wie nicht ans Ziel zu kommen, wusste schon Konfuzius.

Was es heißt, nicht oder nur verspätet ans Ziel zu kommen, wissen Bahnfahrer nur zu gut. Mal sind es nicht vorhersehbare Schneemassen im Dezember, dann wieder Bauarbeiten, eine zu hohe Auslastung oder Personalmangel, weswegen Züge stillstehen und verspätet eintreffen. Am Freitag ist es nun mal wieder ein Streik, zu dem die Gewerkschaft der Deutschen Lokomotivführer GDL ihre Mitglieder aufruft. Bahnfahrer sind leidgeprüft. Der Grund, weshalb sie nicht ans Ziel kommen, spielt für die meisten kaum noch eine Rolle.

In diesem Fall sollte es das aber. Denn der Knackpunkt, um den es in den Verhandlungen zwischen GDL und Deutscher Bahn geht, ist auch entscheidend für die nahe Zukunft der Bahn und damit ihrer Kunden: Die GDL, allen voran ihr Vorsitzender Claus Weselsky, fordert – neben mehr Gehalt und höheren Zulagen – eine 35-Stunden-Woche für alle ihre im Schichtdienst arbeitenden Mitarbeiter: Lokführer, Zugbegleiter, Fahrdienstleiter und Co. sollen statt 38 künftig nur noch 35 Stunden pro Woche bei vollem Lohnausgleich arbeiten.

Dieses Ziel ist weder realistisch noch weise, schießt es doch weit über das hinaus, was derzeit umsetzbar ist. Es ist sogar kontraproduktiv. Den Schaden werden am Ende alle haben – Bahnfahrer wie -mitarbeiter.

Die Deutsche Bahn muss attraktiver werden

Dabei hat GDL-Chef Claus Weselsky recht: Die Deutsche Bahn muss als Arbeitgeber dringend attraktiver werden. Schon jetzt fehlen ihr im Jahresdurchschnitt mehrere Hundert Lokführer. Die Arbeit im Schichtdienst ist körperlich anstrengend, die Anforderungen etwa für Lokführer sind hoch: große Konzentrations-, schnelle Reaktionsfähigkeit, ständige Ortswechsel und viele Überstunden. Es gibt angenehmere Jobs, das weiß auch der Nachwuchs.

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Quelle: Reuters

Zumal ein Gehalt von 3100 bis maximal 4100 Euro brutto nicht gerade üppig ist. Es ist daher verständlich, dass Weselsky darauf drängt, dass das finanzielle Angebot der Deutschen Bahn verbessert wird. Doch die Attraktivität des Gehalts ist das eine. Die der Arbeitszeit das andere. Natürlich sind 35 Stunden Arbeit in der Woche verlockend. Doch wie, das möchte man gern Herrn Weselsky fragen, stellt er sich das praktisch vor? Wenn schon jetzt so viele Stellen nicht besetzt werden können, woher sollen dann 10.000 Fachkräfte kommen, die laut Bahn wegen der verkürzten Arbeitszeit zusätzlich eingestellt werden müssten?

Die Ausbildung eines Lokführers dauert drei Jahre. Mal angenommen, die Bewerber würden der Deutschen Bahn nach der Einführung der 35-Stunden-Woche die Personalbüros einrennen, wovon nicht auszugehen ist, aber trotzdem: Dann müssten immer noch drei Jahre überbrückt werden, in denen einerseits die vorhandenen Angestellten bereits weniger arbeiten, die neuen aber noch nicht (voll) einsatzfähig wären.

Höchste Zeit für einen Kompromiss

Jeder, der Grundrechenarten beherrscht, kann sich ausrechnen, was das unterm Strich bedeutet: Entweder noch mehr Zugausfälle wegen Personalmangels – oder noch mehr Überstunden für die Bahn-Angestellten. Die GDL fordert allerdings auch, dass Überstunden nicht mehr verpflichtend sein sollen.

Daher wird es höchste Zeit, dass endlich ein Kompromiss auf den Tisch kommt. Das Ziel, die Deutsche Bahn durch bessere Arbeitsbedingungen und auch durch bessere Arbeitszeiten attraktiver zu machen, ist richtig. Eine 35-Stunden-Woche lässt sich allerdings höchstens mittelfristig erreichen. Nicht in einem Abschluss, der vom nächsten Jahr an gilt. Die Deutsche Bahn sollte daher endlich auf die GDL zugehen und nicht mehr jegliches Gespräch über attraktivere Arbeitszeiten ausschließen.

Die GDL wiederum sollte von ihrer Maximalforderung herunterkommen. Auch die Perspektive einer kürzeren Arbeitszeit, die in wenigen Jahren verbindlich umgesetzt wird, erhöht die Attraktivität eines Arbeitgebers. Wer sich jetzt bei der Deutschen Bahn bewirbt und weiß, dass er oder sie nach einer Ausbildung mit weniger Arbeitszeit rechnen kann, für den ist das durchaus verlockend. Beide – GDL und Deutsche Bahn – müssen sich im Interesse aller Bahnfreunde endlich realistische Ziele stecken. Damit sie auch ankommen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Beitrags stand eine höhere Zahl unbesetzter Lokführer-Stellen. Diese stammte vom Institut der Deutschen Wirtschaft, die sich allerdings auf die gesamte Bahnbranche bezog.

Verwendete Quellen
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