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Kampf ums Überleben – Betroffene verbrennen Einrichtung und Spielzeug

  • Josephin Hartwig
Von Josephin Hartwig

Aktualisiert am 19.02.2021Lesedauer: 6 Min.
Dramatische Bilder aus Texas: 2,7 Millionen Haushalte sind ohne Strom, mehr als 20 Menschen sind gestorben. (Quelle: t-online)
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Lebensmittel werden knapp, Rohre zerbersten, Wasser fehlt – in Texas herrscht ein Ausnahmezustand. Betroffene schildern die dramatischen ZustĂ€nde, unter denen sie derzeit leben mĂŒssen.

Texas versinkt im Schnee – und fĂŒr Hunderttausende bedeutet das seit Tagen ein Kampf ums Überleben. Der schwere Wintereinbruch hat zu massenhaften StromausfĂ€llen gefĂŒhrt. Am schwersten betroffen ist der Bundesstaat im SĂŒden des Landes. Die Temperaturen im Land sanken auf bis zu Minus 20 Grad, wie "Agrar heute" berichtet. In mehreren StĂ€dten in Texas war auch die Wasserversorgung unterbrochen.

Tausende Menschen schildern in US-Medien und auf Twitter, wie dramatisch die Situation derzeit ist:

Kimberly Hampton, Irving

In der texanischen Stadt Irving herrschen derzeit Minus sieben Grad. Dort lebt Kimberly Hampton mit ihrem Mann und drei Kindern. ZunĂ€chst habe sie geglaubt, dass sie die StromausfĂ€lle von ihrem Haus aus ĂŒberstehen wĂŒrden. Erst hatten sie noch etwas Holz besorgen können, um ein Feuer zu machen. Gefrorene Muttermilch fĂŒr ihr sieben Monate altes Baby konnte sie so bei Zimmertemperatur langsam auftauen. "Wir haben jetzt aber kein Feuerholz mehr und es gibt auch keines mehr zu kaufen", sagte Hampton CNN. Das Thermostat im Haus sei schnell nach dem Ausfall der Heizung auf zwei Grad Celsius gefallen. "Meine ganze gefrorene Muttermilch wird schlecht, deshalb muss mein Mann nun Ersatznahrung besorgen."

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Um gegen die KĂ€lte anzukĂ€mpfen, habe sie die "Schlafzimmer alle geschlossen und HandtĂŒcher in die TĂŒrzwischenrĂ€ume gestopft". Mit Decken seien die Fenster abgeschirmt worden, um die KĂ€lte zumindest ein wenig draußen zu halten.

Ein Obdachloser in einem Kirchenasyl: Wegen des heftigen Wintersturms suchen viele Menschen dort Schutz.
Ein Obdachloser in einem Kirchenasyl: Wegen des heftigen Wintersturms suchen viele Menschen dort Schutz. (Quelle: Zuma Wire/imago-images-bilder)

Nach einigen Tagen ohne Strom geraten viele Menschen an den Rand der Erschöpfung – denn was bisher noch funktionierte, kann nicht mehr lange so weitergehen. "Wir haben einen Generator, aber das Benzin dafĂŒr ist uns extrem schnell ausgegangen. Die Kinder sind alle mit drei Schichten Kleidung eingepackt und wir haben uns im Grunde alle ĂŒbereinander gelegt und die KörperwĂ€rme geteilt", erzĂ€hlt Kimberly Hampton.


Viele Menschen fangen nun an, EinrichtungsgegenstÀnde zu verbrennen, um irgendwie WÀrme zu erzeugen. "Ich habe einfach angefangen, meine LeinwÀnde von der Wand zu nehmen, sie zu zerbrechen und sie ins Feuer zu werfen", erzÀhlt eine weitere Betroffene dem Nachrichtensender CNN.

