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Russland: Experten entlarven Wladimir Putins Corona-Lügen

Entlarvende Daten  

Die dramatische Wahrheit hinter Putins Corona-Lügen

23.10.2021, 12:11 Uhr
Russland: Experten entlarven Wladimir Putins Corona-Lügen. Krankenhauspersonal in voller Schutzmontur auf dem Weg zu ihren Corona-Patienten in Wolgodonsk. (Quelle: imago images)

Krankenhauspersonal in voller Schutzmontur auf dem Weg zu ihren Corona-Patienten in Wolgodonsk. (Quelle: imago images)

Die vierte Welle der Corona-Pandemie spitzt sich in Russland dramatisch zu. Täglich steigen die Fall- und Todeszahlen. Unabhängige Forscher schlagen nun Alarm: Die offiziellen Zahlen des Kreml seien "erfunden". 

Unabhängige Experten erheben schwere Vorwürfe gegen die russische Regierung: Die vom Kreml veröffentlichten Daten zur Lage der Corona-Pandemie seien manipuliert. Die Zahl der Ansteckungen und der Todesfälle sei in Wahrheit viel höher. Das berichtet die "Washington Post". Die Kritik kam den Experten bereits teuer zu stehen: Mindestens drei Forscher wurden bereits entlassen oder sind auf Druck ihrer Vorgesetzten von ihren Posten in der Regierung oder an staatlichen Unis zurückgetreten.

Die offizielle russische Statistik weist rund 223.000 (Stand: 22. Oktober 2021) Corona-Tote aus. Doch laut dem unabhängigen Demografen Alexey Raksha ist diese Zahl viel zu niedrig: Seinen Berechnungen zufolge liegt die Corona-Übersterblichkeit – der wohl zuverlässigste Indikator für Todesfälle durch Sars-CoV-2 – tatsächlich bereits bei rund 750.000. Damit gäbe es also fast 500.000 Tote mehr.

Raksha stützte sich bei seinen Berechnungen auf Zahlen der russischen Statistikbehörde Rosstat. In einem Bericht der "Moscow Times" wurde die Zahl auf etwa 660.000 geschätzt. Raksha geht von einer noch höheren Zahl aus: "Tatsächlich liegt die Übersterblichkeit jetzt bei durchschnittlich mehr als 2.000 Menschen pro Tag", so der Forscher. Er verlor im vergangenen Jahr seinen Job – die offizielle Statistikbehörde Rosstat hatte ihn entlassen. Grund dafür war, dass die Meldebehörde Rospotrebnadzor offenbar Todesfallzahlen separat erfasste, die nicht in die offizielle Statistik eingingen. Raksha deckte den Fall auf.

Nischni Nowgorod: Ein Bestattungsunternehmer trägt einen Sargdeckel für einen an COVID-19 verstorbenen Patienten ins Infektionskrankenhaus.  (Quelle: dpa/Roman Yarovitcyn/AP)Nischni Nowgorod: Ein Bestattungsunternehmer trägt einen Sargdeckel für einen an COVID-19 verstorbenen Patienten ins Infektionskrankenhaus. (Quelle: Roman Yarovitcyn/AP/dpa)

Die Corona-Fälle in Russland stiegen zuletzt drastisch an. Binnen 24 Stunden wurden rund 37.000 neue Ansteckungen bestätigt und damit den zweiten Tag in Folge so viele wie noch nie seit Beginn der Pandemie, wie die Behörden mitteilen. 1.064 weitere Menschen starben im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion, der vierte Tagesrekord in Folge. Aber stimmt das auch?

Die Wissenschaftler werfen den Behörden laut "Washington Post" vor, die Statistiken zu manipulieren und damit die Eindämmung der Pandemie zu verhindern. Als Grund dafür sehen sie politische Ziele des Kreml, die keine Kritik an ihrer Pandemie-Kritik dulde. Demograf Alexey Raksha ist überzeugt: "Sie (die Behörden) erfinden einfach Zahlen, buchstäblich."

Auch der unabhängige Analyst und Biologe Alexei Kouprianov traut den offiziellen Darstellungen nicht. "Die Daten (für Russland) sind absolut unzuverlässig", so Kouprianov gegenüber der "Washington Post". 2020 gründete Kouprianov ein Expertengremium über die Sozialen Medien, um sich selbst ein Bild von der Pandemie zu machen. Wenig später verlor er seinen Job am St. Petersburger Campus der Higher School of Economics. 

"Ich entdeckte dieses seltsame Muster"

Aus den offenbar vom Kreml geschönten Zahlen ergibt sich ein weiteres Problem: Corona-Leugner in sozialen Medien nutzen die frisierten Statistiken, um Corona für beendet zu erklären und gegen das Impfen zu wettern. Doch mit gefälschten Daten lässt sich keine Pandemie bekämpfen  – früher oder später wird die russische Regierung das Problem heimsuchen. 

