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Meinung
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Wie mich Russland aus dem Land geworfen hat

Ein Erfahrungsbericht von Lukas Latz

Aktualisiert am 04.08.2019Lesedauer: 14 Min.
Lukas Latz am finnischen Bahnhof in St. Petersburg: Er verließ Russland mit dem Zug nach Helsinki.
Lukas Latz am Finnischen Bahnhof in St. Petersburg: Er verließ Russland mit dem Zug nach Helsinki. (Quelle: Julia Schalgalijewa)
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Verhört, unter Druck gesetzt – ausgewiesen: Ich lebte als Austauschstudent in Russland. Dort bekam ich es mit den Sicherheitsbehörden zu tun. Aber auch unerwartete UnterstĂŒtzung.

Die offene Gesellschaft ist an ihren Trampelpfaden zu erkennen. Vom Gleis des Bahnhofs in Helsinki laufe ich ĂŒber einen schmalen Pfad durch Wiese und GestrĂŒpp zum Bahnhofsvorplatz. Vor drei Stunden war ich noch in Russland. Dort sind Bahnhöfe abgeriegelt, es gibt GepĂ€ckkontrollen fast wie an FlughĂ€fen. Fernreisen sind nur mit Angabe der Reisepassdaten möglich. An einem russischen Bahnhof gibt es keinen Trampelpfad.

Dieser Pfad also zeigt an, dass ich wieder in der EU bin, und damit in Sicherheit. Russland liegt hinter mir. Das Land, in dem ich zehn Monate als Austauschstudent verbracht habe, an der Staatlichen UniversitÀt Sankt Petersburg (SPbU). Das Land, in dem ich so viele mutige, kluge, solidarische Menschen kennen gelernt habe. Das Land, aus dem mich ohne Unterlass Nachrichten, Zuspruch und Dank erreichen. Das Land, das mich ausgewiesen hat.

Nicht, weil ich ein Verbrechen begangen oder einen Umsturz geplant hĂ€tte. Sondern weil ich mit Menschen gesprochen habe, die sich gegen einen mĂ€chtigen LokalfĂŒrsten auflehnen. Weil ich fĂŒr Zeitungen geschrieben habe, obwohl ich als Student im Land war, was riskant ist, das wusste ich. Weil ich mehrfach hereingelegt wurde. Weil mir unverhohlen gedroht wurde. Weil meine russische GastuniversitĂ€t tat, was den Sicherheitsbehörden passte. Obwohl sich in ganz Russland viele Menschen fĂŒr mich eingesetzt haben, viel mehr, als ich fĂŒr möglich gehalten hĂ€tte.

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Ich wurde aus dem Land geworfen, deshalb und trotzdem – und das kam so.

Russische Gesetze als Fallstrick

Lukas Latz am finnischen Bahnhof in St. Petersburg: Viele Bekannte meldeten sich, fragten, wie sie helfen könnten.
Lukas Latz am Finnischen Bahnhof in St. Petersburg: Viele Bekannte meldeten sich, fragten, wie sie helfen könnten. (Quelle: Julia Schalgalijewa)

Ich komme im August 2018 in St. Petersburg an und lebe ein normales Studentenleben. Die meiste Zeit verbringe ich in Sprachkursen und vor RussischbĂŒchern, in Museen, CafĂ©s und auf dem Fußballplatz. Zwischendurch besuche ich Demonstrationen, etwa gegen eine Rentenreform, die viele Russen auf die Straßen treibt, aber ich demonstriere nicht aktiv, ich rufe keine Parolen, ich trage keine Transparente, ich beobachte nur. Ich schreibe auf Facebook ĂŒber meine Erfahrungen und dreimal auch Artikel fĂŒr deutsche Zeitungen, etwa ĂŒber das GefĂ€ngnissystem in Russland. Das ist heikel, mir ist das bewusst.

Welches Risiko ich eingehe, kann ich nicht genau wissen. Russland ist kein Rechtsstaat. Viele Gesetze funktionieren wie Fallen, die meistens nicht zuschnappen, manchmal aber schon. Wenn ein BĂŒrger auffĂ€llt und jemand beschließt, dass er damit eine Grenze ĂŒberschritten hat, suchen die Sicherheitsbehörden nach einem Gesetz, gegen das er verstoßen haben könnte. Meistens finden sie eins.

