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Astrazeneca wird ausgesetzt: Ist die Kritik am Corona-Impfstoff berechtigt?

Impfstopp auch in Deutschland  

Corona-Impfstoff von Astrazeneca: Das ist dran an der Kritik

15.03.2021, 17:45 Uhr | AFP, rtr

Astrazeneca wird ausgesetzt: Ist die Kritik am Corona-Impfstoff berechtigt?. Eine Ärztin klärt einen Senior über die Corona-Impfung auf: Welche Risiken birgt das umstrittene Astrazeneca-Vakzin wirklich? (Quelle: dpa/Matthias Bein)

Eine Ärztin klärt einen Senior über die Corona-Impfung auf: Welche Risiken birgt das umstrittene Astrazeneca-Vakzin wirklich? (Quelle: Matthias Bein/dpa)

Als leicht lagerbares und günstiges Präparat könnte der Astrazeneca-Impfstoff äußerst populär sein. Doch jetzt hat auch Deutschland die Impfungen mit dem Vakzin vorerst gestoppt. Sind die Vorbehalte berechtigt?

Rückschlag für den Kampf gegen die Corona-Pandemie: Das Bundesgesundheitsministerium hat die Impfungen mit Astrazeneca in Deutschland ausgesetzt. Vorausgegangen waren Meldungen von Blutgerinnseln im zeitlichen Zusammenhang mit einer Corona-Impfung mit dem Präparat, teilte das Ministerium am Montag in Berlin mit. Es handele sich um einen vorsorglichen Schritt, dem eine entsprechende Empfehlung des zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) vorangegangen sei, sagte ein Sprecher.

Angst vor schweren Nebenwirkungen: WHO kündigt Prüfung an

Derzeit ist Astrazeneca wegen Berichten in den Schlagzeilen, dass nach Impfungen mit seinem Corona-Impfstoff schwere Blutgerinnsel aufgetreten seien. Am Donnerstag setzte zunächst Dänemark die Impfungen mit dem Vakzin aus. Es folgten Norwegen, Island sowie die EU-Länder Bulgarien, Irland und die Niederlande.

Österreich, Estland, Lettland, Litauen und Luxemburg setzten die Nutzung von einer bestimmten Astrazeneca-Charge aus, Italien und Rumänien stoppten die Nutzung einer anderen Charge. Thailand und die Demokratische Republik Kongo verschoben den Impfstart. Und nun gab das Bundesgesundheitsministerium bekannt, dass auch Deutschland Corona-Impfungen mit dem Präparat vorsorglich aussetze. Kurz darauf meldete auch Frankreich einen Impfstopp mit Astrazeneca.

Der Hersteller betont, die Analyse von mehr als zehn Millionen Fällen habe "keinerlei Beweis für ein erhöhtes Risiko für eine Lungenembolie oder Thrombose" ergeben. Mitentwickler Andrew Pollard, Leiter der Oxford Vaccine Group, erklärte am Montag, es gebe "sehr beruhigende Beweise", dass das Vakzin in Großbritannien – bislang sein Haupteinsatzgebiet in Europa – nicht zu einer Zunahme von Blutgerinnseln geführt habe.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) prüft derweil Berichte im Zusammenhang mit der Sicherheit des Impfstoffs von Astrazeneca. Bislang lägen keine Hinweise darauf vor, dass es eine Verbindung zwischen dem Vakzin und gesundheitlichen Beeinträchtigungen gebe, teilte WHO-Sprecher Christian Lindmeier zuletzt in einer Erklärung an die Nachrichtenagentur Reuters mit. "Es ist wichtig, dass die Impfkampagnen fortgesetzt werden, um Leben zu retten."

Es sei normal bei so großangelegten Impfkampagnen, dass Länder auf unerwünschte Nebenwirkungen hinwiesen. Dies bedeute aber nicht, dass sie auch tatsächlich durch den Impfstoff verursacht wurden. Sobald die WHO umfassende Erkenntnisse habe, werde die Öffentlichkeit ebenso darüber informiert wie über momentan eher unwahrscheinliche Änderungen an den derzeitigen Empfehlungen.

Paul-Ehrlich-Institut rät in bestimmten Fällen zu ärztlicher Behandlung

Das PEI hingegen argumentiert für den Impfstopp: Bei der Analyse des neuen Datenstands sehe man eine auffällige Häufung einer speziellen Form von sehr seltenen Thrombosen in Hirnvenen in Verbindung mit einem Mangel an Blutplättchen (Thrombozytopenie) und Blutungen in zeitlicher Nähe zu Impfungen mit Astrazeneca. Die Daten würden von der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) weiter analysiert und bewertet.