Auch die Wirtschaftswissenschaftlerin Tatiana Mikhailova glaubt den offiziellen Behörden in Russland nicht. Sie ist Expertin für Datenanalyse und arbeitete in der Russische Akademie für Volkswirtschaft und Öffentliche Dienst beim Präsidenten der Russischen Föderation (RANEPA). Sie entdeckte ein Muster im Corona-Meldesystem vieler russischer Regionen: Anstelle der bekannten Pandemiekurve schwankten die Gesamtfallzahlen in den regionalen Berichten stark. Die Zahlen für die größte Stadt in der Region stiegen an einem Tag an, während die Zahlen für den Rest der Region sanken – als ob die Stadt und die größere Region abwechselnd einen Anstieg erlebten.

"Ich entdeckte dieses seltsame Muster in vielen Regionen", so Mikhailova in der "Washington Post". So kam sie darauf, dass die offiziellen Angaben viel niedriger als die eigentlichen Zahlen sein müssen – und ging damit an die Öffentlichkeit. Auch Mikhailova ist mittlerweile ihren Job los: Auf Druck ihres Vorgesetzten hin trat die Datenanalystin von ihrem Posten in der Akademie zurück. Die Akademie hatte ihr verboten, Interviews zu geben. Sie habe es als ihre "Pflicht als Wissenschaftlerin" empfunden, ihre Enthüllungen zu veröffentlichen.

Russische Behörden hatten in offiziellen Statements immer wieder betont, dass sie die Pandemie besser im Griff habe als viele westliche Staaten. Die Wahrheit sieht düsterer aus: Mit 43 Millionen Russen, die nach Angaben des Gesundheitsministeriums am 14. Oktober vollständig geimpft waren, ist die russische Impfrate eine der niedrigsten der Welt. So schätzt es das britische Global Change Data Lab ein. Der Wert entspricht etwa 30 Prozent der 144,4 Millionen Einwohner.

Zum Vergleich: In den Vereinigten Staaten liegt die Impfquote bei 56 Prozent. In Deutschland sind 66,2 Prozent der Menschen vollständig geimpft.

Putin schließt Impfpflicht aus

Die Regierung sieht die Hauptursache für den Anstieg der Infektionen in der geringen Impfquote. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sagte Mitte Oktober, dass die Sterblichkeitsrate wegen der "inakzeptabel niedrigen Impfquote" hoch sei. Eine landesweite Impfpflicht werde es trotzdem nicht geben, versicherte Peskows Vorgesetzter, Präsident Wladimir Putin.

Die Menschen würden sich sonst gefälschte Bescheinigungen kaufen, argumentiert der Kremlchef. Es sei besser, sie davon zu überzeugen, dass eine Immunisierung besser sei, als an Corona zu erkranken. 

Angesichts der steigenden Zahlen verschärften die Behörden zuletzt die Corona-Beschränkungen. Putin ordnete für Anfang November eine arbeitsfreie Woche an. In der Hauptstadt Moskau müssen ab dem 28. Oktober alle Läden außerhalb des Alltagsbedarfs schließen. Nur Geschäfte wie Apotheken und Supermärkte dürfen offen bleiben. 

Wladimir Putin: Ihm wird vorgeworfen, die Pandemie nicht ernst genug genommen zu haben.  (Quelle: dpa/Maksim Blinov/Pool Sputnik Kremlin/AP)Wladimir Putin: Ihm wird vorgeworfen, die Pandemie nicht ernst genug genommen zu haben. (Quelle: Maksim Blinov/Pool Sputnik Kremlin/AP/dpa)

Bürgermeister Sergej Sobjanin schlug bereits öffentlich Alarm: "In Moskau hat sich das schlimmste Szenario bewahrheitet." Schulen und Kindergärten sollen deshalb ebenfalls schließen. Restaurants und Cafés dürfen Essen und Getränke nur zum Mitnehmen anbieten. Theater und Museen dürfen nur eingeschränkt öffnen. Alle Maßnahmen könnten notfalls verlängert werden, warnt Sobjanin.

"Die Krankenhäuser sind überlastet", zitiert die "Washington Post" den Vorsitzenden der unabhängigen Gewerkschaft der Beschäftigten im Gesundheitswesen, Andrej Konowal. In Jekaterinburg in Zentralrussland sollen Krankenwagenfahrer zu 24-Stunden-Schichten verdonnert worden sein, berichtet das unabhängige Medium "Znak". Und der russische Gesundheitsminister Michail Muraschko forderte pensionierte Ärzte auf, an ihre alten Arbeitsstellen zurückzukehren und auszuhelfen.

Hinzukommt die Gefahr durch eine neue Mutante der Corona-Variante Delta. Das Virus namens AY4.2 weise zwei zusätzliche Mutationen auf, die genau beobachtet werden müssten, teilte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit. Russland verzeichnete bereits erste Fälle, wie ein Vertreter der Verbraucherschutzbehörde Rospotrebnadsor laut Agentur Interfax sagte.

Ein Ende der Pandemie unter Putin ist also noch lange nicht in Sicht.

Verwendete Quellen:

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