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Syrien-Krieg: Flüchtling aus Eisleben an Hinrichtungen beteiligt?

Offensive der Türkei  

Flüchtling aus Eisleben an Hinrichtungen in Syrien beteiligt?

Von David Ruch, Lars Wienand

18.10.2019, 19:37 Uhr
Syrien-Krieg: Flüchtling aus Eisleben an Hinrichtungen beteiligt?. Alhareth R. in Nordsyrien: Als Teil der Miliz Ahrar al-Sharqiyeh soll er bei Hinrichtungen kurdischer Gefangener dabei gewesen sein. (Quelle: Screenshot/Twitter)

Alhareth R. in Nordsyrien: Als Teil der Miliz Ahrar al-Sharqiyeh soll er bei Hinrichtungen kurdischer Gefangener dabei gewesen sein. (Quelle: Screenshot/Twitter)

Die Vorwürfe wiegen schwer: Bei der Offensive der Türkei in Nordsyrien sollen kurdische Gefangene hingerichtet worden sein. War daran auch ein Asylbewerber aus Sachsen-Anhalt beteiligt?

Vor gut einer Woche rückte die türkische Armee und mit ihr verbündete Milizen in Nordsyrien ein. Wenige Tage später wurden Vorwürfe laut, die Angreifer hätten Kriegsverbrechen an kurdischen Kämpfern und Zivilisten begangen. Fotos und Videos machten in den sozialen Netzwerken die Runde, die unter anderem die Hinrichtung einer kurdischen Politikerin und Menschenrechtsaktivistin zeigen sollen. t-online.de berichtete darüber.

Nun gibt es Hinweise, dass eine der an den Hinrichtungen beteiligten Personen ein syrischer Asylbewerber ist, der 2015 als Flüchtling nach Deutschland kam. Alhareth R., so der Name des Asylbewerbers, soll in einer Klosteranlage in Sachsen-Anhalt Zuflucht gefunden haben. 2016 soll er Deutschland wieder verlassen haben. Später schloss er sich jener Miliz an, die laut Aktivisten für die Exekution von neun kurdischen Gefangenen im nordsyrischen Kampfgebiet verantwortlich ist. Der niederländische Journalist Harald Doornbos, der seit Jahren über den Konflikt in Syrien berichtet, hatte das zuerst gemeldet.

Fotos aus Halle und Eisleben

Nach Informationen von t-online.de, aus Kreisen von Syrern in Sachsen-Anhalt, war Alhareth R. im Herbst 2015 über Griechenland und Ungarn nach Deutschland gereist und über die Zentrale Erstaufnahmestelle Halberstadt in das Kloster Helfta in Eisleben gekommen. Das von Zisterzienserinnen geleitete Kloster hatte damals 48 Schutzsuchende aufgenommen, darunter 20 Kinder.

Zuflucht in Deutschland: Alhareth R. (2.v.r.) mit Bekannten auf dem Marktplatz in Halle. (Quelle: Screenshot/Instagram)Zuflucht in Deutschland: Alhareth R. (2.v.r.) mit Bekannten auf dem Marktplatz in Halle. (Quelle: Screenshot/Instagram)

Seine Zeit in Deutschland hat Alhareth R. auf seinem Instagram-Account dokumentiert. Fotos zeigen ihn mit Bekannten in Helfta, auf dem Marktplatz in Halle, auf einem Weihnachtsmarkt ebenfalls in Halle. Er trägt Sweatshirt und Jeans, die Haare mal lang und offen, mal kurz. Auch das Kloster taucht mehrmals auf den Fotos auf. Alhareth R. schreibt: "Nichts bereitet mir mehr Trost als mein Bittgebet und der Blick hinaus aus meinem Fenster in den Himmel."

Trotz eines Aufenthaltstitels hat er Landsleuten zufolge Mitte 2016 Deutschland verlassen und reiste in die Türkei. Unter Syrern heißt es, er habe seinen Aufenthaltstitel und Papiere in Griechenland verkauft. Von Behörden gibt es dafür bisher keine Bestätigung. Von Griechenland aus muss er sich nach Syrien abgesetzt haben, wo er sich der Miliz Ahrar al-Sharqiyeh anschloss. Die radikal-islamische Gruppe ist Teil der Syrischen Nationalarmee (SNA), einem Bündnis von Rebellengruppen, das wesentlich von der Türkei unterstützt wird.

Helfta in Sachsen-Anhalt: Auf Instagram schwärmt Alhareth R. über den Himmel über der Klosteranlage. (Quelle: Screenshot/Instagram)Helfta in Sachsen-Anhalt: Auf Instagram schwärmt Alhareth R. über den Himmel über der Klosteranlage. (Quelle: Screenshot/Instagram)

Verbindungen zu Al-Kaida in Syrien

Es ist anzunehmen, dass Alhareth R. in Syrien über gute Kontakte verfügte. Denn nach Informationen von t-online.de kämpfte er bereits vor seiner Flucht nach Deutschland an der Seite dschihadistischer Gruppen. 2012 soll er in Deir ez-Zor und später bei Aleppo in insgesamt drei Gruppierungen aus dem Umfeld der früheren Al-Nusra-Front an Kämpfen beteiligt gewesen sein, einer dschihadistischen Gruppe, die aus der Terrororganisation Al-Kaida hervorgegangen ist. Er sei aber vor der Reise nach Deutschland auch in Gefangenschaft des konkurrierenden IS gewesen.

