Interview
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Der Gespr├Ąchspartner muss auf jede unserer Fragen antworten. Anschlie├čend bekommt er seine Antworten vorgelegt und kann sie autorisieren.

Boris Becker: Neid und Missgunst sind in Deutschland ein Problem

  • Noah Platschko
Von Noah Platschko

Aktualisiert am 31.08.2020Lesedauer: 6 Min.
Boris Becker: Der einstige deutsche Tennisstar lebt heute in England.
Boris Becker: Der einstige deutsche Tennisstar lebt heute in England. (Quelle: imago-images-bilder)
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Boris Becker ist Tennis und Tennis ist Boris Becker. Vor dem Start der US Open in New York spricht die Ikone des gelben Balles ├╝ber die lange Corona-Pause, Zverevs Formkrise und Sporthelden in Deutschland.

Wohl kaum einen anderen Mann verbindet man in Deutschland so sehr mit Tennis wie Boris Becker. 1985 triumphierte er als 17-J├Ąhriger in Wimbledon, gewann das Turnier insgesamt dreimal. Becker und Steffi Graf, die in London sogar siebenmal siegte, pr├Ągten eine Epoche des Tennissports ÔÇô und l├Âsten in Deutschland einen Boom aus.


Bester Deutscher Sportler: So stimmten die t-online-Leser ab

Platz 20: Fabian Hamb├╝chen (Turnen), 87 Stimmen.
Platz 19: Gustav Adolf "T├Ąve" Schur (Radsport), 100 Stimmen.
+19

Doch diese Zeiten sind l├Ąngst Geschichte. Die Zeit der nationalen Tennishelden der Kategorie Graf/Becker, sie sind vor├╝ber. Das sieht auch Becker selbst so, der ab kommender Woche wieder f├╝r Eurosport vor der Kamera stehen und die Spiele der Athleten und Athletinnen analysieren wird.

Vorab hat sich t-online.de mit ihm zum Interview verabredet. Zu einem Gespr├Ąch ├╝ber Neid und Missgunst, nationale Helden und die Liebe zum Tennis:

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Ein Sch├╝tzenpanzer Marder 1A5 der Bundeswehr (Symbolbild): Er wird von der Rheinmetall Landsysteme hergestellt.


Die US Open stehen vor der T├╝r, angesichts der Corona-Pandemie unter besonderen Voraussetzungen. Herr Becker, welche Wertigkeit hat das zweite Grand-Slam des Jahres?

Die Wertigkeit ist sehr gro├č, denn der Tennissport ist gr├Â├čer als jeder einzelne Spieler. Dass wieder gespielt wird, ist die wichtigste Botschaft.ÔÇ»

Mit Rafael Nadal und Bianca Andreescu haben allerdings die beiden Titelverteidiger abgesagt.ÔÇ»

Wer spielt, steht nicht an erster Stelle. Bei den Damen ist das Teilnehmerfeld insgesamt etwas entt├Ąuschend, bei den Herren spielen alle Guten mit. Dem Sieger von 2020 wird am Ende egal sein, ob er vor Zuschauern oder ohne gewonnen hat. Da wird in f├╝nf Jahren auch kein Hahn mehr danach kr├Ąhen.ÔÇ»Sich in Best-of-Five-Duellen durchzusetzen und das Turnier zu gewinnen, bleibt eine herausragende Leistung.

Im Fu├čball, beispielsweise j├╝ngst in der Champions League, kam es aufgrund der Corona-Pandemie zu ├änderungen im Turniermodus.ÔÇ»

Genau, aber das schm├Ąlert nicht die Leistung der Athleten. Die beste Mannschaft hat sich am Ende durchgesetzt. Egal, ob in einem oder in zwei Spielen, egal ob vor oder ohne Fans. Dem Tennisspieler ergeht es ├Ąhnlich. Du musst besser sein als der andere. Der Zuschauer hat noch kein Match gewonnen.ÔÇ»

Alex Zverev gab j├╝ngst sein Comeback, f├╝r Angelique Kerber ist es die Feuertaufe beim Comeback mit ihrem neuen alten Trainer Torben Beltz. Was trauen Sie den besten deutschen Akteuren bei den US Open zu?

