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Das t├Âdliche Corona-Szenario

  • Patrick Diekmann
Von Patrick Diekmann, Mario Thieme

Aktualisiert am 27.11.2021Lesedauer: 5 Min.
Coronavirus: Die Lage in Deutschland spitzt sich weiter zu, nun wurde in S├╝dafrika auch noch eine neue Virusvariante entdeckt. (Quelle: Reuters)
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Deutschland k├Ąmpft aktuell mit der Delta-Variante, doch B.1.1.529 k├Ânnte noch viel gef├Ąhrlicher sein. Die europ├Ąischen L├Ąnder reagieren umgehend, aber S├╝dafrika ist von der Panik ├╝berrascht.

Francois Geldenhuys ist frustriert und ratlos. Der 32-j├Ąhrige S├╝dafrikaner lebt und arbeitet in Berlin. Seit zwei Jahren wartet er auf eine passende Gelegenheit, seine Familie in S├╝dafrika zu besuchen. "Ich lebe zwar hier, aber es gibt da noch ein anderes Leben in S├╝dafrika, dem ich Aufmerksamkeit geben muss", sagt er im Gespr├Ąch mit t-online. "Im vergangenen Jahr konnte ich aufgrund der Corona-Ma├čnahmen nicht nach Hause fliegen, deshalb wollte ich jetzt meine Familie besuchen." Nun ist Geldenhuys verunsichert, wei├č nicht, ob er fliegen und dann wieder in Deutschland einreisen kann ÔÇô er sei kein deutscher Staatsb├╝rger, habe aber eine Arbeitserlaubnis f├╝r Deutschland. Von der Politik w├╝nscht er sich nun vor allem eines: "Klarheit".

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Nach der Entdeckung der neuen Corona-Variante B.1.1.529 reagieren viele Regierungen in Europa besorgt, Fluglinien d├╝rfen nur noch deutsche Staatsb├╝rger und Menschen mit dauerhafter Aufenthaltserlaubnis aus S├╝dafrika nach Deutschland bringen. "Eine Reise macht f├╝r mich nur Sinn, wenn ich sicher sein kann, dass ich wieder zur├╝ckkommen kann", erkl├Ąrt Geldenhuys. Die Vorfreude auf ein Wiedersehen mit der Familie sei zwar gro├č, aber schlie├člich m├╝sse er auch wieder arbeiten. "Es war ein richtig hektischer Freitag. Das alles kam aus dem Nichts."

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Flughafen in Frankfurt am Main: Fluggesellschaften d├╝rfen nur noch deutsche Staatsb├╝rger aus S├╝dafrika einfliegen.
Flughafen in Frankfurt am Main: Fluggesellschaften d├╝rfen nur noch deutsche Staatsb├╝rger aus S├╝dafrika einfliegen. (Quelle: dpa-bilder)

Wie Geldenhuys wurden viele Reisende von den Ma├čnahmen nach der Entdeckung von B.1.1.529 ├╝berrascht. In S├╝dafrika gibt es derzeit viel weniger Neuinfektionen als in Deutschland, nach einer schlimmen dritten Corona-Welle im Juni konnte das Land Luft holen ÔÇô mit dem Fr├╝hling nahmen ab September auch die Covid-19-Erkrankungen deutlich ab. Daran hat bislang auch die neue Corona-Variante nichts ge├Ąndert.

Dennoch ist die Situation gef├Ąhrlich, besonders weil die Wissenschaft noch nicht viel ├╝ber B.1.1.529 wei├č. Momentan ist lediglich klar: Das, was bekannt ist, ist nicht gut. Noch gibt es keinen Grund f├╝r Panik, viele L├Ąnder reagieren aber pr├Ąventiv mit Vorsicht ÔÇô und zeigen damit, dass sie aus der bisherigen Pandemie gelernt haben. Im besten Fall ist ihre Reaktion auf die Variante eine ├ťbung ÔÇô eine ├ťbung f├╝r den Ernstfall.

