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Bipolare Störung: Symptome, Ursachen und Heilungschancen

Zwischen Depression und Euphorie  

Diese Symptome sind typisch für eine bipolare Störung

12.08.2020, 14:27 Uhr | dpa, t-online.de

Bipolare Störung: Symptome, Ursachen und Heilungschancen. Emoticons auf gelben Würfeln: Bei einer bipolaren Störung kann die Stimmung von einem zum anderen Moment ins Gegenteil umschlagen.  (Quelle: Getty Images/Dimitri Otis)

Emoticons auf gelben Würfeln: Bei einer bipolaren Störung kann die Stimmung von einem zum anderen Moment ins Gegenteil umschlagen. (Quelle: Dimitri Otis/Getty Images)

Im einen Moment noch glücklich, doch im nächsten scheint der Weltuntergang nah: Heftige und anhaltende Emotionswechsel können auf eine bipolare Störung, die auch als manisch-depressive Erkrankung bezeichnet wird, hinweisen. Warum es oft ein langer Weg bis zur Diagnose ist und welche Behandlungen gegen die psychische Krankheit helfen.

Definition: Was bedeutet bipolare Störung? 

Bipolare Störungen verlaufen in depressiven und manischen Phasen, die manchmal direkt ineinander übergehen, aber auch von längeren symptomfreien Zeiträumen unterbrochen sein können. Während der Depression sind Betroffene bedrückt, antriebslos und sehen keine Perspektive.

Ganz anders während der Manie: "Dann könnten sie die ganze Welt umarmen", sagt Professor Andreas Reif, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Uni-Klinikums Frankfurt. Sie seien voller Energie und optimistisch, benötigten kaum Schlaf. Sie können auch aggressiv werden und gehen unbedacht Risiken ein. Leichtsinnige Geldausgaben sind in dieser Phase typisch. Sind die manischen Episoden dagegen eher schwach ausgeprägt, spricht man von Hypomanie.

Sieben bis acht Phasen haben Menschen mit einer bipolaren Störung durchschnittlich in ihrem Leben. Die manischen Episoden dauern in der Regel zwei bis drei, die depressiven fünf bis sechs Monate. "Dazwischen sind die Menschen gesund", sagt Reif.

Häufigkeit des Auftretens: Wie viele sind betroffen?

Rund ein Prozent der Bevölkerung leidet nach Auskunft von Reif an einer bipolaren Störung – also einer von 100 Menschen in Deutschland. Das sei "konservativ" geschätzt. Viele bipolare Störungen blieben lange unerkannt. Die Betroffenen seien sich gar nicht bewusst, eine psychische Krankheit zu haben suchten daher keinen Arzt oder Psychologen auf.

Die Folgen sind gravierend. Denn eine rechtzeitige Diagnose und eine gezielte Behandlung können den Krankheitsverlauf deutlich verbessern. Zudem erhöht eine bipolare Störung das Suizidrisiko um ein Zwanzigfaches im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung.

Manie und Depression: Symptome der bipolaren Störung 

Tomislav Majic von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité in Berlin sieht ein wichtiges Frühwarnsignal der Krankheit in Schlafstörungen. "Bei einer Depression sind Betroffene häufig früh wach und haben ein Morgentief." Bei einer Manie dagegen bräuchten sie oft gar keinen Schlaf, seien aber dennoch voller Kraft und Tatendrang. Darüber hinaus seien starke Stimmungsschwankungen ein typisches Anzeichen einer bipolaren Störung. Majic rät Betroffenen, solche Anzeichen nicht zu ignorieren. Schnelle Hilfe gebe es bei Psychiatern, in Kliniken oder Institutsambulanzen. 

Was die bipolare Störung so tückisch macht, ist die Tatsache, dass die Erkrankten die Symptome oft nicht wahrnehmen oder falsch einschätzen: Gerade in manischen Phasen sind viele davon überzeugt, dass es ihnen gut gehe. Deswegen finden nur wenige Manisch-Depressive den Weg zum Arzt oder zum Psychologen. Häufig sind es Freunde oder Familie, die den Erkrankten auf die Möglichkeit einer Therapie hinweisen.

Test: Sind Sie bipolar?

Wie ausgeprägt bestimmte Symptome sind, kann individuell unterschiedlich sein. Dennoch gibt es bestimmte Merkmale, die auf eine bipolare Störung hinweisen. Wer herausfinden möchte, sollte auf manische und depressive Frühsymptome achten. Treten mehrere von ihnen auf und wechseln sich Phasen der Manie mit depressiven Phasen ab, sollte ein Arzt oder Psychiater aufgesucht werden, um eine sichere Diagnose zu erhalten. 

Mögliche Frühsymptome einer Manie:

  • Euphorie
  • Ideenreichtum, erhöhte Kreativität
  • übersteigerte Selbstwahrnehmung 
  • Redeflut,und starkes Mitteilungsbedürfnis
  • erhöhte Risikobereitschaft
  • Konzentrationsprobleme und Reizbarkeit
  • erhöhter Alkohol- oder Drogenkonsum
  • gesteigertes Interesse an Sexualität

Mögliche Frühsymptome einer Depression:

  • Antriebslosigkeit und Energielosigkeit
  • Angstgefühle
  • Selnstzweifel
  • Traurigkeit und Niedergeschlagenheit
  • innere Unruhe und Reizbarkeit
  • Konzentrationsschwierigkeiten und Leistungsabfall
  • Libidoprobleme, vermindertes Interesse an Sexualität
  • Schlafstörungen

Ursachen und Risiken: Ist eine bipolare Störung vererbbar?

