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HomePolitikBundestagswahl 2021

Bundestagswahl: Laschet, Baerbock, Scholz? Ein Halbsatz kann entscheiden


Unberechenbare Situation
Warum ein Halbsatz die Wahl entscheiden könnte

Von Michael Freckmann

12.08.2021Lesedauer: 4 Min.
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Annalena Baerbock und Armin Laschet im Bundestag: Ihre Parteien sind derzeit in den Umfragen am stärksten, doch Kanzlerchancen hat auch Olaf Scholz.Vergrößern des Bildes
Annalena Baerbock und Armin Laschet im Bundestag: Ihre Parteien sind derzeit in den Umfragen am stärksten, doch Kanzlerchancen hat auch Olaf Scholz. (Quelle: Future Image/imago-images-bilder)

In den Umfragen nähern sich die Parteien immer mehr an. Nach der Bundestagswahl könnte es diverse Optionen geben. Doch Millionen Wählern droht dann eine herbe Enttäuschung.

Der bisherige Wahlkampf zeichnet sich durch Themen aus, die kaum die Zukunft des Landes betreffen: Lebensläufe, Lacher und Politikerbücher. Das eigentlich übliche Werben für Konzepte und Ideen verkommt zu einer Suche nach Fehlern bei den anderen. Die Parteien wollen bislang Angriffsflächen vermeiden. Doch unter der Oberfläche herrscht Nervosität. Das Wahlergebnis ist so unberechenbar wie lange nicht.

Alle Parteien bis auf die Linke sind in den Umfragen zweistellig geworden. Die SPD verharrt bei unter 20%. Ob die Union wirklich an die 30% heran kommt, ist längst nicht ausgemacht. Jüngste Umfragen sehen sie gar bei 22 bis 23 Prozent.

So viele Optionen wie noch nie

Dies hat Folgen: Aktuell reichen 19% der Wählerstimmen für eine Partei aus, um in einer Dreier-Koalition den Kanzler zu stellen. Das wären, gemessen an der Wahlbeteiligung der Bundestagswahl 2017, lediglich 8,9 Mio. Wähler. Zum Vergleich: Bei der letzten Wahl vereinigte Merkels Union noch 15,3 Mio. Stimmen hinter sich.

Ein weiteres Kennzeichen dieser Wahl ist, dass so viele Koalitionsoptionen möglich sein werden wie noch nie. Vorstellbar sind Schwarz-Grün, die Ampel, Jamaika, Kenia, und die Deutschland-Koalition. All diese sind neue, auf Bundesebene unerprobte Modelle. Die gestiegene Anschlussfähigkeit der Parteien zueinander bedeutet aber auch, dass die Wählenden immer weniger absehen können, was mit ihrer Stimme passieren wird. Ob FDP- oder Grünen-Wähler ihre Parteien am Ende in einer Jamaika-Koalition mit der Union oder einer Ampelkoalition mit der SPD wiederfinden, macht für die Politik, die sie als Wähler erhalten werden, einen spürbaren Unterschied.

Enttäuschung für taktische Wähler droht

Auch die taktischen Wähler waren für Parteien immer von hohem Interesse. Wenn etwa Christian Lindner nun erklärt, der Wahlsieg Laschets sei für ihn bereits ausgemacht, spricht er damit taktische Unionswähler an. Jene, die sich mit Schwarz-Grün nicht wohl fühlen und daher die Liberalen wählen sollen. Lindner hofft, dass eine Regierungsbildung dann ohne die FDP nicht möglich ist und es in der Folge zu Jamaika kommt.

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In der Vergangenheit war besonders bei den Liberalen und den Grünen der Anteil taktischer Wähler überdurchschnittlich hoch und er könnte es auch bei dieser Wahl wieder sein. Bei einer derart großen Anzahl an Koalitionsoptionen vor dieser Wahl können aber auch leichter Regierungen entstehen, die ein taktischer Wähler gerade nicht im Sinn hatte. Das führt schnell zu herben Enttäuschungen nach dem Wahltag.

