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TĂŒrkische Lira sinkt auf neues Rekordtief

Von dpa
Aktualisiert am 12.08.2018Lesedauer: 4 Min.
Recep Tayyip Erdogan: Die tĂŒrkische LandeswĂ€hrung ist auf einem Rekordtief.
Recep Tayyip Erdogan: Die tĂŒrkische LandeswĂ€hrung ist auf einem Rekordtief. (Quelle: Presidential Press Service/ap-bilder)
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Ein provokanter Trump-Tweet, kĂ€mpferische Erdogan-Reden und ein zu vages Rettungspaket fĂŒr die tĂŒrkische Wirtschaft – die Lira fĂ€llt und fĂ€llt.

Nach dem Absturz der tĂŒrkischen Lira in der vergangenen Woche hat der tĂŒrkische Finanzminister Berat Albayrak einen Aktionsplan fĂŒr die Banken und die Realwirtschaft angekĂŒndigt, um die MĂ€rkte zu beruhigen. Die Institutionen wĂŒrden am Montag die notwendigen Maßnahmen ergreifen und mit den MĂ€rkten kommunizieren, sagte der Minister in einem Interview der Zeitung "HĂŒrriyet". Der Aktionsplan und die Maßnahmen seien vorbereitet und fertig. Details nannte er nicht.

Derweil hat sich der Ton im Streit zwischen den Nato-Partnern TĂŒrkei und USA stark verschĂ€rft – mit schweren Folgen fĂŒr die tĂŒrkische Wirtschaft. Am Wochenende sprach der tĂŒrkische StaatsprĂ€sident Recep Tayyip Erdogan in mehreren kĂ€mpferischen Reden von "Kampagnen" gegen sein Land und griff die USA erneut scharf an.

"Ihr versucht, 81 Millionen TĂŒrken fĂŒr einen Pastor zu opfern, der Verbindungen zu Terroristen hat", sagte er – ohne die USA direkt zu erwĂ€hnen – am Sonntag in der Stadt Trabzon. "Aber wir haben euren Plot durchschaut und fordern euch heraus." Was die USA mit Provokation nicht geschafft hĂ€tten, versuchten sie nun mit Geldpolitik zu erreichen. Es sei "ganz klar ein Wirtschaftskrieg".

Im Zentrum der AffĂ€re steht der Streit um zwei Geistliche. Die USA fordern die Freilassung des US-Pastors Andrew Brunson, der wegen TerrorvorwĂŒrfen in der TĂŒrkei festgehalten wird. Die TĂŒrkei wiederum will, dass die USA den dort lebenden tĂŒrkischen Prediger Fethullah GĂŒlen ausliefern, diesen macht Erdogan fĂŒr den Putschversuch von 2016 verantwortlich.

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Nach der Eskalation des Streits in den vergangenen Wochen hatte US-PrĂ€sident Donald Trump per Twitter die Verdoppelung der Strafzölle auf Stahl- und Aluminiumimporte aus der TĂŒrkei verkĂŒndet. Die tĂŒrkische Lira brach danach teilweise um fast 20 Prozent ein. FĂŒr einen Dollar wurden zeitweise 6,87 Lira fĂ€llig. Zu Anfang des Jahres waren es noch 5 Lira.

  • Lira fĂ€llt weiter: TĂŒrkischen Banken könnte bald die Puste ausgehen

Insgesamt hat die WĂ€hrung seit Jahresbeginn zum Dollar mehr als 70 Prozent an Wert verloren, zum Euro rund 61 Prozent. Stahl aus der TĂŒrkei wird in den USA nun bereits von diesem Montag an mit Abgaben in Höhe von 50 Prozent statt bislang 25 Prozent belegt. Die Strafzölle auf Aluminium aus der TĂŒrkei sollen nach Trumps Worten auf 20 Prozent verdoppelt werden.

Erdogan will keine IWF-Hilfen

"Wieder sehen wir uns einer politischen und heimtĂŒckischen Verschwörung gegenĂŒber, aber so Gott will werden wir auch diese ĂŒberwinden", sagte Erdogan in Trabzon. Eine Intervention des Internationalen WĂ€hrungsfonds (IWF), den viele Beobachter anregen, lehnte er ab. "Wir wissen sehr gut, dass die, die uns ein GeschĂ€ft mit dem IWF vorschlagen, uns eigentlich vorschlagen, die politische UnabhĂ€ngigkeit unsere Landes aufzugeben", sagte Erdogan.