Im US-Bundesstaat Texas fehlte am Donnerstag noch immer Hunderttausenden Haushalten und GeschÀften der Strom. Die Webseite "poweroutage.us" verzeichnete StromausfÀlle unter anderem auch im benachbarten Louisiana und in Mississippi. Die Lage verbesserte sich zwar im Vergleich zu den vergangenen Tagen, doch das Wetter wirkte sich auch auf die Wasserversorgung aus.

Angel Garcia, Killeen

Viele Menschen bewegt in den sozialen Medien auch die Geschichte von Angel Garcia. Mit ihrer Familie lebt sie im texanischen Killeen. Der fĂŒnf Monate alte Sohn kam als FrĂŒhgeburt auf die Welt und braucht noch immer Sauerstoff. Die Sauerstoffflaschen mĂŒsse die Familie nun rationieren, erzĂ€hlte Garcia CNN. Sie teilte zudem ein Foto, auf dem zu sehen ist, wie sie Spielsachen ihrer Tochter Jordan verbrennt, um WĂ€rme im Haus zu erzeugen. Die Familie hatte kein Holz mehr, also verbrannten sie Holzspielzeug ihrer dreijĂ€hrigen Tochter im Kamin. "Viele Leute wissen nicht, wie schlimm es ist, was hier passiert. Die Leute reißen ihre ZĂ€une nieder, um sie zu verbrennen", sagte Garcia. "Wir haben angefangen, die kleinen Holzklötze meiner Tochter zu verbrennen, weil es einfach zu kalt war."

Lange Schlange vor einem Supermarkt: Bei Schneetreiben mĂŒssen viele Menschen in Texas vor den LĂ€den ausharren.
Lange Schlange vor einem Supermarkt: Bei Schneetreiben mĂŒssen viele Menschen in Texas vor den LĂ€den ausharren. (Quelle: Zuma Wire/imago-images-bilder)

Die Texanerin hofft, dass die Menschen erkennen, wie schlimm die Situation sei, in einem Staat, in dem die Menschen nicht an diese Art von KÀlte gewöhnt sind. Nicht jeder habe beispielsweise Benzin im Haus. "Wir haben etwa eine Stunde in der Schlange gewartet, bis wir endlich Benzin bekommen haben", sagte Garcia. "Man kann so gut wie nirgendwo hingehen. Jeder in Texas sitzt im selben Boot. Wenn sie Strom haben, gibt es kein Wasser. Wenn sie Wasser haben, gibt es keinen Strom."

John Mays, Carrollton

Bei einigen ist sogar der doppelte Notfall eingetroffen. In Carrollton hatten John Mays, Jon Milton Blackburn und ihre drei Kinder seit dem frĂŒhen Montag weder WĂ€rme noch Wasser in ihrem Haus. Um ihren Kamin zu befeuern, musste die Familie Fußleisten abreißen und als Brennmaterial nutzen. "Als nĂ€chstes nehmen wir den Esszimmertisch", erzĂ€hlte John Mays. Nachdem auch noch ein Wasserrohr platzte, musste die Familie ihr Haus ganz verlassen und fand Unterschlupf in ihrer Kirche. "Wenn ĂŒberhaupt, dann war das eine wunderbare Lektion fĂŒr uns, wie wichtig die Gemeinschaft ist und wie wichtig es ist, als Gemeinschaft zusammenzuhalten", sagte Mays.

Nach heftiger Kritik wegen eines Urlaubstrips an die mexikanische KaribikkĂŒste inmitten der Winterwetter-Krise in seinem Heimatstaat Texas hat US-Senator Ted Cruz Fehler eingerĂ€umt. "Es war offensichtlich ein Fehler, und im Nachhinein hĂ€tte ich es nicht getan", sagte der 50-jĂ€hrige Republikaner am Donnerstag nach seiner RĂŒckkehr nach Texas. "Ich kann verstehen, warum die Menschen verĂ€rgert sind", ergĂ€nzte er vor Reportern. Bereits bei der Hinreise seien ihm im Flugzeug Zweifel an der Reise gekommen.

