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Frau kontert bei Facebook ÔÇô ist die Familientrag├Âdie erfunden?

  • Lars Wienand
Von Lars Wienand

Aktualisiert am 06.08.2019Lesedauer: 3 Min.
Kind vor den Zug gesto├čen? Es gibt keine Belege f├╝r einen auf Facebook geschilderten Vorfall in Frankfurt (Main), der sich vor ziemlich genau 50 Jahren ereignet haben soll.
Kind vor den Zug gesto├čen? Es gibt keine Belege f├╝r einen auf Facebook geschilderten Vorfall in Frankfurt (Main), der sich vor ziemlich genau 50 Jahren ereignet haben soll. (Quelle: ullstein-bild)
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Ein Facebook-Beitrag zu einem Schicksalsschlag vor 50 Jahren bewegte viele Menschen. Jetzt ist die Geschichte ├╝ber ein in Frankfurt vor den Zug gesto├čenes M├Ądchen

Wahrscheinlich wollte die Frau nur Gutes. Wahrscheinlich wollte sie der Hetze etwas entgegensetzen, die nach dem entsetzlichen Verbrechen an einem Achtj├Ąhrigen im Hauptbahnhof Frankfurt (Main) aufgekommen war. Was sie deshalb auf Facebook schrieb, hat viele Menschen bewegt und wurde zehntausendfach geteilt. Es ist eine ber├╝hrende Schilderung des traurigen Schicksals ihrer Familie mit vielen Details.

In dem vielfach geteilten Beitrag schilderte die Frau, dass ihre Mutter auch so eine schreckliche Tat wie die in der vorigen Woche erleben musste. Die Mutter musste demnach vor 50 Jahren als Siebenj├Ąhrige mit ansehen, wie ihre gro├če Schwester von einem deutschen Arbeiter vor einen Zug geschubst wurde und ums Leben kam. So war es in dem Posting zu lesen.

Posting, das schnell Kreise zog: Die Autorin l├Âschte den Text sp├Ąter, Belege f├╝r die Echtheit gibt es nicht.
Posting, das schnell Kreise zog: Die Autorin l├Âschte den Text sp├Ąter, Belege f├╝r die Echtheit gibt es nicht. (Quelle: Screenshot Facebook)

Nur: Die Polizei Frankfurt hat die Jahre 1967 bis 1971 ausgewertet ÔÇô ohne etwas zu finden. Ein Sprecher sagt: "Wenn es da in unserem Bereich etwas gegeben h├Ątte, dann h├Ątten wir es finden m├╝ssen."

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Im Stadtarchiv Frankfurt findet sich f├╝r diesen Zeitraum auch kein Treffer. Diverse Journalisten haben nach Belegen f├╝r den Fall recherchiert und bisher keine gefunden.

Die Vorgeschichte zu dem Posting: Ein Eritreer hat vor einer Woche offenbar als Folge einer Psychose einen Jungen vor einen einfahrenden ICE gesto├čen. In das Entsetzen ├╝ber die Tat mischte sich schnell Emp├Ârung aus den Reihen der AfD. Dort wurde fast schon routinem├Ą├čig die Bundeskanzlerin verantwortlich gemacht f├╝r die Tat des Mannes, der seit 2006 in der Schweiz lebt und dort den gleichen Aufenthaltsstatus bekommen hat wie AfD-Sprecherin Alice Weidel.

"Spart euch eure geheuchelten Facebookposts"

Im weit verbreiteten Unmut ├╝ber diese Instrumentalisierung traf Sandra H. einen Nerv. Sandra H., so nennt t-online.de an dieser Stelle die junge Frau, die am Dienstagmorgen um kurz vor 11 Uhr auf "Posten" geklickt hat. "Seid einfach mal traurig und spart euch eure nutzlosen, geheuchelten Facebookposts", schrieb sie. Wer ein Deutschland wie fr├╝her wolle, der solle einfach Anstand zeigen. Und in diesem Deutschland von fr├╝her, da habe es solche Taten auch gegeben.

Daf├╝r finden sich erwartungsgem├Ą├č etliche Beispiele. Keines ist aber so eindringlich wie das, das Sandra H. schilderte: eine Tat ebenfalls in Frankfurt, das Opfer fast gleichaltrig wie der jetzt get├Âtete Junge, der T├Ąter ein 43-j├Ąhriger Deutscher, sogar seinen Arbeitgeber kannte sie, die Farbwerke Hoechst.

Und die Mutter des Opfers, ihre Oma, habe nach dem Vorfall vor "ziemlich genau 50 Jahren" bis zu ihrem Tod Schuldgef├╝hle gehabt, obwohl sie doch nichts daf├╝r konnte. Sandra H. schrieb von den Erinnerungen, die fein s├Ąuberlich aufgehoben in einem Karton geblieben seien: Todesanzeige, Zeitungsartikel, das letzte vor dem Tod gemalte Bild der Neunj├Ąhrigen. In Kommentaren schrieben Menschen, das habe sie zu Tr├Ąnen ger├╝hrt.

Nach L├Âschung kursieren Screenshots weiter

Und es gab viele Nutzer, die das Posting oder Screenshots davon teilten. Wegen dieser Screenshots lebt die Geschichte im Netz weiter. Denn als der Beitrag immer mehr Wellen schlug und Nachfragen aufkamen, l├Âschte Sandra H. ihn am Mittwoch kommentarlos. Dazu wechselte sie ihr Profilfoto. Einige Erkl├Ąrungen, die es von Bekannten in Kommentaren dazu gab, sind ebenso verschwunden. Wieso?

t-online.de hat sie am Freitag ├╝ber WhatsApp und Nachrichten auf dem Anrufbeantworter um R├╝ckruf gebeten. Keine Reaktion. Auf eine E-Mail mit der Bitte um R├╝ckmeldung bis Montag, 16 Uhr, schrieb Sandra H.: Sie habe keinerlei Interesse an Berichterstattung. Sie sei eine "Privatperson, die seit Tagen von Medienvertretern bel├Ąstigt wird und keinerlei Interviews oder Statements gibt".

Wenn m├Âgliche Falschnachrichten viele Menschen erreichen, ist es Aufgabe des Journalismus, das aufzukl├Ąren. Nach ihrem Posting r├Ątselt eine gro├če ├ľffentlichkeit, ob die Geschichte stimmt.


t-online.de lie├č sie wissen, dass ohne ihre Stellungnahme ein Text erscheinen werde, der nur auf die Ungereimtheiten eingehen werde, und bat um Erkl├Ąrungen. Darauf erkl├Ąrte sie, sie sei "auch mit Drohung und Erpressung" nicht zu einem Statement zu verleiten. Wenn man berichte, werde der "Presserat im Ernstfall sicher ├╝ber emotionale Erpressung" zu befinden wissen. Sandra H. sieht sich als Opfer von diversen Anfragen von Medien und Privatpersonen, die ein Anrecht auf ihre Familiengeschichte erheben w├╝rden.

Sollten Sie Hinweise zu einem solchen Vorfall vor 50 Jahren haben, freuen wir uns ├╝ber eine Nachricht.

Anm. d. Red.: In einer fr├╝heren Fassung hatten wir geschrieben, die Neunj├Ąhrige habe den Tod der Siebenj├Ąhrigen mit ansehen m├╝ssen. Das wurde im Original-Posting umgekehrt geschildert und ist nun im Text korrigiert worden.

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