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Coronavirus – Falschinformationen kosteten Hunderte Menschen das Leben

MEINUNGWas heute wichtig ist  

Die Gefahr kollektiver Verblödung

12.08.2020, 16:34 Uhr
Coronavirus – Falschinformationen kosteten Hunderte Menschen das Leben. Demonstration der Organisation "Querdenken-231" unter dem Motto "Festival für Frieden & Freiheit – Wahrung unserer Grundrechte" in Dortmund (Quelle: dpa/Fabian Strauch)

Demonstration der Organisation "Querdenken-231" unter dem Motto "Festival für Frieden & Freiheit – Wahrung unserer Grundrechte" in Dortmund (Quelle: Fabian Strauch/dpa)

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

hier ist der kommentierte Überblick über die Themen des Tages:

WAS WAR?

"Es gibt auch ein Grundrecht auf Dummheit", hat der frühere Bundespräsident Roman Herzog einst festgestellt. Derzeit nehmen ziemlich viele Menschen dieses Grundrecht in Anspruch. Ein kurzer Blick in Facebook-Foren, auf Demonstrationsplakate oder in Leserbriefe genügt, um festzustellen: Ein erklecklicher Teil unserer lieben Mitbürger hat eine Meise. Und zwar keine kleine. Sie halten das Coronavirus für eine Erfindung der Regierung (um die Rezession zu rechtfertigen), pfeifen auf Hygieneregeln (weil die überflüssig seien) und schließen bedenkenlos von sich selbst auf alle anderen (an meinem Wohnort ist niemand ernsthaft erkrankt, also was soll die ganze Aufregung?). Es ist nicht schwer, solchen Leuten zu begegnen, sie begegnen uns allerorten in Deutschland, und es werden immer mehr. Manche gehen auf die Straße, manche verweigern die Maske, manche schimpfen im Freundeskreis, manche schicken Journalisten Morddrohungen. Und alle miteinander scheinen sie sich wenig Gedanken darüber zu machen, wie ihre Ignoranz auf andere Menschen wirkt. Das ist psychologisch zu erklären, wie unsere Kolumnistin Ulrike Scheuermann schreibt. Aber besser wird es dadurch nicht. Eine Tagesanbruch-Leserin schickte mir diese Zeilen:

"Leider sind etliche rücksichtslose Selbstverwirklicher der Meinung, eine Atemschutzmaske zu tragen, sich an Abstands- und Versammlungsregeln zu halten und sich zum Schutz ihrer selbst und anderer irgendwann impfen zu lassen, schränke ihre Grundrechte derart ein, dass man, weitere Infektionen riskierend, gegen diese Auflagen demonstrieren müsse. Ich wünsche mir das anfängliche Gemeinschaftsgefühl zurück – und die Verschwörungstheoretiker zum Teufel. Aber leider finden sie inzwischen so viele, zum Teil leider auch militante, Anhänger, dass mir angst und bange wird. Mit Logik ist diesen Leuten nicht beizukommen, denn wer seinen Kopf einschalten würde, müsste einsehen, dass es für diese kruden Theorien absolut keine Gründe gibt und vieles einfach lächerlich und unhaltbar ist. Aber wir kämpfen nicht nur gegen die Pandemie, sondern auch gegen menschliche Dummheit, die wohl einfach nicht ausstirbt!"

Das kann man wohl sagen, und das gilt für die Spinner auf allen Seiten. Methanol, Bleichmittel, sogar Kamelurin: Die Liste der Substanzen ist lang, die fehlgeleitete Personen geschluckt oder sich gespritzt haben, um sich vor dem Virus zu schützen. Stand ja auf Facebook/Twitter/Google, dass das hilft. Hey, sogar der US-Präsident hat doch Desinfektionsmittel zur Behandlung empfohlen! Der Irrsinn hat Folgen. (Echte) Wissenschaftler haben nun herausgefunden: Fehlinformationen durch Gerüchte und Verschwörungstheorien in Zusammenhang mit dem Coronavirus haben seit Beginn der Pandemie weltweit Hunderte Menschen das Leben gekostet. Tausende mussten wegen der in sozialen Netzwerken verbreiteten Falschinformationen im Krankenhaus behandelt werden, ergab eine im "American Journal of Tropical Medicine and Hygiene" veröffentlichte Studie. Allein der Konsum von hochkonzentriertem Alkohol zur vermeintlichen Desinfizierung des Körpers kostete weltweit 800 Menschen das Leben. Rund 5.900 landeten nach dem Trinken von Methanol im Krankenhaus, 60 erblindeten. Neben der Pandemie gebe es auch eine "Infodemie", warnen die Forscher: eine kollektive Verblödung durch Falschinformationen. Sie fordern, den lebensgefährlichen Quatsch und die Lügen im Internet besser zu überwachen und zu entlarven.

