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Interview
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Der Gesprächspartner muss auf jede unserer Fragen antworten. Anschließend bekommt er seine Antworten vorgelegt und kann sie autorisieren.

Die US-Präsidenten haben unser Volk verraten und aufgegeben

  • Bastian Brauns
Von Bastian Brauns

Aktualisiert am 20.08.2021Lesedauer: 5 Min.
Ghazal Zafar protestiert vor dem Weißen Haus mit einem Mitstreiter.
Ghazal Zafar protestiert vor dem Weißen Haus mit einem Mitstreiter.
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Eine 27-jährige Studentin organisiert den Protest der internationalen Community in Washington gegen den chaotischen Abzug der Amerikaner vom Hindukusch. Ein Gespräch mit

Frau Zafar, wie sind Sie ursprünglich nach Washington gekommen?

Ich wurde in Mazar-i-Sharif geboren. 1993 haben meine Eltern Afghanistan mit mir verlassen. Damals wurde die von der Sowjetunion gestützte afghanische Regierung ebenfalls gestürzt und die Mudschaheddin hatten die Macht übernommen. Wir verbrachten zunächst einige Jahre in Usbekistan, bevor wir in die Vereinigten Staaten zogen. Aufgewachsen bin ich dann hier in Washington und Virginia. Jetzt studiere ich hier Medizin.

Was denken Sie über die Aussage des amerikanischen Präsidenten, dass die afghanische Armee im Grunde schuld am schnellen Vormarsch der Taliban sei, weil diese nicht bereit war zu kämpfen?

Ich denke, Joe Biden versucht hier schlicht, kalkuliert und politisch zu handeln. Um eines klar zu sagen: Der Abzug der Amerikaner begann mit Präsident Barack Obama. Präsident Donald Trump setzte dann als Enddatum den Mai dieses Jahres. Joe Biden aber hatte die Chance, den Lauf der Geschichte zu verändern. Den Deal mit den Taliban neu zu verhandeln. Aber diese Chance hat er verpasst.

Was werfen Sie ihm vor?

Joe Biden versucht zu erzählen, dass es immer nur darum gegangen sei, Osama bin Laden zu finden und Al Qaida zu vernichten. Dabei wussten die Amerikaner doch schon lange bevor sie ihn erwischten, dass er sich meilenweit entfernt im Nachbarland Pakistan aufhält. Dennoch blieben die Truppen in Afghanistan. Auch nachdem bin Laden unter Präsident Obama liquidiert wurde, blieben die USA. Weitere zehn Jahre. Warum? Es ging also um mehr.

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Das hat sich nun aber offensichtlich geändert. Joe Biden sagt, Afghanistan liege nicht im strategischen Interesse Amerikas.

Ja, und wenn es den USA wirklich noch darum gehen würde, das afghanische Volk zu schützen, dann würden sie ein bestimmtes Kontingent an Soldaten im Land lassen. Schauen Sie nach Deutschland, nach Südkorea – überall, wo sie es für nötig halten, haben die Amerikaner bis heute Truppen stationiert. Mit nur 2500 Soldaten auf afghanischem Boden könnten die USA für Sicherheit und Frieden sorgen, zumindest in einem Teil unseres Landes. Seit Februar gab es keine weiteren Opfer mehr unter den US-Soldaten.

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Stehen Sie derzeit in Kontakt mit Afghanen vor Ort?

Ja, ich kenne einige Soldaten der afghanischen Spezialeinheiten. Ihnen wurde vom afghanischen Verteidigungsministerium befohlen, nicht zu kämpfen und sich zu ergeben. Die afghanische Regierung hat den Taliban das Land auf einem goldenen Teller serviert. Viele Menschen fragen sich heute, wie sich die afghanische Regierung überhaupt so lange halten konnte. Die Wahrheit ist doch außerdem, dass die afghanische Armee, anders als Biden es behauptet, nicht gut genug ausgebildet war. Die USA zogen viele ihrer Ressourcen ab, als sie damals in den nächsten Krieg in den Irak zogen.

Sie denken, das Engagement der USA und ihrer Alliierten war letztlich zu halbherzig?