Ich arbeite schon lĂ€nger als Journalist, und ich will es auch in Russland nicht lassen. Aber das Schreiben von Facebook-Posts und Artikeln ist nicht der Grund, warum ich im Land bin. Der Grund ist mein Studium, ist meine Abschlussarbeit ĂŒber Umweltbewegungen in Russland.

Schon in den ersten Monaten habe ich den flĂŒchtigen Eindruck, beobachtet und gegĂ€ngelt zu werden. Um in die GebĂ€ude der SPbU zu kommen, muss man seinen Studentenausweis an den Kartenleser eines Drehkreuzes halten. Im November 2018 funktioniert mein Ausweis plötzlich nicht mehr. Das Wachpersonal bekommt angezeigt, ich sei exmatrikuliert. Ich werde von BĂŒro zu BĂŒro geschickt, niemand kann oder will das Problem lösen. Von da an muss ich mit den WĂ€rtern diskutieren, ob sie mich in die UniversitĂ€t lassen. Technische Panne oder Absicht? Ich weiß es nicht. Es bleibt ein Verdacht – und er bleibt unbeweisbar. So etwas ist ĂŒblich in Russland.

Im MĂ€rz 2019, als mein Russisch arbeitsfĂ€hig ist, mache ich mich dafĂŒr aus St. Petersburg auf in die 1,2-Millionen-Einwohnerstadt Tscheljabinsk im SĂŒdural. Mehr als 40 Stunden fĂ€hrt man von St. Petersburg aus nach SĂŒdosten. Auf dem Weg liegt Jekaterinburg. Dort mache ich ein paar Tage Pause, quartiere mich in einem Hostel ein, schaue mir die Stadt an. Und ich bereite meine Arbeit in Tscheljabinsk vor.

Feldforschung bei schlechter Luft

Ein GebÀude in Tscheljabinsk: Die Stadt hat schon jetzt Umweltprobleme.
Ein GebÀude in Tscheljabinsk: Die Stadt hat schon jetzt Umweltprobleme. (Quelle: Lukas Latz)

Tscheljabinsk ist eine Industriestadt. Große Fabriken, schlechte Luft, belastetes Wasser. Knapp hinter der Stadtgrenze soll ein neues Kupferbergwerk gebaut werden, betrieben vom Unternehmen RMK, das dem Oligarchen Igor Altuschkin gehört. Er ist ein mĂ€chtiger Mann in der Gegend. Die Förderanlagen seines Kupferbergwerks wĂŒrden viel Wasser verbrauchen und den Fluss anzapfen, der die Wasserversorgung von Tscheljabinsk garantiert.

Seit sechs Jahren kĂ€mpft eine soziale Bewegung gegen den Bau dieses Bergwerks. Viele Aktivisten bezahlen einen hohen Preis dafĂŒr. Nachdem das Unternehmen des Oligarchen Altuschkin Anzeige erstattet hatte, wurde ein Umweltschutzverein zum auslĂ€ndischen Agenten erklĂ€rt und zur Auflösung gezwungen. Gegen einige Aktivisten laufen Strafprozesse. Anderen Aktivisten drohte der Arbeitgeber mit KĂŒndigung. Mit diesen Aktivisten will ich fĂŒr meine Forschungsarbeit sprechen.

Meine Recherche verlĂ€uft ohne grĂ¶ĂŸere Probleme. Ich fĂŒhre Interviews, mache mir Notizen, schaue mich um. Zwölf Tage lang. Meine Erfahrungen schreibe ich auch fĂŒr die deutsche Wochenzeitung "Jungle World" auf. Der Text erscheint am 18. April 2019.

