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Letzter Ausweg Militär

  • Patrick Diekmann
Von Patrick Diekmann

Aktualisiert am 30.11.2021Lesedauer: 5 Min.
Bundeswehrsoldaten (Symbolbild): Die Bundeswehr spielt bei der Bekämpfung der Pandemie eine immer größere Rolle.
Bundeswehrsoldaten (Symbolbild): Die Bundeswehr spielt bei der Bekämpfung der Pandemie eine immer größere Rolle. (Quelle: /imago-images-bilder)
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Ein General soll den Corona-Krisenstab der künftigen Bundesregierung übernehmen. Hilft das? In zwei europäischen Ländern hat der Schritt auf unterschiedliche Weise gut funktioniert.

Im Kampf gegen die Corona-Krise stehen in Europa immer mehr Militärs in der Verantwortung. Plötzlich geben Generäle in Uniform die Pressekonferenzen zum Fortschritt der Impfkampagnen. Damit möchten die Regierungen ein klares Signal senden: Die Lage ist ernst, wir befinden uns im Krieg gegen ein gefährliches Virus.

Bundeswehrsoldaten in einer Impfstation in Stuttgart: Auch in Deutschland ist die Bundeswehr in zahlreichen Bereichen der Krisenbewältigung eingebunden.
Bundeswehrsoldaten in einer Impfstation in Stuttgart: Auch in Deutschland ist die Bundeswehr in zahlreichen Bereichen der Krisenbewältigung eingebunden. (Quelle: /dpa-bilder)

Auch in Deutschland soll der künftige Corona-Krisenstab im Kanzleramt von einem General, Carsten Breuer, geleitet werden. Seine Aufgaben: zwischen Bund und Ländern koordinieren und vor allem die Impfkampagne in Deutschland effizienter machen. Letzteres haben Militärs in Portugal und Italien bereits erfolgreich gemeistert.

Doch funktioniert das auch in Deutschland? In anderen Ländern genießen Militärs auf jeden Fall größeres gesellschaftliches Ansehen als in der Bundesrepublik. Kritiker wittern bei der Ernennung von Generalmajor Breuer schon einen rein symbolischen Akt.

General der Bundeswehr gegen Impfskepsis

Dabei hat die Bundeswehr längst viel Verantwortung in der Krise übernommen. Die Luftwaffe hilft bei der Verlegung von Intensivpatienten, Soldaten übernehmen administrative Aufgaben in Impfzentren und Gesundheitsämtern. Und auch der Krisenstab der scheidenden Regierung wird durch einen General geführt, auch wenn der öffentlich kaum in Erscheinung trat. Es handelt sich um Generalstabsarzt Hans-Ulrich Holtherm.

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Nun soll Generalmajor Carsten Breuer übernehmen. Der 56-Jährige leitet das Kommando Territoriale Aufgaben der Bundeswehr, das für Einsätze im Inland zuständig ist, also zum Beispiel bei Schnee- oder Hochwasserkatastrophen. Bereits seit 2020 koordiniert er die Aufgaben der Bundeswehr in der Pandemie wie den Einsatz von mehreren Tausend Soldaten in Gesundheitsämtern, Pflegeeinrichtungen oder Krankenhäusern.

In seiner Laufbahn diente Breuer zuvor in Afghanistan als Brigadegeneral und wurde später ins Verteidigungsministerium versetzt. Dort war er zunächst in der Abteilung für Sicherheitspolitik zuständig.

Kurz: Mit Breuer übernimmt ein neues Gesicht, auch wenn die Bundeswehr bislang schon stark in das Pandemie-Management involviert war. Ein rein symbolischer Akt muss seine Ernennung deshalb aber noch nicht sein. Auch in anderen Ländern haben Generäle medienwirksam Führungspositionen im Kampf gegen die Pandemie übernommen – so auch in Portugal oder Italien. Beide sind sehr erfolgreich.

Doch welchen Einfluss hatten die Generäle auf diese Erfolge? Ein Überblick:

Portugal (Impfquote: 87,8 Prozent): Die Politik tritt einen Schritt zurück

Portugal gilt als Musterbeispiel für eine erfolgreiche Impfkampagne. Zwar ist die Inzidenz im Land wieder auf 136 gestiegen, Booster-Impfungen werden nötig. Doch die Impfquote liegt bei knapp 88 Prozent in der Gesamtbevölkerung. 98 Prozent der über Zwölfjährigen sind geimpft, Portugal ist damit einsame Spitze.

Henrique Gouveia e Melo Cascais: Der ehemalige U-Boot-Kapitän gilt als Architekt der portugiesischen Impfstrategie.
Henrique Gouveia e Melo Cascais: Der ehemalige U-Boot-Kapitän gilt als Architekt der portugiesischen Impfstrategie. (Quelle: /imago-images-bilder)

Der Hauptgrund für diesen Erfolg ist – ähnlich wie in Spanien – das hohe Vertrauen der Menschen in das Gesundheitswesen und die Impfkampagne. Zwar wurde auch Portugal hart von den ersten Corona-Wellen getroffen, aber die Regierung pflegte eine offene und konsequente Kommunikation, um für die Impfstoffe zu werben. Das wurde von der Bevölkerung angenommen.

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Henrique Gouveia e Melo ist der Chefstratege dahinter. Der 60-Jährige war der Marine-Befehlshaber eines U-Bootes, galt als Spezialist für schwierige Situationen. Der Vizeadmiral trat oft in Tarnanzug und Springerstiefeln vor die Kameras. Als ihn Impfgegner als "Mörder" beschimpften, legte er sich mit den Demonstranten an. "Die Corona-Leugner sind die wahren Mörder", hielt er dagegen. Seine konsequente Linie gefiel einem Großteil der Bevölkerung.

