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Bei "Black Lives Matter"-Demo: Deshalb machten Kölner Polizisten Kniefall

Bei "Black Lives Matter"-Demo  

Basketballprofi: Deshalb machten Kölner Polizisten Kniefall

15.06.2020, 17:32 Uhr
Bei "Black Lives Matter"-Demo: Deshalb machten Kölner Polizisten Kniefall. Kniefall: Polizisten der Bereitschaftspolizei entschieden sich zu der Geste, die danach wütende Reaktionen auslöste. Baskeptball-Profi Ron Mvouika, der die Polizisten danach gefragt hatte, wird unter anderem als Terrorist verunglimpft.  (Quelle: t-online.de)

Kniefall: Polizisten der Bereitschaftspolizei entschieden sich zu der Geste, die danach wütende Reaktionen auslöste. Baskeptball-Profi Ron Mvouika, der die Polizisten danach gefragt hatte, wird unter anderem als Terrorist verunglimpft. (Quelle: t-online.de)

Ron Mvouika ist Basketballprofi, doch im Netz wurde er plötzlich zum Terroristen erklärt. Dazwischen liegt ein eindrucksvolles Foto von ihm und knienden deutschen Polizisten. Wie kam es dazu?

Für die Demonstranten gegen Rassismus war es eine bewegende Geste, für Rassisten ist es eine unerträgliche Provokation: Bei einer Kundgebung in Köln haben mehrere Polizisten einen Kniefall gemacht, als Zeichen gegen Rassismus und Polizeiwillkür. Die Polizeiführung stellt sich nicht hinter die Aktion.

Ron Mvouika kann die kontroverse Szene vielleicht am besten beschreiben. Der 28-Jährige hatte den Polizisten den Kniefall vorgeschlagen, und er ist der Hüne, vor dem die Polizisten auf Bildern knien. Jetzt schlägt ihm Hass entgegen, er wird zum Gewalttäter und sogar zum Terroristen erklärt. Das dient dazu, die Geste der Polizisten anzugreifen.

Mehr als zehntausend Menschen waren bei der Demonstration gegen Rassismus und Polizeigewalt am 6. Juni. Ron Mvouika kennt beides durch eigenes Erleben, sagt er. Er wuchs mit vier Brüdern in einem Pariser Vorort auf. "Ich habe dort selbst Polizeibrutalität erfahren. Wenn du in manchen Vierteln Schwarzer bist und die Polizei kommen siehst, dann rennst du", sagt er t-online.de.

Profi bei Bayer Leverkusen

Er habe schon als Kind gewusst, welcher Weg ihn rausführen kann aus dieser Welt: Basketball. Mvouika, der Wurzeln im Kongo hat, besuchte eine Akademie in Spanien, spielte in College-Teams in den USA und als Profi bei Vereinen in Frankreich, Großbritannien und bis vor einem Jahr bei den Bayer Giants Leverkusen. In Deutschland lernte er seine Freundin kennen, hat ein Kind und lebt in Köln. 

Er hatte es nicht weit zu der Kundgebung, und ging dort hin in einem schwarzen Shirt mit der Abkürzung "RIP", einer Rose und drei Namen dazwischen. Zunächst die Namen George Floyd und Adama Traoré, die bei Polizeieinsätzen vergebens "Ich kann nicht atmen" gesagt hatten. Traoré ist deshalb zur Symbolfigur bei Protesten in Frankreich in diesen Tagen geworden. 

Der dritte Name ist Gaye Camara. Der ist in der Öffentlichkeit weniger bekannt, Ron Mvouika kannte den Mann aber gut: "Ich bin mit ihm zur Schule gegangen." Im Alter von 26 Jahren starb Camara im Januar 2018 durch eine Polizeikugel, die von hinten in seinen Kopf einschlug. Die Polizisten sagten, er hätte sie überfahren wollen. Sein Beifahrer wies das zurück. "Ich hätte Gaye Camara oder George Floyd sein können", sagt Mvouika.

Polizisten nach Kniefall gefragt

Freunde von ihm kennen einen der Organisatoren der Kölner Demo. So stand er hinter der Bühne und kam ins Gespräch mit Polizisten, darunter auch ein Schwarzer. Man habe darüber gesprochen, dass es viele gute Polizisten gebe und was die tun könnten, um Rassisten und Gewalttätern in den eigenen Reihen etwas entgegenzusetzen. "Es war ein sehr guter Austausch." 

