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Arzt mahnt mit eindringlichen Worten über Lage in Gaza


"Das Schlimmste, was ich in meinem Leben gesehen habe"


Aktualisiert am 17.10.2023Lesedauer: 7 Min.
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Dramatische Lage in Gaza: Ein Arzt berichtet von katastrophalen Zuständen. (Quelle: t-online)

Kurz vor der geplanten israelischen Großoffensive operieren nur noch wenige Hilfsorganisationen in Gaza. Der Leiter von MedGlobal spricht schon jetzt von einer Katastrophe.

Die humanitäre Lage im Gazastreifen hat sich in den vergangenen Tagen immer weiter verschlechtert. Hunderttausende Menschen folgen der Aufforderung Israels, in den Süden zu flüchten, weil im Norden ein umfassender Angriff aus der Luft, zur See und über Land bevorstehen soll. Unterdessen hat die israelische Luftwaffe mutmaßliche Hamas-Stellungen in Gaza bombardiert.

Zaher Sahloul ist ein amerikanischer Arzt und Direktor der US-Hilfsorganisation MedGlobal. Er arbeitete bereits viermal selbst in Gaza. Aktuell koordiniert er von Chicago aus den Einsatz seiner Mitarbeiter vor Ort.

t-online: Herr Sahloul, was für ein Team haben Sie vor Ort in Gaza?

Zaher Sahloul: Seitdem der aktuelle Konflikt begonnen hat, haben wir neun Mitarbeiter, darunter auch Ärzte, rund um die Uhr im Einsatz. Sie sind extrem gestresst. Wir unterstützen insgesamt 400 medizinische Angestellte im nördlichen Gaza, unter anderem im Al-Shifa-Krankenhaus, dem größten medizinischen Komplex.

Seit 2014 gibt es den Vorwurf, dass die Hamas das Al-Shifa-Krankenhaus als Stützpunkt missbrauche. Ist das nach wie vor der Fall?

Ich kenne diese Vorwürfe und zweifle sie an. Ich habe mehrfach in diesem Krankenhaus gearbeitet und nichts bemerkt, was darauf hinweisen würde, dass die Hamas dort in irgendeiner Weise involviert ist. Al-Shifa ist ein Krankenhaus für Zivilisten.

Aber es gibt doch viele Berichte darüber, dass die Hamas bewusst zivile Ziele, auch Krankenhäuser, als Schutzschilde nutzt.

In den vergangenen Jahren waren viele Journalisten im Al-Shifa-Krankenhaus vor Ort. Wäre ihnen aufgefallen, dass dort militärische Aktivitäten stattfinden, hätten sie darüber ausführlich berichtet.

Worin besteht aktuell die Hauptarbeit Ihrer Mitarbeiter?

Wir kümmern uns um eine riesige Flut von verletzten Patienten. Die meisten sind Frauen und Kinder. Viele von ihnen haben Quetschungen, Blutungen, Brüche, Amputationen, Verstümmelungen, Verbrennungen. Ich habe schreckliche Bilder und Videos von Kindern gesehen, die am Körper ihrer Mutter festkleben und bis zur Unkenntlichkeit völlig verbrannt sind. Die Notaufnahmen der Krankenhäuser haben keine Betten mehr. Auf jedem Untersuchungstisch liegen drei oder vier Kinder mit unterschiedlichsten Verletzungen. Sie schreien und weinen, und einige von ihnen stehen völlig unter Schock.

Das klingt katastrophal.

Ich war in Syrien. Ich war in der Ukraine und im Jemen. Ich habe die Auswirkungen von Krieg auf Ukrainer, auf Syrer, auf Jemeniten und an anderen Orten gesehen. Ich war jetzt viermal in Gaza. Das jetzt ist das Schlimmste, was ich in meinem Leben gesehen habe. Und es sieht so aus, als würde es noch schlimmer werden. Hinzu kommt die Unsicherheit, was als Nächstes passieren kann.

Die israelische Armee hat bereits vor Tagen zur Evakuierung aufgerufen. Warum werden die Krankenhäuser nicht geräumt?

Patienten aus Krankenhäusern zu evakuieren, ist nicht einfach. Das haben wir vor einigen Jahren auch in den USA beim Hurrikan "Katrina" in den USA erlebt. Da gab es massive Überschwemmungen. Sie müssen herausfinden, welche Krankenhäuser diese Patienten aufnehmen können. Man braucht Transportmittel, Hilfsgüter und medizinische Ressourcen für den Transport von beatmeten Patienten. In New Orleans hatten wir sogar Hubschrauber, um Patienten von Ort zu Ort zu transportieren. Das dauerte trotzdem vier Tage. Einige der Patienten starben dabei.

Wie ist diese Situation in Gaza?

