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Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger: Die gefallenen Engel der SdK


Insider-Affäre: Gefallene Schutzengel

29.02.2012, 10:01 Uhr | Spiegel Online, Spiegel Online

Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger: Die gefallenen Engel der SdK. Ermittlungen: Ex-SdK-Vizechef Markus Straub mit Anwältin (Quelle: dapd)

Ermittlungen: Ex-SdK-Vizechef Markus Straub mit Anwältin (Quelle: dapd)

Aktionärsvereinigungen präsentieren sich gern als Beschützer der Kleinanleger. Doch jetzt stehen frühere Funktionäre der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger vor Gericht - und der Verein schafft es nicht, mit der Affäre angemessen umzugehen. Auf wen können sich Privatinvestoren eigentlich noch verlassen?

Es hätte so ein schönes Jubiläum werden können. Zum zehnten Mal gibt die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) in diesem Jahr ihr "Schwarzbuch Börse" heraus. In den vergangenen Jahren präsentierte der Vorstand auf einer Pressekonferenz stolz seine Sammlung von Negativbeispielen rund um den Wertpapiermarkt und prangerte dubiose Praktiken von Firmen an.

Ausgerechnet im Jubiläumsjahr fällt die Show aus. Das Erscheinen ihres neuesten Schwarzbuchs vermelden die Aktionärsschützer lediglich mit einem kurzen Hinweis auf der SdK-Webseite.

"Chaotisches Krisenmanagement"

Kein Wunder, eine Pressekonferenz wäre unangenehm geworden. "Chaotisches Krisenmanagement" hat die SdK ein Kapitel in ihrem aktuellen Schwarzbuch überschrieben. In dem Artikel wird der Kurs der Politiker in der Schuldenkrise angeprangert, doch die Überschrift passt auch zum Zustand der SdK selbst.

Seit 2008 bereits schwelt die Affäre um eine Clique von Aktionärsschützern und Finanzjournalisten. Zwei ehemalige Funktionäre der SdK stehen inzwischen wegen des Vorwurfs der Marktmanipulation und des Insiderhandels vor Gericht. Beide sitzen seit Herbst 2010 in Untersuchungshaft.

Der ehemalige Vizechef steht vor Gericht

Der frühere SdK-Vizechef Markus Straub soll an der Börse auf fallende Kurse eines Unternehmens spekuliert haben, vor dem die Schutzgemeinschaft gewarnt hatte - und kräftig daran verdient haben. 2008 schied er bei der SdK aus. Straub beteuerte vor Gericht, er habe keine Anleger geschädigt oder getäuscht, sondern sie geschützt. "Ich kann nichts gestehen. Ich bin unschuldig", sagte er.

Angeklagt ist auch Tobias Bosler. Er trat in den Jahren 2000 bis 2002 als SdK-Sprecher auf Hauptversammlungen auf. Der Finanzinvestor soll zusammen mit Kumpanen durch gezielte Veröffentlichungen in Börsenbriefen Anleger zum Kauf oder Verkauf von Aktien bewegt haben. Damit, so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft, habe die Clique Aktienkurse nach oben oder unten getrieben, um mit zuvor getätigten Käufen oder Leerverkäufen hohe Gewinne zu erzielen.

Ein anderer früherer SdK-Sprecher ist in der Affäre bereits zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. Christoph Öfele hatte seine Insidergeschäfte gestanden. Öfele war als Sachverständiger für geschädigte Kapitalanleger tätig und prangerte auf der Website Anlageschutzarchiv.de unseriöse Kapitalanlageprodukte an.

Mit Politikern und Firmen gehen die Aktionärsschützer in ihrem aktuellen Schwarzbuch ausführlich ins Gericht, doch ihren eigenen Problemen widmen sie gerade mal eine Seite. In der Stellungnahme kritisieren die Aktionärsschützer, dass in den Medien von der "SdK-Affäre" die Rede ist. Über die SdK werde "teilweise unzutreffend" berichtet, beklagt der Verein.

Erschütterte Glaubwürdigkeit

Die Distanzierungsversuche der amtierenden SdK-Spitze wirken hilflos. "Das ist ein klarer Fall von Fehlverhalten einzelner Personen", sagt Pressesprecher Lars Labryga. Doch für die SdK kommt allein der Verdacht gegen die ehemaligen Mitarbeiter einem Desaster gleich. Der Verein wurde 1959 gegründet, um die Rechte von Kleinanlegern zu schützen. Er reklamiert für sich, Aktionäre zu beraten und vor Abzocke zu schützen. Dass nun ausgerechnet frühere SdK-Funktionäre vertrauensselige Anleger für eigene Zwecke eingespannt haben sollen, stellt die Glaubwürdigkeit des Vereins infrage. Und es stellt sich die Frage, wer überhaupt noch wirksam für die Rechte der Kleinanleger eintritt.