AuslĂ€ndische Beobachter sind fĂŒr Oligarchen gefĂ€hrlich

Infostand von Aktivisten in Tscheljabinsk: Sie wollen ein geplantes Bergwerk verhindern.
Infostand von Aktivisten in Tscheljabinsk: Sie wollen ein geplantes Bergwerk verhindern. (Quelle: Lukas Latz)

Mir geht es um Forschung. Aber als auslĂ€ndischer Beobachter politischer Konflikte bleibe ich in Zentralrussland nicht ohne Bedeutung. FĂŒr die lokalen Umweltaktivisten sind Pressestimmen aus dem Ausland politisches Kapital. Wenn im Ausland JustizwillkĂŒr und politische Repressionen dokumentiert werden, nehmen das die regionalen Machthaber zur Kenntnis. FĂŒr sie ist das eine Warnung, dass sie sich mit Repressionen zurĂŒckhalten mĂŒssen.

Außerdem stelle ich in Tscheljabinsk nicht nur viele Fragen, die Aktivisten begegnen mir auch mit großer Neugier. Immer wieder soll ich erklĂ€ren, wie Ă€hnliche Konflikte in Deutschland ausgetragen werden. NatĂŒrlich erzĂ€hle ich und liefere ihnen damit den Beleg, dass das Handeln ihrer lokalen Machthaber nicht alternativlos ist und dass es in funktionierenden Rechtsstaaten anders zugeht.

Mehr als zwei Monate spĂ€ter, am 28. Mai gegen 21.30 Uhr, stehen plötzlich zwei Polizisten in unserer Wohnung in einem Petersburger Studentenwohnheim. Ohne AnkĂŒndigung, ohne Warnung. Wie so oft steht unsere TĂŒr offen, da es am Haupteingang eigentlich Kontrollen gibt. Ob sie einmal in meinem Zimmer mit mir sprechen könnten, fragen sie. Ich habe nicht das GefĂŒhl, eine Wahl zu haben.

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Die beiden setzen sich auf die einzigen StĂŒhle in meinem 14-Quadratmeter-Zimmer, ich setze mich aufs Bett. Einer der beiden trĂ€gt Uniform. Er stellt sich als Aleksandr Pawlowitsch Petrenko vor, Polizist der Migrationsbehörde. Der zweite trĂ€gt Zivil und nennt nur seinen Vornamen, an den ich mich aber nicht erinnere. Einen Dienstausweis zeigt er nicht. Er sei Praktikant, sagt er. Er ist mindestens Mitte dreißig und wirkt nicht wie ein AnfĂ€nger. Ich halte es fĂŒr wahrscheinlicher, dass er im Zentrum fĂŒr ExtremismusbekĂ€mpfung oder beim Geheimdienst FSB arbeitet.

Vorwurf: Visums-Missbrauch

Petrenko, der Mann in Uniform, will mein Visum sehen. Er erklĂ€rt, dass ich den Zweck meines Visums nicht missbrauchen dĂŒrfe. Auf meinem Visum steht: "Ausbildung". Er fragt, ob ich tatsĂ€chlich zu Ausbildungszwecken nach Russland gekommen sei. NatĂŒrlich, sage ich. Er weiß, dass ich Osteuropastudien studiere, aber ich sei in Sankt Petersburg an der philologischen FakultĂ€t eingeschrieben und hĂ€tte doch in Tscheljabinsk Interviews gefĂŒhrt. Philologen fĂŒhren keine Interviews, heißt das wohl.

Das wĂŒrde ausreichen, um mir Missbrauch des Visums anzulasten. Petrenko hat eine ausgedruckte DIN-A4-Seite von Paragraf 18.8 des russischen Verwaltungsgesetzbuches mitgebracht. Er liest mir Ausschnitte vor. Demzufolge können solche Vergehen mit einer Geldstrafe von bis zu 4.000 Rubel und mit Abschiebung bestraft werden.

"Nenn wenigstens einen Namen"

Tscheljabinsk: Die Stadt lebt von der Industrie.
Tscheljabinsk: Die Stadt lebt von der Industrie. (Quelle: Lukas Latz)

Damit ist aber noch nicht Schluss. Petrenko fragt mehrmals, was ich drei Tage in Jekaterinburg gemacht habe. Irgendwann sage ich, dass ich dort zum Teil Interviews vorbereitet hĂ€tte. Schon das gilt ihm als unerlaubte journalistische TĂ€tigkeit. Die Polizisten fragen auch nach GesprĂ€chspartnern. "Nenn wenigstens einen", sagt der Mann, der angeblich Praktikant ist. Ich ĂŒberlege, wem ich am wenigsten schade. Schließlich nenne ich den Namen der Chefredakteurin einer lokalen Nachrichtenseite.

