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Proteste gegen Corona-Maßnahmen: Diese Ignoranz kann gefährlich werden

MEINUNGWas heute wichtig ist  

Diese Ignoranz kann gefährlich werden

11.05.2020, 07:18 Uhr
Corona-Lockerungen: Höhere Reproduktionszahl und mehr Proteste

Nach den jüngsten Lockerungen steigt die Corona-Ansteckungsrate in Deutschland wieder. Gleichzeitig sehen sich Kritiker von Maßnahmen in ihren Grundrechten beschnitten. (Quelle: Reuters)

Proteste in Großstädten, steigende Reproduktionszahl: So sieht die Corona-Lage in Deutschland nach dem Wochenende aus. (Quelle: Reuters)


Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

Mein Name ist Carsten Werner. Ich bin Chef vom Dienst bei t-online.de und ich darf Ihnen heute in Vertretung von Florian Harms den kommentierten Überblick über die Themen des Tages präsentieren.

Zu Beginn möchte ich Ihnen von einem Gespräch berichten, das mich kürzlich ratlos zurückließ. Meinen Bekannten, nennen wir ihn Paul, kenne ich als sympathischen Menschen, mit dem man sich vernünftig unterhalten kann. Als wir auf das Thema Coronavirus zu sprechen kamen, änderte sich etwas in unserem Gespräch. Mein Gegenüber wirkte gereizt, sprach von einem "Riesenbetrug". Überall im Internet könne man nachlesen, dass das Virus völlig harmlos und die Aufregung darum aufgebauscht sei. Die Maßnahmen dagegen seien unverhältnismäßig und die Regierung wolle Kritiker mundtot machen.

Ich weiß nicht, was Sie denken oder wie Sie in solchen Situationen reagieren. Ich jedenfalls war einigermaßen sprachlos. Ich wusste, würde ich in dieser Situation einen gegensätzlichen Standpunkt einnehmen, wäre dies womöglich für länger unser letztes Gespräch. Ich wäre dann auch nur einer von den "Mainstream-Medien", die mein Gesprächspartner nach eigenem Bekunden kaum noch liest. Ich wusste, das Gespräch würde aggressiver, die Rhetorik härter werden, dabei hatte ich mich doch auf einen harmlosen Plausch eingestellt.

Was war?

Ob mein Bekannter Paul wohl in den letzten Tagen auf einer der zahlreichen Demos war, auf denen Menschen gegen den Umgang der Regierung mit der Corona-Krise protestierten? Klar ist, dass daran neben Rechts- und Linksradikalen sowie Verschwörungstheoretikern auch ganz normale Menschen teilnehmen, welche die Corona-Maßnahmen und insbesondere die Einschränkungen ihrer Freiheiten in Frage stellen, die dadurch vielleicht sogar in Existenznot geraten sind. Es ist gut, dass es solche Proteste bei uns geben kann, aber sind sie auch gerechtfertigt? Oder sind sie sogar gefährlich?

Ich persönlich finde den Umgang der Politik in unserem Land mit der Corona-Pandemie zumeist lobenswert. Das sehen auch Journalisten aus anderen Ländern so. Politische Entscheidungen orientierten sich bei uns an wissenschaftlichen Ratschlägen – zumindest bevor zwischen den Bundesländern ein Wettstreit um die mutigsten Lockerungsmaßnahmen entbrannte. Die Wissenschaft ist faktenbasiert, logisch, unparteiisch. Oberste Prämisse ist das Wohlergehen aller Menschen, ungeachtet von Religion, Geschlecht oder Alter.

So will es auch unser Grundgesetz. "Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit", heißt es dort in Artikel 2. Und wenn ich für einige Zeit auf Restaurantbesuche oder den Mallorca-Urlaub verzichten oder einen Mundschutz tragen muss, um das Leben älterer oder kranker Mitmenschen zu schützen, tue ich das. Vielleicht nicht gern und vielleicht mit dem mulmigen Gefühl, dass sich in der Krise manches in unserer Gesellschaft ändert. Ich weiß aber, dass man in Krisen das Notwendige tun muss, um Schlimmeres zu verhindern.

Was passiert, wenn Verantwortliche zögern oder gar die Gefahr leugnen, zeigen zahlreiche Beispiele. Im Iran hatte die Regierung wohl aus politischen Motiven lange gezögert, den Ausbruch im eigenen Land anzuerkennen und geeignete Maßnahmen einzuleiten. Später tauchten im Netz Videos von Massengräbern und überfüllten Leichenhäusern auf. Bis heute ist den offiziellen Fallzahlen des Landes wohl nicht zu trauen. Experten gehen von vielfach mehr als den offiziell bekannten rund 100.000 Infizierten und 6.500 Toten aus.