Dies alles geschieht in einem Umfeld, in dem die Gesellschaft langsam aus der Corona-Krise herauskommt. Mussten die Politiker während des Höhepunktes der Pandemie auf Sicht zu fahren, kommen nun andere, in letzter Zeit verdrängte Themen wieder ins Bewusstsein vieler Menschen. Doch ist kaum abschätzbar, wie groß das Reformbedürfnis der Bevölkerung nach Corona tatsächlich ist. Auch das wirkt sich auf die Bereitschaft von Parteien aus, mit neuen Konzepten an die Öffentlichkeit zu treten. Den Grünen fällt dies leichter, weil ihre Klientel veränderungsoffener ist. Die anderen Parteien müssen in ihren Wählerschaften viel stärker Brücken schlagen zwischen solchen, die einen Aufbruch verlangen und jenen, die sich nach Bekanntem zurücksehnen.

Gruppe der Stammwähler immer kleiner

Jenseits von Corona haben sich die inhaltlichen Koordinaten schon seit längerem verschoben: In der Vergangenheit wurden die Siege bei Bundestagswahlen oft über die Wirtschafts-, und Sozialpolitik errungen. Wahlentscheidend waren etwa Arbeitsplätze, Wirtschaftswachstum und Steuerkonzepte. In den letzten Jahren sind vielmehr Themen wie Klimawandel, Migration und Digitalisierung in den Blickpunkt geraten. Dies bereitet erkennbar den ehemals großen Parteien Probleme, die auf die neuen Konfliktlagen reagieren müssen, ohne ihre langjährigen Wähler zu verschrecken.

Die Parteien müssen zudem damit umgehen, dass sich ein Großteil der Wähler erst sehr spät entscheidet. 54% der Wähler haben erst in den letzten Wochen vor der Bundestagswahl 2017 ihre Entscheidung getroffen. Das ist insbesondere bei Union und SPD auch Ergebnis davon, dass deren Stammwähleranteil über die Jahre zurückgegangen ist. Ebenso ist dies Ausdruck der gestiegenen Parteienkonkurrenz mit immerhin nun sechs Parteien im aktuellen Bundestag.

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Bei dieser Wahl kommt das Problem schwacher Kandidaten noch hinzu. Normalerweise bieten sie während des Wahlkampfes Orientierungspunkte. Zuletzt war dies bei Angela Merkel der Fall, wovon die Unionsparteien bei Bundestagswahlen stark profitierten. Aktuell können die Parteien die Identifikationsprobleme von Wählern ihnen gegenüber jedoch kaum über vertrauenerweckende Personen an der Spitze kompensieren, weil alle drei Kanzlerkandidaten nur mittlere Zustimmungswerte haben.

Es droht ein kurzatmiger Wahlkampf

In der Konsequenz könnte dies die Schwierigkeiten in der Entscheidungsfindung für viele Wähler noch verstärken, und dazu führen, dass die Parteien ihre Kampagnen noch stärker auf die letzten Wochen des Wahlkampfes konzentrieren. Die Partei, die den besten Last-Minute-Eindruck hinterlässt, hat dann gute Chancen zu siegen.

So steuert der Wahlkampf zusehends in die Unwägbarkeiten seiner letzten Wochen hinein. Die Politiker und Parteien sind bereits jetzt stark abhängig von Umfrageschwankungen und agieren dadurch immer kurzatmiger. Dem Orientierungsbedürfnis vieler Wählerinnen und Wähler würde es jedoch mehr entgegenkommen, wenn die Parteien stattdessen verstärkt ihre inhaltlichen Vorstellungen darstellen und diskutieren würden. Eigentlich müsste dies auch im Interesse der Parteien selbst liegen.

Zumindest dann, wenn sie nicht wollen, dass letztlich noch ein weiterer unglücklich gewählter Halbsatz oder eine weitere unkontrollierte Emotion die Wahl entscheidet.

Verwendete Quellen
  • Wahlreport von Infratest dimap
  • eigene Recherche
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