"Es gibt keine wirklich starke Organisation für Aktionäre. Das ist und war immer zersplittert", sagt Jochen Knoesel. Er ist Vorsitzender des Vereins zur Förderung der Aktionärsdemokratie (VFA). Eine Organisation mit rund hundert Mitgliedern - die SdK hat 12.000. Ein "System SdK" zur persönlichen Bereicherung sehe er zwar nicht, sagt Knoesel. "Das sind Einzelfälle." Aber man könne dem Verein vorwerfen, dass er zu wenig Sicherungssysteme installiert habe. "Sich als Kleinanleger einer Aktionärsvereinigung anzuschließen ist besser, als alleine dazustehen", sagt Knoesel. "Aber man sollte immer eine gesunde Skepsis behalten. Das trägt zur Kontrolle bei."

"Wie im Schrebergartenverein"

Die SdK ist nach der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) das zweitstärkste Aktionärsbündnis in der Bundesrepublik. Beide Vereine bieten ihren Mitgliedern umfassende Rechtsberatung und führen auch Musterprozesse, etwa wenn es um Schadensersatz oder Haftungsansprüche geht.

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Wirtschaftsrecht-Experte Ulrich Noack von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf sieht Vereine wie SdK und DSW vor allem als Clubs von Gleichgesinnten. "Es ist ein ähnlich soziales Moment wie im Schrebergartenverein mit Rundschreiben und Tagungen." Im Gegensatz zu Einzelanlegern werde die Stimme der Aktionärsschützer aber von den Unternehmen gehört.

DSW in Sorge

Beim Konkurrenzverein DSW herrscht keine Schadenfreude über die Probleme bei der SdK. Die Affäre um die früheren SdK-Funktionäre sieht DSW-Vizepräsidentin Daniela Bergdolt mit Sorge: "Das schadet der gesamten Branche. In der Öffentlichkeit werden Aktionärsschützer leider oft in einen Topf geworfen."

Auch bei der DSW sehen Kritiker Schwachstellen. Sie halten dem Verein vor, dass einige seiner Verantwortlichen Aufsichtsratsmandate innehaben - und durch die damit einhergehenden Vergütungen ihre Unabhängigkeit gefährden. Die DSW argumentiert, man vertrete in den Kontrollgremien strikt die Interessen der Privatanleger. Seit der Gründung 1947 habe es keine Vorwürfe wegen Insiderhandels oder Marktmanipulation gegeben, betont die DSW.

Der Verein mit 25.000 Mitgliedern besitzt seit vielen Jahren Compliance-Richtlinien für seine Sprecher. Sie dürfen keine Insiderinformationen nutzen und nicht auf Hauptversammlungen von Unternehmen sprechen, von denen sie Aktien halten. "Wir vertreten auf den Hauptversammlungen nur die Stimmrechte der einzelnen Anleger", sagt Bergdolt. Anders als die SdK hat die DSW auch kein Vereinsvermögen in Aktien angelegt. Die SdK dagegen hält ein Aktiendepot. Der Wert liegt im niedrigen einstelligen Millionenbereich. Dass sei nötig, um bei Hauptversammlungen auftreten zu dürfen, heißt es.

Geld vom Staat gibt es für DSW und SdK nicht. Sie müssen sich auf eigene Faust finanzieren, etwa über Mitgliedsbeiträge. Um die Kosten gering zu halten, setzt die SdK auf ehrenamtliche Mitarbeiter. "Wir sind froh, dass wir sie haben", sagt SdK-Sprecher Lars Labryga.

Wieder steht ein SdK-Funktionär unter Verdacht

Doch die Ehrenamtlichen bedeuten auch ein Risiko, wie der Fall Harald Petersen zeigt. Er saß bis vor kurzem noch im Vorstand des Vereins. Wie schwer sich die SdK mit einer konsequenten Haltung in der Manipulationsaffäre tut, zeigt sich an seinem Beispiel besonders deutlich.

Noch im vergangenen Jahr inszenierte Petersen sich als Aufklärer und verkündete, die ehrenamtlichen SdK-Sprecher auf Hauptversammlungen müssten bei Verstößen gegen Compliance-Regeln künftig mindestens 10.000 Euro Vertragsstrafe zahlen. Zugleich tritt Petersen als Strafverteidiger im Prozess gegen seinen früheren SdK-Kollegen Straub auf.

Einzelfall reiht sich an Einzelfall

Im Januar zog sich Petersen aus der Führung des Aktionärsvereins zurück. Er wolle jeglichen Anschein eines Interessenskonflikts vermeiden, hieß es. Nur wenige Tage später wurde dann bekannt, dass die Staatsanwaltschaft gegen Petersen ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Marktmanipulation in Mittäterschaft eingeleitet hat. In der SdK-Führung heißt es, man habe von diesem Verfahren erst aus den Medien erfahren.

Das Muster ist klar: Immer wieder versucht die SdK-Spitze, die Fehltritte ihrer ehemaligen Führungsspitze als Einzelfälle darzustellen. Doch ohne ihre eigenen Strukturen kritisch zu hinterfragen, wird sie SdK in Zukunft kaum noch die Interessen der Kleinanleger glaubwürdig vertreten können. Für die Aktionärskultur in Deutschland wäre das ein Verlust.

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