8. April 2020: Corona-Tote in einem Leichenhaus in Irans Hauptstadt Teheran. (Quelle: imago images/Rouzbeh Fouladi)8. April 2020: Corona-Tote in einem Leichenhaus in Irans Hauptstadt Teheran. (Quelle: Rouzbeh Fouladi/imago images)

Auch westliche Staaten sind vor gefährlicher Ignoranz nicht gefeit. Anstatt frühzeitig entschlossen zu handeln, spielte US-Präsident Donald Trump die Corona-Gefahr zunächst herunter. Er verglich das Virus mit der Grippe und behauptete, es werde von allein wieder verschwinden. Anstatt tiefgreifende Maßnahmen im Kampf gegen die Pandemie zu verhängen, tadelte er Bundesstaaten, die von sich aus genau dies taten. Inzwischen sind die USA mit mehr als 1,3 Millionen Infizierten und fast 80.000 Toten das am schwersten von dem Erreger betroffene Land weltweit. "Das Virus hatte leichtes Spiel, als es nach Amerika kam", befindet unser US-Korrespondent Fabian Reinbold angesichts des desaströsen Krisenmanagements Trumps.

Donald Trump: Der US-Präsident hat keine klare Linie im Umgang mit der Corona-Pandemie gefunden. (Quelle: imago images/Doug Mills/Pool via CNP/MediaPunch)Donald Trump: Der US-Präsident hat keine klare Linie im Umgang mit der Corona-Pandemie gefunden. (Quelle: Doug Mills/Pool via CNP/MediaPunch/imago images)

In Brasilien, Russland und Weißrussland steigen die Fallzahlen ebenso, auch dort verharmlosen Politiker die Gefahr und zögern zu handeln. Dadurch wird die Lage bedrohlicher und das Leiden der Menschen nimmt zu.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich möchte nicht in einem Land leben, in dem Politiker aus Populismus und taktischen Erwägungen wissenschaftlichen Rat ignorieren und Maßnahmen vermeiden, die Menschenleben retten können. Aber ich bin auch froh, in einem Land zu leben, in dem jeder jederzeit die Politik kritisieren kann, selbst wenn dafür wenig Anlass besteht.

Was steht an?

Es brodelt in der FDP. Gestern kritisierte Parteichef Christian Lindner zwei der liberalen Landesvorsitzenden via Twitter: Der eine, der baden-württembergische Landeschef Michael Theurer, hatte dem grünen Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer einen Eintritt in die Partei angeboten. Palmer hatte zuvor erklärt, man rette aktuell "möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären - aufgrund ihres Alters und ihrer Vorerkrankungen." Der andere Gescholtene ist Thüringens FDP-Chef und Kurzzeit-Ministerpräsident Thomas KemmerichDer nahm am Samstag an einer Demonstration gemeinsam mit der AfD teil.

Thomas Kemmerich (FDP): Der Kurzzeit-Ministerpräsident von Thüringen steht bei einer Kundgebung mit einem Tuch als Mundschutz auf dem Fischmarkt in Erfurt. (Quelle: dpa/Martin Schutt)Thomas Kemmerich (FDP): Der Kurzzeit-Ministerpräsident von Thüringen steht bei einer Kundgebung mit einem Tuch als Mundschutz auf dem Fischmarkt in Erfurt. (Quelle: Martin Schutt/dpa)

Mitten in der Corona-Krise tobt ein Richtungsstreit bei den Liberalen: Die Partei kratzt in Umfragen an der Fünf-Prozent-Hürde und die FDP muss sich die Frage stellen, wie konservativ sie sein will. Mein Kollege Tim Kummert hat darüber einen Report geschrieben. Die Recherche dafür führte ihn quer durch Deutschland. Die Frage, wer diesen Richtungsstreit gewinnt, wird mitentscheidend dafür sein, ob die Liberalen in die nächste Bundesregierung kommen oder ob sie sogar den Einzug in den Bundestag verpassen.

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Am kommenden Samstag wird wieder angepfiffen. Bundesliga und 2. Bundesliga spielen erstmals wieder – ohne Publikum zwar, aber immerhin. Die Frage ist nur, wie lange hält der Fußballspaß an? Ist es nicht eine Frage der Zeit, bis neue Corona-Fälle den Spielbetrieb erneut lahmlegen werden? Meine Kollegen Florian Wichert und Robert Hiersemann sind verschiedener Meinung.

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In kaum einem anderen Land steigt die Zahl der Corona-Infizierten so stark an wie in Russland. Wie in Moskau gelten auch in vielen anderen Städten und Regionen Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen. Präsident Wladimir Putin ordnete vor mehr als einem Monat bezahlten Corona-Urlaub für die meisten Beschäftigten an. Am Montag läuft die Regelung aus und Putin will verkünden, wie es weitergeht. Wir halten Sie in unserem Newsblog auf dem Laufenden.

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Das Thema ist schon fast in Vergessenheit geraten und dennoch von unverminderter Brisanz: Nach dem Brexit bleiben Großbritannien und der Europäischen Union nur noch bis zum 31. Dezember Zeit, um die künftigen Beziehungen zueinander vertraglich zu regeln. Bisherige Verhandlungsrunden geben wenig Anlass zur Hoffnung, dass dieser Sprint erfolgreich enden wird. Am Montag beginnt eine weitere einwöchige Runde – aufgrund der Corona-Pandemie in Form einer Videokonferenz. Ich verspreche Ihnen an dieser Stelle lieber nicht, dass sich etwas Berichtenswertes ereignen wird.