Erst einmal bin ich sehr froh, dass beide spielen. Alexander Zverev sah vergangene Woche trotz der Niederlage gegen Andy Murray fit aus, auch wenn er seine Probleme hatte. Aller Anfang ist schwer, das gilt aber nicht nur f├╝r Zverev, sondern f├╝r alle.ÔÇ»


Bei Angie Kerber freut es mich sehr, dass sie wieder mit Torben zusammenarbeitet. Die beiden hatten gemeinsam die gr├Â├čten Erfolge, warum soll das nicht auch in der Zukunft funktionieren? Ich hoffe, dass unsere beiden Besten die zweite Woche erreichen.ÔÇ»

Boris Becker (l.) ehrt Angelique Kerber: Die ehemalige Weltranglistenerste wurde 2018 in Baden Baden zur Sportlerin des Jahres gek├╝rt.
Boris Becker (l.) ehrt Angelique Kerber: Die ehemalige Weltranglistenerste wurde 2018 in Baden Baden zur Sportlerin des Jahres gek├╝rt. (Quelle: Pressefoto Baumann/imago-images-bilder)

Die Tenniswelt kommt nach einem guten halben Jahr Pause wieder so langsam ins Rollen. Profis wie Zverev oder auch Ihr ehemaliger Sch├╝tzling Novak Djokovic machten dabei nicht die beste Figur, beispielsweise bei der Adria Tour. Warum haben Sie Zverev nach seinen Fehltritten verteidigt?

Erst einmal fand ich es toll, dass Novak f├╝r seine Mitspieler eine Turnierserie in Serbien organisiert hat, zumal die Einnahmen f├╝r den guten Zweck waren. Serbien geht es deutlich schlechter als uns, insofern: Wenn der Lieblingssohn des Landes so etwas organisiert, ist das ehrenhaft.ÔÇ» Zudem galten dort andere Corona-Regeln als bei uns. Was danach kam, die Party oben ohne, das h├Ątten sie alles nat├╝rlich nicht machen sollen. In einer Zeit, in der die ganze Welt gef├╝hlt im Lockdown steckt. Novak und andere Akteure haben sich selbst mit dem Virus infiziert und damit die gr├Â├čte Strafe daf├╝r bezahlt. Der Ursprung dieser Serie ist aber positiv zu bewerten.

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Ich habe das Turnier gerne geschaut und mich gefreut, wieder Tennis zu sehen, auch wenn das Ende sehr ungl├╝cklich war. Und um zu Ihrer urspr├╝nglichen Frage zur├╝ckzukommen: Dass ich deutsche Spieler verteidige, wenn ausl├Ąndische Mitspieler sie angreifen, davon k├Ânnen Sie ausgehen.ÔÇ»

"Ich habe einen Riesenfehler gemacht" sagte Zverev nach zwei Monaten des Schweigens vergangene Woche nach seinem Aus bei den Cincinnati Masters in New York. War er schlecht beraten, sich so lange nicht zu ├Ąu├čern?ÔÇ»

Das wei├č ich nicht, ich habe ihn lange nicht gesehen. Jetzt, kurz vor den US Open, steht er eben vor der Weltpresse. Er musste irgendwann Rede und Antwort stehen. Es ist gut, dass er einsieht, sich nicht optimal verhalten zu haben. Aber: Auf der Tour zu spielen war kein Fehler. Sich auf einer Players-Party so vor Kameras zu zeigen, das war ganz sicher ein Fehler und darum war die Kritik auch berechtigt. Aber Sascha ist 23 Jahre jung und wird noch ein paar Fehler machen.ÔÇ»

Zverev sagte nach seiner j├╝ngsten Niederlage ├╝ber seine Beziehung zu den Fans: "2018, als ich gewonnen habe, da war die Beziehung sensationell. Wenn ich am Verlieren bin, ist die Beziehung leider nicht so toll. Das ist in Deutschland leider so, auch im Fu├čball."

Sascha (Alexander Zverev, Anm. d. Red.) hat eine gro├če Fangemeinschaft, nicht nur in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt, weil er eben schon seit drei Jahren zur Weltspitze geh├Ârt und gro├če Turniere gewonnen hat. Ich will dem Fan nicht zu nahetreten, denn es ist doch v├Âllig normal, dass dieser bei Niederlagen seines Idols entt├Ąuscht ist.

Zadar, Kroatien am 16. Juni 2020: Novak Djokovic und Alexander "Sascha" Zverev (l.) beim "Kids-Day" im Rahmen der von Djokovic ins Leben gerufenen Adria-Tour. Novak Djokovic infizierte sich im Rahmen der Tour mit dem Coronavirus.
Zadar, Kroatien am 16. Juni 2020: Novak Djokovic und Alexander "Sascha" Zverev (l.) beim "Kids-Day" im Rahmen der von Djokovic ins Leben gerufenen Adria-Tour. Novak Djokovic infizierte sich im Rahmen der Tour mit dem Coronavirus. (Quelle: Pixsell/imago-images-bilder)
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Er hat seit einem Jahr, das Halbfinale der Australien Open ausgenommen, so eine kleine Flaute. Das gef├Ąllt ihm selbst am wenigsten. Er merkt die Kritik an ihm und seiner Leistung und das gef├Ąllt ihm nicht. Aber Sascha selbst kann es ├Ąndern.ÔÇ»

