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MH17: Recherchenetzwerk beschuldigt russischen Geheimdienstoffizier

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Geheimdienstoffizier beschuldigt  

"Orion" soll für Abschuss der MH17 verantwortlich sein

Von Patrick Diekmann, Jonas Mueller-Töwe

25.05.2018, 20:21 Uhr
MH17: Recherchenetzwerk beschuldigt russischen Geheimdienstoffizier. Der russische GRU-Offizier Oleg Wladimirowitsch Ivanikov soll für militärische Operationen in der Volksrepublik Luhansk verantwortlich gewesen sein. (Quelle: Twitter)

Der russische GRU-Offizier Oleg Wladimirowitsch Ivanikov soll für militärische Operationen in der Volksrepublik Luhansk verantwortlich gewesen sein. (Quelle: Twitter)

Das investigative Recherchenetzwerk Bellingcat hat nach eigenen Angaben einen Hauptverantwortlichen bei dem Abschuss der MH17 in der Ukraine identifiziert. Die Journalisten veröffentlichen brisante Details über einen russischen Geheimdienstoffizier.

Am 14. Juli 2014 führt Oleg Bugrov ein folgenreiches Telefonat mit einer Person namens "Orion". Bugrov ist zu diesem Zeitpunkt stellvertretender Verteidigungsminister der sogenannten Volksrepublik Lugansk, die russische Separatisten in der Ostukraine ausgerufen haben. Die Identität seines Gesprächspartners "Orion" war bis zum Freitag völlig unklar. "Orion" antwortet in jenem Telefonat auf die Klagen über ukrainische Angriffe: "Wir nehmen Rache für die Flugzeuge. Wir haben bereits eine 'Buk' und werden sie abschießen." Mit "Buk" ist ein russisches Flugabwehrsystem gemeint.

Drei Tage später, am Morgen des 17. Juli 2014, überquert nach Informationen des investigativen Netzwerks Bellingcat ein Buk-Flugabwehrsystem aus Kursk die russisch-ukrainische Grenze und bringt gegen 16 Uhr mit einem Schuss aus dem von ukrainischen Separatisten kontrollierten Gebiet die Boeing MH17 zum Absturz. 298 Menschen werden getötet. Am selben Tag noch wird das Raketenabwehrsystem mit der Nummer 332, aber ohne eine Rakete, offenbar wieder über die russische Grenze gebracht.

Die internationale Ermittlungsgruppe "Joint Investigation Team" (JIT) untersucht den Absturz der MH17 und geht Indizien nach, dass ein "Buk" von Russland an ukrainische Separatisten geliefert wurde. Im Jahr 2016 fordert JIT die Identifizierung der zwei Hauptverdächtigen mit den Rufzeichen "Orion" und "Delfin", die den Ermittlern aus den abgehörten Telefonaten bekannt waren.

Nachdem "Delfin" bereits im Dezember angeblich erfolgreich identifiziert wurde, hat Bellingcat nun nach eigenen Angaben die Identität von "Orion" herausgefunden. Dabei soll es sich um den russischen Geheimdienstoffizier Oleg Ivannikov handeln. "Der russische GRU-Offizier Oleg Wladimirowitsch Ivanikov war für militärische Operationen in der Volksrepublik Lugansk verantwortlich", behaupteten Vertreter von Bellingcat bei einer Pressekonferenz in Den Haag. "Er war für die Lieferung militärischer Ausrüstung an die Ukraine verantwortlich."

Bei ihrer Recherche verwendete das Recherchenetzwerk Open-Source-Daten und forensische Sprachanalysen bei abgehörten Telefonaten. Ivanovich oder "Orion" soll in seiner Funktion als Offizier des russischen Geheimdienstes zumindest bis September 2017 gedient haben. Zuvor soll er laut Bellingcat-Informationen als ​​Andrey Ivanovich Laptev in einer verdeckten Operation für die russischen Nachrichtendienste als Vorsitzender des Sicherheitsrats und als Minister für Verteidigung und Notfälle der selbst ernannten Republik Südossetien tätig gewesen sein.

Zweite Identifikation 

Die letzten Fortschritte ihrer Recherche veröffentliche "Bellingcat" im Dezember 2017. Dort veröffentlichte man die erfolgreiche Identifikation des Mannes, der in einem Telefonat mit Ivannikov zu hören ist und unter dem Codenamen "Delfin" bekannt ist. Er galt wie Ivannikov als Schlüsselfigur im Rätsel um den Abschuss von MH17.