WĂ€hrend er am Schreibtisch sitzt, lĂ€sst Petrenko seine Zigarettenpackung auf den Boden fallen. Ich gebe sie ihm zurĂŒck. Das erinnert mich daran, dass die russische Polizei immer wieder Unschuldigen Drogen unterschiebt. Wegen Drogenbesitzes kann man sie dann jahrelang in Strafkolonien stecken. Im Januar 2018 ist das dem tschetschenischen Menschenrechtsaktivisten Ojub Titjew passiert, der zu vier Jahren in der Strafkolonie verurteilt wurde, nach anderthalb Jahren aber auf BewĂ€hrung freigelassen wurde. Anfang Juni 2019 ist das dem Investigativjournalisten Iwan Golunow passiert, der aufgrund des hohen öffentlichen Drucks aber wieder freigelassen wurde.

Schließlich stellt mir Petrenko zwei Bußgeldbescheide ĂŒber je 2.000 Rubel aus, jeweils rund 28 Euro: einmal fĂŒr das FĂŒhren von Interviews in Tscheljabinsk – und einmal fĂŒr das Vorbereiten von Interviews in Jekaterinburg. Wer innerhalb eines Jahres zwei visumbezogene Ordnungswidrigkeiten begeht, gegen den kann man eine fĂŒnfjĂ€hrige Einreisesperre verhĂ€ngen. Zu diesem Zeitpunkt weiß ich das nicht. Ich will nur keinen weiteren Ärger, akzeptiere die Geldstrafen, schreibe unter die Protokolle, dass ich meine Schuld eingestehe und keinen Übersetzer brauche. Ich werde zum ersten Mal hereingelegt.

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Um 23.30 Uhr verlassen die beiden MĂ€nner meine Wohnung. Petrenko sagte, ich solle am nĂ€chsten Tag um 12 Uhr zur Migrationsbehörde kommen, um die Strafe zu bezahlen. Aber er lĂ€dt mich nicht offiziell vor. Als er aufsteht, lĂ€sst er seine Zigarettenpackung auf meinem Schreibtisch liegen. Ich gebe sie ihm wieder zurĂŒck.

Auch die UniversitÀt beobachtet mich

Am nĂ€chsten Morgen ruft mich aus der SPbU Ksenia Kulemitschewa an. Sie ist an meiner FakultĂ€t fĂŒr die Betreuung von Austauschstudenten zustĂ€ndig. Freundlich, aber ohne ErklĂ€rung bittet sie mich, so schnell wie möglich in ihr BĂŒro zu kommen. Ich nehme ein Taxi und entscheide, nicht zur Migrationsbehörde zu gehen. Unterwegs ruft mich der Polizist Petrenko an. Er wird laut: "Was hĂ€ltst Du fĂŒr wichtiger? Die Untersuchungsorgane der russischen Föderation oder irgendeine Koordinatorin?" Er droht erneut mit Abschiebung.

In der UniversitÀt erzÀhlt Kulemitschewa, dass vor ungefÀhr einem Monat "eine bestimmte Abteilung der UniversitÀt" nach Dokumenten zu meiner Immatrikulation gefragt hÀtte. Offenbar eine Abteilung, die sich mit politischen Fragen beschÀftige: "Ich habe dann auch mal mithilfe von Google Translate gelesen, was Sie so auf Facebook geschrieben haben. Aber eigentlich fand ich es nicht schlimm. Sie kommen aus einem anderen Land und haben deshalb andere Ansichten."

Sie bittet mich, ein Papier zu unterschreiben: "Verhaltensregeln fĂŒr auslĂ€ndische Studenten", darin steht, dass exmatrikuliert werden kann, wer russisches Recht verletzt. Ich soll es zurĂŒckdatieren auf den 31. August 2018, an den Beginn meiner Zeit in Russland. Ich will nicht, dass sie Probleme bekommt, und unterschreibe. Ich werde zum zweiten Mal hereingelegt. Letztlich wird dieses zurĂŒckdatierte Dokument eine der Grundlagen fĂŒr meine Ausweisung.

