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Tagesanbruch: Tschernobyl, Fake News, Horst Eckel


Was heute Morgen wichtig ist

von Florian Harms

26.04.2018Lesedauer: 7 Min.
Meinung
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Die subjektive Sicht des Autors auf das Thema. Niemand muss diese Meinung übernehmen, aber sie kann zum Nachdenken anregen.

Kanzlerin Merkel
Kanzlerin Merkel (Quelle: Markus Schreiber/ap-bilder)
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

hier ist der kommentierte Überblick über die Themen des Tages:

WAS WAR?

Timothy Garton Ash, Wolfgang Gerhardt
Timothy Garton Ash, Wolfgang Gerhardt (Quelle: Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit)

Menschen, die politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Zeitläufte nicht nur analytisch durchdringen, sondern auch antizipieren und sprachlich pointiert kommentieren können, sind Geistesgrößen. Timothy Garton Ash ist so eine Geistesgröße. Dem britischen Professor für europäische Studien an der Universität Oxford gelingt es immer wieder, die turbulenten Entwicklungen unseres Kontinents präzise, provokant und kurzweilig zu sezieren.

Gestern Abend hielt er seine Berliner Rede zur Freiheit am Brandenburger Tor; und wer seinen Ausführungen in geschliffenem Deutsch lauschte, bekam einen Einblick in einen wahrlich großen Geist. Die Diagnose dieses Geistes ist allerdings nicht sonderlich hoffnungsvoll: Rund 30 Jahre nach Ende des Kalten Krieges hat die europäische Idee nur noch wenig Anziehungskraft. In Polen und Ungarn erleben wir den Abbau der liberalen, pluralistischen Demokratie – ausgerechnet in jenen Ländern also, die am stärksten von EU-Geldern profitieren. "Ich finde es einen Skandal, dass die ungarische Fidesz-Partei noch Teil der Europäischen Volkspartei EVP ist", sagt Garton Ash, und da fällt es schwer, ihm zu widersprechen.

Aber auch in Deutschland sieht der britische Professor drängende Probleme: Viele Menschen fühlen sich von den politischen Eliten in Berlin nicht mehr ernst genommen, ja, gar nicht mehr gehört. Sprachlos müssen sie zusehen, wie die Politiker – wortgewandt, aber oft inhaltsleer, scheinbar volksnah, aber in Wahrheit oft arrogant – ihre eigenen Themen durchziehen. Da haben es Aktivisten, die auf komplexe Probleme einfache Antworten geben, leicht. "Wenn man zu sehr auf den Begriff 'alternativlos' setzt, dann bekommt man als Alternative die Alternative für Deutschland“, sagt Garton Ash. Die Frau, an die er diesen Satz richtete, steuert keinen Kilometer weiter die Geschicke Deutschlands. Ob sie ihn versteht? mehr

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Berlin trägt Kippa
Demonstration "Berlin trägt Kippa" (Quelle: Michael Kappeler/dpa-bilder)

Der Nahostkonflikt ist eine erschütternde Krise. Er hat Tausende Menschen ins Unglück gestürzt und in den vergangenen Jahren viel mehr palästinensische als israelische Opfer gefordert. Die Gewalt palästinensischer Terroristen ist ebenso anzuprangern wie die Gewalt der israelischen Armee. Die harte Politik der Regierung Netanjahu trägt nicht dazu bei, den Konflikt zu entschärfen.

Das ist die eine Sache.

Menschen jüdischen Glaubens sind nicht besser und nicht schlechter als Menschen christlichen, islamischen, buddhistischen, hinduistischen oder gar keines Glaubens. Und sie haben das Recht, friedlich, sicher und ohne Angst in Deutschland zu leben. Und Symbole ihres Glaubens zu tragen, etwa die Kopfbedeckung Kippa.

Das ist die andere Sache.

Beide Beobachtungen sind Selbstverständlichkeiten. Aber nicht in Berlin. Dort können Juden nicht ohne Angst ihre Kippa tragen. Sie können auch nicht unbehelligt dafür protestieren, dass sie ohne Angst ihre Kippa tragen können. Sie müssen damit rechnen, angegriffen zu werden, und die Sicherheitsbehörden der deutschen Hauptstadt sind nicht imstande, das zu verhindern. mehr

Welch ein Versagen. Wäre Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller ein Politiker von Format, er würde sich um nichts anderes mehr kümmern. Er würde jeden Tag zwölf Stunden dafür arbeiten, den widerlichen Antisemitismus in seiner Stadt zu unterbinden, und nicht ruhen, bis er dieses Problem gelöst hat. Aber Format ist unter Politikern heutzutage rar gesät.