"Guter Austausch": Ron Mvouika im Gespräch mit einem der Polizisten, die danach auf die Knie gingen. (Quelle: t-online.de)"Guter Austausch": Ron Mvouika im Gespräch mit einem der Polizisten, die danach auf die Knie gingen. (Quelle: t-online.de)

Der Beamte habe ihm gesagt, er sei gegen jede Brutalität, unnötige Gewalt und gegen Rassismus. Das brachte Mvouika zu der Frage: Wenn die Polizisten so viel Verständnis für das Anliegen der Demonstration haben, würden sie einen Kniefall machen?

Diese Geste wurde durch den früheren San-Francisco-49ers-Quarterback Colin Kaepernick weltbekannt: 2016 ging der Footballer während der Nationalhymne auf die Knie, um ein Zeichen gegen Polizeigewalt und Rassismus in den USA zu setzen. Nun ist dieses Symbol weltweit immer häufiger zu sehen, und nach vier Jahren, in denen kein Verein Kapernick unter Vertrag nehmen wollte, gibt es offenbar Anfragen von Klubs.

"Taking a knee": Der Kniefall als Zeichen gegen Rassismus und Polizeigewalt wurde weltweit bekannt durch den Quarterback Colin Kaepernick (Mitte) und fand seither zahlreiche Nachahmer.  (Quelle: dpa/John G Mabanglo/EPA/dpa)"Taking a knee": Der Kniefall als Zeichen gegen Rassismus und Polizeigewalt wurde weltweit bekannt durch den Quarterback Colin Kaepernick (Mitte) und fand seither zahlreiche Nachahmer. (Quelle: dpa/John G Mabanglo/EPA/dpa)

In Köln dauerte es noch einen Moment, bis es zu der Szene kam. "Der Polizist sagte, er braucht die Erlaubnis seines Vorgesetzten und ging weg." Der Vorgesetzte gab offensichtlich sein Okay.

In Polizeikreisen wird kolportiert, dass das Innenministerium eine förmliche Anfrage eines anderen Polizisten abgelehnt habe, einen Kniefall machen zu dürfen. Das Ministerium weist das auf Anfrage zurück: "Eine förmliche Anfrage liegt nicht vor." Grundsätzlich lege die Polizei großen Wert auf die Neutralität einschreitender Beamtinnen und Beamte. 

"No justice, no peace"

Als die Polizisten knieten, habe das viele Umstehende sehr bewegt, sagt Mvouika. "Es ist so eine kraftvolle Botschaft. Sie zeigt, wir wollen alle eine gerechtere Welt." Das ist für ihn die zentrale Bedeutung der Botschaft auf der Rückseite seines T-Shirts: "No justice, no peace". Es brauche Gerechtigkeit für Frieden und Frieden für Gerechtigkeit. 

Der Satz mit einer geballten Faust lässt sich aber auch anders interpretieren, so wie ihn mitunter militante "Black Power"-Aktivisten in den USA drohend verwenden: "Ihr bekommt keinen Frieden." Bei der Kundgebung in Köln hingegen ist der Slogan vielfach zu sehen, und er ist offensichtlich nicht aggressiv gemeint. Die Polizei berichtet später von einer "störungsfreien" Versammlung. Ganze zwei Anzeigen muss sie aufnehmen: eine Beleidigung, einen Diebstahl. 

Auf Fotos der knienden Polizisten ist Mvouika mit dem Shirt zu sehen. Es gibt verschiedene Aufnahmen und sie zeigen, wie Kleinigkeiten die Wirkung eines Bilds nachhaltig beeinflussen. "No more police", ist auf einem Schild zu lesen. Die Fortsetzung "... brutality" fehlt. Es gibt auch Bilder, die den Basketballer gemeinsam mit den Polizisten kniend zeigen. 

Die stellvertretende AfD-Vorsitzende Beatrix von Storch greift sich ein Foto, bei dem Mvouika auf die Polizisten schaut. Bei dem 1,96-Meter-Mann wirkt das buchstäblich wie von oben herab. "Stop dieser symbolischen Selbsterniedrigung", twittert von Storch. "Wer in Uniform vor einem 'Black Power'-T-Shirt, das von 'kein Friede" spricht, kniet, ist dienstrechtlich zu belangen."