So sehr, dass sich führende Politiker etwas zurückgenommen haben. Das hat sich ausgezahlt: Das Vertrauen in das Gesundheitssystem und in Gouveia e Melo, der die Galionsfigur der Impfkampagne war, trug maßgeblich zum Erfolg bei.

Italien (Impfquote: 72,9 Prozent): Ein General zentralisiert die Impfkampagne

In Italien sind knapp 73 Prozent der Bevölkerung doppelt geimpft. Das klingt zwar im Vergleich zu Portugal oder Spanien nicht viel, doch das Land erlebte einen Fehlstart beim Impfen. Die Zustände waren chaotisch, noch vor acht Monaten gab es nicht mal genug Nadeln für die Spritzen. Nun hat Italien im europaweiten Vergleich mehr Geimpfte, weniger Corona-Infizierte und weniger Schwerkranke als die meisten anderen Länder.

Das gilt vor allem als Erfolg von Francesco Figliuolo: Der Afghanistan-Veteran krempelte die Impfkampagne komplett um. Im Frühjahr wurde Figliuolo zum Covid-Sonderkommissar ernannt und punktete in der Bevölkerung seither vor allem mit einer klaren Haltung und verlässlichen Ansagen.

Seit September wird in Italien in großem Maßstab geboostert, nebenbei laufen auch die Erstimpfungen weiter. Impfstoff, Infrastruktur und sonstiges Material ließ Figliuolo früh bis über den kommenden Winter hinaus planen – die strikte Organisation funktioniert und das schafft Vertrauen.

Francesco Paolo Figliuolo übernahm im Frühjahr als italienischer Covid-Sonderkommissar: Seither hat er die Impfkampagne komplett umstrukturiert.
Francesco Paolo Figliuolo übernahm im Frühjahr als italienischer Covid-Sonderkommissar: Seither hat er die Impfkampagne komplett umstrukturiert. (Quelle: /imago-images-bilder)

General Figliuolo war Logistik-Spezialist im Kosovo und in Afghanistan. In Italien gilt er als "bester Mann für Krisenfälle". Ein weiterer wichtiger Schlüssel zum Erfolg: Die Impfkampagne wurde von ihm weitestgehend zentralisiert, obwohl in Italien eigentlich auch die Regionen zuständig sein. Am Anfang sei unter großer Anstrengung ein Netz an Impfzentren und das System der logistischen Verteilung aufgebaut worden, erklärte Figliuolo: "Und dann haben wir das Personal gewonnen, aus Freiwilligenorganisationen, der Armee, dem Zivilschutz und allen Kategorien des Gesundheitspersonals, denen ich immer dankbar sein werde."

Zwar sorgte das Auftreten des als eitel geltenden 60-Jährigen auch für Irritationen im Land. Seine Statements sind militärisch knapp, er trägt stets eine olivgrüne Uniform, seine Orden und einen spitzen Gebirgsjägerhut. Doch vielleicht machte ihn auch dieses exzentrische Auftreten zum Gesicht der Impfkampagne. "Ich hoffe, dass diese Uniform Vertrauen schafft", so Figliuolo. "Die Uniform ist für mich ein Symbol von 40 Jahren Einsatz, Leidenschaft und Stolz."

Applaus bekommt der General nicht nur aus allen politischen Lagern – was im gespaltenen Italien eine Besonderheit ist –, sondern auch aus der Bevölkerung. Mittlerweile sagen nur noch sieben Prozent aller Erwachsenen, dass sie sich auf keinen Fall impfen lassen wollen. Das ist auch ein Erfolg von Figliuolo.

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Beispiele für Deutschland?

Wichtig für den Erfolg der Impfkampagnen in Italien und Portugal waren demnach vor allem eine transparente Struktur, Vertrauen in der Bevölkerung und verlässliche Organisatoren an der Spitze, die nicht politisch motiviert falsche Versprechungen machten.

Hinzu kommt, dass Portugal und Spanien sehr hart von vorherigen Wellen getroffen wurden und in kurzen Zeiträumen zahlreiche Todesopfer und sehr harte Einschränkungen zu beklagen hatten. Das sorgte auch dafür, dass Militärs im Krieg gegen das Virus schnell akzeptiert wurden.

Trotz mittlerweile über 100.000 Todesopfern gab es diese katastrophalen Auswüchse in Deutschland bis zu der aktuellen Welle nicht. Außerdem hat die deutsche Bevölkerung ein eher gespaltenes Verhältnis zur Bundeswehr. Nach Jahren der Unterfinanzierung und Berichten über mangelhafte Ausrüstung ist der Respekt vor der Truppe in der öffentlichen Wahrnehmung eher gering. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier kritisierte vor zwei Wochen die "Sprachlosigkeit" vieler Deutscher gegenüber der Bundeswehr. Zuvor gab es eine kontroverse Debatte, ob Soldaten mit Fackelzügen vor dem Reichstagsgebäude geehrt werden sollten.

Aber: Im Frühjahr 2021 gaben 70 Prozent der Befragten in einer Umfrage des Online-Portals "Statista" an, dass sie der Bundeswehr vertrauen. Damit hat das Militär deutlich bessere Werte als alle politischen Parteien.

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Ob das reicht, um Impfskepsis zu besiegen und ein Bewusstsein für den Krieg gegen das Virus zu schaffen? Einen Effekt wie in Portugal oder Italien hätte Deutschland jedenfalls bitter nötig.

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