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Corona-Pandemie: Warum Afrika einen Trumpf im Kampf gegen Covid-19 hat

Corona-Pandemie  

Afrika hat im Kampf gegen Covid-19 einen Trumpf in der Hand

Von David Ruch

02.07.2020, 09:30 Uhr
Corona-Pandemie: Warum Afrika einen Trumpf im Kampf gegen Covid-19 hat. Menschen warten vor einer Essensausgabe in Johannesburg: Südafrika ist das Land mit den meisten registrierten Infizierten auf dem Kontinent. (Quelle: imago images/Xinhua)

Menschen warten vor einer Essensausgabe in Johannesburg: Südafrika ist das Land mit den meisten registrierten Infizierten auf dem Kontinent. (Quelle: Xinhua/imago images)

Im Frühjahr war die Sorge groß, Afrika könnte schon bald ein Hotspot der Corona-Pandemie werden. Doch bislang ist es auf dem Kontinent weniger schlimm gekommen als befürchtet. Warum?

Vor knapp zwei Monaten warnte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor einer hohen Zahl von Opfern durch die Corona-Pandemie in Afrika. Sollten Maßnahmen der Eindämmung scheitern, könnten in diesem Jahr bis zu 190.000 Menschen an der Krankheit Covid-19 sterben, jeder vierte der 1,3 Milliarden Einwohner des Kontinents drohe sich zu infizieren, sagte die Afrika-Leiterin der WHO, Matshidiso Moeti.

Bislang scheint dieses Katastrophenszenario noch nicht einzutreten. Afrika meldete bis Mitte der Woche etwa 405.000 positive Tests auf das Coronavirus, rund 10.000 Menschen sind nach einer Infektion verstorben. Im Vergleich zu Europa, wo bisher über zwei Millionen Fälle registriert wurden und deutlich mehr als 150.000 Menschen starben, sind diese Zahlen überschaubar. In Deutschland etwa mit seinen gut 82 Millionen Einwohnern gibt es rund 195.000 nachgewiesene Fälle und knapp 9.000 Todesopfer.

Was also sagen diese Zahlen aus? Geben sie das tatsächliche Ausmaß der Pandemie in Afrika wieder? Bilden sie ab, was die oft schwachen Gesundheitssysteme nun an zusätzlicher Belastung tragen müssen?

Afrika hatte anfangs Glück

James Elder vom UN-Kinderhilfswerk Unicef in Nairobi warnt davor, den Blick allein auf Fall- und Opferzahlen zu richten. "Das eine sind die auf Covid-19 zurückgeführten Todesfälle. Das andere ist die gestiegene Sterblichkeit in vielen Ländern", sagt er zu t-online.de. "Das rührt daher, dass die Gesundheitssysteme überlastet sind, hat aber auch mit den Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus zu tun."

Afrika hatte anfangs Glück: Das Coronavirus breitete sich später auf dem Kontinent aus als anderswo. Als SARS-CoV-2 im Frühjahr in Südeuropa wütete und über fast die gesamte EU strikte Ausgangsbeschränkungen verhängt wurden, blieb das Infektionsgeschehen in den meisten afrikanischen Ländern noch überschaubar. Aus Sorge, bald selbst von einer Infektionswelle überrollt zu werden, reagierten die Regierungen rasch und verhängten teils strikte Maßnahmen. Uganda machte die Schulen dicht, als noch kein einziger bestätigter Corona-Fall im Land bekannt war. Andere zogen nach, stoppten den Flugverkehr, oder verboten wie Südafrika den Verkauf von Alkohol und das Joggen.

"Viele Länder haben unmittelbar die Mobilität eingeschränkt, großflächig und nah an der Bevölkerung mit Gesundheitsaufklärung begonnen, nach Möglichkeiten gesucht, die Laborkapazitäten zu erweitern, Screening-Stellen eingerichtet, und Kontakte nachverfolgt", erläutert Anna Kühne, die als epidemiologische Beraterin für Ärzte ohne Grenzen tätig ist, gegenüber t-online.de. "Das sind alles Bausteine, die für eine gute Reaktion auf einen Ausbruch wichtig sind." Zusammengenommen, so Kühne, könnten sie zu der Verschnaufpause, die Afrika gerade erlebe, beigetragen haben.

