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Bankberatung: Frauen wurden lange übergangen – was sich jetzt ändern muss


"Es wurde einiges versäumt"  

Wie Banken jetzt Frauen als Anlegerinnen entdecken

08.04.2021, 13:10 Uhr
Bankberatung: Frauen wurden lange übergangen – was sich jetzt ändern muss. Berater mit einer Kundin (Symbolbild): Erst allmählich nehmen Banken und Finanzdienstleister Frauen als Zielgruppe für voll. (Quelle: Getty Images/ PhotoAlto/Eric Audras)

Berater mit einer Kundin (Symbolbild): Erst allmählich nehmen Banken und Finanzdienstleister Frauen als Zielgruppe für voll. (Quelle: PhotoAlto/Eric Audras/Getty Images)

Lange konzentrierte sich die Finanzindustrie bei der Geldanlage auf Männer. Erst seit Kurzem ändert sich das. Welche Ideen die Branche hat, um mehr Kundinnen zu gewinnen – und welche sich als Sackgasse erwiesen.

Die Einträge in der Facebook-Gruppe lesen sich wie Erlebnisse aus den 1950er-Jahren. Während eine Nutzerin schreibt, dass ihr Bankberater lieber ihren Mann im Gespräch dabeihätte, berichtet eine andere, was passiert, wenn dem so ist: Die Antworten richten sich nur noch an den Mann – auch wenn sie es ist, die die Frage stellt.

Noch immer müssen sich manche Frauen offenbar mit dem Vorurteil herumschlagen, nur der Mann sei kompetent genug, finanzielle Entscheidungen zu treffen – sei es beim Autokauf, der Wohnungsbesichtigung oder im Gespräch mit dem Bankberater.

"Ich versuche gerade einen Bankkredit zu bekommen für einen Immobilienkauf", schreibt eine weitere Nutzerin. "Und bin beeindruckt, wie viele Banken mit besseren Konditionen winken, wenn ich gemeinsam mit meinem Mann kaufen würde. Obwohl sie nicht wissen und auch nicht gefragt haben, wie finanziell potent mein Mann ist oder eben nicht." Die Annahme, die sie dahinter vermutet: Banken halten die Finanzierung für sicherer, wenn ein Mann im Boot ist.

In Frauen schlummert viel Anlage-Potenzial

Die Folge solcher Erfahrungen: Viele Frauen fühlen sich bei Finanzfragen nicht ernst genommen, überlassen Themen wie Geldanlage und Altersvorsorge lieber direkt dem Partner und machen sich so finanziell abhängig. Der Finanzbranche wiederum entgeht letztlich viel Umsatz.

So zeigt eine Umfrage des Vermögensverwalters J.P. Morgan, dass Europäerinnen zwischen 30 und 65 Jahren über Ersparnisse von rund 200 Milliarden Euro verfügen, die sie an den Finanzmärkten anlegen könnten. 45 Milliarden davon entfallen allein auf Frauen in Deutschland und Österreich.

Dieses Potenzial haben inzwischen immer mehr Banken und Dienstleister erkannt und suchen nun nach Lösungen, wie sie Frauen besser erreichen. Dabei zeigt sich die Branche durchaus selbstkritisch.

Frauen haben andere finanzielle Bedürfnisse

"Es wurde bisher einiges versäumt", sagt Ilse Munnikhof, Head of Investment Advice bei der ING Deutschland. "Frauen sind eine riesige Zielgruppe, die wir besser bedienen müssen." Ein wichtiger Hebel dafür sei die passende Ansprache.

"Wir treffen Frauen heute immer noch in ganz anderen Lebensrealitäten als Männer an, etwa weil sie noch immer mehr in Teilzeit arbeiten, in gleichen Jobs weniger verdienen oder auch ein anderes Mindset zum Thema Geld haben", sagt Munnikhof. Entsprechend seien Frauen bei der Geldanlage häufig andere Dinge wichtig.

Konkret nennt die ING-Expertin zum Beispiel, dass Frauen oft wissen wollten, was ihnen mit einem Finanzprodukt im schlimmsten Fall passieren könne. Auch sei es ihnen wichtig, stets die Möglichkeit zu haben, an ihr Geld zu kommen – auch wenn sie in der Praxis dann meist gar keinen Gebrauch davon machten.

Investieren soll das neue Sparen werden

Auch Pia Bradtmöller, Marketingleiterin bei J.P. Morgan Asset Management, sieht noch Nachholbedarf für ihre Branche, was den richtigen Zugang zu Frauen angeht. "Ein grundlegendes Problem ist, dass Männer ihr Geld eher wachsen lassen möchten, während Frauen eher wollen, dass es erhalten bleibt", sagt sie. Deshalb stecke ihr Geld noch häufiger auf Sparkonten statt an der Börse.