In einer Ansprache in Rize am Schwarzen Meer sagte der tĂŒrkische PrĂ€sident am Samstag, die Kugeln, Granaten, Raketen in diesem Wirtschaftskrieg seien "Dollar, Euro oder das Gold". Er drohte damit, denen "die HĂ€nde zu brechen, die diese Waffen abfeuern".

In einem Gastbeitrag in der "New York Times" warf Erdogan dem Nato-Partner USA Respektlosigkeit vor. Sollte das so weitergehen, werde seine Regierung damit beginnen, "nach neuen Freunden und VerbĂŒndeten zu suchen", schrieb Erdogan. Damit meint er unter anderem Russland. Das nĂ€chste Treffen steht kurz bevor: An diesem Montag und Dienstag ist der russische Außenminister Sergei Lawrow in Ankara zu Besuch. Nach Informationen aus Moskau soll es vor allem um die Vorbereitung eines Syriengipfels am 7. September gehen.

Regierung will Zinsen weiter senken

Erdogan dementierte am Wochenende mehrmals, dass die tĂŒrkische Wirtschaft in einer Krise stecke. "Das ist keine Wirtschaft, die bankrott geht, die untergeht oder die durch eine Krise geht", sagte er in der Ansprache in Rize. Wirtschaftsbosse, von denen bisher viele zu Erdogans UnterstĂŒtzern zĂ€hlen, sehen das aber zum Teil anders. Die Zeitung "Sabah" zitierte den Chef der Istanbuler Industriekammer, in der einige der wichtigsten Industriellen des Landes organisiert sind, mit der Bitte um dringende Maßnahmen der Regierung. Der Lira-Verfall riskiere die finanzielle StabilitĂ€t des Landes.

Erdogan wiederum forderte die einheimischen Unternehmer dazu auf, sich von der erschwerten Wirtschaftslage nicht beeinflussen zu lassen. Es sei nicht nur die Pflicht der Regierung, die Nation am Leben zu erhalten – "es ist auch die Pflicht der Industriellen und der HĂ€ndler", sagte Erdogan am Sonntagabend. Er warnte die Firmen davor, Bankrott anzumelden: "Wenn ihr das macht, begeht ihr einen Fehler!" Erdogan verlangte außerdem, dass die Industriellen keine FremdwĂ€hrungen ankaufen sollten – das könnte die tĂŒrkischen Banken noch mehr unter Druck setzen.

Der StaatsprĂ€sident bestand am Wochenende außerdem weiterhin auf einer Ă€ußerst umstrittenen These: Die Lösung sei, die Zinsen zu senken und mehr zu produzieren, sagte er. Der PrĂ€sident liegt damit seit Jahren diametral entgegengesetzt zur gĂ€ngigen Wirtschaftslehre, wonach Zinserhöhungen die WĂ€hrung stĂ€rken und die Inflation bekĂ€mpfen. Die hat in der TĂŒrkei inzwischen die 15-Prozent-Marke ĂŒberstiegen.

Mit der Wiederholung dieses von Investoren und MĂ€rkten viel kritisierten Credos sabotierte der StaatsprĂ€sident gleichzeitig ein Maßnahmenpaket zur Rettung der angeschlagenen Wirtschaft, das sein Schwiegersohn und Finanzminister Berat Albayrak am Freitag in Ankara vorgestellt hatte. Das "neue Wirtschaftsmodell", das MĂ€rkte und Investoren beruhigen sollte, blieb allerdings vage – was den Absturz der Lira weiter beschleunigte. Mittlerweile wird nach EinschĂ€tzung einiger Analysten an den MĂ€rkten schon die Möglichkeit einer Staatspleite durchgespielt.

"Sie bedrohen uns"

Mitverantwortung fĂŒr die Krise ĂŒbernahm Erdogan nicht. Stattdessen erhob er die USA und den Westen zum Feindbild. "Sie bedrohen uns", sagte Erdogan am Samstag in der Schwarzmeerprovinz Ordu mit Blick auf die USA. Die TĂŒrkei werde aber nicht nachgeben: "Man kann diese Nation nicht mit Drohungen zĂ€hmen." Seine Landsleute forderte er zugleich auf, ihre Gastfreundschaft gegenĂŒber Touristen weiter zu verbessern. "Denn sie bringen Euch Dollar ...".

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) kritisierte Trumps Wirtschaftspolitik mit Sanktionen und Strafzöllen scharf. "Dieser Handelskrieg verlangsamt und zerstört Wirtschaftswachstum und produziert neue Unsicherheiten", sagte er der "Bild am Sonntag".

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