Im Moment gibt es etwa 20 Krankenhäuser im Norden und weitere Krankenhäuser im Süden. Die im Norden müssen evakuiert werden, wenn man den Anweisungen der israelischen Armee folgen will. Aber wohin, wenn die Krankenhäuser im Süden voll ausgelastet sind? Es gibt insgesamt 2.500 Krankenhausbetten in ganz Gaza und aktuell 7.000 bis 8.000 verletzte Patienten. Ich spreche noch gar nicht von den regulären Patienten, die mit Schlaganfällen, Herzinfarkten oder zur Entbindung im Krankenhaus sein müssen, oder über Kinder mit Lungenentzündung oder Ähnlichem.

Zaher Sahloul
Zaher Sahloul (Quelle: MedGlobal)

Zaher Sahloul ist syrischstämmiger Amerikaner, Arzt und Leiter der Hilfsorganisation MedGlobal mit Sitz in Chicago. Von 2011 bis 2015 leitete er die Syrian American Medical Society, die sich um humanitäre medizinische Hilfe kümmerte. 2016 wurde er zum Chicagoer des Jahres gekürt, weil er zusammen mit zwei anderen amerikanischen Ärzten sein Leben riskierte, um die Zivilbevölkerung im belagerten und bombardierten Aleppo medizinisch zu versorgen. Sahloul sitzt im Beirat des Syrian Community Network und des Center for Public Health and Human Rights an der Bloomberg School of Public Health der Johns Hopkins University. Unter vielen weiteren Auszeichnungen hat er den "Heroes Among Us"-Preis des Amerikanischen Roten Kreuzes erhalten.

Es bräuchte also mehr Kapazitäten?

Es geht um noch mehr: Ohne Strom können Sie zum Beispiel Kinder, die an Beatmungsgeräten hängen, nicht transportieren. Hinzu kommen immer wieder Bombenangriffe. Die Gefahr, auf der Straße zu sterben, ist die ganze Zeit gegeben. Jeden Tag kommt es zu neuen Attacken, und viele Menschen werden verletzt. Die meisten von ihnen sind Zivilisten, Frauen und Kinder. Die Vorräte an medizinischen Hilfsgütern und Medikamenten und auch der Diesel zum Betrieb von Sauerstoffgeräten geht aufgrund der aktuellen Blockade zur Neige. Mich erinnert die Situation, der unsere Mitarbeiter und das Personal ausgesetzt sind, an die Covid-19-Pandemie in Chicago. Aber es ist alles noch tausendmal schlimmer.

Wie lange haben die Krankenhäuser noch Diesel für die Stromgeneratoren?

Kliniken wie das Indonesische Krankenhaus in Gaza City (Anm. d. Red.: ein Krankenhaus, das mit indonesischen Hilfsgeldern aufgebaut wurde) mussten bereits schließen, weil ihnen die Vorräte ausgehen. Außerdem wurde das Krankenhaus bereits bombardiert. Weiteren Krankenhäusern wird der Dieselkraftstoff ausgehen. Wir konnten trotz der Blockade zwar über lokale Anbieter noch an Diesel kommen. Aber ich denke, der reicht jetzt noch für wenige Tage.

Sie haben erklärt, warum es so schwierig ist, Krankenhäuser zu evakuieren. Aber können Sie etwas darüber sagen, warum die Palästinenser den Norden nicht verlassen, damit sie eben gar nicht erst verletzt werden?

Wenn ich die Menschen frage: Warum seid ihr noch da? Dann sagen sie: "Wir haben keinen Ort, an den wir gehen können." 75 Prozent der Palästinenser sind Nachkommen von Flüchtlingen. Und auch sie haben solche Situationen in den vergangenen Jahren immer wieder durchgemacht. Die Aufforderung, jetzt wieder zu evakuieren und wieder an einen anderen Ort zu gehen, mit der Aussicht, vielleicht nie wieder in ihre ursprüngliche Heimat zurückzukehren, ist zudem eine sehr traumatische Erfahrung. Manche von ihnen sterben lieber in ihren Häusern, als noch einmal zu Flüchtlingen zu werden.

Aber im Süden könnten sie zumindest ihr Leben retten?

Es ist nicht so, als wäre der Süden ein riesiges Gebiet. Dort befinden sich nur kleinere Städte, die Gegend wird hauptsächlich landwirtschaftlich genutzt. Es gibt nicht genügend Häuser, in denen man mal eben 1,1 Millionen Menschen unterbringen kann.

Was benötigen Sie ganz konkret, um die medizinische Notfallversorgung aufrechtzuerhalten?

Die Ärzte und das Pflegepersonal müssen sicherstellen, dass sie ihre Patienten behandeln können. Oberste Priorität haben chirurgische Nahtsets, Mullbinden zur Blutstillung, intravenöse Flüssigkeit, Antibiotika, Schmerzmittel, Anästhesiemittel für die Operationen. Wir brauchen Thoraxdrainagen, Intubationssets, Beatmungsgeräte, Möglichkeiten zur Behandlung von Verbrennungspatienten – solche Dinge. Das Wichtigste wäre natürlich, dass die Krankenhäuser als Orte auch sicher sind und nicht bombardiert werden.

