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Corona-Krise? "China hat sich erholt – und kommt mit Macht zurück!"

MEINUNGWas heute wichtig ist  

Von Corona geheilt: China kommt mit Macht zurück

11.09.2020, 07:52 Uhr
Corona-Krise? "China hat sich erholt – und kommt mit Macht zurück!". Chinas Machtelite lässt in der Großen Halle des Volkes Orden an Helden der Pandemiebekämpfung verteilen. (Quelle: imago images)

Chinas Machtelite lässt in der Großen Halle des Volkes Orden an Helden der Pandemiebekämpfung verteilen. (Quelle: imago images)

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Der Newsletter von Chefredakteur Florian Harms

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

hier ist der kommentierte Überblick über die Themen des Tages:

WAS WAR?

Es ist schon lange her, dass etwas so Kleines ein derartiges Wettrennen ausgelöst hat. Etwas so Kleines wie das Coronavirus. Wo ist der Erreger am schnellsten unter Kontrolle gebracht? Wer bekommt als Erster die wirtschaftlichen Schäden gekittet? Welchem Land gelingt es, die globale Krise zu seinem Vorteil zu nutzen und sich in eine stärkere Position zu manövrieren als zuvor? Wie die Hasen rasen die Nationen zur nächsten Ziellinie, und immer ist der chinesische Igel schon da. Japsend stehen Europäer und Amerikaner vor dem Siegerpodest und erinnern sich an das schwere Schicksal des Reichs der Mitte, wo ganze Provinzen dichtmachten und Abermillionen Menschen in ihre Wohnungen eingesperrt wurden. Aber oben auf dem Podest lümmelt sich längst Xi Jinping und lächelt kalt auf die Verlierer hinab.

Man muss den Zahlen keinen Glauben schenken, mit denen Pekings Statistiker den Sieg über Covid-19 zelebrieren. Es genügt ihnen nicht, dass China die Lage ganz ordentlich im Griff hat. Das Virus, so wollen sie uns weismachen, habe sich ganz aus dem Staub gemacht. Wie nach einer gewonnenen Schlacht werden in der Großen Halle des Volkes die Helden der Pandemie-Bekämpfung geehrt. Vollkommen ist der Sieg von Führung und Partei, heroisch der Einsatz von Volk und Fachkräften unter dem roten Banner. Falls Ihnen diese Formulierung jetzt schwülstig erscheint, dann haben Sie bloß die Ausstellung noch nicht gesehen, in der das Pekinger Nationalmuseum die chinesischen Heldentaten feiert. "Wir haben beim globalen Kampf gegen das Virus Weisheit und Kraft gespendet", preist Herr Xi die Sieger über den Erreger – und meint damit vor allem sich selbst.

Der machtversessene Präsident strotzt vor Selbstbewusstsein, denn nicht alles an dieser Erfolgsgeschichte entstammt dem rosa Reich der Propaganda. Nüchterne Zahlen aus der Welt des Geschäfts legen nahe, dass China sich tatsächlich sehr gut geschlagen hat. Um fast zehn Prozent haben die Exporte im Vergleich zum Stand vor einem Jahr zugelegt – als wäre die Pandemie nie ausgebrochen. Das Wachstum im Inland hat zwar einen ordentlichen Dämpfer bekommen, sich davon aber auch schon weitgehend erholt. Es ist derselbe Effekt, den wir nun in Deutschland bemerken – auch deshalb, weil China bei hiesigen Unternehmen schon wieder genauso kräftig einkauft wie vor einem Jahr. Das Geschäft mit unseren europäischen Nachbarn hingegen oder gar mit den taumelnden USA: ein Trauerspiel.

Wir könnten es deshalb als Sonnenstrahl in einem düsteren Panorama bejubeln, dass Duisburg jetzt noch mehr Güterzüge aus den Industriehochburgen Chinas willkommen heißt. So wie auch die Hafenbetreiber im griechischen Piräus sich freuten, als ihnen damals in der Finanzkrise chinesische Investoren zu Hilfe eilten und den Laden übernahmen. Überall in Europa entstehen lukrative Kooperationen mit Peking – oder sollten wir lieber Brückenköpfe sagen? Denn unter dem Mäntelchen des freien Handels treibt Herr Xi seinen Traum von der Weltmacht China voran. Auch hier in Europa, auch hier vor unserer Tür.