Ausgangsbeschränkungen bedrohen Existenzen

Das heißt allerdings nicht, dass die Krise in Afrika nicht da wäre. Im Gegenteil: Die wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen sind schon jetzt erheblich. Weil über 80 Prozent der Menschen im informellen Sektor, also ohne staatliche Regulierung und Schutz, meist aber für eine schlechte Bezahlung arbeiten und auf jedes noch so kleine Einkommen angewiesen sind, treffen sie die Ausgangsbeschränkungen besonders hart. Und das Gesundheitswesen der meisten Länder ist kaum imstande, eine zusätzliche Belastung wie aktuell zu schultern.

"Wir wissen von Fällen, dass kranke Menschen keine Behandlung in den Kliniken bekommen haben. Wir wissen auch von schwangeren Müttern, die wegen der strikten Auflagen ihre Häuser nicht verlassen durften, und verstorben sind. Anderen fehlte schlicht das Geld für die Fahrt in die Klinik", schildert Elder die Lage in Ostafrika.

Impfprogramme gegen Masern gestoppt

Aber nicht nur für die Erwachsenen, auch für die Kinder sei die Lage sehr belastend, hebt der Unicef-Mitarbeiter hervor. "Rund 120 Millionen Kinder können derzeit nicht zur Schule gehen, weil diese geschlossen sind. Damit fehlt ihnen nicht nur der Unterricht, sondern auch die gesundheitliche Aufklärung, die jetzt besonders wichtig wäre." Erschwerend komme hinzu, dass Impfprogramme gegen Masern gestoppt worden seien, weil die Mittel für den Kampf gegen Covid-19 gebraucht würden.

Einwohner der Slum-Siedlung Kibera in Nairobi auf dem Weg zur Arbeit: Die allermeisten Menschen auf dem Kontinent können sich ein Zuhausebleiben nicht leisten. (Quelle: imago images/Zuma Wire)Einwohner der Slum-Siedlung Kibera in Nairobi auf dem Weg zur Arbeit: Die allermeisten Menschen auf dem Kontinent können sich ein Zuhausebleiben nicht leisten. (Quelle: Zuma Wire/imago images)

Auch das Deutsche Rote Kreuz beobachtet die Situation mit großer Sorge. Die meisten Familien hätten wegen der Einschränkungen des öffentlichen Lebens empfindliche Einkommensverluste zu tragen und bräuchten nun ihre Reserven auf. "Schwierig ist die Lage insbesondere für die Menschen, die in beengten Unterkünften leben, die Hygienevorgaben wie Händewaschen nicht einhalten können, da sie ungenügend Wasser haben, oder das 'social distancing' nicht einhalten können, da der Wohnraum sehr knapp ist", erklärt DRK-Pressereferentin Katharina Puche gegenüber t-online.de.

Die Zahlen steigen

In den letzten Tagen zog das Tempo der Virusausbreitung in Afrika deutlich an. Es hatte 98 Tage gedauert, bis 100.000 Menschen nachweislich infiziert waren. Weitere 18 Tage später wurde die 200.000-Marke geknackt. Zwölf Tage später, am 21. Juni, waren es schon über 300.000 Fälle. Am Mittwoch, noch einmal zehn Tage später, waren es dann mehr als 400.000.

Handhygiene vor der Taxifahrt: Gesundheitsbeauftragte stellen in vielen Ländern Afrikas, auch in Uganda, essenzielle Gesundheitsdienstleistungen zur Verfügung. (Quelle: imago images/Xinhua)Handhygiene vor der Taxifahrt: Gesundheitsbeauftragte stellen in vielen Ländern Afrikas, auch in Uganda, essenzielle Gesundheitsdienstleistungen zur Verfügung. (Quelle: Xinhua/imago images)

Am stärksten betroffen ist Südafrika mit rund 150.000 Infektionen und 2.600 Toten. Allerdings testet auch kaum ein Land in Afrika dichter. Die Aussagekraft der Zahlen aus den anderen Ländern darf zumindest angezweifelt werden. Epidemiologin Anna Kühne weist auf die eingeschränkte Gesundheitsversorgung in vielen Ländern hin und auf die oft mangelnden Testkapazitäten. "Es kann sein, dass wir bisher noch nicht das volle Ausmaß der Pandemie in den afrikanischen Ländern sehen", sagt sie deshalb.

