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Stefan Effenberg über Adeyemi: Für ihn werden die Bayern-Fans ins Stadion kommen

MEINUNGMegatalent Adeyemi  

Für ihn werden die Bayern-Fans ins Stadion kommen

Eine Kolumne von Stefan Effenberg

13.10.2021, 18:40 Uhr
Stefan Effenberg über Adeyemi: Für ihn werden die Bayern-Fans ins Stadion kommen. Zwei der drei Megatalente beim DFB: Florian Wirtz (l.) und Karim Adeyemi, die beide beim 4:0 gegen Nordmazedonien eingewechselt wurden. (Quelle: imago images)

Zwei der drei Megatalente beim DFB: Florian Wirtz (l.) und Karim Adeyemi, die beide beim 4:0 gegen Nordmazedonien eingewechselt wurden. (Quelle: imago images)

Die wichtigsten Themen rund um die Nationalelf. Trainer Flick muss sich Boateng warmhalten, Warnung an Wirtz und Adeyemi, Spieler dürfen sich Uefa-Pläne nicht gefallen lassen.

Die Nationalmannschaft hat sich als erster Teilnehmer für die WM 2022 qualifiziert – ich möchte ihr dazu in aller Form gratulieren. Man hat ihr angemerkt, dass unter dem neuen Trainer Hansi Flick mehr Feuer drin ist. Sie hat durchaus Begeisterung entfacht und die Partien nicht nur runtergespielt.

Rund um die Nationalelf gibt es nach fünf Spielen unter Flick fünf wichtige Themen. Hier ist meine Meinung dazu.

1. Hummels muss sich entscheiden, Flick darf Boateng nicht fallenlassen

Für mich gibt es insbesondere vier Gewinner und zwei Verlierer nach dem Flick-Start. Der erste Gewinner: Joshua Kimmich, der seine Position im defensiven Mittelfeld zementiert hat und sicher kein Kandidat mehr für einen Aushilfsjob rechts hinten ist. Der zweite und dritte: Niklas Süle und Antonio Rüdiger, die sich in der Innenverteidigung festgespielt haben und wohl auch in den nächsten Monaten das Duo im Zentrum bilden werden – auch wenn Rüdiger gestern Abend beim 4:0 gegen Nordmazedonien gesperrt gefehlt hat. Mats Hummels bleibt zunächst nur die Rolle als Backup. Er wird eine Entscheidung für sich treffen müssen, ob er sich damit anfreunden kann und in den Dienst der Mannschaft stellt. Oder ob er Konsequenzen zieht und aus der Nationalmannschaft zurücktritt.

Der vierte Gewinner: Timo Werner, der zuletzt große Schwierigkeiten hatte, seinen Rhythmus zu finden. Flick weiß aber, was er an ihm hat – und hat entsprechend zu ihm gehalten. Der Lohn: Zwei Werner-Tore gegen Nordmazedonien. Wichtig ist nun allerdings, dass sich die Situation für Werner auch im Verein ändert. Wenn er bei Chelsea weiterhin nur sporadisch zum Einsatz kommt, muss er wohl spätestens im nächsten Frühjahr über einen Wechsel nachdenken. Er braucht Spielpraxis und seinen Rhythmus, nur dann kann er dauerhaft der Nationalmannschaft helfen.

Vier Gewinnern stehen zwei Verlierer gegenüber. Der erste ist Jerome Boateng. Der hatte sicher die Hoffnung, unter Flick noch eine Chance zu bekommen – ist aber nun außen vor. Anstelle von Flick würde ich trotzdem auf keinen Fall die Chance wegwerfen, ihn noch mal zurückzuholen. Den Fehler darf er nicht machen. Denn für Boateng gilt das Gleiche wie für Hummels: Es kann immer schnell gehen und sich jemand vor dem Turnier verletzen. Flick kann jederzeit auf Hummels setzen – und genauso auf Boateng, den er schon aus gemeinsamen Tagen beim FC Bayern sehr gut kennt.

Der zweite Verlierer: Ilkay Gündogan, der sehr klar hinter Kimmich und Leon Goretzka im defensiven Mittelfeld zurückgefallen ist.

2. Wirtz und Adeyemi dürfen auf keinen Fall wechseln

Florian Wirtz, Jamal Musiala und Karim Adeyemi sind gleich drei junge Spieler mit einem Megapotenzial. Alle drei wurden gegen Nordmazedonien eingewechselt und gehören zum Stammkader der Nationalmannschaft. Musiala hat sogar noch das vierte Tor erzielt gestern Abend.

