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Protest gegen Jens Spahn: t-online.de begleitet pflegenden Vater

Protest gegen Jens Spahn  

"Die jetzige Pflege ist eine Schande"

07.04.2018, 14:52 Uhr | Eine Reportage von Sara Orlos, t-online.de

Protest gegen Jens Spahn: t-online.de begleitet pflegenden Vater. Nico und Vater Arnold Schnittger sitzen vor dem Gesundheitsministerium: Der pflegende Vater möchte auf Missstände in der Pflege aufmerksam machen. (Quelle: dpa/Christophe Gateau)

Nico und Vater Arnold Schnittger sitzen vor dem Gesundheitsministerium: Der pflegende Vater möchte auf Missstände in der Pflege aufmerksam machen. (Quelle: Christophe Gateau/dpa)

Arnold Schnittger schiebt einen Rollstuhl von Hamburg nach Berlin, um gegen Pflegemissstände zu protestieren. Am Freitagnachmittag ist er in Berlin angekommen. t-online.de hat den Vater auf den letzten Kilometern begleitet.

Als Arnold Schnittger am Freitagnachmittag über den Alexanderplatz in Berlin läuft, geht er in der Touristenmenge unter. Mühsam schiebt er den Rollstuhl, in dem sein Sohn Nico sitzt, über das Kopfsteinpflaster. In den Händen des 23-jährigen Nico ein großes Plakat: "Herr Spahn, wir müssen reden" steht darauf. Einige Menschen auf dem Platz schauen verwirrt auf das Plakat. Nicht viele wissen, was hier vor sich geht.

Fast 300 Kilometer ist der 66-Jährige gelaufen, um ein Zeichen zu setzen. Um Menschen und vor allem Gesundheitsminister Jens Spahn auf sich und die Probleme in der Pflege aufmerksam zu machen. Er selbst ist betroffen. Seit Jahren pflegt er seinen behinderten Sohn. Den Weg von Hamburg nach Berlin machte er aber alleine. Mutter Bärbel Meyer kümmerte sich in dieser Zeit um Nico. Erst ab Berlin begleitet er seinen Vater auf der Zielgeraden zum Brandenburger Tor. Noch 2,3 Kilometer.

Arnold Schnittger schiebt seinen Sohn Nico Richtung Brandenburger Tor: Er erhofft sich für ihn eine bessere Zukunft. (Quelle: t-online.de/Sara Orlos)Arnold Schnittger schiebt seinen Sohn Nico Richtung Brandenburger Tor: Er erhofft sich für ihn eine bessere Zukunft. (Quelle: Sara Orlos/t-online.de)

"Auf meinem Weg hatte ich zwischendurch Eis und Schnee. Das konnte ich Nico nicht zumuten", sagt er und streicht seinem Sohn immer wieder liebevoll über den Kopf. Der 23-Jährige hat seinen Vater schon oft auf Wanderungen begleitet. "Wir sind von Flensburg zum Bodensee gelaufen. Nico ist ein Abenteurer. Wenn ich merke, dass er schwächelt, legen wir einen Boxenstopp ein und gehen ein Eis essen", sagt der Vater und schiebt den schweren Rollstuhl am Berliner Dom vorbei. Noch 1,3 Kilometer bis zum Ziel.

"Die jetzige Pflege ist eine Schande"

Viele Baustellen und die Menschenmenge erschweren den Weg. Doch die eigentliche Baustelle für den pflegenden Vater ist der Umgang der Politik mit der Pflege. "Die jetzige Pflege ist eine Schande, sie ist erbärmlich für ein reiches Land wie Deutschland", sagt er. Irgendwann muss auch sein Sohn Nico ins Pflegeheim. "Ich möchte, dass dann die Bedingungen für ihn optimal sind." Mit seiner Aktion möchte Arnold Schnittger auch die Gesellschaft erreichen. Er wünscht sich einen Aufstand: "Die Menschen müssen auf die Straßen gehen. Herr Spahn ist nicht beeindruckt, wenn ich alleine von Hamburg nach Berlin laufe. Wenn aber Tausende vor seiner Tür stehen, könnte das was bewegen." Noch ein Kilometer bis zum Ziel.