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WAS STEHT AN?

Stillgelegtes Atomkraftwerk Tschernobyl
Kontrollraum des stillgelegten Atomkraftwerks Tschernobyl (Quelle: dpa-bilder)

Wer heute 15, 20, 30 Jahre alt ist, für den ist Fukushima der Inbegriff der nuklearen Katastrophe. Wer heute 40, 50, 60 Jahre alt ist, für den ist es Tschernobyl. Heute vor 32 Jahren explodierte Block 4 des Kernkraftwerks nahe der ukrainischen Stadt Pribjat. Erst Tage nach dem GAU informierten die sowjetischen Behörden die Öffentlichkeit, und auch das nur scheibchenweise. Wochenlang herrschte auch in Deutschland eine lähmende Unsicherheit: Wie groß war die Gefahr radioaktiver Strahlung wirklich? Durfte man jetzt noch Salat und Gurken essen, auf die möglicherweise belasteter Regen gefallen war? Wer die "Tagesschau" aus jenen Tagen sieht und Pressestimmen von damals liest, bekommt einen Eindruck von dieser bleiernen Zeit. mehr

Ich erinnere mich gut an diese Wochen, sie haben meine Haltung zur Technologie geprägt: Ja, Fortschritt ist wichtig und mitreißend und angenehm. Aber er birgt zugleich immense Risiken. Die Folgen dieser Risiken sah ich mir im Jahr 2003 an. Ich war Teil einer Journalistendelegation, die die Sperrzone um den Unglücksreaktor besuchen durfte. Meine Eindrücke aus dem AKW-Gelände und der Geisterstadt Pribjat habe ich damals in einer Reportage verarbeitet. Als Titel trug sie das Zitat eines ukrainischen Bürokraten, der uns durch die Sperrzone führte: "Nur Pessimisten sterben." Ich fragte mich damals, ob dieser Mann eher leutseligen oder zynischen Gemüts sei. Ich weiß es bis heute nicht. mehr

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Verteidigungsgerät (hinten, unwichtig), Verteidigungsministerin (vorn, wichtig)
Verteidigungsgerät (hinten, unwichtig), Verteidigungsministerin (vorn, wichtig) (Quelle: dpa-bilder)

Müsste ich die Liste defekter Gerätschaften der Bundeswehr vorlesen, ich wäre wohl heute Abend noch nicht fertig. Panzer können nicht rollen, Helikopter nicht fliegen, Gewehre nicht geradeaus schießen. Angesichts internationaler Einsätze in Afghanistan, Afrika und Arabien sollte unsere Truppe eigentlich gut und sicher ausgerüstet sein, denkt man. Stattdessen hat das undurchsichtige Geflecht aus Beamten im Verteidigungsministerium, Bundeswehroffizieren und Lobbyisten diverser Waffenfirmen in den vergangenen Jahren vor allem eines getan: Milliarden aus dem Fenster geworfen – zu Lande, zu Wasser und in der Luft.

Zumindest in der Luft soll es nun besser werden: Deutschland und Frankreich wollen einen neuen Kampfjet bauen. Er soll die alternden Rafale-Flieger, die klapprigen Tornados und den Pannenjet Eurofighter ersetzen. Ein gemeinsames Rüstungsprojekt der beiden wichtigsten EU-Staaten, visionär, entschlossen, mutig: Das soll es sein. Auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung in Berlin wird das Milliardenvorhaben heute eine wichtige Rolle spielen, und Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen wird sich dabei sicher in Szene zu setzen wissen. Ein paar schöne Fotos vor martialischen Plakaten, solche Bilder machen sich ja gut in den Zeitungen. Ob der neue Jet irgendwann fliegen kann, ist da erst mal zweitrangig. mehr
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Tagesanbruch - Was heute wichtig istWas heute wichtig ist

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Wollen länger arbeiten lassen: Strache, Kurz
Wollen länger arbeiten lassen: Strache, Kurz (Quelle: Georg Hochmuth/APA/dpa-bilder)

Was ist da los in Österreich? Die Regierung aus ÖVP und FPÖ will offenbar die Errungenschaften des Arbeitsrechts zurückdrehen: Unternehmen sollen ihre Angestellten wieder bis zu 60 Stunden pro Woche arbeiten lassen dürfen. Wenn man jede Nacht einen Newsletter schreibt, mag einem diese Stundenzahl nicht ungewöhnlich vorkommen, aber wenn man wie Millionen Arbeitnehmer auf eine geregelte Balance zwischen Job und Freizeit Wert legt, kann man damit kaum einverstanden sein. Schon wächst in Deutschland die Sorge, dass das österreichische Beispiel auch hierzulande Schule machen könnte. Jede Wette, dass wir dazu heute Politikerstimmen hören werden. Mein Kollege Patrick Diekmann kennt die Hintergründe. mehr
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Klare Sache
Klare Sache (Quelle: dpa-bilder)