Angst vor B.1.1.529 in Deutschland

F├╝r Vorsichtsma├čnahmen gibt es speziell in Deutschland viele Gr├╝nde. Das deutsche Gesundheitssystem ist schon im Angesicht der Delta-Variante arg in Bedr├Ąngnis. Die vierte Corona-Welle konnte bislang nicht gebrochen werden, die Sieben-Tage-Inzidenz liegt bei 444,3 (Stand: 27. November), viele Kliniken m├╝ssen schon jetzt Intensivpatienten verlegen und noch immer sind zu wenig Menschen geimpft. "Das Letzte, was uns jetzt noch fehlt, ist eine eingeschleppte neue Variante, die noch mehr Probleme macht", sagte der gesch├Ąftsf├╝hrende Gesundheitsminister Jens Spahn.

Auch mit Verweis auf die neue Variante forderten die Ministerpr├Ąsidenten Markus S├Âder und Michael Kretschmer schnellstm├Âglich eine deutliche Versch├Ąrfung der bundesweiten Corona-Ma├čnahmen ÔÇô S├Âder bef├╝rwortete eine bundesweite Impfpflicht. Deutschland steuert momentan schon aufgrund der Delta-Variante auf eine Katastrophe zu, dabei ist B.1.1.529 in Europa und auch in der Bundesrepublik noch nicht verbreitet.

Die Corona-Infektionszahlen in S├╝dafrika sind momentan noch niedrig: Trotzdem gelten bestimmte Ma├čnahmen wie eine Maskenpflicht noch immer.
Die Corona-Infektionszahlen in S├╝dafrika sind momentan noch niedrig: Trotzdem gelten bestimmte Ma├čnahmen wie eine Maskenpflicht noch immer. (Quelle: dpa-bilder)

B.1.1.529 k├Ânnte die Lage noch verschlimmern. Die Variante k├Ânnte ansteckender sein und bekannte Impfstoffe k├Ânnten weniger wirksam sein. Das ist das Varianten-Szenario, vor dem sich Experten f├╝rchten. Zwei M├Ąnner aus Hongkong, die sich mit der Mutante infiziert haben, weisen einem Forscher zufolge eine sehr hohe Viruslast auf.

Es br├Ąuchte wohl bis zu drei Monate, bis die Hersteller der mRNA-Impfstoffe ihre Vakzine anpassen k├Ânnten. Es w├Ąre eine neue Pandemie. Momentan gibt es aber schlichtweg zu wenig Erkenntnisse, um das sicher sagen zu k├Ânnen.

Experten warnen vor verfr├╝hter Panik

Derzeit k├Ânnen Experten nicht einmal mit Gewissheit sagen, ob die Variante aus S├╝dafrika kommt. In der s├╝dafrikanischen Provinz Gauteng, in der die Variante entdeckt wurde, steigen zwar die Fallzahlen rasant an, doch der direkte Zusammenhang mit B.1.1.529 ist noch nicht nachgewiesen. Deshalb warnen auch Experten vor Panik. "Es kann sein, dass ein Superspreader-Ereignis im Zusammenhang mit B.1.1.529 f├Ąlschlicherweise den Eindruck erweckt, dass (die neue Variante) Delta verdr├Ąngt", zitiert die Organisation Science Media Centre die britische Expertin Sharon Peacock.

Fest steht: Es wird in vielen L├Ąndern nicht ausreichend sequenziert. Mit dem Aufkommen von B.1.1.529 wird nun in S├╝dafrika viel mehr getestet werden, sodass ein Anstieg der Fallzahlen zu erwarten ist. Letztlich sind sich Virologen und Epidemiologen noch uneinig dar├╝ber, inwiefern die deutlichen Ver├Ąnderungen bei B.1.1.529 im Vergleich zu anderen bekannten Varianten des Coronavirus zu einer Schw├Ąchung des Impfschutzes f├╝hren. Au├čerdem ist unklar, ob sich die neu entdeckte Variante gegen├╝ber Delta in Europa durchsetzen wird.

"Nicht schon wieder wir"

Deshalb sind die Reisebeschr├Ąnkungen durch europ├Ąische L├Ąnder Vorsichtsma├čnahmen, die viele Reisende ├╝berraschend treffen ÔÇô das gilt auch f├╝r Deutsche in S├╝dafrika. "Ich habe Angst, auch wenn ich noch nicht alle Informationen ├╝ber die neue Virusvariante habe. Ich will nicht in S├╝dafrika festsitzen", sagt Richard zu t-online. Er ist gerade dort und wartet auf R├╝ckmeldung durch seine Fluggesellschaft. "Viele S├╝dafrikaner denken: Oh nein, nicht schon wieder wir. Warum gibt es ausgerechnet wieder in S├╝dafrika eine Mutante?"