Blick von oben: 1,96 Meter ist der Basketballer groß. Das Bild dient jetzt in rechten und rassistischen Kreisen als Beleg für eine angebliche "Unterwerfung" der Polizei.Blick von oben: 1,96 Meter ist der Basketballer groß. Das Bild dient jetzt in rechten und rassistischen Kreisen als Beleg für eine angebliche "Unterwerfung" der Polizei.

Polizisten müssen zum Gespräch

Dienstrechtlich zu belangen? Eine Sprecherin der Polizei Köln sagte t-online.de, mit den Beamten der Bereitschaftspolizei werde noch einmal gesprochen. Weitere Folgen hat ihre Geste aber offenbar nicht. Insgesamt werde "die Polizei die Einsatzkräfte zu diesem Thema nochmals sensibilisieren". Die Reaktion der Beamten sei sehr spontan und menschlich gewesen, so die Sprecherin. "Für die Polizei gilt aber bei allen Maßnahmen, nicht nur im Rahmen von Versammlungen, die Neutralitätspflicht."

Oliver von Dobrowolski, Bundesvorsitzender des Vereins PolizeiGrün und Hauptkommissar, sieht keinen Konflikt mit dem Neutralitätsgebot: "Es handelt sich um eine Geste des Mitgefühls und der Solidarität mit Werten, die berufsimmanent sein müssen." Solche Gesten anlässlich einer themenbezogenen Veranstaltung und in einer ruhigen polizeilichen Lage seien durchaus geeignet, ein wichtiges, positives Signal zu setzen.

Aus dem Storch-Tweet geht ein anderes Signal hervor. "Sie hat mein Foto genommen, aus dem Kontext gerissen und es in ihrem Sinn umgedeutet", sagt Mvouika. Sie habe damit sein Leben in Gefahr gebracht. "Ich bin als Basketballer eine öffentliche Person und erlebe nun die hasserfüllten Reaktionen ihrer rassistischen Anhänger." Es erschwere auch die Suche nach einem neuen Verein.

Es gibt Nachrichten an ihn, in denen er als Tier bezeichnet wird, die Abschiebung des Franzosen wird gefordert. Der Tweet der AfD-Abgeordneten von Storch ist jedoch zweifellos durch Meinungsfreiheit gedeckt und nicht strafbar.

Ron Mvouika und die Polizisten, gemeinsam kniend: "Sie waren doch nicht vor mir auf die Knie gegangen, sondern für das Anliegen, das wir alle haben sollten", sagt der Basketballer. (Quelle: t-online.de)Ron Mvouika und die Polizisten, gemeinsam kniend: "Sie waren doch nicht vor mir auf die Knie gegangen, sondern für das Anliegen, das wir alle haben sollten", sagt der Basketballer. (Quelle: t-online.de)

"Polizisten gehen vor Terroristen auf die Knie"

Nach dem Storch-Tweet titelte ein früherer "Bild"-Reporter und AfD-Mitarbeiter in seinem Rechtsaußen-Onlinemagazin sogar: "Deutsche Polizisten gehen vor 'Black Lives Matter'-Terroristen auf die Knie!" Der bayerische AfD-Bundestagsabgeordnete Tobias Peterka erklärte die Aktion der Polizisten zu "Unterwürfigkeit gegenüber gewaltbereiten Demonstranten", die – Rechtschreibfehler im Original – "unerhöhrt" sei.

Aus Sachsen meldete sich der AfD-Landtagsabgeordnete Sebastian Wippel, ein Kommissar: "Absolut unwürdig" seien "solche erniedrigenden Gesten, als ob die Polizisten vor dem schwarzen Herren den Bückling machen". Das Bild zeige, "dass der Staat vor Selbstjustiz in die Knie geht". 

Für Mvouika zeigen die Reaktionen etwas anderes: "Solchen Menschen macht es offenbar Angst, wenn Menschen aller Hautfarben zusammenstehen. Und solche Menschen sind der Grund, warum es diese Kundgebungen gibt."

Verwendete Quellen:


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