An diesem Tag versuche ich insgesamt sieben Mal, im deutschen Konsulat in Sankt Petersburg anzurufen. Niemand hebt ab. Auch in den Tagen darauf nicht.

Extremismus-Vorwurf

Nach dem Treffen steige ich in ein Taxi, das mich zur Migrationsbehörde bringt. Die ist zu diesem Zeitpunkt offiziell geschlossen. Außer Petrenko sehe ich nur ein paar PutzkrĂ€fte.

Auf Petrenkos Schreibtisch liegt ein drei- oder vierseitiger Bericht ĂŒber mich, dessen letzte Seite ich kurz ĂŒberfliegen kann. Darin wird behauptet, dass ich im Oktober 2018 an "Demonstrationen gegen den FSB" teilgenommen habe. TatsĂ€chliche habe ich eine Demonstration, bei der Kritik am FSB geĂ€ußert wurde, beobachtet und ĂŒber Verhaftungen von Demonstranten etwas in meinem Blog geschrieben. In dem Bericht wird auch behauptet, dass ich in Jekaterinburg Zeit mit Umweltaktivisten verbracht hĂ€tte. Das ist falsch. Als Schlussfolgerung steht da, dass ich womöglich in Russland sei, um "tendenziöse Materialien zu verbreiten", was absurd ist. Wer das Dokument geschrieben hat, kann ich nicht erkennen. Unterschrieben ist es von einem "Natchalnik", irgendeinem Leiter oder Chef.

Auf seinem Smartphone zeigt mir Petrenko einen Artikel auf der Internetseite der deutschen Wochenzeitung "Jungle World" – meine Reportage ĂŒber das Kupferbergwerk in Tscheljabinsk. Er hat sogar eine Übersetzung, die nicht von Google Translate stammt. Wer sie gemacht hat, sagt er nicht. Anhand der Übersetzung beginnt er, mit mir ĂŒber einzelne Passagen zu diskutieren. Davon besitze ich eine Tonaufnahme.

Er wirft mir unter anderem vor, extremistische Inhalte zu rechtfertigen, was ein schwerwiegender Vorwurf in Russland ist. Wer in sozialen Netzwerken in Russland Inhalte teilt, die russische Sicherheitsbehörden als extremistisch einstufen, dem drohen hohe Geldstrafen oder gar mehrwöchige Haftstrafen.

"Warum hast du geschrieben, dass Stop GOK extremistisch ist?", sagte Petrenko. Stop GOK heißt die Kampagne gegen das Kupferbergwerk am Stadtrand von Tscheljabinsk.

"Ich habe das nicht geschrieben."

Er zeigt auf einen Satz aus der Übersetzung meiner Reportage: "In den lokalen Medien wird Stop GOK als Bewegung von Extremisten und StraftĂ€tern dargestellt."

"Da steht nicht, dass Stop GOK extremistisch ist", sage ich. Minutenlang drehte sich das GesprÀch um diesen einen Satz.

Leben unter Beobachtung

Ein Aktivist in Tscheljabinsk: Die Bewegung kÀmpft seit vielen Jahren gegen ein geplantes Bergwerk.
Ein Aktivist in Tscheljabinsk: Die Bewegung kÀmpft seit vielen Jahren gegen ein geplantes Bergwerk. (Quelle: Lukas Latz)

Dreimal bitte ich ihn, mich gehen zu lassen. "Warte noch kurz", antwortet Petrenko dann, oder er stellt eine weitere Frage. Irgendwann stehe ich auf. Zusammen gehen wir zum Ausgang. Er kontrolliert erneut meine Papiere. "Sehen wir uns noch mal?", fragt er zum Abschied.

Nach diesem Tag muss ich davon ausgehen, dass entweder das Zentrum fĂŒr ExtremismusbekĂ€mpfung oder der Geheimdienst FSB ein Auge auf mich geworfen haben.