Was lesen oder anhören?

Das Ehepaar Gates will die Welt beherrschen, um uns alle zu versklaven, damit eine Mark zu machen und zeitgleich auch noch aus quasi religiösem Wahn die Weltbevölkerung zu reduzieren. Ja, so hört sich das an, wenn der ehemalige rbb-Moderator Ken Jebsen zum Mikro greift, der vor Jahren seinen Job wegen antisemitischer Äußerungen verlor. Nun bringt er seine Wahrheiten per YouTube unters Volk, ruft zu Aufstand und Revolution auf. Man glaubt es kaum: Fast drei Millionen Mal wurde sein vor einer Woche veröffentlichtes Gates-Video bereits abgerufen. Mein Kollege Jonas Mueller-Töwe hat sich durch diese 30 Minuten Unsinn gequält und die Behauptungen für Sie einem Faktencheck unterzogen.

Ken Jebsen bei einer Demonstration in Stuttgart: Der frühere rbb-Moderator verbreitet heute krude Verschwörungstheorien. (Quelle: imago images)Ken Jebsen bei einer Demonstration in Stuttgart: Der frühere rbb-Moderator verbreitet heute krude Verschwörungstheorien. (Quelle: imago images)

Doch warum fallen derartig krude Verschwörungstheorien aktuell auf so fruchtbaren Boden? Der Psychologe Kai Sassenberg vom Tübinger Leibniz-Institut für Wissensmedien hat eine Erklärung dafür. In der am Montag erscheinenden neuen Folge unseres Podcasts "Tonspur Wissen" erklärt er, wie Verschwörungstheorien entstehen, welche Rolle Medien und politische Kommunikation spielen und wie es gelingen kann, mit Verschwörungsanhängern zu sprechen.

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Wie reagieren Mediziner, Behörden und das persönliche Umfeld, wenn bei einer Person eine Coronavirus-Infektion festgestellt wird? Bei Twitter schildert eine junge Betroffene detailliert ihre Erfahrungen. Eines vorweg: Jeder einzelne Fall sorgt offenbar für reichlich Wirbel.

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Mit welchen Problemen wir uns hierzulande so beschäftigen, dürfte bei den Menschen in Ostafrika für Kopfschütteln sorgen. In Somalia und anderen Ländern kämpfen die Menschen mehr denn je ums blanke Überleben. "Keine Nahrung, kein neues Saatgut, kein Viehfutter", so beschreibt Entwicklungsminister Gerd Müller im Interview mit t-online.de die derzeitige Lage dort. Es herrscht die verheerendste Heuschreckenplage seit Jahrzehnten. In der Folge droht Millionen Menschen Hunger und Not. Wie dramatisch die Situation ist und wie die Corona-Pandemie die Plage zusätzlich verschärft, lesen Sie hier.

Milliarden Heuschrecken im Februar in Pakistan: Inzwischen hat die Plage auch Ostafrika erreicht. (Quelle: imago images/Rana Sajid Hussain)Milliarden Heuschrecken im Februar in Pakistan: Inzwischen hat die Plage auch Ostafrika erreicht. (Quelle: Rana Sajid Hussain/imago images)

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Vor genau 75 Jahren endete in Europa der Zweite Weltkrieg, das Deutsche Reich lag am Boden, bezwungen unter anderem von der Roten Armee. Einer der damals auf der sowjetischen Seite kämpfte, war David Dushman. "Wir haben nicht gegen die Deutschen gekämpft, sondern gegen den Faschismus", betont der frühere Weltkriegssoldat heute. Kurz nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 meldete er sich freiwillig. An Bord eines Panzers kämpfte er als Soldat der Roten Armee in den Schlachten von Stalingrad und Kursk, 1945 war er einer der Befreier des Konzentrationslager-Komplexes Auschwitz. Wo Dushman das Grauen sah, das die SS an diesem Ort verursacht hatte. Warum er aber niemals Hass auf die Deutschen empfunden hat, dies berichtete der hochdekorierte Veteran meinem Kollegen Marc von Lüpke.

David Dushman: Als Soldat der Roten Armee kämpfte er im Zweiten Weltkrieg gegen die NS-Truppen. (Quelle: dpa/Markus Heine/NurPhoto)David Dushman: Als Soldat der Roten Armee kämpfte er im Zweiten Weltkrieg gegen die NS-Truppen. (Quelle: Markus Heine/NurPhoto/dpa)

Werner Petrenz kämpfte im Krieg auf der anderen Seite der Frontlinie, unter anderem an der Ostfront. Bei uns schildert der frühere Wehrmachtssoldat, weshalb er sich einst für Adolf Hitler begeisterte, wie er später innerlich auf Distanz zum NS-Regime ging und warum er den Widerstand der Geschwister Scholl für wahnwitzig hielt.

Was amüsiert mich?

"Widerstand 2020" macht ernst.

 (Quelle: Mario Lars) (Quelle: Mario Lars)

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in die Woche.

Ihr

Carsten Werner
Chef vom Dienst t-online.de
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Twitter: @Carsten_Werner

Mit Material von dpa.

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