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Hass gegen Politiker: So sieht der brutale Job eines Politikers aus

MEINUNGWas heute wichtig ist  

Ein brutaler Job

18.09.2020, 07:09 Uhr
Hass gegen Politiker: So sieht der brutale Job eines Politikers aus. Bundeskanzleramt: Im Berliner Regierungsviertel wird immer gearbeitet.  (Quelle: imago images)

Bundeskanzleramt: Im Berliner Regierungsviertel wird immer gearbeitet. (Quelle: imago images)

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Der Newsletter von Chefredakteur Florian Harms

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

hier ist der kommentierte Überblick über die Themen des Tages:

WAS WAR?

Morgens um halb sechs raus. Schnell fertigmachen, noch im Halbschlaf einen Kaffee runterstürzen. Waren wieder nur vier Stunden Schlaf. Um sechs das erste Radiointerview, Zigtausende hören zu. Harte Fragen. Auf dem Weg ins Büro schnell die Zeitungen überfliegen. Erster Termin, zweiter Termin, dritter, vierter, fünfter. Zwischendrin ein Brötchen runterschlingen, schon wieder reicht die Zeit nicht für ein warmes Essen. Nebenher Akten lesen. Der Herr X will dringend was und die Frau Y auch. Außerdem hat die Chefin schon zweimal gesimst, wo bleibt dein Plan für das Großprojekt? Schnell ein paar Anweisungen, dann 32 Vermerke lesen. Die Müdigkeit, oh Mann. Mehr Kaffee. Kurz ins Internet schauen, erschrecken: mein Gesicht ganz oben auf dem Nachrichtenportal, darunter eine vernichtende Überschrift. Schlucken. Bin ich so schlecht? Erst mal eine Tafel Schokolade. Warum schreiben die so was? Hab ich wirklich einen so großen Fehler gem… keine Zeit, nächster Termin, schon fünf Minuten zu spät. Anderthalb Stunden reden. All die Augenpaare. In manchen Anerkennung, in anderen Geringschätzung. Ich will doch nur die Dinge voranbringen. Schnell weiter. Wohin noch mal, Frau Müller? Ach ja, Fernsehstudio. Können wir unterwegs noch schnell irgendwo … ok, dann nicht. Kameras an, wieder im Mittelpunkt, wieder so viel Publikum. Lief ganz gut, glaub ich. Konnte meine Punkte machen. Hab mir ein Bier verdient. Oder drei. Auch eine Flasche kann ein Freund sein, wenn schon kein anderer da ist in dieser viel zu leeren Berliner Wohnung. Müsste mal wieder die Familie zu Hause anrufen. Schlafen bestimmt schon. Ah, noch mal eine SMS von der Chefin. Ja, mach ich gleich noch rasch. Nein, kein Problem. Ok, bis morgen. Also noch mal an den Schreibtisch. So. Und das machen wir so. Und das so. Wenn die mich nicht hätte. Mist, schon wieder halb zwei. Schnell ins Bett. Knockout. Vier Stunden, bis der Wecker klingelt. Alles wieder von vorn.

Es gibt viele fordernde Berufe. Bauarbeiter haben einen anstrengenden Job und Notfallsanitäter auch. Streifenpolizisten und Journalisten. Piloten und OP-Schwestern, Manager und Soldaten sind enorm gefordert, und ich könnte noch viel mehr Berufe aufzählen. Manche genießen hohes Ansehen, andere weniger. Aber wohl niemand erntet so viel Verachtung für einen Knochenjob wie Politiker. Sicher, Politik ist mehr als ein Beruf. Sie erfordert Überzeugung, Eitelkeit und dicke Haut, und ohne Härte gegen sich selbst und andere geht es auch nicht. Wenn wir Politiker erleben – im Bundestag, auf Pressekonferenzen oder in Talkshows – dann sehen wir das Bild, das sie selbst von sich zeichnen. Eine Inszenierung. Zur Wahrheit gehört aber auch die Rückseite des Bildes. Die Angst und die Einsamkeit. Die Machtkämpfe und die Niederlagen. Die Häme und der Hass. Mancher, der als begeisterter Idealist gestartet ist, endet als frustrierter Zyniker. Und nur jenen, die gelernt haben, Rückschläge, Angriffe und Niederlagen wegzustecken, ohne dabei sich selbst oder ihre Verbündeten zu verlieren, gelingt ein langer Aufenthalt im politischen Löwenkäfig. "Nehmerqualitäten" nennen sie das hier in Berlin.