Alle drei werden wohl auch bei der WM 2022 eher von der Bank kommen. Aber: Sie sollten dieses Turnier als Ziel ins Auge fassen und darauf hinarbeiten. Das funktioniert in meinen Augen allerdings nur, wenn sie bei ihren aktuellen Vereinen bleiben. Wirtz wird gerade mit allen möglichen Topklubs in Verbindung gebracht, Adeyemi derzeit unter anderem mit Dortmund, Bayern und Leipzig. Lediglich bei Musiala ist klar, dass er bereits für einen europäischen Spitzenklub spielt und wohl auch dort bleiben wird.

Ich möchte Wirtz und Adeyemi davor warnen, im Sommer zu einem neuen Klub zu gehen.

Sie müssen kapieren, dass es an diesem Punkt in ihrer Karriere nicht um ein möglichst hohes Gehalt oder einen großen Verein als Arbeitgeber geht. Es geht einzig und allein darum, dass sie das Vertrauen haben und sich in aller Ruhe entwickeln können. Dass sie in einer schwächeren Phase, die zwangsläufig kommen wird, nicht fallengelassen werden. Es sind so viele Karrieren kaputtgegangen, weil junge Spieler zu früh zu hoch hinaus wollten. Weil sie nicht richtig geführt wurden, sondern Berater ihnen mit Angeboten den Kopf verdreht haben. Mit Alexander Nübel gibt es da übrigens ein aktuelles Beispiel eines hoch talentierten Torwarts, der viel zu früh zum FC Bayern gewechselt ist.

Das betrifft nicht nur Wirtz und Adeyemi, es sollten alle Toptalente zuhören, wenn ich sage: Bleibt lieber ein Jahr länger als kürzer bei eurem Verein, bei dem man euch vertraut! 

Noch ein Beispiel, warum das so ist: Kai Havertz hatte nach seinem ersten überragenden Jahr in Leverkusen im zweiten eine schwache Halbserie. Weil er aber in Leverkusen das uneingeschränkte Vertrauen besaß, konnte er sich wieder aus dem Loch herausarbeiten – und eine starke Rückserie anschließen.

Es wäre fatal, wenn Wirtz und Adeyemi zu einem Klub wechseln, bei dem sie dann keine Rolle spielen und womöglich die WM 2022 verpassen. Das gilt es unbedingt zu vermeiden, damit diese riesigen Talente es irgendwann in die Weltspitze schaffen – und sicher auch zu einem absoluten Topklub.

Denn natürlich wollen und werden sie dort am Ende landen.

Florian Wirtz ist vielleicht sogar noch das größte der drei Talente, das in der Bundesliga auch noch eine unfassbare Quote hat. Der 18-Jährige ist  im Schnitt alle 30 Minuten an einem Tor beteiligt, das ist gigantisch und der beste Wert. Noch vor den Topstürmern von Bayern und Dortmund, Robert Lewandowski und Erling Haaland.

Oder Karim Adeyemi, der in 16 Saisonspielen für RB Salzburg schon elf Tore erzielt hat, davon zwei in zwei Champions League-Spielen. Er hat bei seinem Wechsel nach Salzburg betont, dass ihm die Nähe zu seiner Heimat wichtig ist. Deshalb kann ich mir sehr gut vorstellen, dass er letztlich wieder beim FC Bayern landet.

Derzeit gibt es Gerüchte, ob Bayern Adeyemi womöglich schon im Winter verpflichtet und dann noch ein halbes Jahr zurück an Salzburg ausleiht. Ich halte einen Wechsel im Sommer wie gesagt für gefährlich – kann mir aber sehr wohl vorstellen, dass Bayern ihn kauft und dann für eineinhalb Jahre an Salzburg verleiht bis 2023. Bis nach der WM sollte Adeyemi auf jeden Fall in Österreich bleiben. Grundsätzlich ist das aber natürlich ein Spieler, für den die Fans ins Stadion kommen – gerade beim FC Bayern und in dem Wissen, dass er Münchner ist.

3. Deutschland hat natürlich eine Titelchance bei der WM

Erinnern Sie sich noch an die Nationen, die bei der Europameisterschaft 2021 schon im Achtelfinale gescheitert sind? Es waren unter anderem Frankreich als amtierender Weltmeister, Portugal als amtierender Europameister, dazu die Mitfavoriten Deutschland, Niederlande und Kroatien. Stattdessen sind Überraschungsteams wie Dänemark weit gekommen. Das zeigt: Natürlich kann die deutsche Nationalmannschaft in Katar den Titel holen.

