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Tag der Befreiung, 8. Mai: Ein zentraler Erinnerungsort für alle | Meinung

MEINUNGTag der Befreiung  

Das Gedenken an die Opfer des Naziterrors darf uns nicht spalten!

Ein Gastbeitrag von Michael Roth (SPD)

06.05.2021, 14:52 Uhr
Tag der Befreiung, 8. Mai: Ein zentraler Erinnerungsort für alle | Meinung. Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin: Europa-Staatsminister Michael Roth fordert einen zentralen Erinnerungsort. (Quelle: imago images/C. Hardt/Future Image)

Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin: Europa-Staatsminister Michael Roth fordert einen zentralen Erinnerungsort. (Quelle: C. Hardt/Future Image/imago images)

Bislang ist das Gedenken an die Opfer des Naziterrors oft zersplittert: An mehreren Orten wird an verschiedene Opfergruppen erinnert. Dabei bräuchte es dringend einen zentralen Erinnerungsort für alle, meint Europa-Staatsminister Michael Roth (SPD) im Gastbeitrag. 

Kennen Sie den? Kommt ein Jude in den Himmel und bekommt von Petrus eine Führung. Vor einer hohen Mauer bleibt Petrus stehen und bedeutet dem Juden, leise zu sein. "Warum?", fragt der. Petrus antwortet: "Dahinter sind die Christen, die glauben, sie seien alleine hier!"

Zugegeben, wie die meisten Witze klischeehaft, aber ich komme darauf zurück.

Praktisch in den Zeiten des Kalten Krieges war, dass man sich so schön behaglich in seinen geschichtlichen Narrativen und Feindbildern einrichten konnte. Die Nachkriegszeit mit ihrer Blockbildung machte die Unterscheidung in Gut und Böse verlockend einfach. Während sich die DDR-Führung historisch im antifaschistischen Widerstand an der Seite der Sowjetunion sah, galt vielen im Westen eben jene östliche Supermacht als größte Bedrohung der freiheitlichen Weltordnung.

Blockbildung wirkt in Erinnerungskultur nach

Bis heute wirkt diese unterschiedliche Betrachtungsweise unseres großen Nachbarn im Osten nach, auch im Umgang mit dem Gedenken an die Gräueltaten und dem zigmillionenfachen Mord auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion: Etwa 27 Millionen Sowjetbürgerinnen und Sowjetbürger, darunter 15 Millionen Zivilistinnen und Zivilisten, ermordet von der Tötungsmaschinerie Nazideutschlands!

In der ehemaligen DDR waren das Leid und die Opfer des "großen Bruders" allgegenwärtig, wenn auch auf eine propagandistisch verzerrte Weise. Im Westen Deutschlands tat man sich noch bis weit in die 1980er-Jahre schwer damit, den 8. Mai als Tag der Befreiung anzuerkennen und das Gemetzel in deutschem Namen als das zu benennen, was es war: ein Vernichtungsfeldzug ungekannten Ausmaßes.

Mit dem Denkmal für die ermordeten Juden Europas, der Errichtung der Denkmäler für die ermordeten Sinti und Roma Europas und die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen sowie des Gedenkorts für die Opfer der NS-"Euthanasie"-Morde hat das vereinigte Deutschland Orte der Erinnerung geschaffen, deren Notwendigkeit heute mit Blick auf wachsenden Nationalismus und Demokratieverachtung offensichtlicher und dringlicher denn je ist. Und nach dem Beschluss des Deutschen Bundestages im vergangenen Jahr hat die Planung eines Ortes der Erinnerung und der Begegnung mit Polen, der die wechselvolle Nachbarschaft beider Länder veranschaulicht, Fahrt aufgenommen.

Gedenkort für Opfer in der Sowjetunion fehlt

Einen Gedenkort für die Opfer des Nationalsozialismus auf dem Boden der Sowjetunion sucht man im Berliner Zentrum jedoch vergeblich, gleichwohl in Treptow, Tiergarten und Schönholz der gefallenen sowjetischen Soldatinnen und Soldaten gedacht wird.