Nun gibt es viele verdienstvolle Medien, die sich dieser Aufgabe verschrieben haben. Auch unsere Redaktion bietet in Zusammenarbeit mit dem Recherchekollektiv "Correctiv" einen regelmäßigen Faktencheck zu Corona-Mythen an (Sie finden ihn hier). Das Problem ist: Vernunftbegabte, zu kritischer Reflexion fähige Menschen erreicht man damit zwar, doch bleiben Zigtausende übrig, die nicht bereit sind, ihr verschrobenes Weltbild auch nur zwei Sekunden lang zu hinterfragen. Jede Frage beantworten sie mit einer Gegenfrage, wittern hinter allem und jedem dunkle Mächte und fühlen sich darin von den Detlefs, Attilas und Kens dieser Welt bestärkt. So träufeln sie ihr Gift in unsere Gesellschaft, säen Misstrauen und Bosheit. "Die Dummheit ist die sonderbarste aller Krankheiten. Der Kranke leidet niemals unter ihr. Aber die anderen leiden", hat der belgische Politiker Paul-Henri Spaak gesagt, einer der Gründerväter der EU. Wie recht er hatte.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Selbstverständlich darf in unserem schönen Land jeder denken und sagen, was er will, solange er nicht die Rechte anderer Menschen verletzt. Man darf die Fehler der Corona-Politik und den Weltverbesserungs-Aktivismus mancher Medien anprangern. Man darf Politiker für Doofmänner halten und Virologen für Alarmisten, man kann das sogar auf ein Plakat schreiben und damit durchs Brandenburger Tor stolzieren. Angeblich schlummert ja in jedem Oberstübchen sowohl ein Genie als auch ein Idiot. Aber als Bürgerschaft haben wir eben auch eine gemeinsame Verantwortung, gefährlichen Unsinn und Hetze in die Schranken zu weisen. Wohin es führen kann, wenn zu viele Leute Hassparolen und Lügen hinterhertrotten, hat dieses Land schließlich zu Genüge erfahren.

So, und bevor mir nun wieder die hasserfüllten E-Mails, die Verwünschungen und Drohbriefe auf den Schreibtisch flattern, noch schnell ein Satz des polnischen Satirikers Gabriel Laub: "Ein Dummkopf ist ein Idiot, der keine Karriere gemacht hat." In diesem Sinne schöne Grüße von eurem Tagesanbruch-Idioten, ihr Dödel da draußen!

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Wladimir Putin will aus der Defensive kommen und verkündete die weltweit erste staatliche Zulassung eines Impfstoffs gegen das Coronavirus. (Quelle: Alexei Nikolsky/Pool Sputnik Kremlin/AP/dpa)Wladimir Putin will aus der Defensive kommen und verkündete die weltweit erste staatliche Zulassung eines Impfstoffs gegen das Coronavirus. (Quelle: Alexei Nikolsky/Pool Sputnik Kremlin/AP/dpa)

Die Letzten werden die Ersten sein. Als die Corona-Pandemie begann, hat Russland es versemmelt, zu spät reagiert, mit hohen Opfern für die Versäumnisse bezahlt. Nun möchte Präsident Putin wieder ganz vorne mitspielen und als erster mit einem Impfstoff glänzen, den er gestern vollmundig angekündigt hat. Die Zulassung sei erteilt, im Oktober soll es losgehen mit massenhaften Injektionen. Alle Welt forscht unter Aufbietung aller Kräfte an dem erlösenden Serum, "frühestens nächstes Jahr" lautet noch immer der Konsens der Fachleute zur möglichen Verfügbarkeit, "unter Umständen" und "es kommt drauf an" schieben sie schnell noch hinterher. Die Russen aber, die haben der Welt ein Schnippchen geschlagen. Überholen ohne einzuholen: Kann das funktionieren?