Es ist kein gutmütiger Riese, der das alternde Imperium der USA zu beerben gedenkt. China macht rücksichtslos von seinem wirtschaftlichen Einfluss Gebrauch und tritt im Bewusstsein der eigenen Stärke zunehmend herrischer auf. Da muss ein serbischer Präsident in tiefer Dankbarkeit die chinesische Flagge küssen, weil Peking ihm in der Corona-Not huldvoll Hilfe gewährte. Die Tschechen hingegen wurden abgebürstet, weil sie sich ungezogen zeigten: Sie würden einen "hohen Preis" dafür bezahlen, dass eine Parlamentsdelegation sich in Taiwan aufhält, zischt Chinas Außenminister Wang Yi. Peking betrachtet den Inselstaat als abtrünnige Provinz, in der kein offizieller EU-Besuch etwas zu suchen hat. Sonst setzt es was.

Einen Drachen kann man nicht anleinen. Und tiefe Freundschaft darf eine Demokratie wie die unsrige für das ruchlose Regime im Osten schon gar nicht empfinden, während dieses muslimische Uiguren in Konzentrationslager sperrt, Dissidenten verfolgt, Hongkong unterjocht und in Tibet die letzten Reste einer Hochkultur in den Untergang treibt. Unsere profitable Zusammenarbeit ist zweckgebunden und Teil eines taktischen Spiels, in dem man sich keine Blöße geben darf. Die Chinesen machen es vor: Integration in den Weltmarkt schön und gut, aber Schlüsselindustrien wie die Halbleiterherstellung und die Akkutechnologie werden wie Diamanten gehegt und geschützt. Als Druckmittel setzt man obendrein die Schätze ein, die man weitgehend exklusiv besitzt – etwa die seltenen Erden, jene begehrten Metalle, die in der Produktion vom Auto bis zum Akku Verwendung finden und ohne die selbst in den USA kein Kampfjet mehr aus der Werkhalle rollt.

Wir können das chinesische Muskelspiel nicht verhindern. Aber wir können davon lernen: Wir müssen in einer Welt bestehen, die immer mehr vom Polizeigriff-Kapitalismus der Chinesen bestimmt wird. Zugleich müssen wir uns mit wüsten Drohungen unserer amerikanischen "Partner" herumschlagen, die deutschen Autoherstellern und französischen Luxusgüterfirmen Strafzölle aufbrummen wollen. Wer solche Freunde hat, darf nicht erpressbar sein. Der muss stark, selbstbewusst und clever sein. Kein Hase, sondern ein Igel. Europa sollte deshalb seine Schlüsseltechnologien akribisch schützen und sich nicht an Monopole in Übersee fesseln lassen. Sei es bei Elektromotoren, Handynetzen oder künstlicher Intelligenz. Das darf uns gerne etwas kosten. Damit es uns den Preis der Abhängigkeit erspart.

In der Großen Halle des Volkes in Peking werden Helden der Corona-Bekämpfung gefeiert.  (Quelle: imago images)In der Großen Halle des Volkes in Peking werden Helden der Corona-Bekämpfung gefeiert. (Quelle: imago images)

Während der Geschäftsbetrieb in Europa noch darniederliegt, finden in China wieder Messen statt.  (Quelle: imago images)Während der Geschäftsbetrieb in Europa noch darniederliegt, finden in China wieder Messen statt. (Quelle: imago images)

Präsident Xi inspiziert eine Fabrik für moderne Autoantriebe in Changchun.  (Quelle: imago images)Präsident Xi inspiziert eine Fabrik für moderne Autoantriebe in Changchun. (Quelle: imago images)

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WAS STEHT AN?