Erfahrung im Kampf gegen Epidemien

Viele Länder unternehmen nun große Anstrengungen, die Testungen auszubauen. Ihnen kommt dabei zugute, dass sie in den zurückliegenden Jahren viel Erfahrung im Kampf gegen hochinfektiöse Krankheiten sammeln konnten. Das haben sie den Ländern Europas oder Nordamerikas voraus.

Kühne erläutert, viele afrikanische Staaten könnten auf Strukturen zurückgreifen, die bereits bei anderen Ausbrüchen zum Einsatz kamen. Es gebe ein Überwachungssystem für Infektionskrankheiten, mit dem Fälle identifiziert und zusammengetragen werden können. Zudem gebe es Laborkapazitäten und Logistik für den Probentransport, die nun den Anforderungen der Corona-Pandemie angepasst würden, darüber hinaus erfahrenes Personal.

Arbeiter desinfizieren eine Straße in Casablanca: Die Länder Afrikas versuchen mit verschiedenen Mitteln, die Pandemie zu stoppen. (Quelle: imago images/Xinhua)Arbeiter desinfizieren eine Straße in Casablanca: Die Länder Afrikas versuchen mit verschiedenen Mitteln, die Pandemie zu stoppen. (Quelle: Xinhua/imago images)

Ein weiterer wichtiger Baustein seien die Community Health Worker, also Gesundheitsbeauftragte in den Gemeinden, die es in vielen afrikanischen Ländern gebe. Diese Helfer, erläutert Kühne, bieten auf lokaler Ebene einfache Gesundheitsleistungen an, überweisen Patienten in die Kliniken, leisten gesundheitliche Aufklärung und halten vor allem den Dialog mit den starken Gemeindestrukturen aufrecht. Kenia etwa, so erklärt James Elder von Unicef, schult derzeit 60.000 zusätzliche Helfer für den Einsatz in der Corona-Krise.

Die internationale Hilfe läuft weiter

Bei aller Dramatik bedeutet die aktuelle Notsituation für die Hilfsorganisationen auch so etwas wie Routine. Die Herausforderungen mögen wegen des hohen Infektionsschutzes diesmal schwierig sein. Doch die Versorgung läuft weiter – teilweise sogar noch intensiver als vor der Pandemie, erklärt Katharina Puche vom DRK. Das Hauptaugenmerk der Mitarbeiter, die allesamt vor Ort geblieben seien, sei nun auf die Eindämmung der Pandemie gerichtet. In Äthiopien würden Handwascheinrichtungen an öffentlichen Plätzen zur Verfügung gestellt, in Uganda werde der Zugang zu Trinkwasser für die Flüchtlinge gewährleistet.

"Wir erreichen immer noch Millionen Menschen mit unserer Hilfe", betont auch James Elder von Unicef. "Die Versorgungsnetzwerke funktionieren, die Kommunikation mit den Behörden klappt. Wir können so eine Grundversorgung für viele Menschen sicherstellen. Und oft reicht es auch schon, den Menschen etwas Geld zu überbringen. Mit zehn Euro kommt eine Mutter durch den ganzen Juli."

Eher Langstreckenlauf als Sprint

Afrika verfügt also über Ressourcen und Know-how, und hat auch die internationale Unterstützung, um diese Krise meistern zu können. Doch der Kampf wird ein zäher und langwieriger sein, erwartet Anna Kühne von Ärzte ohne Grenzen: "Die Tatsache, dass bisher weniger Fälle als erwartet auf einmal aufgetreten sind, heißt nicht, dass nicht sehr viele Fälle über einen langen Zeitraum zu erwarten sein können. Wir stellen uns deshalb eher auf einen Langstreckenlauf als auf einen Sprint ein."

Dass die Krise noch länger anhalten könnte, bereitet auch James Elder von Unicef Sorgen. "Das Leben der Menschen ist definitiv noch einmal härter geworden", sagt er. Er meint damit nicht allein die Armen, sondern auch die afrikanische Mittelschicht, die in den vergangenen Jahren stets gewachsen ist. Mit den wirtschaftlichen Folgen wachse auch auf sie der Druck. "Die große Gefahr, die sich sehe, ist einfach, dass die Krise Millionen weiterer Kinder in die Armut treibt."

Verwendete Quellen:
  • Gespräche mit Vertretern von Ärzte ohne Grenzen, Unicef und DRK
  • Mit Material der Nachrichtenagentur dpa
  • Eigene Recherche
  • weitere Quellen
    weniger Quellen anzeigen

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