Vor den Verhören hatte ich geplant, eine russischsprachige Übersetzung meiner Tscheljabinsk-Reportage zu veröffentlichen. Jetzt zögere ich. Zwei Tage spĂ€ter stelle ich sie doch in meinen Blog. Ich mache das in erster Linie, um im GesprĂ€ch mit meinen Quellen in Tscheljabinsk zu bleiben: Aus GrĂŒnden der Transparenz. Damit sie wissen, was ich ĂŒber sie geschrieben habe. Damit sie mich eventuell auf Fehler hinweisen können. Ich mache es auch, weil Russen es stets interessiert, wie AuslĂ€nder auf ihr Land blicken.

Über die Verhöre und ĂŒber die Geldstrafe schreibe ich zudem einen Bericht fĂŒr die russische Internetseite ovdinfo.org. Dort werden Informationen zu politischen Repressionen gesammelt. Der Blick auf andere FĂ€lle zeigt mir, dass es klĂŒger ist, sich mit allen Mitteln zu wehren, als schweigend zu hoffen, dass einen der Staat einfach in Ruhe lĂ€sst. Außerdem will ich mein Handeln nicht von Angst leiten lassen, als deutscher StaatsbĂŒrger droht mir sowieso weniger Gefahr. Aber dadurch wird die Angst erst einmal grĂ¶ĂŸer.

Im RĂŒckblick wĂŒrde ich sagen, die Entscheidung war richtig. Ohne die Veröffentlichungen hĂ€tte es wahrscheinlich keinen Skandal um meine Ausweisung gegeben. Sie wĂ€re gerĂ€uschloser ĂŒber die BĂŒhne gegangen.

Fotos meines Zimmers

Durchsuchung des Protestcamps in Archangelsk: Die Sicherheitsbehörden ĂŒberwachen die UmweltschĂŒtzer.
Durchsuchung des Protestcamps in Archangelsk: Die Sicherheitsbehörden ĂŒberwachen die UmweltschĂŒtzer. (Quelle: Lukas Latz)

Anfang Juni plane ich fĂŒr meine Masterarbeit eine weitere Recherchereise in ein Moorgebiet im russischen Norden, im Archangelsker Oblast. Im Sommer 2018 hatten der Gouverneur der Region Archangelsk und der Moskauer BĂŒrgermeister vereinbart, in einem Moorgebiet im SĂŒdosten der Region eine 3.000 Hektar große MĂŒllhalde fĂŒr Moskauer AbfĂ€lle zu bauen. Von den PlĂ€nen hatte die lokale Bevölkerung nur zufĂ€llig erfahren, als dort Wald gerodet wurde. Die Archangelsker halten das Projekt fĂŒr sehr gefĂ€hrlich. Auf der Baustelle errichteten sie ein Protestcamp. Monatelang blockierten sie die Benzinzufuhr fĂŒr die Baustelle.

Vor der Abreise mache ich Fotos von der Ordnung in meinem Zimmer, um nach meiner RĂŒckkehr feststellen zu können, ob es durchsucht wurde. Ich vermeide es, Aktivisten aus Archangelsk zu kontaktieren, um nicht meine ReiseplĂ€ne zu verraten.

Am intensivsten wird die Angst immer dann, wenn ich nichts zu tun habe. Zum Beispiel beim Warten auf den Zug. Am Ladogaer Bahnhof in Sankt Petersburg macht mich die hohe PolizeiprĂ€senz nervös – eigentlich normal an russischen Bahnhöfen. Vor der Abfahrt des Zuges schalte ich mein Handy aus. Dann verkrieche ich mich in die dunkelste Ecke eines CafĂ©s. Da ich beim Kauf des Tickets meine Reisepassdaten angegeben habe, dĂŒrfte die Polizei wissen, wohin ich fahre. Ich habe keine genaue Vorstellung, was mir passieren könnte. Ich stelle mir also erst recht alles Mögliche vor.