Viele Menschen, die es gewohnt sind, mit Blick auf Inzidenzen die Gefahr zu erkennen, sind gegenw├Ąrtig ratlos in dem Land. Die Reaktion vieler europ├Ąischer L├Ąnder ist nach Ansicht des s├╝dafrikanischen Gesundheitsministers "unberechtigt". Bisher sei unklar, ob die Variante B.1.1.529 ansteckender sei als andere Varianten, sagte Joe Phaahla am Freitagabend w├Ąhrend einer virtuellen Pressekonferenz.

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Ma├čnahmen wie Einreiseverbote w├╝rden v├Âllig gegen existierende Normen und Standards der Weltgesundheitsorganisation (WHO) versto├čen, sagte Phaahla. Man habe mit den Mitteilungen am Donnerstag lediglich Erkenntnisse s├╝dafrikanischer Wissenschaftler schnellstm├Âglich teilen wollen. Auch sei ungekl├Ąrt, ob Corona-Impfstoffe gegen die neu entdeckte Virusvariante weniger wirksam sein k├Ânnten.

S├╝dafrika handelte transparent

S├╝dafrika verhielt sich nach Entdeckung der Variante vorbildlich. Die Beh├Ârden informierten umgehend internationale Institutionen, sodass viele L├Ąnder darauf reagieren konnten. Aber auch wenn B.1.1.529 gef├Ąhrlich ist und der Umgang mit dieser Variante zumindest eine ├ťbung, muss die internationale Gemeinschaft aufpassen, nicht falsche Anreize zu setzen. S├╝dafrika erlebt momentan die negativen Folgen der eigenen Transparenz, dabei ist es die Transparenz, die sich viele L├Ąnder beispielsweise von China in dieser Pandemie w├╝nschen.

Ein Junge bekommt eine Corona-Impfung: In S├╝dafrika sind bislang nur ├╝ber 23 Prozent der Bev├Âlkerung doppelt geimpft.
Ein Junge bekommt eine Corona-Impfung: In S├╝dafrika sind bislang nur etwas ├╝ber 23 Prozent der Bev├Âlkerung doppelt geimpft. (Quelle: dpa-bilder)

Wie in vielen anderen L├Ąndern auf dem afrikanischen Kontinent sind in S├╝dafrika noch zu wenig Menschen geimpft ÔÇô gerade mal 23 Prozent der Bev├Âlkerung wurde schon doppelt immunisiert. Das h├Ąngt auch damit zusammen, dass man sich anfangs auf den Impfstoff von Astrazeneca verlie├č, der gegen die erste s├╝dafrikanische Variante B.1.351 nur unzureichend wirkte. Letztlich gewinnen aber in vielen Entwicklungs- und Schwellenl├Ąndern die Impfkampagnen nicht an Fahrt, weil ein Gro├čteil der Impfstoffe in den Industriestaaten ist ÔÇô und ├Ąrmere Staaten viel zu wenig abbekommen.

Mehr als auf die Herdenimmunit├Ąt hofft S├╝dafrika deswegen auf den kommenden Sommer ÔÇô und darauf, dass B.1.351 nicht so ansteckend ist, wie einige Experten bef├╝rchten. Auch Francois Geldenhuys m├Âchte nun erst einmal auf Informationen warten. "Ich h├Ątte mir ein wenig mehr Zur├╝ckhaltung und weniger Panik gew├╝nscht", sagt der 32-J├Ąhrige. Er sei verwundert dar├╝ber, wie schnell das Thema so "unheimlich" geworden sei, obwohl es man noch gar nicht so viel wisse ÔÇô vor allem, weil S├╝dafrika so abh├Ąngig vom Tourismus sei. Dagegen hat Geldenhuys bislang nicht den Eindruck, dass seine Freunde und Familie in S├╝dafrika gro├če Angst vor der Variante haben. "Die sind geimpft und haben mehr Angst davor, dass ich nicht kommen kann", meint er.

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Eine Stunde nach dem Gespr├Ąch wird sein R├╝ckflug, der ihn nach seinem Besuch in S├╝dafrika wieder nach Deutschland bringen sollte, gestrichen.

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