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Woher können Sie das Material bekommen?

Derzeit nur aus Ägypten. Früher gelangten sie über Israel in den Gazastreifen. Aber jetzt sind alle Grenzübergänge geschlossen, auch der zu Ägypten. Er wurde in den ersten Tagen von Israel bombardiert. Es wird derzeit darüber verhandelt, den Grenzübergang bei Rafah zu öffnen, um Nachschub aus Ägypten nach Gaza zu bringen.

Es wird auch darüber gesprochen, sogenannte humanitäre Korridore einzurichten. Was können Sie dazu sagen?

Es muss über zwei Arten von humanitären Korridoren gesprochen werden. Einerseits müssen Nahrungsmittel, Wasser, Treibstoff, Medikamente und medizinische Hilfsgüter aus Ägypten nach Gaza gelangen können. Ich denke, alle sind sich einig, dass die ägyptischen Behörden und auch die Israelis dies irgendwann zulassen werden und die Grenze dafür in eine Richtung öffnen werden. Es muss aber auch darum gehen, Verletzten die Flucht aus Gaza nach Ägypten zu ermöglichen. Das geschah auch schon in früheren Kriegen in Gaza. Darüber wird mit den ägyptischen Behörden verhandelt. Die Weltgesundheitsorganisation WHO spielt dabei eine Rolle, aber auch andere Organisationen, Regionalmächte und auch die Vereinigten Staaten. Das muss jetzt einfach geschehen.

Gäbe es die Möglichkeit, ein Feldlazarett gleich neben der Grenze, auf ägyptischer Seite zu errichten?

Die WHO und wir als MedGlobal prüfen gerade, ob wir so etwas auf die Beine stellen können, sobald wir die Zustimmung der ägyptischen Behörden haben. Daran arbeiten wir derzeit. Wenn die ägyptischen Behörden dies zuließen und wir uns um die Logistik kümmern könnten, was natürlich finanzielle Mittel erfordert, haben wir eine lange Liste freiwilliger Ärzte und Krankenschwestern, die dort hingehen und helfen würden. Das wäre also kein Problem. Ich bin zuversichtlich, dass dies angesichts der aktuellen Ereignisse und erst recht, wenn die Bodenoffensive beginnt, gelingen wird.

Für wann erwarten Sie die Bodenoffensive?

Vor vier Tagen haben wir die Flugblätter zur Evakuierung erhalten. Wir wurden am Samstag von den Israelis kontaktiert und zur Evakuierung aufgefordert. Es sieht alles danach aus, dass der Evakuierungsbefehl ernst gemeint ist. Was danach passieren soll, ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht bekannt. Wie groß das Ausmaß der Bodenoffensive sein wird, weiß derzeit niemand. Grundsätzlich arbeiten wir eng mit der israelischen Regierung zusammen, um die medizinische Versorgung irgendwie sicherzustellen. Das läuft nur mit deren Genehmigung. Was wir jetzt wissen: In den nächsten Monaten wird das nicht der Fall sein.

Wie blicken Sie als Direktor einer humanitären Hilfsorganisation auf diesen Krieg?

Jeder humanitäre Helfer, jeder Mensch mit Gewissen sollte die Opfer der Gewalt auf die gleiche Weise betrachten. Wir verurteilen die Gewalt, welche die Hamas gegen unschuldige israelische Zivilisten verübt hat. Das hätte nie geschehen dürfen. Es ist grausam. Gleichzeitig darf das aber nicht die Tötung palästinensischer Kinder und Frauen in Gaza sowie die Bombardierung von Orten mit Krankenhäusern rechtfertigen. Was in Israel passiert ist, sollte nicht rechtfertigen, was in Gaza passiert oder passieren wird.

Aber Ihnen ist klar, warum diese Situation entstanden ist. Es war der bestialische Angriff der Hamas-Terroristen auf unschuldige israelische Zivilisten.

Die 1,1 Millionen Kinder, die sich in Gaza aufhalten, tragen dafür keine Verantwortung. Sie haben es sich nicht ausgesucht, dort zu leben. Sie haben auch nicht entschieden, die Hamas dort zu haben. Das ist also etwas, worüber jeder nachdenken sollte, wenn wir über Krieg, Rache und Ähnliches sprechen. Frieden ist für alle besser. Wir sollten palästinensische Kinder und Frauen sowie unschuldige Menschen, die mit diesem Kampf nichts zu tun haben, nicht bestrafen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Verwendete Quellen
  • Eigene Recherchen
  • Gespräch über Zoom
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