Immer wieder lässt Nico das große Plakat fallen. Immer wieder muss Arnold Schnittger einen kurzen Stopp einlegen. Von Anstrengung keine Spur. Er wirkt entspannt und geduldig. Beim Gedanken an Herrn Spahn runzelt er aber die Stirn: "Ich höre von Herrn Spahn vieles über die Sicherung der Außengrenzen. Das ist nicht sein Feld. Der soll sich um die Gesundheit kümmern", sagt er und greift nach seinem Portmonnaie. Er legt Nico eine Münze in die Hand und schiebt den Rollstuhl zu einem Bettler, der am Straßenrand steht. Die Geste scheint Nico gewohnt zu sein. Er wirft das Geld sorgfältig in den Becher und lacht auf. Noch 800 Meter.

Arnold Schnittger hält sein Plakat mit der Aufschrift "Herr Spahn, wir müssen reden": Das Plakat begleitete den pflegenden Vater von Hamburg nach Berlin. (Quelle: dpa/Christophe Gateau)Arnold Schnittger hält sein Plakat mit der Aufschrift "Herr Spahn, wir müssen reden": Das Plakat begleitete den pflegenden Vater von Hamburg nach Berlin. (Quelle: Christophe Gateau/dpa)

"Pflegende Angehörige geraten oft in Armut", sagt Schnittger. Eltern, die sich wie er dafür entscheiden einen Angehörigen zu pflegen, können nicht mehr arbeiten. Sie müssen von Arbeitslosengeld leben. "Hartz IV ist Armut, auch wenn Herr Spahn anderer Meinung ist", sagt der Vater. Ihm bleiben für das Leben 416 Euro. Davon muss er noch Wasser und Strom bezahlen. Pro Tag stehen ihm 4,60 Euro zur Verfügung – für Frühstück, Mittag- und Abendessen. "Ein Pflegedienst, der Nico für zwei Stunden am Tag betreuen würde, bekommt 2000 Euro im Monat. Warum bekommen Eltern, die ihr Kind 24 Stunden lang betreuen, nicht auch so viel?", fragt sich der 66-Jährige. Noch 400 Meter trennen Vater und Sohn von dem Ziel.

"Mit vielen Grüßen an Herrn Spahn"

Ob Herr Spahn am Brandenburger Tor wartet? Arnold Schnittger lacht: "Mit Sicherheit nicht". Zuvor hatte der Vater in einem offenen Brief an Herrn Spahn ein Treffen vorgeschlagen. "Wenn ich mich mit Herrn Spahn zu einem Kaffee treffen sollte, würde ich schon sagen, was ich von ihm halte. Ich würde deutlich machen, was es bedeutet einen Menschen zu pflegen." Schnittger kämpft sich durch die Menschenmasse und zeigt zum ersten Mal Aufregung. "Ich bin gespannt, was mich erwartet", sagt er. Nur noch wenige Meter.

Am Brandenburger Tor warten Pressevertreter und die Familie. Nach einem gemeinsamen Foto und mehreren Interviews geht es weiter zum Gesundheitsministerium zu einer Protestaktion der "Volksinitiative Pflegenotstand". Von Herrn Spahn gab es bisher keine Reaktion. Arnold Schnittger gibt sein Plakat beim Gesundheitsministerium ab. "Mit vielen Grüßen an Herrn Spahn", sagt er zum Pförtner. Ob die Karikatur im Büro des Gesundheitsministers landet? Schnittger hofft es. Am heutigen Samstag gibt es erneut ein Treffen mit Unterstützern am Brandenburger Tor. Am Sonntag geht es für Schnittger und seinen Sohn zurück nach Hamburg. Dieses Mal mit dem Auto.

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