Timothy Wilsey, Euless

Timothy Wilsey, seine Frau Nicole und ihr siebenjĂ€hriger Sohn haben seit Tagen keinen Strom. Die Familie lebt in Euless und berichtet, dass sie ihre Autos zum WĂ€rmen und zum Aufladen von Akkus und Telefonen nutzen. Die Telefone sind derzeit enorm wichtig, denn nur so könne man die Nachrichten weiter verfolgen und auch schauen, welche Restaurants noch geöffnet sind. Denn warme Mahlzeiten gibt es ohne Strom nicht. Meist wĂŒrde die Familie "unter Decken im Bett liegen", um sich so warm zu halten. "Wir beschĂ€ftigen uns, indem wir BĂŒcher lesen und Brettspiele spielen", sagte Wilsey zu CNN.

Yasmin Elsaba, Austin

Besonders betroffen ist auch die Hauptstadt des US-Bundesstaats, Austin. Bei Yasmin Elsaba platzten die Rohre der Sprinkleranlage in einer Wohnung im dritten Stock ihres Wohnhauses. Die unteren Etagen einschließlich ihrer Wohnung wurden ĂŒberflutet. "Ich fing an zu schluchzen, als ich sah, dass Wasser auf meinem Bett stand", sagte Elsaba. "Ich konnte dort nicht mehr bleiben; die Böden waren bereits durchnĂ€sst, also war es auch keine Option, auf dem Boden zu schlafen." In den USA sind in vielen Decken Sprinkleranlagen eingebaut, die bei Feuer automatisch ausgelöst werden und Wasser in die Wohnungen abgeben. Das Wasser wird ĂŒber Rohre in die Sprinkleranlagen eingefĂŒhrt. Diese Rohre halten den Minusgraden allerdings offenbar nicht stand.

Jesus Cortez, San Marcos

Geplatzte Rohre gab es offenbar in vielen Teilen Texas. Jesus Cortez und seine drei Mitbewohner mussten ihre Studentenwohnung verlassen, als ein Sprinkler in einem der Schlafzimmer platzte und die Wohnung in San Marcos ĂŒberflutete. "Wir liefen in einer Wasserlache und versuchten, so viel wie möglich herauszuholen", schrieb Cortez am Dienstag in einem Tweet. Cortez sagte CNN, dass er noch nicht wisse, ob sie in die Wohnung zurĂŒckkehren können.

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Etwa zur gleichen Zeit stĂŒrzte in Friendswood die Decke in einer Wohnung ein: Sandra Erickson und ihr Mann erzĂ€hlten, es sei so kalt geworden, dass die geplatzten Rohre in drei Zimmern die Decken zum Einsturz brachten. "Das ist wie eine Hurrikan-Katastrophe", sagte sie.

Thomas Black, Dallas

Thomas Black aus Dallas teilte ein Bild auf Social Media, das viral ging. Es zeigt Eiszapfen, die von einem Deckenventilator hĂ€ngen. Texas sei einfach nicht bereit gewesen fĂŒr eine Katastrophe wie diese, sagte er CNN.

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Black hat auch andere Bilder aus seinem Wohnhaus geteilt. Darauf zu sehen sind ĂŒberschwemmte Flure, Wasser, das von den Decken in VersorgungsschrĂ€nke floss, und vereiste InneneingĂ€nge.
Auf die Frage, warum er sich entschlossen hat, die Bilder in den sozialen Medien zu posten, sagte Black: "Ich denke, das Blut eines jeden Texaners sollte kochen, dass dies ĂŒberhaupt die RealitĂ€t ist, in der wir leben... wir sind in einer schlimmen Situation und es wird immer schlimmer."