Bundesminister im Kabinettssaal (vor der Corona-Krise): Permanent unter Strom. (Quelle: imago images)Bundesminister im Kabinettssaal (vor der Corona-Krise): Permanent unter Strom. (Quelle: imago images)

Man muss Politiker nicht bemitleiden und man muss auch nicht den Stil, die Meinung oder das Auftreten jedes Politikers mögen. Aber die allermeisten von ihnen verdienen Respekt. Dafür, dass sie sich für das Gemeinwohl einsetzen (und ja, der Gedanke an die eigene Karriere ist natürlich immer dabei). Dafür, dass sie täglich Strapazen auf sich nehmen, zu denen die meisten anderen Bürger nicht bereit wären. Ständiger Schlafmangel, permanenter Kampf gegen die Uhr, immer in Erwartung der Attacke eines Gegners oder Parteifreunds. In der Öffentlichkeit nie unerkannt. Oft im Kreuzfeuer der Kommentatoren, oft überlastet. Die Probleme in Deutschland und der Welt werden immer komplexer, man blickt ja kaum mehr durch bei all den Krisen. Politiker zu sein, das bedeutet auch, ein Leben am Rand der permanenten Überforderung zu führen.

Warum ich Ihnen das alles erzähle? Weil es mich besorgt, wie der Hass auf Politiker zunimmt. Schaue ich in Telegram-Gruppen, auf Facebook oder Twitter, höre ich Leute in der U-Bahn, beim Bäcker oder in der Kneipe, dann sehe und vernehme ich immer öfter Schimpftiraden, Verwünschungen und Schlimmeres gegen die Leute, die die Geschicke unseres Landes leiten. Mich beunruhigt, dass der Furor zunimmt, ob es nun um Corona-Regeln geht oder um Migrationspolitik. Kritik gehört zur Demokratie, pauschale Verachtung nicht. Wäre kaum noch jemand bereit, sich politisch zu engagieren, hätten wir alle ein Problem.

Deshalb ist das neue Buch der Journalisten Peter Dausend und Horand Knaup so wichtig. "Alleiner kannst Du gar nicht sein" haben sie es genannt, und es dreht sich, natürlich, um den Alltag von Politikern – vor und hinter den Kulissen. Meinem Kollegen Sven Böll haben die beiden Autoren erklärt, warum Politiker einen der brutalsten Jobs haben. Wenn Sie dieses Interview gelesen haben, sehen Sie womöglich manche Dinge anders. 

Peter Dausend und Horand Knaup beschreiben den Alltag von Politikern.  (Quelle: Jens Oellermann)Peter Dausend und Horand Knaup beschreiben den Alltag von Politikern. (Quelle: Jens Oellermann)

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WAS STEHT AN?

Auch Angela Merkel arbeitet täglich sehr viel. Heute empfängt die Bundeskanzlerin die EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen und überlegt mit ihr, wie sie das Europaparlament davon überzeugen können, das 750 Milliarden schwere Corona-Hilfspaket durchzuwinken. Derweil stellen EU-Kommissare in Brüssel die neue Digitalstrategie der EU und den europäischen Aktionsplan gegen Rassismus vor.

In den USA beginnt die Präsidentschaftswahl: In Minnesota können Bürger, die am 3. November verhindert sind, vorab ihre Stimme abgeben. Weitere Bundesstaaten folgen in den kommenden Tagen.

Die Ministerpräsidenten von Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Thüringen pflanzen in Potsdam Bäume. Die Aktion "Einheitsbuddeln" soll Menschen in ganz Deutschland dazu ermuntern, sich für den Klimaschutz und mehr Grün an ihren Wohnorten zu engagieren. 