Sicher sagen kann man wenig, weil den russischen Impfstoff die Aura des Geheimnisvollen umgibt. Zur Dramaturgie eines Katastrophen-Schockers aus Hollywood würde das gut passen, in Erwartung des Helden, der in letzter Minute mit dem rettenden Reagenzglas aus dem Hubschrauber hopst. In der klinisch-sachlichen Atmosphäre der medizinischen Forschung ist die Heimlichtuerei jedoch fehl am Platz. Das Mittel sei "ziemlich effektiv", erläuterte der Regisseur aus Moskau der stirnrunzelnden Weltöffentlichkeit, und habe "alle notwendigen Tests absolviert". Na dann. Welche Tests? Mit welchen Ergebnissen? Wie effektiv? Selbst die Weltgesundheitsorganisation kann derzeit nicht mehr tun, als sich freundlich nach mehr Details zu erkundigen.

Die Impfstoffentwicklung lässt sich durchaus beschleunigen, ohne die Sicherheit, Verträglichkeit und Wirksamkeit eines Mittels in Frage zu stellen oder gar durch gewagte Abkürzungen zu gefährden. Während in gemächlicheren Zeiten ein vielversprechender Kandidat seine Tests hübsch nacheinander absolviert, werden unter dem Zeitdruck der Corona-Pandemie möglichst viele Untersuchungen gleichzeitig durchgeführt. Das setzt zwar Geld und Ressourcen aufs Spiel, denn wenn das Mittel floppt, ist der ganze parallel betriebene Riesenaufwand umsonst gewesen. Aber es spart Zeit. Das russische Rekordtempo lässt sich mit Griffen in diese harmlose, aber wirksame Trickkiste allerdings nicht erklären. Denn auf denselben Turbolader setzen die Pharmafirmen weltweit, wie meine Kollegin Nicole Sagener zeigt. 

Womit wir dann doch bei den unzulässigen Abkürzungen angekommen wären. Der Schnellschuss aus Moskau hat seine Tauglichkeit nicht in einem großangelegten Test unter Beweis gestellt, der eigentlich zum zwingenden Prozedere einer Zulassung gehört. Stimmt es, was ein Zusammenschluss internationaler Pharmafirmen in Erfahrung gebracht haben will, die in Russland klinische Medikamentenstudien durchführen, dann ist die Entscheidung zur Freigabe des Impfstoffs aufgrund der Daten von gerade einmal 76 Testpersonen gefallen. Man könnte es auch Russisch Roulette nennen.

Was Wladimir Putin seinen Landsleuten zumutet, wäre in Deutschland der wahr gewordene Albtraum aller Impfskeptiker – und aller medizinischen Fachleute gleich mit. Der Präsident will nach dem katastrophalen Start in die Corona-Krise, die ihn auch unter seinen Anhängern viel Rückendeckung gekostet hat, mit einem Coup zu alter Stärke zurückfinden. Den Menschen in Russland ist nur zu wünschen, dass der Zufall sich gnädig erweist und das russische Impf-Roulette glimpflich oder gar erfolgreich endet. Die Ersten aus Moskau dürfen diesmal nicht die Letzten sein.

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WAS STEHT AN?

Da war es noch intakt: Das später verunglückte russische Atom-U-Boot "Kursk" in seinem Heimathafen Widjajewo. (Quelle: dpa/epa stringer/A2800_epa)Da war es noch intakt: Das später verunglückte russische Atom-U-Boot "Kursk" in seinem Heimathafen Widjajewo. (Quelle: epa stringer/A2800_epa/dpa)

Die Angehörigen der "Kursk"-Mannschaft gedenken ihrer Ehemänner, Brüder, Söhne und Enkel: Heute vor 20 Jahren ging das russische U-Boot für immer in der Barentssee unter, 118 Mann kamen ums Leben. Regierung und Marine vertuschten die Hintergründe, die Verantwortlichen wurden nie benannt. Bis heute ist die genaue Ursache der Katastrophe unbekannt – ein russischer U-Boot-Kapitän gibt uns allerdings Hinweise.