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) will heute erklären, wie er sich Wirtschaftspolitik und Klimaschutz nach der Corona-Krise vorstellt. Hoffentlich hat er mehr zu bieten als schöne Worte.

Volkswagen liefert in Wolfsburg und Dresden die ersten Exemplare seines Elektroautos ID.3 aus. 22 Millionen Fahrzeuge sollen folgen. Immerhin ein Anfang.

Fast 3.000 Menschen kamen bei den Anschlägen am 11. September 2001 ums Leben. Am 19. Jahrestag der Terrorakte wollen US-Präsident Donald Trump und sein Herausforderer Joe Biden in der Nähe von Shanksville in Pennsylvania der Opfer gedenken. Dort war eine der vier entführten Passagiermaschinen nach einer Revolte von Passagieren abgestürzt. Die Dokumentation ist auch heute noch erschütternd.

Monatelang stand der deutsche Kulturbetrieb still, nun geht er endlich wieder los. Das Hamburger Schauspielhaus eröffnet die Theatersaison mit der Uraufführung von Rainald Goetz‘ Stück "Reich des Todes", das die Folgen der Anschläge vom 11. September thematisiert. Auch das Wiener Burgtheater nimmt den Spielbetrieb wieder auf und zeigt "Das Leben ein Traum" in der Regie von Martin Kušej. Die Münchner Philharmoniker haben für ihren Saisonauftakt die niederländische Stargeigerin Janine Jansen eingeladen. Und die Staatskapelle Berlin feiert ihr 450. Gründungsjubiläum. Alle Veranstaltungen finden natürlich mit weniger Publikum statt als normal. Aber immerhin finden sie statt.

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WAS LESEN?

Franziska Giffey könnte bald Regierende Bürgermeisterin von Berlin werden.  (Quelle: Arno Wölk/t-online)Franziska Giffey könnte bald Regierende Bürgermeisterin von Berlin werden. (Quelle: Arno Wölk/t-online)

Für Frauen ist eine erfolgreiche Karriere schwieriger als für Männer. Warum? Weil es zu viele "Männerclubs" in den Unternehmen gebe und zu wenige Plätze für Ganztagsbetreuung, aber auch, weil der weibliche Nachwuchs häufig an sich zweifle, sagt Bundesfamilienministerin Franziska Giffey. Was sich aus ihrer Sicht ändern muss, hat sie meinen Kollegen Kati Degenhardt und Sven Böll erzählt.

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Viele Handys blieben stumm: Warum ist der gestrige Probealarm schiefgegangen? Meine Kollegin Laura Stresing erklärt es Ihnen. 

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Die Berichterstattung der "Bild"-Zeitung über die Kindermorde in Solingen hat große Empörung hervorgerufen. Doch das eigentliche Problem liegt nicht nur bei dem Blatt selbst, meint unsere Kolumnistin Lamya Kaddor.

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Nach dem Brand im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos ist die Empörung groß. Europa habe seine Humanität verloren, ist in Kommentaren zu lesen. "Das ist falsch", schreibt die Reporterin Sophia Maier, "Europa hat mit jedem Ertrunkenen im Meer und jedem Geflüchteten in den Elendslagern bereits vor vielen Jahren alle Werte vor seinen eigenen Toren abgegeben." Hier ist das Protokoll ihrer Einsätze in Europas Elendsecken. 

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WAS AMÜSIERT MICH?

Wie die Flüchtlingspolitik der EU wirklich funktioniert:

 (Quelle: Mario Lars) (Quelle: Mario Lars)

Lassen Sie bitte nicht zu, dass der Zynismus unsere Welt noch weiter vergiftet. Bleiben Sie ein guter Mensch. Dann wird das heute ein schöner Tag, zumal der Sommer noch einmal zurückkommt. Morgen erscheint wieder unser Wochenend-Podcast, am Montag schreibt mein Kollege Peter Schink für Sie, und am Dienstag lesen Sie wieder von mir.

Herzliche Grüße,

Ihr

Florian Harms
Chefredakteur t-online
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

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