Wir dürfen nicht vergessen: Afghanistan befindet sich seit 42 Jahren im Krieg. Generationen von jungen Männern sind arm und komplette Analphabeten. Zu glauben, man könne die quasi über Nacht alle soweit bilden, dass sie nicht mehr anfällig sind für die Ideologie der Taliban, ist naiv. Mein Eindruck ist, dass Afghanistan verglichen mit anderen Ländern, in denen sich die USA für Demokratie und Freiheit engagieren, eine seltsame Ausnahme bildet. Warum? Das fragen wir uns alle. Auch, dass die US-Geheimdienste angeblich keine Ahnung von all den Vorgängen im Land gehabt haben sollen, ist schwer zu erklären.

Was hätten Sie wissen können?

Beispielsweise, dass die Taliban längst Deals in bestimmten Regionen und Städten mit den dortigen Statthaltern und Bürgermeistern gemacht hatten. Nach dem Motto: Wenn ihr kooperiert, dann verschonen wir eure Kinder, Frauen und Familien. Die Taliban hatten eine konzertierte SMS-Kampagne gestartet und alle möglichen afghanischen Top-Offiziellen angeschrieben: Ergebt euch kampflos, dann überlebt ihr! Die lokalen Politiker wussten, dass sie im Zweifel nicht auf den Rückhalt der Regierung zählen konnten. Was hätten sie tun sollen? Sich alleine den Taliban entgegenstellen? All das ist ein systematisches Versagen der afghanischen Regierung und der USA.

Die USA haben viel Geld in Afghanistan investiert.

Genau, man fragt sich aber wofür. Wenn so viele Milliarden Dollar eingesetzt worden sind, dann hätte mit all diesem Geld die Korruption effizient bekämpft werden können, es hätte ausreichendes Training stattfinden können, die Geheimdienste hätten ordentliche Arbeit machen können. Dass all das nicht funktioniert hat, ist auch ein Beweis dafür, wie wenig effizient hier offensichtlich gearbeitet wurde.

Haben Sie den Eindruck, Afghanistan und seine Menschen müssen derzeit für die innenpolitischen Konflikte in den USA herhalten?

Das ist so. Und es sollte nicht so sein. Einmal mehr nutzen die USA Afghanistan als Mittel für ihren Parteienkampf zwischen Republikanern und Demokraten. Dabei ist das kein Thema, das sich dafür eignet. Es war nicht alleine Bidens Fehler, nicht alleine Trumps Fehler, nicht alleine Obamas Fehler und nicht alleine der Fehler von George W. Bush. Jeder dieser Präsidenten hatte seine eigene Chance, eine echte Veränderung zu erreichen. Stattdessen: Sie haben unser Volk verraten. Sie haben Afghanistan aufgegeben. Sie überlassen uns den Feinden der Menschlichkeit.

Wie ergeht es Ihren Verwandten im Land?

Ich habe Onkel und Tanten und andere Verwandte in Afghanistan. Sie sitzen in der Falle. Ich habe kürzlich mit jemandem in Mazar-i-Sharif gesprochen. Die Situation sei dort zwar gerade noch ruhig, aber keiner weiß, wie lange noch. Wir wissen nicht, wie lange wir sie noch über Internet erreichen können. Wir haben in der afghanischen Community hier in Virginia eine Spendenkampagne gestartet und wissen nicht, wie das gesammelte Geld dorthin gelangen soll. Denn die Banken in Kabul und an anderen Orten sind nicht mehr zu erreichen. Seit die Taliban die Hauptstadt eingenommen haben, herrscht komplettes Chaos. Es ist vollkommen unklar, wie wir unsere Leute jetzt noch finanziell unterstützen sollen.

Was wollen Sie nun tun?

Wir sind gerade dabei, einen großen Protest am 28. August in Washington zu organisieren. Dazu kontaktieren wir die gesamte internationale Community hier. Wir dürfen Afghanistan nicht den Rücken kehren. Wir brauchen jemanden, der jetzt bereit ist, für jene zu verhandeln, die das Land auf sichere Weise verlassen wollen. Niemand darf Geisel im eigenen Land sein.

Vielen Dank für das Gespräch.

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