Das bevölkerungsreichste Bundesland, Nordrhein-Westfalen, startet heute nach den Sommerferien wieder in den Regel-Schulbetrieb. Es ist das einzige mit Maskenpflicht im Unterricht. Kann das funktionieren? 

In Stuttgart demonstrieren Techniker, Künstler, Zeltbauer, Caterer und Veranstalter unter dem Motto "Alarmstufe rot". Sie kämpfen wegen der Corona-Regeln ums wirtschaftliche Überleben und fordern einen "Rettungsdialog" mit der Politik.

Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) informiert darüber, wie viele Pflanzenschutzmittel in Deutschland im vergangenen Jahr auf Felder und Wiesen gekippt worden sind. Dürfte viel gewesen sein.

Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) besucht die libanesische Hauptstadt Beirut, will dem Land wirtschaftliche Hilfe zusichern und im Gegenzug politische Reformen verlangen. Gut so.

Der Duden erscheint heute in der 28. Auflage und enthält 3.000 neue Wörter, darunter das "Zwinkersmiley", der "Gänsehautmoment" und der unvermeidliche "Lockdown". Dafür werden der "Fernsprechanschluss" und der "Hackenporsche" aussortiert. Letzteren zu tilgen ist allerdings eine hundsgemeine Sprachsünde. Immerhin das darf man noch sagen.

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WAS LESEN?

Kamala Harris wird Joe Bidens "Running Mate".  (Quelle: Mike Blake/REUTERS)Kamala Harris wird Joe Bidens "Running Mate". (Quelle: Mike Blake/REUTERS)

Joe Biden will Donald Trump als US-Präsident ablösen. Seinem Ziel könnte er jetzt einen großen Schritt nähergekommen sein: Er hat eine bemerkenswerte Vize-Kandidatin an seine Seite geholt. Wer ist Kamala Harris, und warum vergrößert sie die Chancen des alten Mannes? Unser Washington-Korrespondent Fabian Reinbold erklärt es Ihnen. 

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Eine Zeitlang schien das Coronavirus in Deutschland unter Kontrolle zu sein, doch nun steigt die Zahl der Infektionen wieder kontinuierlich. An mehreren Tagen wurden mehr als 1.000 neue Fälle gezählt – obwohl es nur noch einen Corona-Hotspot gibt. Wie es dazu kommt, zeigen Ihnen meine Kollegen Arno Wölk und Sandra Sperling.

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Am Wolf scheiden sich die Geister: Tierschützer freuen sich über seine Ausbreitung in Deutschland – Schäfer und Bauern dagegen schlagen Alarm. Unser Rechercheur Jonas Mueller-Töwe fragt regelmäßig in allen Bundesländern nach den Schäden des Wildtiers und legt jetzt bemerkenswerte Ergebnisse vor: Noch nie musste Deutschland so viel Geld für den Wolf aufbringen wie jetzt – und die Population wächst weiter, wie Sie auf unserer interaktiven Karte und im Video meiner Kollegen Arno Wölk und Martin Trotz sehen.

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Spahn im Gespräch mit t-online.de-Reporter Tim Kummert (links): "Wir suchen den politischen Gegner noch zu oft in den eigenen Reihen.“ (Quelle: Michael Hübner für t-online.de)Spahn im Gespräch mit t-online.de-Reporter Tim Kummert (links): "Wir suchen den politischen Gegner noch zu oft in den eigenen Reihen.“ (Quelle: Michael Hübner für t-online.de)

Jens Spahn kandidiert als Stellvertreter von Armin Laschet für den Vorsitz der CDU – so der Plan. Doch Laschets Popularität hat zuletzt derart gelitten, dass sich viele in der Partei nun Spahn als Chef wünschen. Wie reagiert der Umworbene darauf? Unser Reporter Tim Kummert ist mit ihm spazieren gegangen und hat ihm dabei manches entlockt.

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WAS AMÜSIERT MICH?

Der ist ein cleverer Bursche, der Jens.

 (Quelle: Mario Lars) (Quelle: Mario Lars)

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.

Herzliche Grüße,

Ihr

Florian Harms
Chefredakteur t-online.de
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

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