Kapitän Manuel Neuer hat bereits gesagt: "Es geht für uns darum, uns so vorzubereiten, dass wir um den Titel mitspielen können. Wir wollen Weltmeister werden." Genau so muss Deutschland in ein Turnier gehen. Alles andere ist nicht zu vermitteln. Zumal es doch darum geht, eine Euphorie zu entfachen und die Fans mitzunehmen.

4. Die Nations League ist gescheitert

Während Frankreich und Spanien am vergangenen Sonntag den Sieger der Nations League im Finale ausspielt haben, hat Deutschland mal wieder zugeschaut. Zumindest die Nationalmannschaft. In der Bevölkerung war das Interesse offensichtlich sehr überschaubar. Nur 3,25 Millionen Zuschauer haben für das Finale eingeschaltet. Das war ein Marktanteil von 11,8 Prozent, der ungefähr der Hälfte des sonst ausgestrahlten "Tatort" entspricht.

Das liegt sicher nicht nur daran, dass Deutschland nicht mehr dabei war. Der Wettbewerb hat sich meines Erachtens bis heute nicht durchgesetzt.

Belgiens Torhüter Thibaut Courtois schimpfte nach dem aus seiner Sicht vollkommen unnötigen Spiel um Platz drei über die Uefa: "Es ist immer das Gleiche. Sie regen sich darüber auf, dass die Klubs eine Super League gründen wollen, aber die Spieler sind ihnen egal. Sie interessieren sich nur für ihre Taschen, ihr Geld."

Und weiter: "Man hört davon, dass es jedes Jahr eine EM oder WM geben soll. Aber wann werden wir mal eine Pause haben? Nie! Wir sind keine Roboter. Wir werden uns verletzen. Niemand kümmert sich mehr um die Spieler."

Ich kann Courtois komplett verstehen und sage: Die Uefa muss die Konsequenzen ziehen und die Nations League wieder abschaffen. Ich erinnere mich an eine ähnliche schwachsinnige Neuerung in der Champions League, als es 2000/2001 nach der Vorrunde noch eine Zwischenrunde mit vier Gruppen á vier Klubs gab.

Auch wenn wir in dem Jahr die Champions League gewonnen haben, haben alle erkannt, dass es sich bei der Reform um einen bescheuerten Modus handelt. Die Uefa hat ihn entsprechend gleich wieder aufgegeben.

Es muss einfach Schluss sein mit immer neuen Wettbewerben und einer höheren Taktung. Ich würde mir wünschen, dass die Spieler auf die Barrikaden gehen und sich solchen Plänen entgegenstellen. Die Spieler müssen aufstehen, vielleicht müssen sich die Kapitäne dafür zusammenschließen. Dann können sie auch etwas bewegen. Zumal die Uefa und Fifa nicht vergessen dürfen, wer die Spieler bezahlt: Die Klubs, die die Spieler dann freundlicherweise für die Nationalmannschaften abstellen.

5. Katar taugt nicht als Schreckgespenst

Die Austragung der WM in Katar ist für viele noch immer ein Graus, sogar über einen Boykott wird immer wieder diskutiert aufgrund der Missstände in Bezug auf Menschenrechte und Arbeitsbedingungen. Ich halte das für Quatsch.

Zum einen hat selbst Amnesty International davon abgeraten und gesagt: "Amnesty setzt auf Aufdeckung und Sichtbarmachung der Missstände und den Dialog mit allen Beteiligten. Katar hat sich durchaus gesprächsbereit gezeigt und Reformen angestoßen. Es gibt Fortschritte, und mit einem Boykott würden diese um Jahre zurückgeworfen werden."

Ich denke, dass alle, die einen Boykott fordern oder schlecht über die Katari reden, selbst noch nie dort waren. Ich habe von 2003 bis 2004 ein Jahr dort Fußball gespielt in einer Zeit, in der mit Fernando Hierro, Pep Guardiola, Gabriel Batistuta und Mario Basler weitere Topspieler da waren. Natürlich ist das lange her, dennoch kann ich nur Gutes berichten von der Herzlichkeit, Gastfreundschaft und Fußballbegeisterung der Katari.

Natürlich muss es weitere Verbesserungen geben – dennoch ist mir die Berichterstattung oft zu einseitig.

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