Untersuchungen deuten darauf hin, dass eine bipolare Störung vererbbar ist und somit genetisch bedingt sein kann. Laut der Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen (DGBS) ist bei Verwandten ersten Grades die Wahrscheinlichkeiten einer Vererbung der Krankheit hoch.

Darüber hinaus scheint bei Menschen mit einer bipolaren Störung oft das Gleichgewicht von Gehirnbotenstoffen wie Serotonin und Adrenalin gestört zu sein. Ein weiterer Faktor, der eine bipolare Störung auslösen kann, ist der Missbrauch von Medikamenten oder Drogen.

Behandlung : Psychotherapie und Medikamente

Bei der Therapie einer bipolaren Störung hat sich nach Auskunft von Majic eine Kombination aus Medikamenten und Psychotherapie als wirksam erwiesen – nicht nur während einer Phase, sondern auch in Phasen der Normalität. Das gelte auch für Medikamente, deren Dosis während der Behandlung einer Phase höher und danach entsprechend reduziert ist.

Die Therapie einer manisch-depressiven Erkrankung gliedert sich nach Auskunft der DGBS in drei Stufen:

  1. Während der Akutbehandlung werden vor allem Medikamente eingesetzt. Diese sollen die Symptome der Depression und der Manie lindern.
  2. Wenn sich die Situation des Patienten verbessert hat, beginnt die Erhaltungstherapie. Hier versucht der Arzt vor allem, den Betroffenen weiter zu stabilisieren. Zu den Medikamenten, die weiterhin unerlässlich sind, kommen in dieser Phase der Behandlung auch erste psychotherapeutische Maßnahmen.
  3. In der Phase der Prophylaxe sollen Patienten lernen, Episoden der Erkrankung zu erkennen. Weiterhin unterstützt von Medikamenten und Psychotherapie, begleiten die Ärzte den Betroffenen dabei, seinen Weg zurück in die Gesellschaft zu finden.

Bipolare Störungen zählen laut Majic zu den "Lifetime-Diagnosen". Das bedeutet: Man hat sein Leben lang ein deutlich erhöhtes Risiko, erneut an einer Manie oder Depression zu erkranken. Andererseits ist es Majic zufolge möglich, dass Betroffene trotz einiger manischer und depressiver Phasen irgendwann für lange Zeit nicht mehr erkranken.

Ist eine bipolare Störung heilbar? Nach Auskunft der DGBS gibt es bislang noch keine gesicherte Heilungstherapie. Allerdings sind Fälle bekannt, bei denen die Symptome im Alter schwächer werden, ganz ausbleiben oder nur sehr wenige Krankheitsepisoden erlebt werden. Der weitaus größte Teil aller Betroffenen muss sich jedoch ein Leben lang der Erkrankung stellen. Allerdings können die Betroffenen lernen, mit der wechselhaften Stimmung besser umzugehen und diese zu kontrollieren.

Hilfe für Angehörige und Partner

Für Angehörige von Menschen mit einer bipolaren Störung ist die Situation häufig auch schwer, da der Wechsel zwischen Hoch- und Tiefphasen sehr belastend ist. Die wechselhaften, oft widersprüchlichen Verhaltensweisen des Erkrankten können Nahestehende ebenfalls aus der Bahn werfen. Grundlegende Fragen kommen auf: Wann eingreifen, wann zurückziehen? Dürfen Angehörige überhaupt eigene Interessen verfolgen? Grundsätzlich müssen nahestehenden Personen darauf gefasst sein, dass die Stimmung bei bipolaren Menschen zu jedem Zeitpunkt kippen und sich ins Gegenteil umkehren kann. Für die Familie und den Partner stellt das eine große Herausforderung dar. 

Anders als noch vor einigen Jahrzehnten gibt es heute zahlreiche Angebote für Menschen, die in einer Beziehung mit psychisch kranken Menschen stehen oder eine Partnerschaft mit diesen führen. Selbsthilfegruppen, Seminare und ein Beratungstelefon bietet etwa die DGBS unter 0800/ 55 33 33 55 an. 

Darüber hinaus kann der behandelnde Arzt ebenfalls hilfreiche Verhaltenstipps geben und den Angehörigen in die Psychotherapie miteinbeziehen. Dort lernen sie, wie sie die Balance halten zwischen Abgrenzung und Zuwendung und wie sie sich selbst schützen können. Denn häufig sind Freunde so beschäftigt mit der Erkrankung des anderen, dass sie eigene Bedürfnisse aus den Augen verlieren.

Zudem fehlt den Betroffenen gerade in einer manischen Phase die Einsicht, dass sie an einer Krankheit leiden, was die Angehörigen oft abfedern. Freunde, Verwandte und Partner von Menschen mit bipolarer Störung brauchen Geduld, Aufmerksamkeit und Gelassenheit. Nur, wenn sie gesund bleiben, können sie auch für den Erkrankten eine Stütze sein.

Verwendete Quellen:
  • Berufsverband Deutscher Nervenärzte
  • Deutsche Presse Agentur (dpa)
  • Deutsche Gesellschaft für bipolare Störungen
  • neurologen-und-psychiater-im-netz.org
  • weitere Quellen
    weniger Quellen anzeigen

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online.de können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.

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