Wenn Menschen sich mehr als vier Tage nach der Astrazeneca-Impfung zunehmend unwohl fühlten, sollten sie sich unverzüglich in ärztliche Behandlung begeben, riet das PEI. Mögliche Beschwerden seien starke und anhaltende Kopfschmerzen oder punktförmigen Hautblutungen.

Auch Experten sehen bislang kein erhöhtes Risiko

Von Experten bekam das Unternehmen zuletzt Rückendeckung. "Statt von einer Kausalität ist eher von einer Koinzidenz auszugehen, also mehr Zufall als Ursache", erklärte Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin an der München Klinik Schwabing. Es sei nun aber "bedauerlicherweise eine weitere vermeintlich negative Nachricht in der Welt, die dem Image des Impfstoffes und der Impfkampagne insgesamt schadet." Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach schrieb auf Twitter, das Thromboserisiko sei "verschwindend gering und dazu nicht höher als ohne Impfung".

Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA hatte am Donnerstag erklärt, die Zahl von Blutgerinnseln sei "bei geimpften Menschen nicht höher als in der Allgemeinbevölkerung". Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stellte keinen Handlungsbedarf fest.

EMA: Nebenwirkungen um allergische Reaktionen erweitern

Die EMA erklärte am Freitag, dass schwere allergische Reaktionen auf die Liste der Nebenwirkungen des Astrazeneca-Impfstoffs aufgenommen werden müssten. Sie verwies darauf, dass im Zusammenhang mit rund fünf Millionen Impfungen in Großbritannien 41 Berichte über einen möglichen anaphylaktischen Schock geprüft würden.

Zweifel an der Wirksamkeit

Dabei galt der Impfstoff lange Zeit als große Hoffnung bei der Bekämpfung des Coronavirus: Im November sorgte Astrazeneca mit der Darstellung für Aufsehen, sein Corona-Impfstoff könne mit der mehr als 90-prozentigen Wirksamkeit der deutlich schwerer lagerbaren und teureren Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna mithalten. Diese Erfolgsquote sei in klinischen Tests allerdings nur festgestellt worden, wenn die erste Injektion lediglich mit einer halben Dosis erfolgt sei und die zweite Impfung mit der vollen Dosis, räumte der Hersteller ein. 

Die Entwickler des Astrazeneca-Impfstoffs stellten dies nur durch Zufall fest, weil bei einem Teil der Probanden versehentlich zuerst nur eine halbe Dosis verabreicht wurde. Dieses Missgeschick ließ Zweifel an der Zuverlässigkeit der Tests insgesamt aufkommen. Mittlerweile gibt Astrazeneca die Wirksamkeit seines Corona-Impfstoffs insgesamt mit rund 70 Prozent an.

Südafrika verzichtete allerdings auf den Einsatz seiner Astrazeneca-Dosen und verschob deswegen Anfang Februar seine Impfkampagne. Das Land verwies darauf, dass das Mittel laut einer Studie nur einen "minimalen Schutz" gegen leichtere Covid-19-Fälle durch die in Südafrika grassierende Virusvariante biete.

Eingeschränkte Zulassung

Nach der EU-weiten Zulassung des Astrazeneca-Impfstoffs Ende Dezember schränkten Deutschland und andere Mitgliedsländer die Nutzung für Menschen bis 64 Jahre ein, weil für ältere Menschen nicht genügend Daten vorlagen. Dadurch war das Vakzin für viele Menschen in der Prioritätsstufe 1 nicht nutzbar. Erst Anfang März gaben Deutschland und auch andere EU-Länder das Mittel auf Grundlage neuer Forschungsdaten auch für ältere Menschen frei.

Massive Lieferverzögerungen

Im Januar teilte das britisch-schwedische Unternehmen mit, dass es im ersten Quartal 2021 nur ein Drittel der vereinbarten 120 Millionen Dosen für die 27 EU-Länder liefern werde. Brüssel reagierte verärgert, weil Astrazeneca Großbritannien und andere Nicht-EU-Länder offenbar weiterhin mit ungekürzten Mengen belieferte.

Die EU führte daher eine Exportkontrolle für auf ihrem Gebiet hergestellten Impfstoff ein. Außerdem schickte sie Inspekteure in ein Astrazeneca-Werk in Belgien, weil sie bezweifelte, dass dortige Produktionsprobleme wirklich die Ursache für die Lieferverzögerungen sind.

In der vergangenen Woche kündigte das britisch-schwedische Unternehmen an, dass es bis zur Jahresmitte voraussichtlich gerade einmal 100 Millionen Impfstoffdosen an die EU liefern werde, davon 30 Millionen im ersten Quartal.

Verwendete Quellen:
  • Nachrichtenagenturen AFP und Reuters

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.

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