Mit Stalinisten im Moor

Polizisten und Demonstranten in der Region Archangelsk: In einer Sumpflandschaft in der Taiga soll eine MĂŒllhalde gebaut werden.
Polizisten und Demonstranten in der Region Archangelsk: In einer Sumpflandschaft in der Taiga soll eine MĂŒllhalde gebaut werden. (Quelle: Lukas Latz)

In dem Camp zelten 50 bis 60 Menschen. Die Protestbewegung besteht aus Liberalen, eher unpolitischen Menschen, Stalin-Verehrern, antisemitischen Nationalisten und GlĂ€ubigen, die gemeinsam ihre Heimat verteidigen. WĂ€hrend sie an Wachtposten Schichten schieben, streiten sie ĂŒber die Bedeutung Stalins fĂŒr die russische Geschichte, ĂŒber Kapitalismus und ĂŒber die Frage, ob es menschliche Rassen gibt. Trotzdem gehen sie respektvoll miteinander um.

TĂ€glich gibt es Festnahmen, Aktivsten werden zu Geldstrafen verurteilt. Die Polizisten, deren Gesichter zumeist von Sturmmasken verhĂŒllt sind, laufen mehrmals tĂ€glich Patrouille durch das Zeltlager. Die Aktivisten begleiten sie höhnisch mit Akkordeonliedern.

Eine Woche nach meiner RĂŒckkehr nach Sankt Petersburg erreicht mich eine E-Mail meiner UniversitĂ€t. Betreff: "Dismissal from SPbU". Darin steht auf Englisch: "Mit diesem Schreiben informieren wir Sie, dass Sie durch den offiziellen Befehl Nr. 7192/3 von der Staatlichen UniversitĂ€t Sankt Petersburg exmatrikuliert sind. 
 In Anbetracht dessen 
 sind Sie verpflichtet, RUSSLAND INNERHALB VON SIEBEN TAGEN nach dem Erlass des Befehls ZU VERLASSEN."

Meine Ausweisung schlÀgt hohe Wellen

Polizist in Schies, Region Archangelsk: Die SicherheitskrÀfte vermummen sich immer wieder, wenn sie die Aktivisten kontrollieren.
Polizist in Schies, Region Archangelsk: Die SicherheitskrÀfte vermummen sich immer wieder, wenn sie die Aktivisten kontrollieren. (Quelle: Lukas Latz)

Ich beschließe, das Land zu verlassen, bevor ich es noch einmal mit der Polizei zu tun bekomme. Aber ich telefoniere noch mit einem Redakteur des Radiosenders Echo Moskau. Schnell geht die Nachricht von meiner Exmatrikulation und der Ausweisung durch die russischsprachige Welt.

Mein Fall wird innerhalb von Stunden zum StadtgesprĂ€ch in Sankt Petersburg. In Deutschland stellt man sich Russland oft als Land vor, in dem es keine Opposition gibt. Das ist falsch. Bekannte fragen, wie sie helfen können, Medien wollen Interviews. Am nĂ€chsten Morgen bitte ich auf meiner Facebook-Seite, an die verantwortlichen Stellen der SPbU zu schreiben, nach den GrĂŒnden meiner Exmatrikulation zu fragen und Sorge um den Zustand der Wissenschaftsfreiheit an der UniversitĂ€t zu bekunden. Der Aufruf wird fast 450 Mal geteilt.

Am Tag vor meiner Abreise erkennt mich in meinem Viertel jemand auf der Straße. Er heiße Artjom, wir hĂ€tten mal zusammen Fußball gespielt. Er habe von meiner Ausweisung gehört, erzĂ€hlt er. Ich erzĂ€hle ihm, dass ich am nĂ€chsten Morgen das Land verlasse. "Dann hast du wohl keine Zeit, heute Abend zum Fußballplatz zu kommen, oder?", fragt Artjom. Aber warum eigentlich nicht?

Ich gehe hin. Auf dem Bolzplatz in dem Stadtteil Wassiljewski-Insel spielen circa 25 Jungen, die meisten im Teenageralter. Als ich zum Platz gehe, hören sie auf zu spielen. Fast alle applaudieren.

Die AlltÀglichkeit des PrÀzedenzlosen

Am nĂ€chsten Morgen, dem Tag meiner Abreise, bin ich noch zu Gast in einer Live-Radiosendung der Petersburger Station von Echo Moskau. Ich rede mich in Rage ĂŒber die mangelnde Rechtsstaatlichkeit im Land, ĂŒber die arbitrĂ€re Macht von Polizei und Geheimdiensten, ĂŒber den politischen Stillstand im Land. Trotz aller Angst macht das jetzt, ehrlich gesagt, auch großen Spaß. Als mich der Moderator Sergej Karermasow fragt, ob ich nach Russland zurĂŒckkommen will, muss ich an die UnterstĂŒtzung und Empathie denken, die ich in den letzten Tagen erfahren habe. Ich breche kurz in TrĂ€nen aus. "Meine Mama hat mir gerade eine SMS geschrieben", sagt er kurz darauf: "Sie sendet dir UnterstĂŒtzung."