Haben wir in Deutschland verst├Ąrkt den Hang dazu, einheimische Stars zu kritisieren?ÔÇ»

Ich glaube nicht, dass das ein deutsches Ph├Ąnomen ist, das gibt es auch in anderen L├Ąndern. Wenn sie jetzt Neid und Missgunst ansprechen: Das ist in Deutschland sicherlich st├Ąrker vorhanden als in Italien, den USA oder einem anderen Land. ÔÇ»

Wenn man an gro├če deutsche Sportler denkt, fallen einem vor allem Namen von fr├╝her ein: Michael Schumacher, Steffi Graf, Dirk Nowitzki oder auch Sie. Warum ist das so?

Das ist schwierig zu sagen. Sie haben einige erw├Ąhnt, ich w├╝rde da auch noch Franz Beckenbauer erg├Ąnzen, der in der ganzen Welt f├╝r erfolgreichen Fu├čball steht. Es gibt etliche deutsche Fu├čballer, die im Ausland einen enorm hohen Stellenwert haben, wie Lothar Matth├Ąus, J├╝rgen Klinsmann oder Rudi V├Âller. Sie werden in Deutschland sehr kritisch gesehen, sodass man oft vergisst, wie popul├Ąr sie eigentlich andernorts sind.


In Deutschland sehen wir unsere Helden einfach sehr einspurig. Sie werden nach der letzten Schlagzeile bewertet. In anderen L├Ąndern ist das egal, dort liegt der Fokus mehr auf der Lebensleistung. Wenn die positiv war, dann bleibt diese in Erinnerung.

Der Tennissport l├Ąuft nach der ├ära Graf/Becker in Deutschland eher unter dem Radar.

Aber Tennis ist zum Gl├╝ck ein globaler Sport, der international boomt. Das liegt unter anderem an Roger Federer, Serena Williams oder Rafael Nadal. Das sind Weltstars. International sind die Quoten so gut wie lange nicht mehr.

In Deutschland ist das nicht so.

Genau, darum m├╝ssen wir das als deutsches Ph├Ąnomen sehen und anpacken. Man muss ehrlich sein: Im Tennis fehlen uns die nationalen Helden. Wir w├╝rden wieder mehr Fans haben, wenn Struff oder Zverev die US Open gewinnen w├╝rden. Schauen Sie nur zum Fu├čball. Der Sport ist deswegen in Deutschland so erfolgreich, weil die Bayern gewinnen. Man identifiziert sich gerne mit Gewinnern. So wie sie in der Champions League auf internationaler B├╝hne aufgetreten sind, das war sensationell. So wird man automatisch zum Fu├čballfan.ÔÇ»

Boris Becker: Der bekennende Bayern- und Chelsea-Fan besuchte das Achtelfinal-Hinspiel beider Mannschaften Ende Februar in London.
Boris Becker: Der bekennende Bayern- und Chelsea-Fan besuchte das Achtelfinal-Hinspiel beider Mannschaften Ende Februar in London. (Quelle: Eibner/imago-images-bilder)

Sie selbst haben sich immer durch absoluten Siegeswillen auf dem Platz ausgezeichnet und auch Ihre Gesundheit geopfert. Gibt es einen deutschen Sportler, in dem Sie sich oder Teile von sich wiedererkennen?

Ich will gar nicht so viel ├╝ber mich reden. Das habe ich oft genug getan. Meine Spielweise war sehr k├Ârperlich. Einen aktuellen Spieler rauszupicken, der mir ├Ąhnelte, ist schwierig. Ich war weder ein gro├čer Grundlinienspieler noch der filigrane Techniker, sondern kam mehr ├╝ber die Power und den Kampf zum Spiel.ÔÇ»

Tennis ist Ihre gro├če Passion, Sie arbeiten als Trainer, Experte, Head of MenÔÇÖs Tennis beim DTB. Haben Sie schon mal ├╝berlegt, sich komplett zur├╝ckzuziehen, weil Sie auf den ganzen "Zirkus" keine Lust mehr haben?

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Jeder kann erkennen, dass ich Tennis liebe. Und es ist offensichtlich, dass ich diesen Sport immer lieben werde. Ich bin froh, dass ich in verschiedenen Bereichen t├Ątig bin und nach wie vor nah am Geschehen dabei sein kann. Ob das den Fans im Stadion, den Spielern oder den Zuschauern vor dem Fernseher gef├Ąllt, das wei├č ich nicht. Aber mir macht es gro├čen Spa├č. Und ich habe vor, meine Arbeit in den verschiedenen Bereichen noch sehr lange weiter auszu├╝ben.ÔÇ»

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