In Nordsyrien taucht Alhareth R. nun an der Seite von Ahrar al-Sharqiyeh bei der türkischen Offensive in den Kurdengebieten wieder auf. Ein Video vom Wochenende zeigt ihn in Kampfmontur mit kugelsicherer Weste auf einer Landstraße neben gepanzerten Fahrzeugen. Die Miliz hat dort einen Kontrollposten errichtet. Zu sehen ist, wie Kämpfer mit langen Feuerwaffen andere Fahrzeuge anhalten und deren Türen öffnen.

Alhareth R. soll für die Medienarbeit der Miliz verantwortlich sein, schreibt Harald Doornbos auf Twitter. R. taucht in mehreren Videos der Gruppe auf.  Er filmte einige der Hinrichtungen. Dem französischen TV-Magazin "France 24 Observers" sagte er, er arbeite im Moment als Fotograf für die Miliz. Die Exekutionen begründete er wie folgt: "Sie errichteten eine Straßensperre auf der M4. Autos wurden aufgefordert zu stoppen, einige Fahrer gefangen genommen. Allerdings wollten sich einige von denen nicht ergeben und leisteten Widerstand. Manche begannen zu schießen. Also wurden sie neutralisiert."

Aus dem Auto gezerrt und hingerichtet

Die in den sozialen Netzwerken verbreiteten Aufnahmen zeigen etwas anderes. Zu sehen ist, wie Kämpfer der Miliz aus kurzer Distanz Gewehrsalven auf zwei Männer abfeuern, die mit verbundenen Händen auf dem Boden sitzen oder liegen. Einer der Gefangenen trägt zivile, der andere militärische Kleidung. Ein Video zeigt, wie die kurdische Politikerin und Frauenrechtlerin Hevrin Khalaf aus ihrem Auto gezerrt und brutal hingerichtet wird. Auch ihr Fahrer wird von den Extremisten ermordet.

"Vorfreude auf Tal Abjad in Nordsyrien", schreibt Alhareth R. am 11. Oktober: Da läuft die türkische Offensive seit drei Tagen. (Quelle: Screenshot/Instagram)"Vorfreude auf Tal Abjad in Nordsyrien", schreibt Alhareth R. am 11. Oktober: Da läuft die türkische Offensive seit drei Tagen. (Quelle: Screenshot/Instagram)

Amnesty International warf den türkischen Streitkräften und ihren syrischen Verbündeten am Freitag Kriegsverbrechen vor. In einem Statement heißt es, sie hätten während der Offensive in Nordsyrien gegen Kurdenmilizen auch Zivilisten getötet und verletzt. Die gesammelten Informationen lieferten Beweise zum Beispiel "für rücksichtslose Angriffe in Wohngebieten", unter anderem auf ein Wohnhaus, eine Bäckerei und eine Schule, berichtete Amnesty. In dem Report geht es auch um die Ermordung von Hevrin Khalaf.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan kommentierte die Berichte über Gräueltaten seiner Armee und ihrer Verbündeten am Freitag wie folgt: "Es gibt jetzt in Syrien welche unter der Syrischen Nationalen Armee, die solche Fehler machen. Meine Religion erlaubt so etwas nicht." Er fügte hinzu, dass das "Heer" gerade dabei sei, "sich dieser Sache anzunehmen". Man werde mittels Geheimdienstinformationen ausmachen, wer die Verantwortlichen seien.

Brüchige Feuerpause

Nach der Vereinbarung einer Feuerpause zwischen der Türkei und Kurdenmilizen blieb es am Freitag in Nordostsyrien weitgehend ruhig. In vielen zuvor umkämpften Gegenden sei es friedlich, hieß es aus Kurdenkreisen. Rund um die Grenzstadt Ras al-Ain habe es allerdings weiterhin Granatenbeschuss und Maschinengewehrfeuer gegeben, berichtete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Dabei seien mindestens sieben Zivilisten und vier syrische Kämpfer getötet und mindestens 21 weitere Personen verletzt worden.
 

 
Der Sprecher der von den Kurden dominierten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), Mustafa Bali, twitterte zu Ras al-Ain, dass "Luft- und Artillerieangriffe" weitergingen und auf die Stellungen von Kämpfern, zivile Siedlungen und das Krankenhaus zielten. "Die Türkei verletzt das Abkommen zur Waffenruhe, indem sie seit letzter Nacht die Stadt weiter angreift."

Verwendete Quellen:

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