Im Russischen gibt es ein prĂ€gnantes Wort – бДспрДЎДл (gesprochen: bespredel) –, das sich nur umstĂ€ndlich mit "skandalöser, prĂ€zedenzloser Vorgang" ĂŒbersetzen lĂ€sst. Ich weiß, dass meine Verhaftung бДспрДЎДл wĂ€re, dass ich wahrscheinlich nichts zu befĂŒrchten habe. Russland ist mich ja bald los. Aber skandalöse, prĂ€zedenzlose VorgĂ€nge sind Teil des russischen Alltags. In politischen Diskussionen hört man stĂ€ndig, wie jemand ĂŒber ein бДспрДЎДл flucht. Bis zu meiner Abreise bleibe ich deshalb nervös.

Einreiseverbot

Am Bahnhof umarmt mich eine Ă€ltere Frau, die mich morgens im Radio gehört hat. Sie schenkt mir KĂŒhlschrankmagnete mit Bildern von Petersburger SehenswĂŒrdigkeiten und zeigt Bilder von ihrem Vater, der in deutscher Kriegsgefangenschaft war. бДспрДЎДл bleibt mir erspart. Ich steige kurz vor 15.30 Uhr in den Zug nach Helsinki und passiere anderthalb Stunden spĂ€ter die russisch-finnische Grenze. Es ist der 17. Juni 2019 und ich habe Russland verlassen.


Eine Woche spĂ€ter erfahre ich ĂŒber einen Internetservice des russischen Innenministeriums, dass gegen mich ein Einreiseverbot verhĂ€ngt wurde. Bis Anfang August, wĂ€hrend ich den Text schreibe, weiß ich nicht, wie lang sie gilt. Auf Nachfrage erklĂ€rt mir das Innenministerium jetzt, dass ich bis zum 06. Juni 2023 nicht einreisen darf.

Die Auskunft des Innenministeriums lÀsst anklingen, dass die russischen Behörden mich schon sehr sehr viel lÀnger im Blick hatten, als ich dachte.

In der ErklĂ€rung wird auf das Gesetz ĂŒber die "Ein- und Ausreiseordnung" verwiesen. Demzufolge wird einem AuslĂ€nder die Einreise fĂŒnf Jahre lang verboten, wenn er "im Laufe eines Jahres zweimal oder hĂ€ufiger zu einer administrativen Strafe verurteilt wurde (...)."

Allerdings wird mir auch mitgeteilt, die Einreisesperre gelte bereits seit dem 12. September 2018. Zu dem Zeitpunkt war ich aber gerade zwei Wochen im Land. Es ist mir ein RÀtsel, welche Ordnungswidrigkeiten ich bis dahin begangen haben soll. Verurteilt wurde ich auf jeden Fall nicht. Oder man hat es mir nicht mitgeteilt. Kurioserweise erhielt ich trotz angeblichem Einreiseverbot spÀter eine regulÀre VerlÀngerung meines Visums.

Die einzige mögliche ErklĂ€rung fĂŒr das Datum, die mir einfĂ€llt: Am 9. September war ich auf einer nicht genehmigten Demonstration gegen die Erhöhung des Renteneintrittsalters. Allerdings hatte ich wĂ€hrend und nach der Demo keinen Kontakt zur Polizei.

So oder so: Ich darf fĂŒnf Jahre lang nicht nach Russland einreisen. Sollte ich es trotzdem tun, drohen mir eine Geldstrafe von circa 4.000 Euro oder bis zu vier Jahre GefĂ€ngnis.

Offenlegung: Lukas Latz, 26, arbeitet als Journalist und war vor seiner Zeit in St. Petersburg studentischer Mitarbeiter von t-online.de.

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