Mit dem Zerfall der Sowjetunion endete 1991 auch das knapp 70 Jahre währende Konstrukt eines zentralistisch beherrschten multiethnischen Einparteienstaats, das letztendlich immer fragil blieb. Bis heute wird die Sowjetunion häufig mit seiner größten Teilrepublik Russland gleichgesetzt. Und die Region kommt nicht zur Ruhe. Die in der Folge ausgebrochenen Konflikte und Kriege etwa in Georgien oder in der Ukraine mit dem großen Nachbarn Russland prägen unsere Beziehungen nach Osteuropa nachhaltig.

Europa-Staatsminister Michael Roth (SPD) im Bundestag  (Quelle: imago images/Political-Moments)Europa-Staatsminister Michael Roth (SPD) im Bundestag (Quelle: Political-Moments/imago images)

Der SPD-Politiker Michael Roth ist seit 2013 Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt. Er gehört dem Bundestag seit 1998 für die SPD an. 

Im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus schlägt sich auch das nieder. Präsident Wladimir Putin strebt danach, allein Russland erinnerungspolitisch an die Stelle der Sowjetunion treten zu lassen und das Gedenken zu monopolisieren. Dabei haben die Kriegsgräuel zwar auch auf russischem Boden stattgefunden, es sei an die Leningrader Hungerblockade erinnert.

Die Ukraine und Belarus waren über drei Jahre bestialischer Schauplatz von Besatzung, Ausbeutung und Massenmord. Auch heute noch sind hierzulande viele Orte der Verbrechen nahezu unbeachtet. 2018 durfte ich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zur Gedenkstätte Malyj Trostenez bei Minsk begleiten. Dort helfen wir, den Gedenkort zu erhalten und vor allem der jüngeren Generation zugänglich zu machen.

Keine Spaltung des Gedenkens

Beim Gedenken an die Opfer dürfen wir keine neuen Spaltungen entstehen lassen. Es gilt, bestehende Differenzen mit Blick auf gemeinsam erlittenes Leid und Unrecht zu überwinden. Diese kollektiven Erfahrungen mit nationalsozialistischer Terrorherrschaft, Holocaust und Zweitem Weltkrieg, sollte Staaten wie Russland, Polen, die Ukraine, Belarus, die Niederlande, Griechenland oder andere Länder zusammenführen.

Sie haben alle massiv gelitten. Sie trugen alle und gemeinsam zur Befreiung Europas vom Naziterror bei. Dafür müssen wir das Verbindende betonen und nicht das Trennende. Das verstehe ich unter einer europäischen Erinnerungskultur, die sich dem Trend der Abschottung und dem Rückzug ins nationale Gedenken verwehrt. Deshalb fördert das Auswärtige Amt beispielsweise das Projekt "Peace Line", in dem Jugendliche aus ganz Europa gemeinsam europäische Erinnerungsorte bereisen. Dies ermöglicht ihnen, ein Bewusstsein für unterschiedliche Sichtweisen auf geschichtliche Ereignisse zu entwickeln.

Der Deutsche Bundestag hat die Bundesregierung vergangenen Herbst aufgefordert, einen Ort der Erinnerung und der Begegnung mit Polen zu errichten. In einem weiteren bemerkenswerten Antrag, dem eine Initiative der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas vorausging, wird die Einrichtung einer Dokumentations-, Bildungs- und Erinnerungsstätte gefordert, die sich allen Opfern der deutschen Besatzungsherrschaft in Europa 1939 bis 1945 zuwendet. So lassen sich Gemeinsamkeiten, aber eben auch Unterschiede von furchtbaren Gewalterfahrungen verdeutlichen.

Ein solcher Ort ist überfällig. Wir brauchen endlich ein gemeinsames Gedenken an alle Opfer und eine Würdigung des Leids aller betroffenen Länder. Wenn es uns nicht gelingt, einen wirklich verbindenden, europäischen Zugang zu finden, dann geht es uns ein bisschen wie beim zitierten Witz: Wir müssen Mauern hochziehen und den anderen ausblenden, um die Illusion von Exklusivität aufrechtzuerhalten. Das klappt aber nicht. Denn Gedenken funktioniert nur, wenn es auch geteilt und gemeinsam empfunden werden kann. Es wird höchste Zeit.

Die in Gastbeiträgen geäußerten Ansichten geben die Meinung der Autoren wieder und entsprechen nicht notwendigerweise denen der t-online-Redaktion.

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