Philip Shelley, Fort Worth

Auch die Lebensmittel werden vielerorts knapp. Philip Shelley lebt in Fort Worth, zusammen mit seiner schwangeren Frau Amber und seiner elf Monate alten Tochter Ava. Schon am 4. April soll das Baby geboren werden. "(Ava) hat nur noch eine halbe Dose Milchnahrung", erzĂ€hlte der Familienvater. In den GeschĂ€ften gebe es nur noch extrem wenig Lebensmittel. "Die meisten unserer Lebensmittel im KĂŒhlschrank sind verdorben. Die Lebensmittel im Gefrierschrank sind fast aufgetaut, aber wir haben keine Möglichkeit, sie aufzuwĂ€rmen."

Leere Regale: Wasser und Lebensmittel fehlen in Austin, Texas.
Leere Regale: Wasser und Lebensmittel fehlen in Austin, Texas. (Quelle: ZUMA Wire/imago-images-bilder)

In mehreren StĂ€dten in Texas, darunter in der Hauptstadt Austin, wurden Millionen Menschen angewiesen, das Leitungswasser wegen zu geringen Drucks vor dem Gebrauch abzukochen. In der Stadt Kyle bei Austin ging ein dramatischer Appell an die BĂŒrger: "Bitte verwenden Sie Wasser nur, um das Leben aufrechtzuerhalten. Wir stehen kurz davor, dass die WasservorrĂ€te in Kyle zur Neige gehen."

Brenda Aly, San Antonio

In San Antonio sagte Brenda Aly, dass sie neben dem Schnee auch das Poolwasser eines Nachbarn verwendet, um Geschirr abzuspĂŒlen und die Toiletten zu reinigen. Seit Dienstag bleibe das Wasser aus.
Aly sagte, dass sie das GlĂŒck hĂ€tten, einen Gasherd und einen Grill zu besitzen und Essen kochen zu können. Sie schĂ€tzt, dass sie noch Rationen fĂŒr etwa zwei Tage ĂŒbrig habe. "Sobald wir unser Wasser in Flaschen verbraucht haben, wird unsere einzige Trinkwasseroption Schnee sein, bis unser Wasser zurĂŒckkommt oder die GeschĂ€fte wieder öffnen können", sagte Aly.

Feuerwehr kann Brand nicht löschen – Wasser eingefroren

In der Gegend um San Antonio ist es außerdem zu einem Wohnungsbrand gekommen. Der Freiwilligen Feuerwehr von Bexar-Bulverde ging wĂ€hrend der Löscharbeiten das Wasser aus. "Viele der Hydranten am Einsatzort sind eingefroren und es gibt kein Wasser", sagte der Leiter der Abteilung, Jerry Bialick. Die EinsatzkrĂ€fte mussten erst ein StĂŒck die Straße hinuntergehen, um ihre Tankwagen mit Wasser zu fĂŒllen. Eine schwierige Situation, wenn jede Minute zĂ€hlt.

Ein Apartmentkomplex in der Gegend um San Antonio steht in Flammen: Die Feuerwehr hatte durch das extreme Wetter Probleme, Wasser zu beschaffen.
Ein Apartmentkomplex in der Gegend um San Antonio steht in Flammen: Die Feuerwehr hatte durch das extreme Wetter Probleme, Wasser zu beschaffen. (Quelle: INSTAGRAM @OLIVAREZ/Reuters-bilder)

"Unsere Hauptsorge ist die Wasserversorgung", sagte Bialick wĂ€hrend der Pressekonferenz am Donnerstag. "Sobald wir dem Feuer ein wenig zu Leibe gerĂŒckt sind, geht uns das Wasser aus." Die Bewohner des GebĂ€udes wurden evakuiert, ebenso wie die GebĂ€ude daneben. Laut Bialick gab es keine Verletzten.

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Das Winterwetter in den USA hat auch Auswirkungen auf das Nachbarland Mexiko. Nachdem es zu EngpĂ€ssen bei der Erdgasversorgung gekommen war, rief PrĂ€sident AndrĂ©s Manuel LĂłpez Obrador am Donnerstag zum Energiesparen auf. Alle Mexikaner sollten abends zur Stoßzeit zwischen 18 und 23 Uhr nicht unbedingt nötigen Energieverbrauch vermeiden.

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