Dass man bei Nullzinsen dort aber aufgrund der Inflation real Geld verliere, auch wenn die Zahlen gleich bleiben, müsse man oft erst deutlich machen. "Dafür fehlten in der Vergangenheit aber Unterlagen, die Lust darauf machen, sich mit der Materie zu beschäftigen", sagt Bradtmöller. Gerade für Frauen seien die besonders wichtig. Denn: "Frauen wollen tiefer in die Materie einsteigen als Männer. Zudem schätzen sie ihr Finanzwissen häufig als schlechter ein."

Analog zum Sparbuch hat sich J.P. Morgan daher das Anlegerbuch ausgedacht, eine Broschüre, die für Kapitalmarktinvestments beispielsweise in breit gestreute Fonds wirbt und mit Mythen rund um die Finanzmärkte aufräumen soll.

"Wir wollen zeigen, dass Investments kein Hexenwerk sind, es aber einige Grundprinzipien zu beachten gilt, wie etwa eine breite Streuung oder ein längerer Anlagehorizont", so die Marketingexpertin. Dann sei regelmäßiges Investieren mit einem Sparplan gar nicht so anders als traditionelles Sparen – nur eben ertragreicher.

Männer wollen Fakten, Frauen Verständnis

Dass dabei Produkte notwendig sind, die speziell auf Frauen zugeschnitten sind, glaubt Bradtmöller nicht. "Es muss für Frauen nicht pink sein, um es interessanter zu machen", sagt sie. Schon jetzt gebe es mit Fonds- und ETF-Sparplänen die Möglichkeit, bereits kleinere Beträge mit überschaubarem Risiko anzulegen.

Diese Ansicht teilt auch Jacqueline Haben, Marketing-Managerin beim Vermögensverwalter Columbia Threadneedle Investments. "Das Spektrum grundsätzlich denkbarer Finanzprodukte ist das Gleiche – egal ob für Männer oder Frauen", sagt sie. Allerdings wollten Frauen im Beratungsgespräch tendenziell anders angesprochen werden.

"Männer möchten meist sofort auf das Produkt zu sprechen kommen; auf die Rendite, die harten Fakten", sagt Haben. "Frauen hingegen wollen erst mal verstanden werden. Der Berater soll erkennen, in welcher Lebenslage sie sich befinden, was bei ihnen im Alltag finanziell funktioniert und was nicht."

Finanzbranche ist noch zu wenig divers

Weniger wichtig ist dabei offenbar das Geschlecht des Beraters – oder eben der Beraterin. "Um die Lebensrealitäten von Frauen einzubeziehen, bedarf es nicht unbedingt einer Beraterin. Es braucht eine Person, die sich der Besonderheiten bewusst ist", sagt Sally Peters vom Institut für Finanzdienstleistungen (iff). Dafür seien aber wiederum diverse Teams nötig, damit auch andere Blickwinkel einbezogen werden könnten. Allein: An dieser Vielfalt hapert es noch.

"Wir versuchen gerade, mehr weibliche Anlage-Coaches für unsere Teams zu finden", sagt ING-Expertin Munnikhof, "es gibt aber wenig Frauen auf dem Markt, die diesen Beruf überhaupt ausüben." Deshalb hilft sich die Bank in Bezug auf diverse Teams nun selbst weiter – und bildet Kolleginnen und Kollegen aus dem Kundenservice aus. Diese sollen bei Bedarf Kunden durch eine neue digitale Beratungsstrecke führen, die in Kürze an den Start geht.

Industrie kann Probleme nicht allein lösen

"Der Finanzsektor ist traditionell eine männlich dominierte und geprägte Branche", sagt Peters. "Verschiedene Studien belegen, dass die Beschäftigten in der überwiegenden Mehrheit männlich sind und Expertise in der Branche vor allem Männern zugeschrieben wird." Letztlich spiegle die Finanzindustrie aber nur die tiefer liegenden gesellschaftlichen Probleme bei der Gleichberechtigung, die durch Klischees immer wieder aufs Neue befeuert würden.

Dagegen helfen laut Peters Vorbilder. "Sie zeigen, dass die lange Tradition, dass der Mann die Finanzen oder vor allem die Anlagen managt, nicht in Stein gemeißelt ist. Wenn ich immer nur Männer höre, die sich über Aktien unterhalten und die Frauen immer über die Kinder, komme ich als Frau nicht zwangsläufig von Anfang an damit in Berührung", erläutert sie. "Das Thema muss für alle selbstverständlich werden."

In der Branche immerhin scheint die Einsicht inzwischen angekommen zu sein. Das zeigt auch die Erfahrung, die eine andere Nutzerin auf Facebook teilt. "Ich muss mal eine Lanze für die Herren Berater brechen", schreibt sie auf die Frage, was sie in Beratungsgesprächen erlebt hat. "Egal ob Versicherungen oder Bank, überall wurde mir als Working Mum gesagt: 'Klasse, dass Sie sich kümmern, das tun viel zu wenige Frauen.'"

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherche
  • Gespräch mit Ilse Munnikhof
  • Gespräch mit Pia Bradtmöller
  • Gespräch mit Jacqueline Haben
  • Anfrage an Sally Peters
  • weitere Quellen
    weniger Quellen anzeigen

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