Fake News sind gezielt gestreute Desinformationen oder leicht manipulierte Informationsschnipsel, die massenhaft durchs Internet geistern. Dieser Politiker hat angeblich das gesagt, jener Ausländer hat angeblich jenes Verbrechen begangen, und Kanzlerin Merkel diktiert natürlich deutschen Medien, was sie zu berichten haben. Gerüchte und Lügen haben leider eine lange Halbwertszeit. Die EU-Kommission möchte das ändern und hat Maßnahmen gegen Fake News angekündigt. Digitalkommissarin Marija Gabriel will heute verraten, wie sie aussehen. Da bin ich mal gespannt.

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Horst Eckel
Horst Eckel (Quelle: Jan Hübner/imago-images-bilder)

Es ist wichtig, aus der Vergangenheit zu lernen, das gilt auch im Fußball. Wenn die deutsche Nationalmannschaft im Sommer bei der WM in Russland ihren Titel verteidigen will, sollte sie also auf Horst Eckel hören. Er ist der einzige noch lebende Weltmeister von 1954 – und scheiterte vier Jahre nach seinem Triumph als Vierter an der Mission Titelverteidigung. Im Interview mit meinem Kollegen Luis Reiß, das Sie heute Mittag auf unserer Seite lesen, mahnt der Veteran die aktuellen Nationalspieler eindringlich zur Bescheidenheit. Ob sie es hören wollen?______________________________

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WAS LESEN?


"Heiterkeit" steht für echte Freude, "Lachen" bedeutet Häme. So unterscheidet das Sitzungsprotokoll des Bundestages die Gemütszustände. Die Menschen, die es zu Papier bringen, scheinen ein bisschen aus der Zeit gefallen. Parlamentsstenografen schreiben alles mit: die Reden, die Fragen, den Applaus, die Einwürfe (was und von wem) – das kann auch ganz schön hektisch werden, wenn alle durcheinander rufen. Der Videobeweis hat den Mitschreibern bisher nichts anhaben können, sie verorten die Zwischenrufe, wenn sie sich überschlagen, manchmal nach Gehör. Auf nur fünf Minuten Steno im Plenarsaal folgt eine Stunde "ausschreiben" zu einem lesbaren Protokoll, kurze Pause, dann wieder von vorn. Die Arbeit der Stenografen hat etwas Beruhigendes, sie ist der Gegenpol politischer Aufgeregtheit. Ein Blick ins Uhrwerk der Demokratie. mehr
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Sie sind durchsichtig, schleimig, sehen gekocht aus wie tote Würmer mit Augen aus schwarzen Punkten, und sie schmecken nach nichts. Früher hat man sie angeblich an Schweine und Hühner verfüttert. Heute kostet das Kilo – bitte einmal durchatmen – 1.000 Euro, je nach Tagespreis. Spätestens an dieser Stelle werden Sie vermutlich einige Fragen haben. Was das für Tiere sind? Glas-Aale, angulas heißen sie auf Spanisch, und man fängt sie am besten an der Atlantikküste, in stürmischen Novembernächten bei aufgewühlter See.

Sie sind rar geworden: Umweltschäden, Staudämme und Überfischung bedrohen ihre Existenz. Aber der Schwarzmarkt floriert, bis nach China werden sie geschmuggelt. Die Aale landen als Statussymbol auf dem Teller, gerade der absurde Preis macht sie attraktiv. Sonst nichts. "Selbst ein Blattsalat hat mehr Aroma", sagt ein Kenner. Ein anderer empfiehlt, man könne alternativ die "angulas der armen Leute" nehmen. Das sind: Spaghetti. (engl.) mehr

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WAS FASZINIERT MICH?

Manchmal sieht man Fotos von einem Ort und möchte einfach nur hin. Ohne sich groß für die praktischen Erwägungen zu interessieren. Muss man erst eine Woche durch die Tundra marschieren, und dann geht's weiter mit einem löchrigen Ruderboot? Wäre egal. Wollen alle, denen ich diese Fotos zeige, dann auch da hin? Okay, nicht so egal. Wird wohl ein bisschen eng auf unserem Inselchen. mehr

Ich wünsche Ihnen einen geselligen Tag.

Ihr Florian Harms
Chefredakteur t-online.de
E-Mail: harms.chefredaktion@t-online.de

Mit Material von dpa.

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