Die Untersuchungen der Journalisten hatten mit "großer Sicherheit 'Delfin' als Generaloberst Nikolai Fedorovich Tkachev identifiziert, der gegenwärtig als Hauptinspektor des Zentralen Militärdistrikts der Russischen Föderation fungiert", heißt es in dem gemeinsamen Bericht von Bellingcat" und "The Insider". Tkachev ist der ranghöchste russische Offizier, der mit dem Abschuss von MH17 bis heute verbunden ist.

Der ehemalige Separatisten-Kommandant Igor Girkin sagte "The Insider", dass er "Delfin" getroffen habe. "Ich weiß seinen Namen nicht", sagte Girkin dem Portal RBC. "Aber ich kenne das Rufzeichen: Delfin. Ich war mir sicher, dass er ein pensionierter General war."

In einem Interview mit dem Insider bestritt Tkachev, dass er 2014 in der Ukraine gewesen sei.

Moskau bestreitet Vorwürfe

In der Untersuchung um den MH17-Absturz wächst der Druck auf den Kreml. Die Niederlande und Australien haben am Freitag Russland offiziell für den Abschuss des Passagierfluges MH17 vor knapp vier Jahren verantwortlich gemacht. Das Land sei rechtlich haftbar, teilte die niederländische Regierung am Freitag in Den Haag mit.

Der Beschluss ist eine direkte Reaktion auf den Bericht der internationalen Ermittler vom Vortag, dass die Maschine der Malaysia Airlines mit einer Buk-Rakete der russischen Armee über der Ostukraine abgeschossen worden sei. Alle 298 Personen an Bord waren am 17. Juli 2014 getötet worden. Die meisten waren Niederländer.

Bewaffnete pro-russische Separatisten an der Absturzstelle von MH17 in der Ostukraine: Internationale Ermittler sind nun überzeugt, dass das Flugzeug der Malaysia Airlines von einem Flugabwehrsystem des russischen Militärs abgeschossen wurde. (Quelle: dpa/Robert Ghement)Bewaffnete prorussische Separatisten an der Absturzstelle von MH17 in der Ostukraine: Internationale Ermittler sind nun überzeugt, dass das Flugzeug der Malaysia Airlines von einem Flugabwehrsystem des russischen Militärs abgeschossen wurde. (Quelle: Robert Ghement/dpa)

Russland wies die Verantwortung am Freitag deutlich zurück. Moskau hält die Ermittlungen auch nicht für glaubwürdig.

Für die Niederlande und Australien stehe nun fest, dass "Russland verantwortlich ist für den Einsatz des Buk-Systems, mit dem Flug MH17 abgeschossen wurde", hieß es in der gemeinsamen Erklärung. Mit diesem formellen Schritt wollen beide Länder Russland zur Mitarbeit an den Ermittlungen sowie zur strafrechtlichen Verfolgung zwingen.

Auch die Bundesregierung rief Moskau zur Aufklärung auf. "Russland sollte nun seiner Verantwortung nachkommen, damit die Tragödie vollständig aufgeklärt und die Täter zur Verantwortung gezogen werden können", sagte die stellvertretende Regierungssprecherin Martina Fietz am Freitag in Berlin.

"Unwiderlegbar bewiesen"

Für die Niederlande ist der Bezug zu Russland deutlich. "Es ist nun unwiderlegbar bewiesen, dass es eine direkte Verbindung gibt zwischen der Buk-Rakete und der russischen Armee", sagte Außenminister Stef Blok. Der Abschuss der Maschine habe unvorstellbares Leid bei den Angehörigen verursachte. Es müsse Gerechtigkeit geben.

Auch die australische Außenministerin Julie Bishop in Canberra sieht die Beteiligung Russlands als erwiesen an. "Australien und die Niederlande haben die russische Föderation informiert, dass wir sie nach internationalem Recht verantwortlich halten für ihre Rolle beim Abschuss von MH17."

Kremlsprecher Dmitri Peskow sagte am Freitag in St. Petersburg, Moskau sei nicht an den Untersuchungen beteiligt worden – Kiew hingegen schon. "Russland weiß nicht, wie sehr es den Ergebnissen vertrauen kann", sagte er der Agentur Interfax zufolge weiter. Auf die Frage, ob der Kreml die Vorwürfe der Niederlande und Australiens zurückweise, dass Moskau rechtlich haftbar ist für den Abschuss des Flugzeugs, sagte Peskow: "Absolut."

Seit der Katastrophe vom Juli 2014 hatte Russland jegliche Verantwortung zurückgewiesen und im Gegenzug die Ukraine verantwortlich gemacht.

Verwendete Quellen:

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