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Jimi spielte auch mit der Zunge zauberhaft.  (Quelle: picture alliance/UPI/dpa)Jimi spielte auch mit der Zunge zauberhaft. (Quelle: picture alliance/UPI/dpa)

Sie wissen ja, dass Jimi Hendrix für Tagesanbruch-Autoren göttlichen Status genießt. Logisch also, dass er sich heute vor 50 Jahren aufgemacht hat, um in höheren Sphären in die Saiten zu greifen. Hoffentlich haben sie da oben nicht nur Harfen. Wobei, sogar die würde Jimi rocken.

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Der Ball rollt wieder – aber unter den außergewöhnlichsten Bedingungen, die es je gab. Wenn sich zum Bundesligastart heute Abend der Meister aus München und die Schalker gegenüberstehen, wird gespenstische Stille herrschen. Weil in der bayerischen Landeshauptstadt die Corona-Infektionszahlen steigen, müssen die Kicker vor leeren Rängen auflaufen, noch nicht einmal die jüngst zugesagten 7.500 Zuschauer dürfen kommen. Umso wichtiger ist die Rolle der Moderatorin: Claudia Neumann kommentiert das Spiel im ZDF, wo es frei ausgestrahlt wird. Meinem Kollegen Noah Platschko hat sie vorab erzählt, warum dies die schwierigste Saison aller Zeiten wird.

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WAS LESEN UND ANSCHAUEN?

Woran liegt es, dass manche Corona-Infizierte schwer erkranken, andere nicht? Der renommierte Immunologe Andreas Radbruch hat eine Idee. Im Interview mit meiner Kollegin Melanie Weiner erklärt er sie.

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O‘zapft is! Eine gute Idee?  (Quelle: Matthias Schrader/AP/dpa)O‘zapft is! Eine gute Idee? (Quelle: Matthias Schrader/AP/dpa)

Das Oktoberfest absagen? Kommt nicht in Frage! Deshalb darf nun in ganz München auf vielen kleinen Partys munter gefeiert werden. Die Entscheidung ist ein Beispiel für die inkonsequente Corona-Politik von Bayerns Regierungschef Markus Söder, meint meine Kollegin Laura Stresing. 

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In immer mehr europäischen Ländern wächst das Corona-Risiko wieder – wo kann man denn jetzt noch seinen Herbsturlaub verbringen? Meine Kollegin Sandra Simonsen erklärt es Ihnen. 

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"Das Schlimmste ist, kein Dach über dem Kopf zu haben", sagt ein kleines Mädchen. Seit mehr als einer Woche haust es mit seiner Mutter und seinen Geschwistern auf der Straße. Geflohen aus dem syrischen Bürgerkrieg, gestrandet auf der griechischen Insel Lesbos, im Stich gelassen von europäischen Politikern. Die Reporterin Sophia Maier hat das Mädchen getroffen. Ihren zweiminütigen Film sollten Sie gesehen haben.

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Was tun Chinas Diktatoren, wenn sie ihre Propaganda in Deutschland verbreiten wollen? Sie bezahlen eine große Buchhandelskette und eine Tageszeitung dafür, das für sie zu erledigen. Und die machen fröhlich mit. Glauben Sie nicht? Dann lesen Sie bitte diesen Artikel unseres Rechercheurs Lars Wienand.

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Kaltluft, Hitzewellen, Tiefdruckgebiete: Ab sofort bietet Ihnen unser Videoteam regelmäßig einen detaillierten Wetterbericht mit hochwertigen Satellitenbildern und Zeitraffer-Animationen. Wie der Temperatureinbruch den Spätsommer wegsaugt, zeigen Ihnen meine Kollegen Tim Blumenstein und Adrian Röger.

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WAS AMÜSIERT MICH?

Man kann ja nicht alles wissen.

 (Quelle: Mario Lars) (Quelle: Mario Lars)

Ich wünsche Ihnen einen erkenntnisreichen Tag. Morgen melden sich mein Kollege Marc Krüger und ich mit unserem Wochenend-Podcast. Am Montag schreibt mein Kollege Peter Schink für Sie, ich dann ab Dienstagmorgen wieder.

Herzliche Grüße,

Ihr

Florian Harms
Chefredakteur t-online
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

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